Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 37 (11.9.1929)
- Date
- 1929-09-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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doch Wohl nur in sekundärer Hinsicht. Um den arabischen Fanatismus anzustacheln, wird man immer mit Erfolg an jene mehr oder minder dunklen Gefühle appellieren, die im Reiche des Glaubens und der Politik, wie sie in jenen Ländern um das östliche Mittelmeer üblich ist, gedeihen. Aber der primäre Grund der arabischen Pogromgelüste dürfte kaum hier zu suchen sein. Er ist viel unkomplizierter und aus die Tatsache zurückzuführen, daß Palästina das einzige Gebiet in der islamitischen Welt ist, in dem den Arabern Einwanderer gegenübertreten, die ihnen Konkurrenz auf dem Gebiete machen, das die Araber notwendigerweise als ihre Domäne betrachten müssen. ... Das ist der wirtschaftliche Untergrund des bei den Arabern zum Ausbruch kommenden Judenhasses, er wird genährt durch politische Kräfte. Die Deklaration des Lord Balfonr in Ehren! Aber die britischen Soldiers in den Kolonien kehren sich daran recht wenig. Sie träumen vom großen Araberreich unter englischem Einfluß, dessen Mittelpunkt Palästina bilden soll, und bedienen sich der ihnen zu diesem Zweck geeigneten Mittel. 1920 beim ersten Pogrom standen die britischen Soldaten Gewehr bei Fuß und hinderten die Judenmassakers nicht im mindesten. Heute wird es kaum anders sein, sonst wären die Ereignisse gar nicht zu erklären." Deutsche Tageszeitung: Die deutsche Rechtspresse bringt zahlreiche Artikel zu den Vorfällen in Palästina, aus denen natürlich oft die in diesen Kreisen übliche Voreingenommenheit gegen die Juden spricht. Wir begnügen uns damit, aus einem sachlichen Leitartikel von H. L. in der Abendausgabe vom 28. Augusts der dentschnationalen „Deutschen Tageszeitung" folgendm Ablaß wiederzugeben: „...Ans Palästina angewandt, heißt das: man muß vorsichtig lavieren zwischen Inden und Arabern, man darf nicht die einen um der andern willen vor den Kopf stoßen. Nun ist die Lage in Palästina so, daß die Araber durchaus nicht von einer Politik entzückt sind, die ihnen mit einemmal in einem Land, wo sie seit einem Jahrtausend die unbestrittenen Herren waren, die Juden auf den Hals schickt. Mit den Resten des alten Judentums, das unscheuckar und verachtet sein Leben in Palästina fristete, hatte man sich notdürftig abgefunden. Aber der aggressive National i s m u s der nun hereinströmenden jungen, zionistischen Siedler war eine Gefahr und Bedrohung. Um so mehr, als dahinter die Finanzkrast aller möglichen, vom Weltjudentum unterhaltenen Hilfsorganisationen stand. Man hatte bisher seinen Acker mit den alten primitiven Geräten der Väter bestellt, nun kamen diese Fremden, deren westliche Zivilisation sie auch zu den wirtschaftlich Ueberlegenen machte. Man mußte zusehen, wie von den Siedlnngsgesellschasten das Land, das arabische Grundeigentümer nicht halten konnten, aufgekauft wurde, um zur Anlage jüdischer Farmen zu dienen. Der Oberste Rat der Mohammedaner organisierte freilich eine Abwehr, aber beim einzelnen blieb die Erbitterung gegen ein Volk, gegen das schon im antiken Antiochien und Alexandrim blutige Pogrome stattsanden. Wie das im Orient nun einmal Ueberlieserung ist, ist es irgendein religiöser Anlaß, der zum Ausbruch führt. Das Politische und Wirtschaftliche bekommt erst hierdurch seine besondere Farbe. Natürlich sucht die aus seiten des Zionismus stehende Öffentlichkeit die Schuld bei England, das nicht rechtzeitig genug vorgebeugt und die von den Arabern drohende Gefahr abgewandt habe. Wir aber haben gesehen, warum sich England Zurückhaltung auferlegen muß. Denn für England ist nun einmal nicht das jüdische Palästina, so sehr cs sich dessen auch für seine Weltpolitik bedient, das Hauptziel, sondern das Empire, von dem Palästina ein kleiner, wenn auch nicht unwichtiger Teil ist. Ja, für England könnten die Straßenkämpfe in Jerusalem sogar den Vorteil