Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 39 (25.9.1929)
- Date
- 1929-09-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Es steht fest: Im deutschen Judentum herrscht eine große materielle und darum eine seelisch-religiöse Not. Diese Erkenntnis macht es zur Pflicht, eneraych und schnell zu helfen, ohne wertvolle Arbeitskraft mit fernüegenden romantischen Bestrebungen zu vergeuden. Im Anfang des kommenden Jahres wird m Breslau der Delegiertentag der liberalen Vereinigung stattfinden, auf dem die Stellung des Judentums in unserer Zeit behandelt werden soll. Ich halte es für dringend notwendig, das Thema einzuschränken und im Sinne dieser Ausführungen die Maßnahmen zu besprechen, die sich aus der religiösen ^Situation und der Wirtschaftslage der deutschen Juden ^ergeben. Um von der Theorie loszukommen und praktische Ergebnisse vorzubereiten, müssen die Führer der Vereinigung mit sachverständigen Persönlichkeiten der Wirtschaft über den Fragenkomplex und über Einzelmaßnahmen beraten und die Resultate dieser wichtigen Vorarbeiten dem Delegiertentag vorlegen, um dann mit der praktischen Durchführung zu beginnen. Hoffentlich ist dieser Arbeit des liberalen Judentums Erfolg beschieden; damit der Mensch glücklicher und dadurch besser wird; damit ihm die Möglichkeit zur Selbstbesinnung, die Kraft zur ethischen Tat gegeben ist und die Ethik sich nicht nur durch den Heroismus des Einzelnen m dessen individuellem Sein verwirklicht, sondern im praktischen Wirken einer großen Gemeinschaft lebt. Erick Bauer. Umschau Der Beschluß der Sechsten Völkerbunds-Kommission über Palästina. Die Sechste (politische) Kommission der Völkerbundversammlung, die sich bekanntlich in den ersten Tagen der Woche eingehend mit den Ereignissen in Palästina und der Position dieses Mandatslandes befaßt hat und schließlich Professor Fritjofs Nansen damit beauftragte, einen Bericht und eine Resolution abzufassen, nahm den Bericht Nansens und die Resolution einstimmig zur Kenntnis. In dieser Form werden sie dem Plenum der Völkerbundversammlung im Namen der sechsten Kommission unterbreitet werden. Der auf Palästina Bezug habende Bericht und die Resolution lauten: „Mehrere Mitglieder der sechsten Kommission haben die Schwere der kürzlich in Palästina vorgekommenen Ereignisse betont und mitgeteilt, welch einen schmerzlichen Eindruck diese Ereignisse in ihren respektiven Ländern hervorgerufen haben. Der Präsident hat sich zum Jnterpräten aller Delegationen gemacht, indem er sich dem schon geäußerten Bedauern über die von den verschiedenen Bevölkerungsteilen erlittenen Verluste an Menschenleben anschloß. Die Kommission hat die der Völkerbundversammlung durch den Ministerpräsidenten Großbritanniens, dem Rat durch den britischen Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten und der sechsten Kommission durch den britischen Delegierten gegebenen Erklärungen mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Die Vertreter der Mandatarmacht haben die Versicherung abgegeben, daß keinerlei Akt des Terrors oder der Unordnung imstande sein werde, ihre Politik der restlosen Anwendung der Bestimmungen des Mandates, für das sie die internationale Verantwortung vor dem gesamten Völkerbund übernom^ men hatte, zu ändern. Sie haben fernerhin den Rat, die Versammlung und die Kommission dahin informiert, daß