Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 39 (25.9.1929)
- Date
- 1929-09-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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| 4 l ■ { '■ ..* j i I stina in dieses Kolonisations-Programm einbegriffen werden könnte und sollte, haben wir nur ausgesprochen, sondern durch die Tat, durch die Mitarbeit in neutralen Palästina-Organisationen wie Jca, Esra usw. bewiesen. Es genügt in dieser Beziehung, den Namen Paul Nathan zu erwähnen. Das aber ist nicht die Einstellung, von der der Zionismus ausgeht. Auch Buber verlangt in seiner schon erwähnten Rede ganz ausdrücklich, daß das Streben nach dem Universalismus durch den Nationalismus hindurch gehe. In zahlreichen Fällen wurde es ausgesprochen, insbesondere auch gerade von der jüngeren Rabbiner-Generation, die Liberalismus und Zionismus miteinander vereinen will, daß die Zentralisierung des Judentums in Palästina die Voraussetzung sei für jede Entwicklung des Judentums insbesondere auch im liberalen Sinne, daß die Zentralisierung des Judentums notwendige Voraussetzung für das Durchsetzen unserer universalistischen Sendung in der Welt sei. Erst eine in einem sichtbaren Zentrum geeinte jüdische Gemeinschaft sei in der Lage, für ihre große Aufgabe, für die Forderungen des Universalismus in der Wett einzutreten, erst ein jüdisches Zentrum mache diese Forderungen der Welt wieder verständlich, erst dieses Zentrum schaffe wieder den „neuen jüdischen Menschen", ohne den eine Erneuerung, eine Fortpflanzung des Judentums nicht möglich ist, zumal ja die Erhaltung und Fortpflanzung vas Judentum an die Menschengemeinschaft bestimmter Abstammung, bestimmten Blutes gebunden sei. Hier haben wir den entscheidenden Punkt getroffen. Die schon anderweit bekämpfte These, daß das Judentum nur in einem stammesmäßig gebundenen Menschenschlag sich verwirklichen könne, habe ich — z. B. Wiener gegenüber - stets abgelehnt; ich glaube, daß z. B. die Ruth-Erzählung den entgegengesetzten Standpunkt der Bibel widerspiegelt. Heut handelt es sich aber um eine andere Jdeenreihe. Wäre es wirklich richtig, daß das Judentum für seine Weltgeltung, für die Durchsetzung seiner Idee unter den Völkern eines sichtbaren Zentrums bedürfe, so würde auch ich aus ganzem Herzen an der Schaffung eines derartigen Zentrums Mitarbeiten. Denn wenn ich nicht die innere Gewißheit in mir trüge, daß meine jüdische Arbeit, so winzig und bescheiden sie ist, ein Staubkörnchen hinzutrüge zu dem heiligen Berge, auf dem einst die geeinte, freie Menschheit für Liübe, Gerechtigkeit und Frieden leben und wirken wird, so wäre mein Judesein sinnlos. Unser ganzes Arbeiten in Gemeinde und Organisation, so praktisch, so alltäglich, ja so kleinlich es oft ist, gewinnt überhaupt einen Sinn nur durch die Idee, daß wir für die jüdische Gemeinschaft arbeiten, daß wir als Juden Ausgaben des Judentums für die Menschheit vorbereiten. Wäre also, um bildlich zu sprechen, der heilige Berg der Propheten nicht anders zu erreichen als auf dem Umweg über das jüdische Zentrum im heiligen Lande, wir müßten diesen Umweg gehen. Und dann würden erst die richtigen Konflikte zwischen „Glaube und Heimat" beginnen, die sicherlich viele Zionisten — ich kenne solche — in sich auszukämpfen haben. Es ist auch ganz verständlich und sittlich vollkommen zu billigen, daß eine Reche Zionisten, insbesondere solche, die zu dem großen Wandervolk gehören, welche das Schicksal früh aus der Heimat warf, die Zerstreuung unter den Völkern diesem Sehnen nach dem jüdischen Zentrum gegenüber als Verbannung, als Galuth empfinibeit, und daß sie diesen Zustand nur als Uebergang anfehen, auch dann, wenn sie sich mit ihrem Verstände sagen, daß die leibliche Rückkehr in ihre seelische Heimat, das jüdische Zentrum, ihnen aus äußeren Gründen noch lange versagt bleiben muß. Ich habe mich niemals dem Kreise