haben, die Notwendigkeit der englischen Mandatsvormundschaft wieder einmal schlagend zu erweisen, was nicht nur im Hinblick auf Palästina die entsprechende Nutzanwendung zeitigen könnte." Reichspost: Das führende Wiener Organ der Christlich-Sozialen vei> öffentlicht in der Ausgabe vom 26. August einen Leitartikel „Die Kämpfe zwischen Juden und Arabern", dem wir entnehmen: , „... Der Streit um die Klagemauer ist Mer nur der äußere Anlaß der Unruhen; er ist ein Symptom des großen Interessengegensatzes, der zwischen Inden und Arabern unvermeidlich entstehen mußte, als das zionistische Programm unter Mitwirkung Englands praktisch wirksam wurde. England ist während des Krieges in der palästinensischen Frage ganz offenkundig auf zwei Geleisen gefahren, aus einem jüdischen und einem arabischen. Diese Politik entsprang weder nach der einen noch nach der anderen Seite irgend welchen ideellen Gründen, sondern sehr realen Erfordernissen des Augenblicks... ... Schon die Balfourdeklaration zeigte die Unsicherheit Englands in dem, was später zur „Araberfrage" wurde. Das Dokument arbeitet mit dem Kautschukbegriff „nationale Heimstätte", und enthält die vage Bestimmung, daß nichts geschehen soll, „was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina... beeinträchtigen könnte". Das konnte mit entsprechender Auslegung einem etwaigen arabischen Protest wirksam entgegengehalten werden, obzwar gar nicht zu befürchten stand, daß die schlecht organisierten und mangechast bewaffneten Araber der übermächtigen englischen Besatzungsarmee während des Krieges große Schwierigkeiten bereiten könnten. Je mehr aber dann die Balfourdeklaration in die Wirklichkeit umgesetzt wurde, je stärker und finanzkräftiger dir Einwanderung in Palästina auftrat, desto lauter wurdev» die Beschwerden der eingÄorenen arabischen Bevölkerung. Der mächtige Aufschwung des arabischen Nationalgefühls außerhalb der Grenzen Palästinas und die glänzenden Erfolge der nationalen türkischen Erhebung taten ein übriges. Auch wird man nicht fehlgehen, das erneute Aufflammen des ara< bischen Nationalismus mit dem letzten Zionistenkongreß in Zusammenhang zu bringen, der die organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für eine verstärkte jüdische Kolo nisationsarbeit geschaffen hat. nun, ob die arabischen Befürchtungen Wir glauben, daß diese Frage bejaht Die Frage ist gerechtfertigt sind, werden muß. Sehen wir zunächst davon ab, daß die seit Jahrhunderten in Palästina erbgeseffene arabische Mehrheit gar nicht gefragt wurde, ob sie eine organisierte Masseneinwanderung fremder Elemente haben will oder nicht. Gewiß steht die Mehrheit der Araber kulturell und wirtschaftlich n^och auf einer ziemlich liefen Entwicklungsstufe, aber das gibt keinem Fremden ein Recht, über das Land zu verfügen. Auch das historische Recht, das die Zionisten geltend machen, ist mehr als problematisch. Wie müßten die Dinge in der Welt aussehen, wenn auch andere Völker auf den Gedanken kämen, Rechte geltend zu machen, die seit zwei Jahrtausenden verjährt sind? Es gellen ja nicht einmal Rechte, die bis zum Jahre 1919 jahr hundertelang in Kraft waren. Von der historischen und rechtlichen Seite kommt man an die Araberfrage nicht heran; sie ist eine wirtschaftliche und bevölkerungspolitische Frage und letztere Endes eine Machtfrage. So gesehen, ist die Situation vollkommen klar. Als die zionistische Einwanderung einsetzte, standen in Palästina rund 600000 Araber gegen 80000 Juden; das jüdische Element betrug ungefähr 11 Prozent der Gesamtbevölkerung Heute ist der Prozentsatz schon auf 20 gestiegen und das Aktionsprogramm der Zionisten sieht eine allmähliche Stei gerung der Einwanderung bis auf zwei oder drei Millionen Köpfe vor. Die Araber kämen also schon rein zahlenmäßig aus einer rund 78 prozentigen Mehrheit in die Rolle einm kleinen Minderheit. Dabei ist zu berücksichtigen, daß hinter der jüdischen Einwanderschaft in Palästina das Finanzkapital und der