Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 37 (11.9.1929)
- Date
- 1929-09-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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abgelehitt; der „Burak" gilt nämlich auch den Mohammedanern als eine heilige Stätte, weil nach ihrer Tradition der Prophet gerade an dieser Stelle auf seinem Roß Burak zu der legendären Himmelfahrt entrückt worden sein soll. Nach mohammedanischer Auffassung ermächtigt zwar das uratte Gewohnheitsrecht die Juden so gut wie die Angehörigen irgend einer anderen Lehre zum Betreten der umstrittenen Stätte und auch zu privaten Andachtsübungen einzelner, nicht aber zu einem eigentlichen, von einer ganzen Gemeinde ausgeübten Gottesdienst. Insbesondere wenden sich die Mohammedaner scharf dagegen, daß die Juden während ihrer Freitagsgebete, wie dies geschehen sein soll, durch die Polizei Andersgläubige am Betreten des Platzes vor der Klagemauer verhindern, weil ein derartiges Vorgehen schon den Anfang einer tatsächlichen Besitzergreifung darstelle. Nicht minder <cker hat es bei den Mohammedanern Aergernis erregt, daß die Juden zu ihren poetischen Trauergottesdiensten Teppiche, Stühle, Tische und Kerzen und vor allem die tragbare Scheidewand mitgebracht haben, die nach jüdischer Tradition Männer und Frauen während des Gebets trennen muß. Es ist bisher von jüdischer Seite nicht nrchgewiesen worden, daß es sich auch dabei um eine alte, in Vorkriegszeiten zurückgehende Sitte handelt, so daß man in der Tat annehmen muß, daß dieser Brauch, der schon vor einem Jahr zu einem sehr ernsten Zwischenfall geführt hat, erst in den letzten Jahren eingeführt worden ist. Die Mohammedaner erblicken nun darin eine offene Verletzung des Status quo; sie können sich dabei auf eine Reihe türkischer und auch britischer Entscheidungen stützen. Es mag in Europa als eine lächerliche Belanglosigkeit erscheinen, ob die Juden am Freitagabend vor der Klagemauer eine Spanische Wand aufstellen oder nicht, ob sie sich dort auf Tragstühle setzen oder auf mitgebrachte Petroleumkisten, deren Verwendung zu diesem Zwecke die Mohammedaner zu dulden bereit sind; aber in Jerusalem und in Palästina überhaupt sind derlei Dinge durchaus nicht gleichgültig. Es ist auch zwischen christlichen Gemeinden schon zu schwerem Blutvergießen gekommen, weil die Priester des einen Bekenntnisses in der GÄurtskirche von Bechlehem einen Teppich einige Zentimeter weiter, als es die Priester einer anderen Gemeinschaft für recht hielten, in die Kirche hineinlegten, und in der hochheiligen Grabeskirche von Jerusalem selber mußten Jahrhundertelang an allen hohen christlichen Feiertagen türkische Soldaten mit der Waffe dafür sorgen, daß sich die Christen nicht untereinander bekämpften. Diese Pflicht ist jetzt im weitesten Umfang auf die britischen Mandatträger übergegangen. Sie haben nach der Besetzung des Landes ausdrücklich die Wahrung und Achtung aller überlieferten Rechte der Religionsgemeinschaften zugesichert; sie müssen wegen der eigenartigen Verhältnisse im arabischen Orient mit besonderer Umsicht darauf bedacht sein, auch den Schein, einer Verletzung der traditionellen Rechte der Mohammedaner auf ihre heiligen Stätten zu vermeiden. Eine Klärung der Rechtsverhältnisse an der umstrittenen Stätte der Klagemauer wird natürlich bei weitem nicht alle Schwierigkeiten beseitigen, die sich aus der jüdischen Einwanderung in Palästina ergeben, sie bildet aber wohl eine