Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 39 (25.9.1929)
- Date
- 1929-09-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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In der Agunoth-Frage wurde ein Resolutionsantrag des Rabbinischen Rates zur Vorlesung gebracht, der besagt: Die Agunoth-Frage ist von überragender Bedeutung: es gilt die Wahrung der Heiligkeit der jüdischen Ehe. Der Rabbinische Rat ist bereit, bei allen ihm vorgelegten Fällen mitzuwirken an der Erforschung aller vom jüdischen Gesetz gegebenen Möglichkeiten, den verlassenen Frauen ein ihnen vorenthaltenes Recht zu verschaffen und ihnen die Freiheit wiederzugeben. Es sollen geeignete Maßnahmen getroffen werden, um die Vornahme von Eheschließungen durch Unberufene zu verhüten. Nach Referaten von Rabbiner Dr. Esra Munk-Berlin und Professor Dr. Lieben-Prag über die Fragen des Schutzes der jüdischen rituellen Schächtung nahm die Knessio Gedaulo eine Resolution an, in der gegen die in einigen Ländern bestehenden Verbote der jüdischen Schächtung und gegen die Propaganda gegen die Schächtung protestiert wird. Hierauf behandelte die Knessio Gedaulo das Problem des Sabbat-Schutzes. Es wurde die Inangriffnahme von Maßnahmen moralischer mrd wirtschaftlicher Natur zur Erleichterung der Sabbat-Haltung in den breiteren jüdischen Schichten vorbeschlagen. Die Vorschläge beziehen sich auch auf die Befestigung der Positionen der religiös gesinnten jüdischen Arbeiterschaft in von Juden geleiteten Unternehmen, sowie auf Erleichterung der Kreditgewährung an jüdische Kaufleute. Ferner soll das Bestreben darauf gerichtet sein, eine Möglichkeit der Sonntagsarbeit zu erwirken. Jüdische Arbeiter und Angestellte, die am Sabbat ruhen, sollen an Wochentagen Ueberstnndenarbeit leisten. In allen diesen Angelegenheiten soll die Agudas Jisroel mit dem Weltverband Schomre Schabbos in Berlin zufammenarbeiten. Auf die Lage des religiösen Judentums in Rußland bezieht sich der folgende Beschluß: ,,A) Die K.G. beauftragt d-eu geschästsführenden Ausschuß, eine ständige Kommission zu bilden, welche die religiösen Notwendigkeiten der thoratreuen Kreis« in Sotvjetrußland studiert und im Rahmen der Möglichkeiten der Sowjetgesetzgebung sie betreut. B) In der klaren Erkenntnis, daß eine Protestresolution zum mindesten zwecklos ist, erklärt die K.G.: Ganz Israel leidet unter den Religionsverfolgungen, denen unsere Brüder und Schwestern nicht so sehr durch die zentralen Stellen als vielmehr durch das Verhalten der Mitglieder jewreja sekzija, ausgesetzt sind. Wir beten zunr Allmächtigen, daß er das tapfere .Herz und den unbeugsamen Willen unserer Brüder und S-chlvestcrn stärke, damit sie in dieser furchtbaren Not der Seele in diesen harten Kämpfen ausharren. Whaschem zlvoaus jogein aleihem. Wir beugen uns in Ehrfurcht vor diesen Helden, die eine geschichtliche Aufgabe sondergleichen in beispielloser .Hingabe erfüllen. Wir beten in der Hoffnung, daß auch in diesem Lande sich die Einsicht bahnbreche, daß auch Israels thoratreue Kruder jedem Staate wertvolle Glieder sind. C) K.G. verla'iUr von der AguoahLeituiig.. daß sie ailo legalen! Mirral anwcndet, damit denen, die aus Notwendigkeiten des Gewissens heraus ausivandern mochten, diese Auswanderung gcstatter werde und daß Agudah diese Emigranten mit Rat und Tal unterstützt/' Die zweite