politische Einfluß des Weltjudentnms steht, während die arme und zum Teil auch sehr zurückgebliebene arabische Bevölkerung auf sich allein angewiesen ist. Rechnet man dazu noch gewisse nationale Eigenarten, die dem jüdischen Volke in allen Ländern eine weit über ihren prozentuellen Anteil an der Gesamtbevölkerung hinausgehende wirtschaftliche und politische Machtstellung gaben, so ist es airßer Zweifel, daß die Besorgnisse der Araber tief begründet sind. Die Arabersrage spielt übrigens nicht zwischen Juden und Arabern allein, sondern berührt auch sehr empfindlich die Mandatsmacht England. Die Doppelgesichtigkeil der britischen Palästinapolitik trägt jetzt ihre Früchte. Es ist für England sehr schwer, seine schützende Hand vom Zionismus wegzuziehen, anderseits wäre ein offener Konflikt mit dem Arabertnm eine Schwierigkeit mehr unter den anderen Schwie-- rigkeiten im Osten. Selbstverständlich wird es jetzt gelingen, mit einigen Bataillonen und Kriegsschiffen die Ruhe wiederherzustellen und für die nächste Zeit zn sichern. Aber die Arabersrage selbst ist nicht gelöst; sie wird mit jedem neuen Einwanderertransport, der an der palästinensischen. Küste landet, schwieriger werden." Reue Züricher Zeitung: # In der Ausgabe vom 30. August findet sich ein Artikel „Die Klagemauer", den wir ungekürzt zur Kenntnis bringen: Ein ständiger Mitarbeiter der „N. Z. Z." hat an dieser Stelle (vgl. Nr. 1661) auseinandergesetzt, wie man a u f jüdischer Seite die Frage der Klagemauer am Tempel von Jerusalem auffaßt, die umstrittenen Eigentums- und Servitusverhältnisse, die zu den beklagenswerten Vorgängen geführt haben, die natürlich nicht der eigentliche Grund der furchtbaren Unruhen sind, die gegenwärtig Palä- 'tina erschüttern, die aber doch den unmittelbaren Anlaß dazu gegeben haben. Es ist nur billig, auch die Auffassung anderer an diesem Problem interessierten Stellen kennen zu lernen. Die englische Presse bat in den letzten Tagen darüber ausgiebig berichtet, so daß man ihr die sozusagen offizielle Auffassung der amtlichen britischen Kreise, me mit der Regierung Palästinas betraut sind, und auch die der palästinensischen Araber, vor allem der Mohammedaner entnehmen kann, die an dieser Frage ein viel unmittelbareres Interesse haben als die christlichen Araber, von denen es in Palästina nicht viel weniger gibt als Juden. Die Klagemaner, die von den Juden als Kauthal Ma'arbe oder Westmauer und von den Mohammedanern als Burak bezeichnet wird, ist ein Ueberrest des alten jüdischen Tempels, bildet aber jetzt einen Teil der Unterbauten der großen Terrasse, auf der sich die Omarmoschee erhebt. Den eigentlichen Tempelbeztrk betreten die Juden nicht, ursprünglich, verhinderte sie daran die Besorgnis, daß sie sonst unwissentlich die ihnen verbotene Stelle betreten könnten, auf der einst das Allerheiligste des alten Tempels lag. Ein kleiner, wenig über sieben Meter tiefer und etwa 45 Meter langer Hof, der vor der eigentlichen Klagemaner liegt, ist von jeher eine Sackgasse gewesen. Die Mauer, der gepflasterte Hof davor und die Häuser, die drei Seiten des Hofes umgeben, gehören dem Wakuf, der frommen Stiftung der Mohammedaner. Der Wakuf verfügt Mer einen ausgedehntm Grund- und Jnrmobilienbesitz, was sich zum Teil daraus erklärt, daß eine Überweisung eines Hauses an diese Stiftung mit der Servitut einer ewigen Nutznießung zugunsten einer bestimmten Familie oft als das sicherste Mittel erschien, um sich vor der Habgier eines Sultans oder Gouverneurs zu schützen. Der Hof vor der Klagemaner, der bisher nur von einer einzigen Seite her zugänglich war, ist seit undenklichen Zeiten insofern als ein öffentlicher Platz betrachtet worden, als jedermann jederzeit ungehindert Zutritt zn ihm hatte. In früheren Zeiten fanden die Juden, die an Wochentagen in kleinen Gruppen, am Vorabend des Sabbat wohl zu einigen Dutzend, dort ihre Gebete verrichteten, ohne Schwierigkeit Platz. In den letzten Jahren ist aber ihre Zahl derart