unumgängliche Voraussetzung für eine dauernde Versöhnung der beiden Völker, die hier nach den Bestimmungen des Palästinamandates friedlich nebeneinander leben sollen. Macdonald und Henderson im Völkerbund über die Palästina-Ereignisse Die diesjährige Aussprache in der Völkerbund-Versammlung wurde eingeleitet durch eine bedeutende Rede des englischen Premierministers Ramsay Macdonald über die gegenwärtigen großen Aufgaben, insbesondere die Friedensaufgaben der europäischen Politik. Im Verlauf seiner Rede sprach er sich über die Ereignisse in Palästina in der folgenden Weise aus: Die Verwaltung eines Mandates legt dem betreffenden Staate eine internationale Verantwortung auf. Ich glaube, im Sinne jedes Mitgliedes des Völkerbundes zu sprechen, wenn ich alle die Opfer der letzten Ereignisse in Palästina bedaure und den Angehörigen dieser Opfer unsere Sympathie ausdrückc sowie ihnen Unterstützung in der Zukunft zusichere. Unsere Pflicht wird es sein, in Palästina die Ord>- nung wiederherzustellen und ferner alle jene Umstände zu untersuchen, die zu solchen Ereignissen führen konnten, und ferner Vorkehrungen zu treffen, damit eine Wiederkehr ähnlicher Geschehnisse unmöglich gemacht wird. Die palästinensischen Ereignisse, sagte Ministerpräsident Macdonald weiter, sind nicht als ein Ausfluß des Rassenkonfliktes zu betrachten, nicht als ein Streit zwischen Mo-- bammedanern und Juden, sondern einfach als ein Ausbruch Medriger Instinkte der Unordnung und der Ungesetzlichkeit. *Keine Regierung aber wird es erlauben, daß Verbrechen und Mord triumphieren. Ich bin sicher, daß die Führer der Moslemiten und der Juden mit mir einig sind, daß diese Verbrechen eine scharfe Verurteilung erfahren müssen. Unsere erste Pflicht wird es sein, die Situation wieder in unsere Hand zu bekommen; unsere zweite Pflicht wird es sein, einen dauernden Frieden in unserem Mandatsland' zu schaffen. Am Freitag, den 6. September, nachmittags, trat der Völkerbundsrat in die Behandlung des Tätigkeitsberichts der Mandatskommission über ihre letzte Tagung, in der sie sich auch mit dem Bericht der britischen Mandatar-Macht und dem Memorandum der Zionistischen Organisation über die Arbeit in Palästina im Jahre 1928 befaßt hat. Der Berichterstatter über den Palästinabericht, Procope, Finnland, sprach das Bedauern des Völkerbundrates über die ernsten und traurigen Vorgänge in Palästina aus und gab der Sympathie für die Opfer Ausdruck. Er knüpfte daran die Hoffnung, daß die britische Regierung dem Rate darüber eingehende Mitteilung machen werde. Hierauf ergriff der britische Außenminister Henderson das Wort, um zunächst Procope für die ausgesprochene Teilnahme über die bedauernswerten Ereignisse zu danken, uitd fiihrte dann aus: Die ernsten Zwischenfälle haben sich während meiner Abwesenheit von London ereignet, so daß ich nicht in direktem Kontakt mit den verantwortlichen Ministern gewesen bin. Ich habe indessen die nötigen Informationen eingezogen. Die Unruhen begannen in Jerusalem am 16. August, und der erste Verlust an Menschen geschah am folgenden Tage. Am 23. August forderte die Verwaltung Militärverstärkungen .von außerhalb. In der Nacht vom 23. bis 24. August griffen die Unruhen auf die Orte außerhalb Jerusalems Über. Meine letzte Information datiert vom 31. August. An diesem Tage betrug die Zahl der Opfer: getötet 83 Mohammedaner, 4 Christen, 109 Juden; verwundet und im Hospital 122 Mohammedaner, 10 Christen, 183 