Kncssiw Gedaulo nahm eine Neueinteilung der leitenden Organe der Agudas Jisroel vor. Jakob Rosenheim-Frankfurt a. M. wurde zum Präsidenten der Weltorganisation Agudas Jisroel, Rabbiner Dr. Pinchas Kvhn- Wien wurde zum Präsidenten des Leitenden Ausschusses gewählt. Es wurde ferner eine politische Kommission gewählt, die sich wie bisher aus Dr. Löwenstein-Zürich als Präsidenten, Rabbiner Dr. Weil-Kolmar, Konsul Guggenheim- Basel und Goodmau-London zusammensetzt. Der Sitz der Leitung der Weltorganisation Agudas Jisroel bleibt Wien, bloß die Büros für Organisation, Propaganda und Finanzen werden ihren Sitz in Frankfurt a. M. haben. Der Rabbinische Rat der Agudas Jisroel zählt 120 Mitglieder, die sich nach einem bestimmten Schlüssel auf die einzelnen Länder verteilen. Die Knessio Gedaulo wählte ferner einen Zentralrat aus 100 Mitgliedern; Vorsitzender des Zentralrates ist der frühere polnische Senator Lewin, Vizevorsitzender ist Rabbiner Dr. Esra Munk-Berlin. Zu den Ereignissen in Palästina nahm der Kongreß in: folgender Resolution Stellung: 1. Die zweite K.G. ber Agudas Jisroel gibt ihrem tiefsten Schmerz, über die letzten Ereignisse in Palästina Ausdruck. Sie erhebt Protest nicht nur gegen die eigentlichen Verbrecher, sondern auch gegen alle diejenigen, rvetlhe durch Nichterfüllung ihrer Pflicht mittelbar das Unglück verschuldet haben. 2. Tie K.G. protestiert aufs j schärfste gegen jeden Versuch, die jahrhundertealten Rechte des jüdischen Volkes an der Kotel Maar awi irgendwie zu schmälern, der Wand, an welcher seit vielen Generationen das jüdische Volk in heißen Tränen sein Gebet zu Gott ergießt- Die K.G. erklärt, daß jeder Versuch, den bisherigen Rechtszustand des jüdischen Volkes an der Kotel Moarawi zu verschl-echtern, den schärfsten Protest tsr Gesamtjudenheit Hervorrufen wird. 3. Die Knessio Gedaulo erklärt, daß keinerlei Demonstration oder Gewalttaten die Rechte des jüdischen Volkes an Palästina beeinträchtigen können. Es sind dieses von Gott gegebene, geschichtlich, begründete Reckte, die niemals Objekt politischer Kombinationen sein dürfen und können. 4. Die K.G. forciert von der englischen Regierung eine unparteiische genaue Untersuchung etter Geschehnisse und fordert im. Namen des beleidigten Rechtes die Bestrafung all derer, die unmittelbar oder mittelbar an den unmenschlichen Verbrechen schuldig sind. Außerdem betrachtet es die K.G. als eine setbstmuständliche Pflicht der cnglischLN Mandatarmachr, dafür zu sorgen, daß für alle Vermögensschäden völliger Ersatz geleistet wird.! «Haltung. Im Kampf, von dem Leben oder Untergang ab-! hängen, ist kein Raum für ethische Bestrebungen. Das, was wir als Folgen der Not an Leid und Sorgen, an Bosheit und Schlechtigkeit erlebt und gesehen haben, zwingt zu nüchterner, praktischer, unheroischer Betrachtungsweise menschlicher Ethik und menschlicher Schwäche. Daher komme ich zu dem Schluß, daß der heutige Mensch, der durch die Frohnarbert des Leberts glücklos und areligiös ist, zufriedener, glücklicher und damit besser werden muß; deren in. Ruhe, Sicherheit und Zufriedenheit erblicke ich die Vorbedingungen für ethisches Wirken. Der Aufgabe des liberalen Judentmns, einen Ausgleich von Lehre und Leben zu schaffen, und deren Lösungsversuchen liegt die Ansicht zu Grmrde, daß der glücklichere und sorgenfreiere Mensch, im allgemeinen