angewachsen, daß es gelegentlich in dem Hofe recht eng wurde. Nun haben in den letzten Wochen die Mohammedaner auf den unzweifelhaft ihnen gehörenden Grundstücken, die um den Hof herum liegen, einige Treppen angelegt, so daß eine der Türen, durch die man früher von dem Hof aus eines der Häuser betrat, jetzt in einen Gang führt, der zu sinem der Tore des Tempelbezirks, des Haram-esch-Scherif, aufsteigt. Damit ist der Hofplatz vor der Klagemauer, der bisher eine Sackgasse war, für die Mohammedaner — die vermutlich die neuangelegten Treppen nicht für Juden uM Christen öffnen werden — zu einer Durchgangsstraße geworden. Die „Times" stellt ausdrücklich fest, daß diese Neuanlagen gemäß den in Jerusalem geltenden Baubestimmungen errichtet wurden und amtlich 'genehmigt sind. Die Juden stellen sich nun auf den Standpunkt, daß diese baulichen Veränderungen, die von den Mohammedanern aus Grundstücken und an Immobilien vorgenommen wurden, die unzweifelhaft im vollen Eigentum der mohammedanischen Wohltätigkeitsstiftung stehen, eine ungesetzliche Veränderung des Status quo darstellen, weil sie angeblich mit der bestimmten Absicht geschaffen wurden, den durchaus zulässigen öffentlichen Verkehr über die Stätte vor der Klagemauer unnötig zu vergrößern, um dadurch die vor der Mauer betenden Juden zu belästigen. Dieser Status quo ist immer ein Idol, aber auch ein Zankapfel für alle diejenigen gewesen, die sich mit den überaus komplizierten Problemen der Rechte der einzelnen Bekenntnisse an den heiligen Stätten Jerusalems zu befassen hatten. „Es scheint", so meint ein Londoner Blatt, „in der Luft Jerusalems etwas zu liegen, was alle Quellen der Toleranz und Vernunft in dm Herzm derer versiegen läßt, die dort längere Zeit leben, unb die nämliche Atmosphäre religiöser, sektirerischer und rassenmäßiger Gegnerschaft läßt fast jedermann den Status quo etwas betrachten, was um jeden Preis bewahrt werden muß, soweit alle andern Leute in Frage kommen, was man aber, wenn immer möglich, zu eigenen Gunsten zu ändern strebt." Das Eigentumsrecht der Mohammedaner an der Klagemauer und ihrer Umgebung wird auch von jüdischer Seite anerkannt. Unmittelbar nach dem Abschluß des Krieges versuchten die Juden, die ihnen besonders heilige Stätte käuflich zu erwerben und boten dafür dm Mohamm^anern durch die Vermittlung des damaligen britischen Gonvernmrs jeden einigermaßen erschwinglichm Preis an. Die Offerte wuH^ Niederschlag gesunden, einer Sammlung von Gedankengängen, zu denen er während der Vorbereitungen zu der-später abgesagten Internationalen Friedenskonferenz der Sozialisten in Stockholm 1918 angeregt wurde. Eine suggestive Ueberredung zn individueller Arbeit für seelische Erhöhung Und Klärung sind die Aussätze „Ideale an Wochentagen", die von dm kleinen Alltagsproblemen des Einzelnen zu den großen, ewigen Fragen der Menschheit führen. Aber Holitscher ist auch gleichzeitig ein viel zn sehr sich seiner Aufgaben bewußter Künstler, als daß er ethischen Elementen ein kunstwidriges Ueberhandnehmen in seinen zahlreichen Dichtungen hätte gestatten können. Er hat -eme ganze Reihe Kunstwerke geschaffen, durch die sich allerdings auch das Thema von der Pflege und dem Siege menschlicher Güte wie ein goldener Faden zieht. Es würde zu weit führen, hier eine Uebersicht über das reiche; und vielfältige" «chaffen Holitschers als Poet zn geben. Der Dichter selbst hat in zwei gewichtigen Bändm seine Selbstbiographie geschrieben, und diese ist ihm ebenfalls unter den Händen 'zu emem Kunstwerk geworden. Erwähnt muß werden, daß die Geistigkeit Holitschers im Ethos des Judentums wurzelt. An der Religion, in der er ausgewachsen ist, hat er stets mit allen Fasern gehangen. Jüdische Motive haben ihn in allen Phasen seines Lebens beschäftigt, jüdische Sagen hat er wiederholt zu gestalten versucht. So schrieb er schon 1908 die dreiaktige Ghettolegende „Der Golem", nach dem Kriege die jüdische Novelle „Er ist da" und die „Reise durch das jü> dische