Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-09-25 · 39 (25.9.1929) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
39 (25.9.1929)
Date
1929-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614039--3293-2620866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

AööMMevMIrÜMg Organ -er Vereinigung für -as liberale Judentum e. V. Dezngrprei» durch die Gefchäft»stelle ^/»jährlich Ai. 230 «nzelnummer 0L0. Lei freier Zusendung i. Inland 0L5 Jfc die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im TNitgliedsbeitrag« enthalten. <ora»rwortl. Redakteur: Lruuo Wo,da. Di« «Jüdisch-liberale Zeitung" erschein« s-den Mittwoch, »edaktiou und DeschSftssteüe: verlin SW 4». Wilhelms»-. 147 Fernruf: Bergmann 3359, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 (Vereinigung für da« liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Wiederholungen Rabatt. Anzeigeupretfer Die irgespaltene Nom»araill«z«>e 0.45 Soldmark, die Reklamezeile 5.00 Goldmark, b« Mederholuugea Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Jnferateuabteilung: Berlin SW 4S. Wtthelmstrahe 147 (Bergmann: 335S-59), sowie sämtl. Annoacen-ExpedMo». Nr. 39 Berlin. 25. September 1929 9. Jahrgang Vereinigungsbeschluß zur Zewish Agency Der Vorstand der Vereinigung sür das liberale Judentum hat in einer Sitzung am 21. September die folgende Resolution angenommen: Der in der Tagespreise verbreitete Aufruf der deutschen Mitglieder der Iewish Agency und des deutschen Keren Hajessod e. L.: „das jüdische Palästinawerk" „Hilfe durch Aufbau" zwingt uns, folgendes zu erklären: Es ist unrichtig, daß, wie in dem Aufruf behauptet wird, die Einigung der Judenheit sür den Palästina-Aufbau gelungen sei und daß „die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaften aller Länder" sich verpflichtet haben, bei der Errichtung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina mitzuarbeiten. In Wahrheit steht die große Mehrheit der deutschen Juden dem jüdisch-nationalen Aufbauwerk ablehnend gegenüber, weil sie sich national als Deutsche fühlen mrd das Judentum ihnen nicht nationale, sondern religiöse Gemeinschaft ist. Deshalb haben große Vereinigungen der deutschen Juden die Beteiligung an der Iewish Agency abgelehnt. Wir beklagen die Opser der blutigen Unruhen in Palästina aufs tiefste. Jegliche Unterstützung des jüdisch-nationalen Ausbauwerkes lehnen wir ab; als die wahre Aufgabe der Juden erscheint uns die Arbeit an der Verwirklichung der religiös-sittlichen Ideale des Judentums in den Heimatländern. Büro-Verlegung! Am 26. September d. Is. verlegen wir «unser Büro nach Berlin SW 11, Hallesche Straße 11 Die Fernsprechanschlüsse bleiben unverändert FS, Bergmann 3358/59. Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Indisch-liberale Zeitung. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin e. B. Liberale Fraktion des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Entscheidung Von Rechtsanwalt Heinrich Stern. Vor mir liegen die Berichte über den 16. Zionistenkongreß und über die Gründungsversammlung der Iewish Agency. Vor mir liegen ferner die Berichte über das Unglück in Palästina und die Schlußfolgerungen, die zionistische und nichtzionistische Mitarbeiter an der Agencypolitik aus ihm gezogen haben. Nicht mit Unrecht hat Präsident Weizmann in seiner Eröffnungsansprache darauf hingewiesen, und nicht mit Unrecht hat dieser Hinweis starken Widerhall auf dem Kongreß gefunden, daß die Tätigkeit der zionistischen Weltorganisation vor einem gewissen Einschnitt steht. Jahrelang haben sich die besten Kräfte in und außerhalb Palästinas aus die Palästinaarbeit konzentriert. Die gesamte Galutharbeit trat dagegen in den Hintergrund. Heute ist man sich darüber klar, daß dieser Arbeit ein neuer Impuls zu geben ist. „Die Botschaft des Zionismus", sagt Weizmann, „ist noch lange nicht in jedes jüdische Haus, in jede jüdische Hütte gedrungen. Noch immer dient ein großer Teil unserer Jugend fremden Göttern in verschiedener Gestalt. Heute, wo eine neue Generation herangewachsen ist, empfinden wir, daß cs an der Zeit ist, den Zionismus mit erneuter Hingebung als eine Sache der sittlichen Ueberzeugung vor die jüdische Welt zu bringen." Hier ist ein Wort gesprochen, dem sich jeder verantwortungsbewußte Jude anschließen müßte. Die Frage des Zionismus ist eine Frage innerster Ueberzeugung, niemand darf mehr um sie herumgehen. I. Bis heute gab es eine ganze Anzahl Juden, die glaubten, Zionist zu sein, weil sie an Palästina Mitarbeiten wollten. Der