auch der bessere Mensch sein wird. Dem Menschen, das Leben so viel als möglich zu erleichtern, ihn von Bürdest, die er trägt, zu befreien, damit er an sich und damit für andere arbeitet, soll das Programm sein, für dessen Durchführung sich das liberale Judentum einsetzen muß; das heißt: das liberale Judentum sott versuchen, die Kluft, die sich zwischen dem Menschen und der Religion aufgetan hat, zu schließen dadurch, daß es Wirtschastsfragen theoretisch und praktisch mit derselben Absicht behandelt, die der forschende Mediziner hat, nämlich der Menschheit zu helfen, indem dem Einzelnen die Last des Lebens erleichtert wird. Es ist leicht, Mißstände sestzustellen, es ist vielleicht auch nicht schwer, ein Arbeitsprogramm krach großen theoretischen Gesichtspunkten zu entwickeln, aber sicherlich ist es schwierig und mühsam, praktisch erfolgreiche Arbeit zu leisten. Das kann nur das Ergebnis langer systematischer Tätigkeit! sein. Ich muß mich also darauf beschränken, arrdeutungsweise M entwickeln, an welche Arbeitsgebiete ich denke, ohne * den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Meines Erachtens müßte die Beschaffung, die Erhaltung und die Sicherung wirtschaftlicher Existenzen und Existenzmittel angestrebt werden. Die Beschaffung wirtschaftlicher Existenzmöglichkeiten soll erleichtert werden. Zu diesem Zweck ist als Zentrale mit entsprechenden Zweigstellen ein jüdisches Arbeitsamt für Deutschland zu schassen. Die Tätigkeit dieses Amtes würde eine sehr vielseitige sein. Es hätte für Berufsberarnng zu sorgen und dabei aus eine stärkere Besetzung von Beamtenftellen durch Juden hinzuwirken. Es müßte sich dafür einfetzen, daß Stetten, die bei großen Gesellschaften, Verwaltungen rmd Geschäften frei werden und bisher von Juden besetzt wurden, auch weiterhin jüdischere Bewerbern Vorbehalten bleiben. Mit dieser Tätigkeit wäre naturgemäß der Nachweis von Stellen im allgemeinen zu verbinden. Zu den Obliegenheiten dieses Arbeitsamtes dürfte es auch gehören, eine Abwanderung jüdischer Familien aus der Großstadt in Mittel- und Kleinstädte dadurch zu erleichtern, daß. Existenzen und Unterhaltsmöglichkeiterr in diesen Mittel- und Kleinstädten erforscht und registriert werden, auf die das Amt geeignet erscheinende Personen aufmerksam zu machen hätte. Dieses Arbeitsamt kann aber nur dann systematisch nnd erfolgreich arbeiten, wenn ihm ein gut geleitetes statistisches Büro zur Seite steht, das genau über die Wirtschaftslage, die Existenzmöglichkeiten und den Arbeitsmarkt in allen Teilen Deutschlands und des Auslarrdes genaues Material bereit hält. Ob und imvieweit dieses Arbeitsamt, eigene Betriebe gründen und unterhalten soll, um Arbeitsmöglichkeiten zu schassen, kann erst später entschieden werden. Immerhin zeigen sich hier auch Möglichkeiten zur Ablösung der Arbeitslosen- und Wanderfürsorge. Aus eins sei noch hingewiesen: Biel häufiger als in der Vorkriegszeit sind selbstärrdige Kaufleute gezwungen, ihre Zahlungsunfähigkeit zu erklären. In beu meisten Fällen geht damit die Existenz verloren. Der Manrr, der selbständig war, muß neue Erwerbsmöglichkeiten suchen und ist doch für diese schwere Aufgabe besonders ungeeignet, weil ihn die vorangegangenerr Sorgen und Aufregungen zerinürbt haben. Die entsprechende Stelle des Arbeitsamtes müßte mit den Konkursverwaltern zusammenarbeiten, um