Juden. Es kann gesagt werden, daß die Unruhen im allgemeinen beendet sind, wenn auch noch nicht überall volle Ordnung herrscht. Der Belagerungszustand ist nicht erklärt, und die Schuldigen sollen vor die Zivilgerichte gestellt werden. Es ist zwar mögliche daß auch außerordentliche Zivilgerichte eingesetzt würden, jedoch sollen keine Militärgerichte mit der Behandlung der Angelegenheit betraut werden. Die Regierung wird ferner eine parlamentarische Untersuchungskommrssion aus vier Mitgliedern einsetzen lassen, nämlich einem Richter und je einem Vertreter der drei großen Parteien. Die britische Regierung, schloß Henderson, habe nicht im Sinne, das Mandat oder seine Natur neu zu prüfen. Sie halte an der früheren Politik fest, das heitzst an der Grundlage der Balfour-Deklaration von 1917, in der die Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina vorgezeichnet ist. Wenn der Bericht der Untersuchungskommisfion vorliegen wird, werde die Regierung entscheiden, welche Maßnahmen zu treffen seien, um für die Zukunft die Wiederkehr ähnlicher Ereignisse unmöglich zu machen. Es ergriffen sodann verschiedene Redner das Wort, um zunächst ebenfalls ihrer Sympathie für die Opfer der Ereignisse in Palästina Ausdruck zu geben, so der polnische, der rumänische und der kanadische Vertreter. Außenminister Dr. Stresemann äußerte sich in folgender Weise: „Ich bin dem verehrten Vertreter von Großbritannien sehr dankbar dafür, auf die Angelegenheit der Unruhen in Palästina eingegangen zu sein. Ich glaube, wir können mit Befriedigung davon Kenntnis nehmen, daß die britische Regierung alle Maßnahmen getroffen hat, um die Unruhen schleunigst zu beenden, der Wiederholung solcher Vorfälle vorzubeugen und das friedliche Nebeneinanderleben in dem Mandatsgebiet zu sichern. Gern vertraue ich darauf, daß es der britischen Regierung gelingen wird, dieses Ziel zu erreichen." Der persische Vertreter verband mit dem Ausdruck der Sympathie die Hoffnung, daß die vorzunehmende Untersuchung vom Geiste der Gleichheit und Unparteilichkeit erfüllt sein werde. Darauf machte der Berichterstatter Procope noch eine kurze «Schlußbemerkung, in der er die Hoffnung ausfprach, daß die Auskünfte der britischen Regierung über die Vorfälle der Mandatskommission rechtzeitig mitgeteilt werden können, so daß sie, wenn möglich, in der nächsten Novembertagung behandelt werden können. Sprechsaal * fftc diese Rubrik übernimmt die Echristleitung lediglich die prchr oeieslicde Derantworttwa. Bemerkungen zu dem Thema: „Synagogale Orgelmusik" Von Hans-Manfred D a n z i g e r, Jli-Breslau. Die Anregung zu synagogalen Orgelkonzerten ist durchaus zu begrüßen; denn es böte sich durch diese Veranstaltungen auch sür das Judentum Gelegenheit, aktiv am öffentlichen Kunstleben Anteil zu nehmen. Zur Verwirklichung dieser Anregung müssen jedoch vorher einige Fragen über Organisation und Programmgestaltung eines derartigen Orgelkonzertes geklärt werden; denn die befriedigende Realisierung einer völlig neuartigen Anregung ist viel schwerer als man im ersten Augenblick glaubt. Daher zur Frage der „synagogalen Orgelkonzerte" einige Bemerkungen und Vorschläge: Das Orgelkonzert darf natürlich auf keinen Fall bewußt eine Propaganda für den Gottesdienst darstellen. Die in der Synagoge strttfindende künstlerische Veranstaltung wird wohl bestimmt die in Nr. 33 erwünschten Erfolge zeitigen, darf aber nicht Mittel zum Zweck sein. Denn es muß unbedingt betont werden, daß