bereits wirksame Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung ergriffen wurden, daß eine Untersuchungskommission ernannt worden ist und daß die Mandatarmacht keineswegs die Absicht hat, Abänderungen an dem durch das Mandat aufgestellten System zu beantragen. Die Kommission zweifelt nicht, daß die seitens der britischen Regierung in Angriff genommene Untersuchung den Völkerbund über die unmittelbaren wie auch fernliegenden Ursachen dieser traurigen Ereignisse aufklären wird und daß die Mandatarmacht gleichzeitig die Verfügungen zur Kenntnis bringen wird, die sie ins Auge fassen will, um diese Ursachen aus der Welt zu schaffen, um der Wiederkehr solcher Ereignisse vorzubeugen und solide Grundlagen für eine zukünftige freie Regierung in Palästina zu legen. ™ . c a m Die Versammlung a) erneuert den Ausdruck des Vertrauens, das von den vorangegangenen Versammlungen der Mandatarmacht votiert worden ist; b) (I) äußert ihr tiefes Bedauern über dre m Palästina kürzlich vorgekommenen Zwischenfälle, die den Verlust an Menschenleben im Gefolge hatten; (II) äußert ihr volles Vertrauen in die von der Mandatarmacht eingeleitete Untersuchung; (IID hofft bestimmt, daß es der Mandatarmacht in kurzer Zeit gelingen wird, die Ordnung vollkommen wiederherzustellen und die notwendigen Verfügungen zu treffen, um die Wiederkehr ähnlicher Zwischenfalle zu verhindern; c) gibt der festen Hoffnung Ausdruck, daß dank den vereinigten Anstrengungen der Mandatarmächte, der permanenten Mandatskommission und des Rates des Völkerbundes die Einrichtung der Mandate auch weiterhin das Ziel haben wird, die Ideale der Zivilisation zu verwirklichen. JnternMonale Konferenzen über Flüchtlings- und Wanderungsfragen. Kürzlich haben in Gens zwei Tagungen stattgefunden, in denen wichtige Fragen, die auch die jüdische soziale Arbeit angehen, verhandelt wurden. Das „Beratungskomitee für die russischen und armenischen Flüchtlinge beim Hohen Kommissariat des Völkerbundes" tagte Anfang September unter Vorsitz von Dr. Nansen. Von jüdischen Organisationen waren vertreten die Jca, das Joint Foreign Committee, der Hilfsverein der Deutschen Juden, der Verband Russischer Juden und das Vereinigte Komitee für jüdische Auswanderung (Emigdirect). Die Lage der russischen Flüchtlinge, unter denen sich zahlreiche Juden befinden, ist noch immer eine prekäre und es wurde daher in den Ausführungen der Teilnehmer der Beratung zum Ausdruck gebracht, daß das Hohe Kommissariat für das Flüchtlingswesen noch zehn Jahre seine Arbeit sortsetzen müßte, um die Flüchtlinge, die noch ohne Heim und ohne Arbeit sind, successive in geordnete Verhältnisse zu bringen. Die jüdischen Organisationen sind lckchaft daran interessiert, daß eine solche maßgebende Körperschaft sich der Flüchtlinge weiter annimmt. — Der Verband Russischer Juden war bei diesen Beratungen durch seinen Präsidenten Staatsrat Dr. Teitel und seinen Syndikus Dr. Goldenweiser vertreten. Die „Ständige Internationale Konferenz der Gesellschaft für Wanderschutz" tagte ebenfalls im September in Genf. Von den 85 Organisationen, die dieser Internationalen Konferenz angeschlossen sind, waren 45 vertreten, darunter eine Reihe jüdischer Organisationen, und zwar Jca durch Herrn Direktor Edouard Ounge, Joint Foreign Committee durch Herrn Lucien Wolf, Hias durch Herrn Benjamin, Hilfsverein