so weit als möglich ratend ttnb helfend einzugreifen. Im Interesse der Heilung von Schäden kann man sich nicht darauf beschränken, so gut als möglich für Arbeitsbeschaffung zu sorgen, man muß auch Vorbeugen und für die Erhaltung der Existenz wirken. Zu diesem Zwecke müssen wir uns ganz entschieden und einseitig für die Stützung des Mittelstandes einsetzen. Cs wird darum die schwere Aufgabe zu lösen sein, den mittleren und kleineren Existenzen wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen, durch die sie in der Lage sind, der gefährlichen Konkurrenz der großen Konzerne zu widerstehen. Es ist möglich, daß sich das durch genossenschaftlichen Zusammenschluß erreichen läßt, wenn eine Zentralstelle für Kreditbeschaffung, Einkaufsverbilligung und Schaffung von Absatzmöglichkeiten tätig ist. Natürlich kann mail nicht ins Blaue hinein experimentieren, es bedarf genauer Vorbereitungen durch erste Sachverständige, denn uns muß es hierbei um den Erfolg zu tun sein. Die Erkenntnis von den Schwierigkeiten der Aufgabe darf aber nicht Anlaß sein, nichts zu tun. Es kommt zunächst darauf an, sich mit diesen Problemen zu beschäftigen, diese Fragen zur Diskussion zu stellen. Dadurch werden diese Dinge zwar nicht von aller Problematik befreit, die schwierigen Fragen werden nicht völlig geklärt und beantwortet, aber ein größerer Kreis von Menschen wird angeregt, die Bedeutung dieser Probleme zu erkennen und Lösungen zu suchen. Es besteht dann die Möglichkeit, daß im Verlauf der Diskussion neue und bessere Vorschläge gemacht werden. Bei unserer Betrachtunbsweise wirtschaftlicher Dinge sptelt naturgemäß auch die Sicherung der Existenzmittel eine Rotte. Hierbei gehe ich wieder von der Ansicht aus, daß der glücklichere Mensch auch der bessere Mensch sein kann; und der Mensch wäre zweifellos ruhiger und glücklicher, wenn der Zwang, Geld zu schaffen, nicht so unerbittlich auf ihn drückte, wenn er nicht nötig hätte, im Hinblick auf sein Alter und den späteren Unterhalt seiner Familie krampfhaft um Ersparnisse zu ringen. Das ist zu beheben, wenn eine Alterspension — wie sie der Beamte besitzt — allen arbeitenden Menschen zugestanden wird. Eine große Gemeinschaft kann das vielleicht durch Beitragsleistung ihrer Mitglieder erreichen. Aus der Gewißheit des Versorgtseins ergibt sich ein Gefühl der Sicherheit, der Ruhe, das den Konkurrenzneid und die Gewinngier dämpft. Wenn man Wirtschaftsaufgaben aus lange Sicht behandeln will, so wird man sich auch mit Zoll- und Steuersragen, mit der Frage der Geburtenregelung, mit den Paneuropa-Bestrebungcn befassen müssen. Die Weltsriedensidee ist kräftig zu unterstützen. Es ist möglich, daß auch die anderen Religiousgemeinschasten ähnliche Ziele verfolgen werden, deshalb muß von unserer Seite mit allem Nachdruck darauf hingewirkt werden, daß das nicht zum Konkurrenzstreit, sondern zur Zusammen-» arbeit führt. Ausgaben des praMscheu Lebens °ls Vrogrammpunkke des liberalen Znbenlums (Vorschläge zur Deiegiertentagung der liberalen Vereinigung Anfang 19200 Trotz des vielen Geredes von dem großen Interesse unserer Zeit an jüdischen Dingen scheint mir die Entfremdung zwischen Individuum und Religion, die Minderung des religiösen Einflusses auf beu modernen Menschen und das praktische Leben immer größere Fortschritte zu machen. Dieser Tatsache widerspricht weder die eifrige Arbeit des C.