maßgebliche Mann der zionistischen Welt sagt all diesen, daß es damit nicht getan ist. Der Zionismus wirkt nicht nur für Palästina, sondern er ist eine Bewegung ganzer und eigener Art und muß auch als Ganzes gewertet werden, mag man sich für ihn einstellen oder gegen ihn. Wollen wir die Entscheidung treffen, so bedarf es dazu weitgehender innerlicher Vorbereitung. Wie stark ist doch hüben und drüben die Einstellung zu den Grundfragen des Judentums in dem letzten Menschenalter, auf das ich schon zurückblicken kann, geändert worden, wie groß die Annäherung, die sich in Einzelheiten vollzogen hat! Bei uns gab es Tausende, die das Problem des Zionismus ausschließlich vom national-deutschen Standpunkt aus betrachten wollten. Der Zionist will den Judenstaat, wer den Judenstaat will, kann kein guter Deutscher sein, also ist er zu bekämpfen. Wenn diese Einstellung auch heute noch nicht ganz verschwunden ist, so beweisen Tausende von Gräbern im Weltkrieg und die Hunderte ehrlicher Mitarbeiter am Aufbau Deutschlands, daß man mit dem Vorwurf des schlechteren Deutschtums das Problem heute nicht mehr erledigen, ja nicht einmal mehr angreifen darf. Freilich wird die Erörterung zeigen, daß auch vom jüdischen Gesichtspunkt aus betrachtet — und nur von ihm aus will diese Betrachtung ausgehen — der Weg zurncksühren muß auf unsere Einstellung zur Heimat. Können wir heute den alten Vorwurf, der Zionist vernachlässige seine Bürgerpflicht, er sei. der schlechtere Deutsche, Engländer usw., nicht mehr ausnehmen, so ist auch von vielen Seiten der Borwurf, daß der Liberale der schlechter« Jude sei, ganz geschwunden, oder er klingt doch nur noch sehr gedämpft. Ich will garnicht von der Beurteilung derer sprechen, die heute Agencypolitik mitmachen. Auch diese Agencypolitik ist nur eine — wie ich allerdings meine, zu weit getriebene oder noch verfrühte — Folge einer ganz grundsätzlichen Umwandlung der Erkenntnis und des Empfindens, die sich in unseren liberalen Kreisen vollzogen hat. Lange Jahve hatte man über dem Grundgedanken, Judentum und Religiosität des Einzelnen einander näher zu bringen, über dem Kampf für religiöse Wahrhaftigkeit, über die Befreiung des Individuums, die Gemeinschaftsbindungen dernachläsiigt, die auch in den Hunderttausenden von Juden liegen, die sich ihres Judentums nur noch schwach bewußt sind. Hat der Zionismus das historische Verdienst, das Problem der jüdischen Gemeinschaft auf das Schärfste neu betont l zu haben, in einer Weise freilich, in der wir nicht mitgehen können, so haben wir religiös-Liberale den Ruf ausgenommen und ihn in unseren Reihen in unserer Weise widerhallen lassen: „Keine Arbeit sür das Judentum ohne jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein, auch das liberale Judentum ein Ausdruck der großen Gemeinschaft von Einst zu Einst, der großen Gemeinschaft aller Juden in allen Ländern und Zonen!" Aber noch mehr ist geschehen. Ich erinnere mich noch gut der Zeiten, in denen gellendes Hohngelächter losbrach, wenn ein junger Liberaler es wagte, vvon der Sendung Israels zu sprechen, von seinem Glauben an die Weltaufgabe des Judentums. Einen derartigen Glauben pflegte man als „faule Ausrede" aufzufassen und ich erinnere mich noch, wie mein verehrter Kollege Gronemann mit dem ihm eigenen Witz derartige Jdeengänge niedriger zu hängen pflegte. Ludwig Thoma läßt in seinem köstlichen Drama „Moral" den feudalen Kammerherrn sprechen: „In meiner Stellung kann ich mir wohl das Wort „Moral" von der Kanzel aus anhören; jedem aber, der es mir sonst entgegenhält, muß ich mit der Pistole in der Hand antworten." So ähnlich ging es uns, wenn wir unser Geheimstes und Tiefstes als unser Ziel auszusprechen wagten. An die Sendung Israels durfte vielleicht der Rabbiner rühren, tat es der „Laie", so war es Heuchelei oder Unwissenheit. Ich habe mich darum besonders gefreut, als Hugo Bergmann vor Jahresfrist in seinem in der „Jüdischen Rundschau" erschienenen Artikel, der dem liberalen Weltkongreß in Berlin gewidmet war, gegen diese Verächtlichmachung auftrat und seine Freunde davor warnte, es allzuleicht zu nehmen mit unserem Glauben an den Universalismus des Judentums. Mit aller dankenswerten Deutlichkeit hat sich auch Martin Buber, zuletzt in seiner Rede auf dem Kongreß, die überhaupt die sorgfältigste und gründlichste Beachtung auch unserer Freunde verdient, zu der „übernationalen Aufgabe des Judentums" bekannt. In seinem grundlegenden Referat hat sich kein geringerer als Arthur Ruppin sich in dem Teil