der Deutschen Juden durch Herrn Dr. M. Wischnitzer, National Council of Jewish Women durch Frau Razovsky-Davidson, das Vereinigte Jüdische Emigrationskomitee (Emigdirect) durch Herrn Z. Aberson, Ezra (Antwerpen) durch Herrn Schulsinger, die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, Berlin, durch Herrn Dr. Kreuzberger und die Jewish Association for the Protection of Girls and Women durch Herrn Cohen. Den Vorsitz führte in Vertretung des Vorsitzenden der Konferenz Herrn Clouzot, Herl Cohen. Wie in früheren Jahren wurden auch diesmal sehr wichtige Probleme der Wanderfürsorge erörtert wie zum Beispiel die obligatorische Versicherung der Schiffspassagiere, Transitkarten für Auswanderer, die Trennung von Auswandererfamilien in den Ein- und Auswanderungsbezw. Durchwanderungsländern, die Rückwanderung mittelloser Emigranten, Zahlung eines Beitrages zum Lebensunterhalt durch den Ausgewanderten an die Familienmitglieder, die im Heimatland zurückgeblieben sind, die Jntelligenzprüfung der Auswanderer, ein Problem, das insbesondere in den osteuropäischen Ländern zu Unzuträglichkeiten führt, der Schutz der zurückgewiesenen und ausgewiesenen Auswanderer u. a. m. Tie Konferenz hat sich in den fünf Jahren ihres Bestehens eine angesehene Stellung erworben. Ihre Vertreter werden vom Völkerburrd und vom Internationalen Arbeitsamt zu Beratungen herangezogen. Auf diese Weise wird den privaten Gesellschaften für Wanderersürsorge die Möglichkeit gegeben, ihre Wünsche und Ansichten betreffs Besserung des Loses der Auswanderer maßgebenden internationalen Stellen zur Kenntnis zu bringen. Immer mehr wird die Konferenz auf diese Weise zu einem mitwirkenden Faktor bei der Beratung einer so wichtigen Frage wie die der Wandererfürsorge. Tie Teilnahme jüdischer Organisationen an einer solchen Körperschaft ist von hoher Bedeutung für die jüdische Fürsorgearbeit. Es gilt, die Organisation auszubauen und ihren Einfluß.zu verstärken. Diesem Problem war ein großer Teil der Beratungen gewidmet und zu diesem Zwecke wurde die Exekutive beauftragt, eine Kommission einzusetzen. * Aus den Gemeinden .»»«Mt»»♦♦»•»< ♦♦»♦♦♦»♦+♦»♦»+ ♦♦♦* Berlin. (Gottesdienst an den hohen Feiertagen im Atrium.) Nachdem aus dem Kreise der interessierten Gemeindemitlglieder der Wunsch geäußert wurde, auch denjenigen, die den Gottesdienst nur an den hohen Feiertagen besuchen wollen, ohne aus Plätze für die Synagoge Prinzregentenstraße zu reflektieren, den Besuch des Gottesdienstes zu ermöglichen, hat sich auf Antrag des Synagogenvorstandes Wilmersdorf der Vorstand der Jüdischen Gemeinde entschlossen, für den Gottesdienst im „Atrium" nunmehr auch Karten zu ermäßigtem Preise abzugeben, die jedoch nur zum Besuch der Festgottesdienste berechtigen. Das Umtauschrecht für die Synagoge Prinzregentenstraße ist bei diesen Karten, deren Preis von 3,— bis 15,— RM. festgesetzt ist, ausgeschlossen. Unsere Mitglieder werden auf diese Möglichkeit, den Gottesdienst im „Atrium" zu besuchen, besonders aufmerksam gemacht. Die Karten werden nur in der Verkaufsstelle in der Synagoge Fasanenstraße ausgegeben. Die übrigen Verkaufsstellen sind ausgehoben. Berlin. (A r ch i t e k t e n - V e re i n in der Synagoge Prinzregenten st raße.) Der Synagogen-Neubau, welcher seiner Vollendung entgegcngeht, hatte den Besuch des Berliner Architekten- und