-V. noch die fieberhafte Tätigkeit des Zionismus. Auch der .Hinweis auf die Anstrengungen von Logen, Jugcndvereineu, Literaturgesellschaften etc. ist belanglos, weil diese Vereinigungen trotz ihrer wertvollen Tätigkeit jüdisch-religiöse Lesenswerte nicht in dem Maße wecken können, wie das praktische Leben mit seinen Ablenkungen, Ansprüchen uns Sorgen dauernd vernichtet. Die Religion als geistiger Faktor und als Gefühlswert, als Sinngebung und Zielsetzung des Lebens, hat an Intensität eingebüßt. An die Stelle der stark empfundenen, ursprünglich-religiösen Kraft, die das Leben und den Menschen beeinflußte, ist die Reflexion über den Wert von Religion und Judentum, getreten, und statt des Wirkens religiösethischer Tat erleben wir heute die Wertschätzung verwaltungstechnischer Kunstgriffe und pseudo-jüdischer Geschäftigkeit. Religion ist nicht mehr das Primäre im individuellen Dasein, nicht mehr d i e Grundlage des Handelns und des Lebens, sondern im günstigsten Falle ein Lebenswert unter vielen anderen. Ist nicht im Lause der Menschheitsgeschichte das Gefühl persönlicher Verbundenheit mit Gott immer mehr geschwunden, ist der Gottesbegrifs nicht immer geistiger, abstrakter, unpersönlicher geworden, und haben sich religiöse Gefühlswerte nicht überhaupt stark verflüchtigt? Religion scheint überflüssig geworden zu sein! Hat sie sich nicht tatsächlich überlebt, ist sie uns nicht sogar hinderlich? Diese Fragen drängen sich unwiderstehlich auf, wenn man den Ablauf unseres heutigen Lebens betrachtet, in dem der Kamps um das Stück Brot, das Ringen um materielle Dinge den Inhalt unserer Tage, den Sinn und das Ziel unseres Denkens und Wirkens bilden. Wie könnte es auch anders sein, wenn Traum, Ideal und Krönung unserer Lebensarbeit der Erfolg ist, dem wir den weitaus größten Teil unserer körperlichen und geistigen Kräfte zu widmen gezwungen sind, dem wir Zeit, Arbeit, Behaglichkeit und Muße zu unserer Einkehr opfern! Der materielle Erfolg, als Triebkraft und Ziel des Harrdelns, macht Kämpfe um den besseren Platz, den größeren Gewinn unvermeidlich, Kämpfe, die nicht das .Heroische und Edle wecken, sondern Neid, Haß und Mißgunst, kleine und häßliche Instinkte entwickeln. Dazu kommt noch, daß immer dieser stärker werdende Arbeitskampf Kräfte und Fähigkeiten in einem Maße absorbiert, daß in der kurzen Zeit der Ruhe eine immer geringere Zahl von Menschen Kraft und Willen zur Einkehr, zur geistigen, sittlichen oder künstlerischen Erhebung aufbringt. So setzt das Ringen um das Stück Brot, um die Existenzmöglichkeiten, die Jagd nach dem materiellen Erfolg den Durchschnittsmenschen in Widerspruch zu den ethisch-geistigen Idealen der Religion. Bei diesem Widerstreit muß die Religion unterliegen, weil sie mit ihren ethischen Forderungen den Menschen in seinem Ringen um den Erfolg nicht stützt, sondern geradezu hindert. Die schwierige Lage der Religion in unseren Tagen wird also gekennzeichnet durch den krassen Gegensatz der religiösen Forderung zum praktischen Leben. Die Religion mutz immer mehr aus dem Leben verschwinden, wenn es nicht bald gelingt, diesen Gegensatz bis zu einem gewissen Grade austzugleichem Die große Aufgabe und die Bedeutung des liberalen Judentums hap stets darin bestanden, Gegensätze von Lehre und Leben zu beseitigen und dadurch dem