der Rede, in dem er sich mit Palästina und der Diaspora beschäftigt (er spricht übrigens bezeichnender Weise nicht vom Galuth, sondern von der Diaspora), recht deutlich gegen die berühmte Theorie von der Galuthverneinuug gewandt. Er nennt die Juden in der Diaspora einen „wichtigen Kulturfaktor" und sagt, daß sie außer ihrer Mitarbeit an der allgemeinen Kultur noch eine andere große Aufgabe vor sich haben, nämlich für die Idee des Völkerbundes einzutreten. „Wir Juden sind das einzige Volk, das über die ganze Welt zerstreut ist. Wir sind auf diese, Weise geradezu prädestiniert, die Schildknappen des Völkerbundes zu werden und überall in der Well für die Völkerversöhnung einzutreten. Aber wir können diese Aufgabe nur dann erfüllen, wenn wir nicht in den umgebenden Völkern aufgehen und somit in den allgemeinen Widerstreit der Völker eintreten, sondern wenn wir uns als Juden erhalten." Das sind Ausführungen, die wir religiös-liberalen Juden seit langem uns zu eigen gemacht und ausgesprochen haben, und es fragt sich nur, ob sie auch auf der anderen Seite gleich klar erkannt und geteilt wecken. Man sieht jedenfalls mit Befriedigung, daß in den führenden Köpfen auf der Gegenseite die Idee des Universalismus als Schlußidee des Judentums anerkannt ist, und daß ein bedeutender Führer der Zionisten das Diaspora-Judentum nicht, wie sein Gesinnungsgenosse Jacob Klatzkin, als übsterbenden oder gar abgestorbenen Ast am Baume der jüdischen Gemeinschaft ansieht, sondern als gleichwertigen Teil dieser Gemeinschaft mit eigenen, allerwichtigsten Aufgaben. II. Dennoch — und jetzt kommen wir zu dem entscheidenden Punkte unserer Betrachtung — bei aller geistigen Annäherung muß klar erkannt werden, daß ein entscheidender und grundsätzlicher Gegensatz offen bleibt. Wir wollen hier absichtlich nicht einmal von dem radikalen Flügel des Zionismus sprechen. Wir wollen uns weder deu konsequenten Nationalismus eines Klatzkin, noch etwa den revisionistischen oder radikalen Standpunkt, der auf dem Kongreß reichlich zu Worte gekommen ist, zu eigen machen. Wir wollen uns lediglich aus den mildesten uird uns scheinbar nächstliegendsten Standpunkt stellen, wie er etwa in den Reden von Buber oder jüngst in der Berliner Repräsentanten-Versammlung in der Rede von Heinrich Loewe, der übrigens früher anders gesprochen hat, zum Ausdruck gekommen ist, und der, und das ist das wesentliche, scheinbar auch in den Köpfen führender nichtzionistischer Mitglieder der Iewish Agency entscheidend mitspricht. Ich meine die Idee des sogenannten jüdischen Zentrums. Es mag zweifellos richtig sein, daß sich nicht alle Freunde der Iewish Agency über diese Idee klar geworden sind. Gruenbaum z. B. in seiner Schilderung des amerikanischen nichtzionistischen Judentums weist sogar in seiner wichtigen Kongreßrede ausdrücklich darauf hin, daß die amerikanischen Juden nicht daran denken, sich für ein derartiges jüdisches Zentrum einzusetzen. Man muß aber in diesem Falle mit der amerikanischen Denkweise rechnen. Vor den entscheidenden Verhandlungen über die Iewish Agency erhielt ich von Louis Marshall ein ausführliches Schreiben, in dem er mir darzulegen versucht, daß er in den entscheidenden Verhandlungen der Nichtzionisten sich absolut aus den praktischen Standpunkt gestellt und die Theorie vollkommen ausgeschaltet habe. Wir Deutschen, und zwar wir deutschen Zionisten und Nichtzionisten, sind leider (oder glücklicherweise) Menschen, die an Grundsätzen nicht vorbei kommen, wenigstens in Dingen, die für eine Seite Gewissensfragen sind. Die Gemeindearbeit in Deutschland hat gezeigt, daß es eine große Reihe praktischer Dinge gibt, die von den Liberalen und Zionisten zusammen getan werden können, viel mehr, als man früher auf beiden Seiten ahnte. Gewisse Fragen aber gibt es, bei denen der Kompromiß aufhövt und das Prinzip entscheiden muß. Daß heute zu diesen Dingen Palästina gehören muß, ist ganz allein darauf zurückzu führen, daß eben Palästina für den Zionisten und ^Lr eine Reihe nichtzionistischer Mitarbeiter der Iewish Agency nicht ausschließlich Sache der „Judenheit", sondern Sache des „Judentums" ist, um ein altgebrauchtes Schlagwort zu wickerholen. Auch wir Liberalen sind ja stets dafür eingetreten, die Umschichtung der Juden in und außerhalb ihrer Heimatländer zu vollziehen, jüdische Menschen aus den Großstädten aufs Land zu verpflanzen, kurz sie stärker, freier und glücklicher zu machen. Daß auch die Siedlung in Palä-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.