derer ängeschlossen, die sich auf den Standpunkt gestellt haben, daß es diese Menschen leicht haben. Es ist für sie ein schwerer Kampf zwischen Wollen und Können, zwischen Sehnsucht und Zwang des Lebens. Ich achte in tiefster Seele den ehrlichen Glauben derjenigen Zionisten, welche glauben, dieses Zentrum schaffen zu müssen, und ich verstehe ganz wohl, daß für solche Menschen die Palästinaarbeit den absoluten Vorrang vor jeder anderen jüdischen Arbeit einnehmen muß. Aber ich glaube, das Judentum der Zentralisierung ist in der Tat, wie es auch kein geringerer als. Chaim Weizmann ausgesprochen hat, ein „neues Judentum". Kämpft der Zionismus für diese Schaffung eines jüdischen Zentrums, so hat er in der Tat, wie Weizmann in seiner Eröffnungsrede richtig sagt, den Willen, ein neues Judentum zu schaffen. Und er muß es schaffen, zur — um wieder die Worte von Weizmann zu gebrauchen Wicderaufrichtung der Seelen. Vor aller Welt erhebe ich nun die Frage: Brauchen wir ein neues Judentum, ist unser jüdisches Erleben, unsere jüdische Seele derartig gebrochen, daß wir, um sie für das Judentum zu retten oder um das Judentum für sie zu retten, ein neues Judentum schaffen müssen? Ich glaube, uns muß, uns kann das alte Judentum genügen. Ich will * Gottesdienste * Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, 27. September, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Zugleich Einstim- Mungsseier sür die Selichothwoche. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. verlin-Westend. Liberale Synagoge Westend (Leistikowstraße 7, nahe Reichskanzlerplatz). Freitag, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Alfred Salier. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule Nikolsburger Platz). Freitag, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Hermann Cohn. Gottesdienste an den hohen Feiertagen. Der Gottesdienst im Atrium, Kaiserallee, Wilmersdorf, ist Ersatzgottesdienst für die nicht vollendete Synagoge Prinzregentenstraße. Plätzeoermietung durch die Jüdische Gemeinde, Plätzebürv Synagoge Fasanenstratze. — Gottesdienst in Westend, Herderschnle, Bayernallee 4. Plätzevermietung bei A. Lehmann & Co., Kaiserdamm 38. Preise der Plätze von 3,— bis 15,— NM. Berlin. Jüdische Reform gemeinde, Johannisstraße 16. Sonntag, den 29. September, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Rosenthal. ist, so bin ich mir bewußt, daß dies ein Glaube ist, der ebensowenig beweisbar ist, wie die gegensätzliche Ueberzeugung, daß man nur durch Zeulralisierung zum gemeinschaftlich erkanrcken Endziel kommen könne. Ich habe den Glauben und weiß, daß Tausende junger Inden in dunklem und weißem Haar diesen Glauben teilen. Sich zu diesem Glauben durchgerungen,dasheißtdieEntscheidunggetroffen haben. Hier gibt es keinen Kompromiß. Aber noch mehr! Wer sich zu der hier vertretenen Erkenntnis durchgerungen hat, der muß, so sehr er selbstverständlich den entgegengesetzten Glauben achtet, erkennen, daß es sich um einen unüberbrückbaren Gegensatz handelt und öffentlich, in aller Würde und in aller Klugheit, dagegen und gegen die praktischen Folgerungen daraus Stellung nehmen. Denn der Glaube an die Notwendigkeit der Zentralisierung des Judentums führt mit aller Folgerichtigkeit dazu, eine zweifache Wertstuse jüdischen Lebens und jüdischer Arbeit aufzustellen. Die im Zentrum und für das Zentrum arbeiten, schaffen die fruchtbringende, die positive Arbeit. Die an der Peripherie leben, leisten vielleicht notwendige Arbeit, aber Arbeit zweiten Ranges, Kärrnerarbeit, Arbeit, die eine langsame Liquidation in anständiger Form herbeiführt. Wer die Gleichwertigkeit allen jüdischen Lebens fühlt, das bewußt dem letzten Ziel entgegenstrebt, das die Gemeinschaft lebendig zu erhalten sich müht, der muß geborener Gegner jeder Zentralisierungsbestrebung sein. Im festen Glauben daran, daß das Judentum überall