Ingenieur-Vereins mit einer Beteiligung von etwa 200 Personen. Wenn auch ein Ueberblick über den Hauptraum nicht möglich tvar, da die eingebauten Rüstungen noch die Raumwirkung beeinträchtigten, so gewannen die Fachleute an dem Gesehenen doch soviel Interesse daß sie eine nochmalige Besichtigung in Aussicht stellten. Die großzügige, schlicht gehaltene Fassadengestaltung hatte ihren wirkungsvollen Eindruck nicht verfehlt. Berlin. (Sportfest des Äeichsbundes jüdischer Frontsoldaten.) Am Sonntag, den 22. August, feierte die Sportgruppc des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Berlin, ihr diesjähriges internes Sportfest. Trotz der ungünstigen Witterung tvar die Zahl der am Start Erschienenen außerordentlich groß. Obgleich starke Regenböen den Boden aufweichten und die Kämpfenden behinderte, wurden in fast allen Sparten gute Erfolge erzielt. Besonders erfreulich tvar zu beobachten, wie stark die Disziplin in allen Abteilungen getvahrt wurde. Am Nachmittag fand die Verkündung der Sieger und die anschließende Verteilung der Ehrendiplome statt. Bei dem geselligen Zusammensein mit heiteren Vorträgen bildete den Gipfelpunkt ein Singewettstreit zwischen den verschiedenen Gruppen. Die Veranstaltung hat gezeigt, daß die Sportgruppe des R. j. F., Berlin, in der kurzen Zeit ihres Bestehens Hervorragendes geleistet hat, und wir hoffen, daß auch fernerhin die Entwicklung aus gleichem Wege fortschreiten möge. ' ' j. Duisburg. (Todesfall.) Im 70. Lebensjahre ist der emeritierte Kantor S. Rothschild verstorben. Bier Jahrzehnte hat der Heimgegangene in Treue und Hingebung seines Amtes gewaltet und zu andachtsvoller Ausgestaltung des Gottesdienstes beigetragen. Der Vorstand und die Repräsentanten der Gemeinde widmen dem Verstorbenen einen ehrenden Nachruf. Düsseldorf. (Um das H e l n e d e n k m a l.) Das Düsseldorfer Stadtparlament bcwillligte im vergangenen Jahr 10 000 Mark zur Errichtung eines Heinedenkmals. Wenige Monate später konstituierte sich ein Ehrenausschuß, dem viele angesehene Persönlichkeiten des Jn-- und Auslandes angehörten, und der such die Aufgabe gestellt hatte, den. Denkmalplan zu fördern. Neuerdings scheint die Absicht zu bestehennun auch noch ein internationales Preisausschreiben zu erlassen, und es ist nicht abzusehen, wann die Ehrung Heines in Düsseldorf vollendete Tatsache sein wird. Flatvw. (Jubiläum.) Die jüdische Gemeinde Flatow feierte vor einigen Tagen das 50 jährige Jubiläum ihrer Synagoge. Am Der neue Bund. (Jeremia 31, 30 -33.) Von Dr. M. Spanier, Berlin. „Siehe, Tage kommen, spricht Gott, da schließe ich mit dem Hause Israels und dem Hause Judas einen neuen Bund, nicht wie der Bund, den ich schloß mit ihren Vätern des Tages, als ich ihre Hand ergriff, sie herauszuführen aus Aegyptenland — da sie gebrochen meinen Bund, und ich hatte sie doch geehelicht, spricht Gott — sondern das sei der Bund, den ich schließen will mit dem Hause Israels nach jenen Tagen, spricht Gott: ich lege meine Lehre in ihr Inneres, und auf ihr Herz schreibe ich sie, und ich werde ihnen zum Gott sein, und sie werden mir zum Volke sein. Nicht mehr belehrt dann einer den andern, Bruder den Bruder also: erkennet Gott! Denn sie alle erkennen mich dann, die Kleinen und Großen, spricht Gott, denn ich vergebe ihr Abirren, und ihrer Sünde gedenke ich nicht mehr." * « * Jeremia war