bei Realisierung der Anregung der rein künstlerische Charakter der Darbietungen im Vordergrund stehen muß; denn wie Verfasser in Nr. 33 bereits betonte, darf auf keinen Fall zu Gunsten des Orgelkonzerts eine Elimination des Gottesdienstes stattfinden, da ja das synagogale Orgelkonzert eine künstlerische Darbietung wie jede andere ist, nur ernsten Charakter tragen soll. Die kirchlichen Konzerte müssen uns in Organisation und Programmgestaltung Vorbilder sein: Die Unkosten werden durch Büchsensammlung nach den Darbietungen ohne weiteres gedeckt. Selbstverständlich müssen die synagogalen Orgelkonzerte den kirchlichen unbedingt künstlerisch ebenbürtig und für Hörer und Besucher aller Konfessionen bestimmt sein. Die Programmgestaltung, der wesentlichste und am schwersten lösbare Punkt des Problems, sowie die Werbung und Verpflichtung weiterer Mitwirkender muß in den Händen des Organisten liegen; denn er hat die reichste und tiefste Kenntnis des musikalischen Stoffes. Von jüdisch-religiösen Darbietungen muß unbedingt abgcraten werden; denn es wäre völlig sinnlos, der Liturgie entnommene Stoffe in einem Konzert darzubietrn: ebenfalls scheiden natürlich geistliche Werke christlicher Tonseher eo ipso aus. Ich appelliere an unsere liberalen Organisten, vor ihrer Gemeinde mit Energie sür die Durchführung dieser neuen A n r e g u n g einzutreten und vermittels geschmack- und tvirkungsvoller Veranstaltungen schon in diesem Winter die Existenzberechtignng der neuen Anregung zu beweisen. * Nochmals: Gottesdienst In kissingen i. Bad Kissingen, 27. August 1929. Verehrt. Schristleitung! Ich bin Herrn Obcrkantor Zivi in Elberfeld für seinen Bericht in Nr. 34 Ihres Mattes unter der gleichen Ueberschrist sehr verbunden. Ich fühle mich ihm zu ganz besonderem Dank dafür verpflichtet, daß in weitesten Kreisen die Tatsache bekannt wurde, daß die „Magenfragen" in Bad Kissingen den Rabbiner veranlassen, mit Ernst und religiöser Gewissenhaftigkeit auf die Unterschiede im Kaschruth hinzuweisen. Auch in liberalen Kreisen wird man Verständnis dafür haben, daß der rituelle Fleischbezug, den der vertrauensselige und menschenfreundliche Herr Oberkantor mit solcher Sicherheit behauptet, nicht allein maßgebend ist. Herr Oberkantor Zivi will wohl nichts über seine Restauration erfahren, denn sonst hätte er beim Rabbinat erfragen können, ob das Kaschruth aus tatsächlichen Gründen zu beanstanden ist oder ob die geduldige Bezeichnung „Koscher Restaurant" genügt. Aber, Entschuldigung! Der religiös so sehr gewissenhafte Herr Oberkantor konnte doch kein „loschaun Hora" reden oder anhörcn. Doch wäre er vielleicht einer rein theoretischen Belehrung zugänglich über die Begriffe „loschaun Hora und Chillul haschem", über geschäftliche Schädigung von Restaurationen und über die Pflichten eines gesetzestreuen Kanzelredners und gewissenhaften Rabbiners! Ob dann di« Praxis anders aussehen würde? Allein ich fürchte, Herr Zivi will keine theologischen Seitensprünge machen und loird sich auch in künftigen Jahren mit seine n komischen und kulinarischen Genüssen begnügen. Im übrigen lehne ich es ab, mich mit den freundlichen Ratschlägen und der so wohlwollenden Meinung des Herrn Oberkantor Zivi auseinanderzusetzen. Hochachtungsvoll Rabb. Dr. Bamberger, Bad Kissingen. II. Berlin S.W. 29, den 25. August 1929. Gneisenaustraße 3. An die Schriftleitung der Jüdisch-liberalen Zeitung S.W. 48, Wilhelmstraße 147. Zu dem von Herrn Oberkantor