verwirklicht werden kann, daß Juden überall, wo sie ihre Gemeinschaftspflicht erkennen und danach handeln, dem Judentum und der Judenheit dienen, bekämpfen wir die Idee eines wie auch immer gearteten jüdischen Zentrums. hier die Frage nicht erörtern, ob die jüdische Geschichte nicht laut gegen die Idee eines jüdischen Zentrums spricht, gegen die Idee, daß die Länder der Zerstreuung ein seelisches Galuth, Fremdland der Juden gewesen sind. Auch geschichtliche Tatsachen sind wie Fluß und Berg in der Natur; sie sind immer das eine Stück Welt und dennoch, jedes Malers Auge sieht sie verschieden, nach dem Empfinden seines Herzens. Ich will nur von der Gegenwart sprechen. Ist es wirklich so, daß wir Juden uns, in der Welt zerstreut, als heimatlos empfinden müssen? Nicht davon ist hier zu reden, daß wir mit Boden und Baum, mit Menschen und Leben, mit Kultur und Sprache unserer Heimat rein Physisch verwachsen sind, daß wir unsere Seele nicht erneuern können, wenn wir diesen Teil aus ihr herausreißen. Ich will von den Starken sprechen, die dieses Opfer bringen könnten, das Zehntausende nicht bringen können und wollen. Fühlen wir Juden nicht, daß gerade jetzt trotz aller Kämpfe, die uns und unseren Kindern allüberall beschieden sind, fühlen wir nicht gerade bei diesen Kämpfen mit besonderer Stärke, daß wir sie führen müssen, weil wir in der Heimat bleiben müssen? Müssen wir nicht bleiben, weil wir nur dann für die Völker leben können, wenn wir in und mit ihnen leben? Und heißt es nicht, für die Völker leben, wenn wir als ganze Juden in Stadt und Land, in Partei und Gesellschaft laut ver- 1 künden, daß diese Zeit eine Zeit der Fruchtreife ist, der Fruchtreife von Keimen, die einst jüdische Menschen in den Saatboden der Weltseele gelegt haben! Ruppin hat davon gesprochen, daß es jüdische Pflicht ist, für den Völkerbund einzutreten; denn er ist jüdisches Erbgut. Das Gleiche aber gilt für die Frage des Selbstbestimmungsrechts der Völker, für die große Friedensfrage, die in voller Klarheit nur dann gelöst werden kann, wenn wir sie ihres politischen Beischmacks entkleiden und auf ihren religiösen Ursprung zurückführen. Werden wir nicht die zahllosen sozialen Probleme, die diese vielgestaltige Zeit des Neuwerdens aufgibt, die Frage des Freiwerdens von Frau und Jugend, die Neuwertung der Arbeit gerade dann im Sinne des Judentums lösen, wenn wir, statt ein Zentrum zu schaffen, dafür sorgen, daß jedes jüdische Haus, jede jüdische Gemeinde, jede jüdische Landsmannschaft ein Zentrum, eine Kraftquelle werde für die Arbeit jüdischer Menschen und für die Fortpflanzung unseres alten Judentums, das wahrlich nicht der Erneuerung, wohl aber der Neuentdeckung bedarf? Aus tiefster jüdischer Ueberzeugung heraus, glücklich darüber, daß ich dazu in der Lage bin, bejahe ich das Leben in der Diaspora und verneine die Existenz einer Galuth. Ich glaube an die Lebenskraft der Juden in den Heimatländern. Ich bestreite das Vorhandensein der Indifferenz in den Kreisen des deutschen Judentums. Nur zeigen müssen wir es unseren Jungen und Alten, daß wir um des Judentums willen gute Deutsche und um bes Deutschtums willen ganze und gute Juden sein dürfen und sein müssen. Wenn also nach meiner Ueberzeugung das Endziel des Judentums, ja zugleich das Ideal der gesamten Menschheit darstellt, nicht durch Zentralisierung, sondern durch Vertiefung an allen Wohnstätten jüdischer Menschen zu erreichen III. Diese unsere jüdische Ueberzeugung diktiert uns unsere Stellung zu dem Aufbauwerk in Palästina. Als man au mich und meine Freunde herantrat, um zu veranlassen, daß wir uns an den Arbeiten der Jewish Agency beteiligten, war ich mir von vornherein klar, daß die Frage der Rückwirkung der Palästinaarbeit auf unsere jüdische Arbeit in der Heimat das Kernproblem des Ganzen darstellt. Nicht die Entwicklung der Siedlung in Palästina, ja nicht einmal