ein Prophet und Dichter aus der überschäumenden Kraft des Herzens. In der leidenschaftlicher: Erregtheit seines Jnnerrr, die er oft nicht bändigen kann, sprüht er manchmal ein Wort des Zornes hervor, das er bald zurücknehmm möchte. Man sieht ihn vor sich, wie er das stürmisch pochende Herz mit Gewalt beruhigen will, wenn er verzweifelnd ausruft: mein Herz, mein Herz! Mer er ist auch ein Kenner des menschlichen Herzens wie jener _ ähnlich geartete Prophet des Nordreichs, Hosea. Wenn dieser seines Volkes wankelmütigen Sinn durchschaut, wenn er ihm bitter zurust: „Eure Liebe ist wie die Morgenwolke und wie der Frühlau, der vergeht!", so hat auch Jeremra die Erfahrung gemacht: „Trügerischer ist das Herz als alles und schwach, wer kennt es!" Luther in der eindringenden Kraft seines Uebersetzergenies gibt dem Satz die wundewollc Prägung: „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding, wer kann es ergründen!" Und wie beide Propheten die Macht des Herzens, kannten, aus dem die Taten quellen, so wußten sie auch, daß eine gelegentliche Wallung zum Guten bedeutungslos war. Nem, nur eine völlige Umkehr mit ganzem Herzien kann Wandel schaffen. Bei beiden Propheten findet sich das Wort, das dem palästinensischen Bauern nahe lag, — vielleicht war es ein Sprichwort: „Laßt uns einen Neubruch schaffen!" Mer Jeremia > fügt mit einem erleuchtenden Bilde h-.nzu: „Und säet nicht zwischen Dornen!" Nein, erst das Gestrüpp vernichten! Ausroden und Bauen war ja des Propheten Aufgabe überhaupt. Des Herzens Vorhaut muß beschnitten werden, wie es mit einem andern Gle-chnis bei Jeremia (und im Deuteronomium) heißt: alles Hindernde, Rohe, Unreine, niedrig Triebhafte muß erst überwunden werden. Das Leben des Propheten war ein Kamps mit dem wankelmütigen Sinn, mit der Hartnäckigkeit, mit der Herzensträgheit des Volkes. Mer das gläubige Herz des Mannes, der an der Zukunft seines Volk-rs trotz leidvollster Gegenwart nicht verzweifelt, stellt sich ein anderes Bild vor die Seele; denn einmal muß ja die Torheit schwinden und der Tag des Guten kommen. Jornirn boim, Tage kommen! Das ist das rührend schöne Kennwort prophetischer, ja jüdischer Anschauung überhaupt. Mag die Vergangenheit in langwährender Dauer Unheil gebracht haben, mag die Gegenwart ihre schlimmsten Launen zeigen, da ist doch schon hie und da ein Lichtblick. Einmal muß ja doch das Hell wie die strahlende Sonne aufgehen, einmal muß ja doch das Gute und Gerechte allein herrschen: jomim boim. Verzweifele nicht, du törichtes Herz, ja, du hast Schlimmes erlebt, aber du hast es doch überstanden, alles ist versunken, ist Vergangenheit. Zukunft, Zukunft bringt das Heil. Die Tage kommen! Dann erblüht ein ganz anderes Verhältnis zum Göttlichen. Da tritt es dir nicht gegenüber wie eine fremde gebietende Macht, da ist es in dir, da ist es Teil deines Selbst geworden. Das ist der neue Bund, den Gott mit dir schließt. Gewiß, man soll nicht mehr in dieses Wort des Propheten hineinlegen, als darin wirklich liegt. Gewiß, ist dieser Jeremia kein spekulativer Kopf, kein zergliedernder Philosoph, er schaut mit blut- und glutvollem Herzen, er ist weit mehr Dichter als Denker. Mer im Grunde genommen, stammt sein Glaube aus demselben Gefühl und hat auch im wesentlichen denselben Inhalt, wie jenes Wort Schillers ihn umschreibt — dem der starr imperatorische