Zivi. Elberfeld, in Nr. 34 Ihrer gesch. Ztg. gebrachten Artikel über „Die gottesdienstlichen Verhältnisse in Kissingen" gestatte ich mir ergebenst, ebenfalls einige Zeilen hierzu beizutragen. Am 6. Juli d. I., Risch Chaudosch Tammus, hörte ich den Sabbat-Gottesdienst ebenso wie den vorhergehenden Freitagabend- Gottesdienst in der frei- und schöngebauten Synagoge in Bad Kissingcn an. — Ich war von beiden Veranstaltungen so unbefriedigt, daß ich den weiteren Besuch des Gotteshauses vermied; so, glaube ich, wird es vielen jüdischen Kurgästen in K. gehen und kann ich daher Herrn Zivi nur beipflichten, tvenn er diese in der Jetztzeit unerhörten Vorgänge auf das Schärfste geißelt. Abgesehen davon, daß dieser sogenannte Gottesdienst, wie vor zirka 30 Jahren in unseren Kleinstädten, schematisch heruntergeleiert wird — dies mag wohl besonders an dem dortigen, sür ein Weltbad mit so vielen jüdischen Kurgästen, total ungenügenden Kantor liegen, da Chor ja natürlich fehlt —, brachte an diesem Neumondssabbat Herr Rabbiner Dr. Bamberger eine über 20 Minuten dauernde, langweilige Predigt ausgerechnet über das Zizzesgebot. — Dieses aktuelle Thema war sicher ein gutwirkendes Schlafpulvcr für die „andächtigen Zuhörer". Es mag auch für den einen oder anderen liberalen, noch mehr für den konservativen Juden ganz interessant sein, über diese längst veralteten Gebote zu hören, wenn die betreffenden Ausführungen wenigstens fesselnd vorgetragen werden. Des Raummangels wegen enthalte ich mich weiterer Aeußerungen; jedermann in jeder Konfession wird die von Herrn Zivi geschilderte Predigt über die rituellen Speisehäuser in K. ausnahmslos verurteilen. Jedenfalls bin ich auch der Meinung, daß die Israelitische; Kultusgemeinde in Kissingen gut daran tun würde, den Anregungen des Herrn Oberkantor Zivi zu folgen und den dortigen Gottesdienst etwas zu reformieren oder wenigstens so zu verbessern, daß die zahlreichen jüdischen Kurgäste Interesse daran haben. — Schon in Hinsicht auf die dortigen israelitischen Kurhospitale, von denen ich die mustergültig geleitete Kinderheilstätte besuchte, wäre dies sehr erwünscht, denn dieselben brauchen nach den von mir gehörten Ansichten der betreffenden Leiterin noch viel mehr als bisher Geldzuwendungen bezw. Unterstützungen der auswärtigen Glaubensgenossen, insbesondere auch der Großstadt -Juden, welche doch wohl den größten Prozentsatz der jüdischen Kurgäste stellen. — Trotzdem die Leitung der besagten Anstalten jedem jüdischen Kurgast ihren Prospekt ins Hans senden und zum Besuch freundlichst auffordern, wird wohl in dieser Beziehung bisher noch zu wenig hierfür getan. Wilhelm Lewinsohn. Aus der Bewegung Berlin. (Gründung des Liberalen Synagogen- Vereins O st e n.) In einer Sitzung am 9. September ist die Gründung des Synagogenvereins „Liberale Synagoge Osten" vollzogen worden. Zum ersten Vorsitzenden wurde Herr Georg Salomonis, Friedrichsfelde, Dallwitzstraße 5, gewählt. Es wird beabsichtigt, im Laufe des Winters im Osten Berlins einen Gottesdienst nach dem Ritus der bereits in Berlin bestehenden drei liberalen Synagogen Norden, Wilmersdorf und Westend cinzurichten. Der neue Verein hat sich der umfassenden Organisation Liberale Synagoge Berlin angeschlosseu, Dortmund. (Mendelssohn-Feier der Liberalen Vereinigung.) Die Ortsgruppe der Liberalen Bereinigung Dortmund veranstaltete am Sonntag, den 8. September, gemeinsam mit dem Centralverein eine öffentliche Moses