ihre Ausgestaltung zu einem nationalen Gemeinwesen war mir ausschlaggebend, man kann theoretisch sich denken, daß ein friedlicher Nationalitätenstaat in Palästina die beste Lösung der dort örtlichen Frage darstellt; vor allem aber werden ganz andere Mächte als die Jewish Agency über diese Frage zu entscheiden haben. Die kolonisatorischen Einzelheiten hätten kein Hindernis gebildet. Auch bei uns gibt es Sozialisten und Kapitalisten Freunde der industriellen und der Bauernsiedlung. In der praktischen Arbeit würde man sich also wohl gefunden haben. Ich aber wollte klar abgrenzen, daß wir Mitarbeiten können an den Ausgaben der Siedlung in Palästina nur in der Erkenntnis der absoluten Unabhängigkeit der Diaspora nicht nur in juristischer Beziehung, wie es die Balsour-Deklaration will, sondern auch in innerjüdischem Sinne in religiöser, geistiger und sozialer Richtung. Unsere Mitarbeit in der Jewish Agency sollte von dieser Ueberzeugung getragen werden, und die Zionisten sollten es ausdrücklich anerkennen, daß man Paläftinaarbeit auch leisten könne, wenn man nicht ein Zentrum schaffen, sondern Kolonisationsarbeit im besten Sinne für einen Teil der Juden leisten wolle. Die weitergehenden zentralistischen und nationalen Ziele der Zionisten selbst sollten unangetastet bleiben; es sollte aber von Heiden Seiten anerkannt werden, daß die gemeinsame Arbeit in der Agency von der Idee der Unabhängigkeit der Diaspora ausgehen müsse. Ich war von vornherein davon überzeugt, daß durch diese Abgrenzung Teile der gemeinsamen Arbeit, insbesondere die Erziehungsfragen in Palästina, zu Schwierigkeiten geführt und eventuell hätten ausscheiden müssen. Denn ich verstehe vollkommen, was auf dem Kongreß ausgesprochen ist, daß, wer ein jüdisch-nationales Palästina will, auch die Erziehung der Juden im nationalen Sinne wollen und an einem dementsprechenden Schulprogramm Mitarbeiten müsse. Hier Gemeinschaftsarbeit zu schaffen, scheint mir unmöglich. Dennoch aber wäre noch viel Praktisches der Zusammenarbeit in wirtschaftlicher, finanzieller und religiöser Beziehung übrig geblieben. Die Führer der deutschen Zionisten, mit denen wir verhandelt haben, haben wiederholt abgelehnt und nicht nur mir ab ge lehnt, eine gemein s a m e Erklärung dahin abzugeb en, daß die völlige Unabhängigkeit der Diaspora die gemeinsame Grundlage der Arbeit in der Agency — unbeschadet weitergehender Son- Die Berliner Mendelssohn-Ausstellung Eine ebenso würdige wie interessante Ehrung des liebenswerten und bedeutenden Menschen veranstaltete die Preußische Staatsbibliothek und die Berliner Jüdische Gemeinde mit ihrer großen und umfassenden Moses Mendelssohn - G e d ä ch t n i s - A u s st e l l u n g, die jetzt im Schau- und Galerie-Saal der Bibliothek Unter den Linden zur kostenlosen Besichtigung einlädt. Viele Institute, Museen, Behörden und Sammler haben kostbare Stücke aus ihrem Besitz als Leihgabe zur Verfügung gestellt, so z. B. die Berliner Archive, die Gemeinde, die Amsterdamer und s'Gravenhagener Bibliotheken, das Halberstädter Gleim-Haus, die Prager jüdische Bibliothek, das ^Nürnberger Germanische National-Museum, Mitglieder der weitverzweigten, heute lebenden Mendelssohnschen Familie, Stephan Zweig, Rabbiner Dr. Vogelstein-Breslau, usw. usw., und so ist hier etwas ganz besonders Schönes und Reichhaltiges entstanden, das sich jeder Interessierte ansehen sollte! Die Säle sind mit Blattpflanzen und Palmen ausgeschmückt, die berühmte Tassaert'sche Statue Mendelssohns ragt aus einem Rondell leuchtend-gelber Chrysanthemen empor, die warme Spätsommersonne überglänzt durch die hohen Bogenfenster die vielen Kostbarkeiten. Da sind in bunter Fülle ausgestellt, liebevoll nach Epochen und Materien geordnet, zeitgenössische Bilder, Lito- «graphien, Stahlstiche, Kupferstiche, Schabkunstblätter, Oelgemälde, Graphiken, Medaillen, Porzellane, Bücher, Drucke, Manuskripte, Briefe