Religiösen die Möglichkeit der Einwirkung zu erhalten oder zu schaffen. Auch jetzt in biefetn kritischen Moment sollte das liberale Judentum den notwendigen Ausgleich von Lehre und Leben anstreben, dadurch, daß es Aufgaben des praktischen Lebens zu den seinigen macht! Lohnt sich das? Oder - so wird man präziser fragen können, da Religion letzten Endes für den Menschen da ist — ist es für den modernen Menschen wertvoll und nützlich, wenn Religion und Leben sich nicht widersprechen, sondern einander ergänzen? Macht es ihn glücklicher und bringt es ihn zum Bewußtsein innerer Zufriedenheit? Ruhe, Glück, Zufriedenheit sind Güter, an denen gerade der moderne Mensch Mangel leidet. Groß ist die Masse der geistig und physisch Hungrigen unter uns. Gerade wir Juden haben den wirtschaftlichen Wandel, der in Deutschland zu einer immer stärkeren Proletarisierun^ des Mittelstandes durch die Vernichtung der kleinen und mittleren Existenzen führt, stark zu fühlen bekommen. Wir besetzen [a nicht die pekuniär gesicherten Beamtenstellen. Wir stehen l als Angehörige der freien Berufe, als Angestellte oder als selbständige Kaufleute ungeschützt im Sturm des Wirtschaftslebens. Wir wehren. uns gegen die Proletarisierung, wir führen den Kamps um die Erhaltung unserer Existenz, den schweren und für so viele hoffnungslosen Kamps, der jeden Morgen neu ausgenommen werden muß und bis zum späten Abend oder in die tiefe Nacht geführt wird und der den meisten Menschen im besten Falle die Mittel für ein kärgliches Leben voller Stumpfheit urrd Entsagung verschafft. Immer droht die Not des morgigen Tagos, die Ungewißheit der materiellen Zukunft und verdrängt jedes Gefühl der Behaglichkeit, die Möglichkeit der Entspannung, die Ruhe, die den Menschen für andere Dinge freimacht. Die Wirtschaftsnot trägt die Hauptschuld daran, daß der heutige Mensch unstät, unzufrieden und arm an Glücksgefühl ist. Seine Lage ist keine beneidenswerte; es würde sich schon lohnen, helfend einzugreisen. Mit besonderem Nachdruck hat das Judentum stets den Diesseitszug der Religion betont und als ihren letzten Zweck den Menschen bezeichnet. Das Leben der Menschen untereinander zu regeln und ihnen ein höheres Ziel zu setzen, soll das Ergebnis der Religion sein. Deshalb ist das hohe Ideal des Jvwentums die messianische Zeit, in der die Menschen durch eigene Vervollkommnung freudig und friedlich untereinander leben. Ethische Vollkommenheit und ideale Gemeinschaft, Ethisierung und Idealisierung des Diesseits sind letzte und höchste Ziele jüdischer Religion. Ist das heutige Geschlecht von diesem Ideal nicht weiter denn je entfernt? Kann sich der Gegensatz von Religion und Leben, von Ideal intb Wirklichkeit noch drastischer dokumentieren als im Leben unserer Tage? Wie wird es möglich sein, diesen Ausgleich von Religion und Leben anzubahnen? Im Krieg und in der Inflation haben wir es besonders häufig erlebt, daß Menschen aus Ruhe und Behaglichkeit aufgescheucht und von Leid, Sorgen und Not heimgesucht wuüren. Jene Zeiten haben uns auch deshalb eine Hochflut an Grausamkeit und Roheit, von Kriminalität und oft straffreier U Übervorteilung des schwächeren Mitmenschen gebracht. Das vielfache Unheil, das der Zwang der Wohnungsnot augerichtet hat, ist auch noch nicht vergessen. Anlaß zu diesen Nebeln und Verbrechen war meistens der Trieb zur Selbst-