Mendelssohn-Feier. — Als Mitwirkende hatten die Vereinigungen Frau Ruth Wolfreim vom Stadttheater Dortmund, das Quartett des städt. Orchesters unter Leitung des Konzertmeisters van Kempen und den Dramaturg des Kölner Stadttheaters Dr. Simchowitz als Festredner gewonnen. - - Die Stadt Dortmund hatte den alten Rathaussaal, den Festsaal der Stadt, zur Verfügung gestellt. — Auf dem Podium hatte ein von Künstlerhand gezeichneter Kops Mendelssohns, umrahmt von Blattgrün und Blumen, Aufstellung gefunden. — Eingeleitet ward die Feier durch den ersten Satz des A-moll-Quartetts von Schubert. Der Vorsitzende des C.-B., Rechtsanwalt Dr. Hossmann, begrüßte namens der beiden veranstaltenden Vereinigungen die zahlreich Erschienenen, Frau Ruth Wolsreim sang das H'allelujah von Hummel, begleitet vom Kapellmeister Salzer vom Stadttheatcr. — Hieraus ergriff Dr. Simchowitz das Wort zu seiner Festrede. — In formvollendeter Weise gab er das Lebensbild Moses Mendelssohns, schilderte ihn als den großen Philosophen, den ersten deutschen Schriftsteller und Journalisten jüdischen Glaubens, den Miterneuerer der deutschen Sprache und vor allem den Wegbereiter für die bürgerliche Gleichstellung der deutschen Juden. — Der 2. Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum, Konrektor a. D. Em. Goldschmidt, dankte dem Redner sür die Weihestunde, die er mit einer der Morgenstunden Mendelssohns verglich, aus denen jener religiöse Geist der Erneuerung des Judentums erblühte, der heute über Meere und Ozeane, von Land zu Land im Weltverband alle fortschrittlich gesinnten Israeliten bindet. — Der zweite Satz des Schubertschen A-moll-Quartetts beschloß die äußerst gehalt- und stimmungsvoll verlaufene Feier. Vereinsnachrichten Liberale Synagoge Norden zusammen mit der Ortsgruppe Norden des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde z» Berlin. Am Montag, den 16. September, abends 8 Uhr, im Wohlfahrtsamt, Metzer Straße 1, er st er Gemeind eabend. 1. Vortrag des Herrn Dr. H. Stern: „Was bedeutet Moses Mendelssohn für die deutschen Juden". 2. Rezitationen aus Moses Mendelssohns Werken. 3. Aussprache und geselliges Beisammensein. Gäste willkommen. Die Frauengruppen des.Landesverbandes Groß-Berlin des C.-V. laden ein zu einer Frauenversammlung am Montag, dem 16. September 1929, abends 1/29 Uhr, im Bürgersaal des Rathauses, Königstraße. Frau Stadtrat Klara Weyl spricht über „Die Arbeit der Frau in der Stadtgemeinde", Frau Stadtverordnete Dr. Frieda Wunderlich über „Frauenpflichten im November 1929". Führende Persönlichkeiten aus der Kommunalarbeit werden in der Aussprache das Wort nehmen. (Auch Herren sind herzlich willkommen.) Jüdischer Turnverein Berlin 1905. Der Jüdische Turnverein Berlin 1905 beabsichtigt ab 1. Oktober seine alte Herrenriege weiter auszubauen und gleichzeitig «ine Riege für Damen reiferen Alters einzurichten. Es soll in diesen Riegen nicht Wert auf große turnerische Leistungen gelegt, sondern hauptsächlich gesundheitliche Zlvecke verfolgt werden. Die gymnastischen Uebungen sowie das Geräteturnen soll ganz und gar der individuellen Beschaffenheit der Turnenden angepaßt werden. Die Turnabende finden an den Mittwoch- Abenden von 20 bis 22 Uhr statt. Die Herren benutzen die Turnhalle Große Hamburger Straße; die Damen die Halle der Gemeindeschule, Frommelstraße (Hinter der Garnisonkirche). Anmeldungen werden erbeten an Herrn Rudolf Henn, Sophienstraße 23, Telephon Norden 7871 oder auf dem Turnsaal.