Pslichtbegriff nicht Ideal bleiben konnte —, daß im Zukunftsziel der Formtrieb zum Spieltrieb werden, daß das Pflichtgebotene zum Instinkt der Menschheit werden müsse. Dann freilich ist es nicht mehr nötig wie in der noch rückständigen Gegenwart, daß einer den andern belehre, dann braucht kein Prophetenmund mehr zu fordern: Erkennet doch Gott! — denn das Leben im Göttlichen ist endlich, endlich errungen und alles Sündhafte geschwunden. „Der neue Bund!" Wie oft ist durch ein solches Wort, das in der späteren Entwicklung theologischer Anschauungen einen neuen Inhalt bekommen hat, der ursprüngliche Begrifssgchalt mißverstanden worden. Es ist beschämend, wie selbst vorurteilslose und sonst klarblickende Forscher diese Jeremiastelle verkleinernd umdeuten konnten, so daß man den Eindruck hat, daß sie sich nicht von dem dunklen Gefühl befreien konnten, hier habe einer gewissermaßen in unlauterem Wettbewerb vorausnehmen wollen, was doch eigentlich nur dem „neuen Testamente" Vorbehalten bleiben dürfte. Das eine Wort hat die Geister so verwirrt, daß man das Wesentliche des Gedankens, nämlich die immanente Forderung der Läuterung und Umwandlung des Herzens nicht beachtete. Wenn Ezechiel die göttliche Botschaft kündet: „Ich gebe euch ein neues Herz und will einen neuen Geist in euer Inneres geben; ich will das Herz von Stein .aus eurem Leibe nehmen und euch ein Herz von Fleisch geben. Ich gebe meinen Geist in euer Inneres und mache, daß ihr nach meinen Gesetzen wandelt und meine Rechte bewahret und übet", so spricht er ähnliche Gedanken aus, nur daß er mehr den Weg zeigt und Jeremia das Ziel. Man hat auch getadelt, daß vom Inhalt des neuen Bundes nichts Genaueres kundgegeben sei. Anscheinend erwartet man einen revidierten Katalog von Einzelforderungen. Alle großen Gedanken sittlicher Erhebung sind einfach und klar wie das Sonnenlicht, und alle Propheten haben sie gekündet. Wenn Amos sagt, daß das Recht strömen müsse in ewigem Flusse, wenn Hosea in seinem Verlobungsspruche — auch zu einem neuen Bunde! — als einzige Mitgift Recht, Gerechtigkeit, Liebe und Erbarmen — Gotteserkenntnis! — fordert, wenn Micha in seinem berühmten „Was verlangt denn Gott von dir?" Gerechtigkeitsübung, Liebe zur Güte und bescheidenen Wandel mit Gott als Forderung aufftellt und wenn Jeremia selbst erklärt: Recht und Gerechtigkeit üben, dem Armen und Dürftigen Recht fthaffen — „fürwahr, das heißt mich erkennen, spricht GE" —, so ist es immer dieses Eine, das verlangt wird, daa3 haschem, ein Wort, das man mit Gotterkenntnis nur sehr matt übersetzt. Denn dieses jo da erkennen, ist ein innerliches Ergreifen, ein Eindringen, ein liebendes Erfassen und Umfassen, Hingabe und Aufgehen, wie denn das Wort in diesem Sinne geradezu auch von geschlechtlicher Liebe gebraucht wird. Der Prophet hatte also nicht nötig, noch einmal vom Inhalt des Bundes zu sprechen; denn der ist ewig derselbe. Zudem sagt er ausdrücklich selbst am Schlüsse, daß die Forderung der daa5 haschem nicht mehr nötig sei, denn das Erziehungsziel ist dann erreicht. Mag sein, daß das glühende Herz des Propheten und sein leidenschaftliches Herbeisehnen die kommende Zeit schneller herannahen glaubte, uns leuchtet dieses große Wort vom neuen Bunde als ein Stern der Hoffnung und als ein wegweisendes Licht in die Ferne meffianischer Erfüllung. '! 1 s. l! » | I