Palästina". Augenblicklich befindet er sich wieder auf einer großen Reise durch Nord- und Südamerika, studiert dort auch das jüdische Leben nnd wird wohl bald darüber berichten. Holitscher ist innerlich wahrlich noch kein Sechziger! Er ist noch in keinerlei Weise gealtert. Wir können sicher noch viel von ihm erwarten! . Hat Holitscher als ein seit Jahrzehnten alle Weltteile j durchstreifender Beobachter eine gewisse folkloristische Heimatlosigkeit und Entwurzelung erworben, die ihn übrigens ganz besonders dazu befähigt, die Schicksale der Völker-Jnternationalc zu begreifen und zu verfechten., so ist Felix Salten, Holitschers Altersgenosse, ein eng an die Heimatscholle gebundener Oesterreicher. Wie Holitscher ist er geborener Ungar, aber er hat fast sein ganzes Leben in Wien zugebracht, und Heinrich Eduard Jacob nannte ihn vor kurzem mit Recht den österreichischsten aller Oesterreicher. Auch Salten ist wie Holitscher sein ganzes Leben lang ein von Herzenswärme erfüllter Prediger der Güte und Menschenliebe gewesen, aber im Gegensatz zu dem „ewigen Weltnmsegler" ist er ein ausgesprochen unpolitischer Mensch und hat sein „großes Verkünden der Humanität und der All-Liebe" nur von der dichterischen Seite her unternommen. Salten begann als Journalist, als Theaterreferent, war lange Kritiker der Wiener „Zeit", und er gehört zu dm wenigen Belletristen unserer Tage, die Essays von solcher Formschönheit und Gedankentiefe geschrieben haben, daß man mit Bestimmtheit prophezeien kann, sie werden den Tag überdauern. In verschiedenen Bänden liegen seine Aufsätze gesammelt vor, seine Arbeiten über die Bühne „Schauen und Spielen", seine Studien zur Zeitgeschichte „Das österreichische Antlitz" und „Geister der Zeit" usw. Aber auch als Dramatiker und Erzähler hat Salten bleibende Werte gegeben. Selbst derjenige, welcher der gesamten modemm Literatur in Bezug auf Wirkungsdauer mit der größtm Skepsis gegenübersteht, muß zugeben, daß einige Romane und Erzählungen Saltens ganz unzerstörbar sind. Genaq so wie bei Holitscher durchzieht ein Leitmotiv das gesamte Werk des Dichters: ruhiges, eindringliches Ueberreden zur Güte. Vielleicht ist jene bekannte, wunderschöne Erzählung vom „Junker Wenzel auf Rehberg" für sein Schaffen typisch. Mit glühender Intuition ist hier farbiges, historisches Kolorit geschaffen. Junker Wenzel nimmt an einem erfolgversprechenden Kriegszug Kaiser Karls des Fünften teil; aber er ent-* sagt allem Glanz und Ruhm der Welt und kehrt einsam heim, weil er einen armen Pferdeknecht, der nm keinen Preis eine Tierquälerei begehen wollte, nicht vor grausamer Strafe schützen konnte. Ganz schlicht, ganz innig ist diese poetische Historie erzählt. Spinozistische All-Liebe, die in jedem beseelten Wesen das Stückchen Bruder und Freund fühlt, schwingt auch in „Bambi", der „Lebensgeschichte aus dem Walde". Hier wird die Geschichte eines Rehes erzählt, und zwar ist sie so spannend und lebendig, wie je nur ein Menschenschicksal sein kann! Blühende und bezaubernde Naturseligkeit liegt über diesem seltsamen Werk, dessen Thema im „Hund von Florenz" eine interessante thematische Wandlung erfährt. Auch bei Salten ist es unmöglich, seine zahlreichen ausgezeichneten Bücher im Rahmen eines begrenzten Zeitungsreserates zn würdigen. Auch er weiß, wie Holitscher, daß das Tiefste seines Wesens im Judentum seine Wurzeln hat. Auch er hat „jüdische Bücher" geschrieben, wie Holitscher ein Palästinabuch („Neue Menschen auf alter Erde"), dann hat er einen fesselnden Simson-Roman verfaßt, von dessen Wert auch in diesen Blättern früher einmal die Rede war. Holitscher und Salten, beide sind zwei große Könner, fleißige Arbeiter, bedeutende Künstler, auf die das deutsche Schrifttum stolz sein kann. Beide sind zugleich hervorragende Exponenten jener verinnerlichten Humanität, die dem Judentum entstammt. Hoffentlich sind beiden noch Jahrzehnte gesegneten Wirkens und Schaffens beschieden! Dr. Ludwig D a v i d s o h n, Berlin, ,