von und an Mendelssohn, Kunstgegenstände, alte Stammbücher, Zeitschriften, Zeitungen, Reliqmen und mancherlei andere Erinnerungen an den großen jüdischen Kulturträger. Auch von Mendelssohns Kreis und Zeitgenossen erzählen viele Sachen. Mehr als hundert Darstellungen zeigen Mendelssohn im Bilde. Man bewundert die hochentwickelte Porträtkunft des 18. Jahrhunderts. Wie übereinstimmend sieht aus den verschiedenen Bildern verschiedener Maler der Philosoph aus! Fast überall das gleiche, ganz ähnliche, gütig lächelnde Antlitz mit der gebogenen Nase und den Zügen, die sofort sprühenden Geist und so viel Wohlwollen und Liebenswürdigkeit aufweisen! Am meisten lebensvoll sind wohl die Bilder von Frisch und Steinla, die von Grass, Chodowiecki und Rode sind die wenigen ernsten, das von Demarchi ist das einzig fremdanmutende und schlechte. Vorbildlich und ausgezeichnet ist die Anordnung der Ausstellung. Sie beginnt mit Bildern, Drucken und Handschriften ans der Heimat und Jugendzeit Mendelssohns, seine Lehrer werden mit mannigfachen Konterfeis und Büchern gezeigt, das ehrwürdige, von langem weißen Bart umrahmte, kluge Gesicht David Hirsch Fränkels fällt auf; dann kommt die Abteilung „Mendelssohn — Lcssing — Nicolai — Abbt", an die sich der Saal mit zeitgenössischen, dokumentarischen Berichten schließt, welche die Beziehungen Mendelssohns zu Lavater illustrieren. Briefe und Handschriften des 200jährigen Geburtstagskindes füllen die Nordseite des Galeriesaales. Sinnend betrachtet man die Schriftzüge und Stammbucheintragungen Mendelssohns und' denkt lächelnd an die „Wissenschaft" Graphologie. Der Gelehrte, der doch auch noch „nebenamtlich" vielbeschäftigter und erfolgreicher Kaufmann war, hatte jedenfalls im Gegensatz zur Gegenwart — Zeit! Er schrieb eine wundervolle, fast kalligraphische, schräge lateinische Schönschrift, energisch und fest, ohne jede Verzierungen! In der Vitrine oben ist eine Taschenuhr ausgestellt. Fast so dick wie eine Zwiebel; aus anderen Reliquien steigt das Berliner Biedermeier vor uns auf. In den letzten Abteilungen des Galeriesaales werden Erinnerungen an Mendelssohns freundschaftliche und literarische Beziehungen, an seinen Kreis, seine Zeitgenossen und seine Familie ausgestellt. Ganz besonders fesselnd ist das lebensgroße, durchgeistigte Porträt von Felix Mendelssohn-Bartholdy (von Alfred Schwarz gemalt); die herrlichen Melodieen seines einzigen Violinkonzerts klingen einem im Ohr, eines der schönsten Violinkonzerte, die es überhaupt gibt. Ewig schade, daß er mitten aus seinem reifsten Schaffen heraus, schon im 37. Lebensjahre, sterben mußte. Was hätte er noch geleistet, wenn ihm das Geschick ein längeres Dasein vergönnt hätte! Sinnend steht man auch vor alten vergilbten Zeitschriften und Zeitungen des 18. Jahrhunderts, die umfangreiche philosophische und ästhetische Aufsätze Moses Mendelssohn enthalten. Von der Straße her durch die geöffneten Fenster klingt gerade markerschütterndes Auto-Gehupe herauf. Welch ein Unterschied zwischen der damaligen Zeit, da südlich des Potsdamer Platzes und des Brandenburger Tores noch unwegsamer Wald grünte, und der heutigen! Damals interessierte man sich noch für das „Daseyn Gottes", heute ist mehr Interesse für Automobilgerase, Boxkämpfe und dergleichen vorhanden! Verinnerlichter waren große Kreise der Intelligenz damals aus alle Fälle, „glücklicher" ist man heute sicherlich nicht! — Nun, derartige Ueberlegungen stehen auf einem anderen, wichtigeren Blatt!... Es wäre übrigens wünschenswert, wenn die schöne und interessante Ausstellung, für die man allen Veranstaltern und Beteiligten warm danken muß, auch einmal in den späten Nachmittagsstunden zugänglich gemacht würde; die Zeit nur während der Wochentage von lö bis 3 Uhr paßt gerade der werktätigen Bevölkerung Berlins schlecht! Dr. Ludwig T a v i d s o h n, Berlin.