Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 37 (11.9.1929)
- Date
- 1929-09-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gefühlsmäßig schlagen natürlich jetzt die Herzen aller Juden für ihre mißhandelten Glaubensgenossen in Palästina. Aber es wäre ein Unglück für sie und für uns alle, wenn aus Mitleid dem Zionismus neue Anhängerscharen erwüchsen. Nus der Antisemitismus würde daraus neue Kräfte saugen, da nichts ihm mehr Wasser auf seine Mühle führt, als die Argumente der Zionisten. Gerade in gefühlsmäßig erregten Zeiten muß man sich zur ruhigen Vernunft zwingen. Der Weg des jüdischen Nationalismus ist ein Holzweg. Die geschichtliche Aufgabe des Judentums ist die Synthese von Nationalgesühl und Internationalismus. Nicht Palästina sollte sein Hochziel sein, sondern ein wahrhaft demokratischer, die Welt umspannender Völkerbund. Westfalische Allgemeine Volkszeilung: In diesem Blatte der sozialdemokratischen Partei, das auch Publikationsorgan der Freien Gewerkschaften und der Reichsbanner-Organisation in Dortmund ist, veröffentlicht Alexander Szanto in der Ausgabe vom 3. September unter der Ueberschrift „Zionismus und Sozialismus" einen Leitartikel, in dem es heißt: „Die blutigen Kämpfe in Palästina haben die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf die schwerwiegenden Probleme, die in diesem Winkel Vorderasiens durch die seit dem Weltkriege eingeleitete zionistische Siedlungsaktion heraufbeschworen wurden. Kenner der Verhältnisse haben schon seit geraumer Zeit vorhergesagt, daß die Spannung, die sich dort — nicht ohne Schuld aller Beteiligten, der Juden und Araber sowohl wie der englischen Mandatsinhaber — anhäusten, einmal zu einer gewaltsamen Entladung führen müßte. Jetzt ist die Katastrophe da, Maschinengewehre und Flugzeuge haben in Aktion treten müssen, Hunderte von Toten, vernichtete Werte in großem Ausmaß sind das Ergebnis — und noch weiß niemand, wie sich die Entwicklung weitergcstalten wird. Die englische Politik, die während des Weltkrieges unerfüllbare Versprechungen sowohl an die Juden wie an die Araber machte, um sie zu Bundesgenossen zu gewinnen, hat sich bitter gerächt. Die Labour-Regierung muß auch hier, wie in so vielen anderen Fällen, eine von ihren Vorgängern eingedruckte üble Suppe auslöffeln... ... Wir leben im Zeitalter des Erwachens aller Kolonialvölker, in einer Epoche, in der die weiße Rasse nur mit äußerster Anstrengung ihre Herrenpositionen in fremden Erdteilen hält und gar nicht daran denken kann, neue Eroberungen zu machen, sei es auch in durchaus friedlichen Formen. Ter Zionismus erscheint in diesem Lichte als verspäteter Nachläufer der nationalistischen und kolonisatorischen Bestrebungen des vorigen Jahrhunderts... ... Eine andere Seite des Problems kann im Rahmen eines Zeitungsartikels nur gestreift werden, nämlich die Tatsache, daß der Zionismus, der in seinen Anfängen als revolutionäre Erneuerungsbewegung einer unterdrückten Gemeinschaft die Sympathien aller fortschrittlichen Kreise errang, im Laufe der Zeit immer mehr einem ausgesprochen nationalistischen und reaktionären Charakter angenommen hat. So hat man jetzt anläßlich der Unruhen in Palästina erfahren, daß es dort zionistische Faschisten gibt. Noch charakteristischer ist der Umstand, daß in europäischen Staaten die zionistisch eingestellten Juden im Rahmen ihrer Glaubensgemeinschaften den ärgsten reaktionären Unfug mitmachen. So traten sie beispielsweise in Deutschland für die Errichtung konfessioneller jüdischer Schulen ein und verfechten gemeinsam mit den Orthodoxen die Erhaltung und Verewigung längst überlebter religiöser Sitten, was umso bemerkenswerter ist, als die jüdische Orthodoxie an Rückständigkeit und Verbohrtheit den entsprechenden Kreisen evangelischer oder katholischer Prägung in nichts nachsteht. Ginge es nach den Wünschen der Zionisten in Deutschland, so würde die jüdische Jugend in streng religiösem und jüdisch-nationalem Geiste erzogen, was eine Verschärfung der konfessioneller Gegensätze zur Folge hätte. Letzten Endes wäre das Wasser auf die völkischen Mühlen, deren „Rassetheorie" merkwürdige Analogien zu der zionistischen Lehre von der „jüdischen Nation" ausweist. Wohl gibt es auch zionistische Arbeiterorganisationen, gegenüber den zionistischen Großkapitalisten aber, deren Gelder ja für den Palästina-Aufbau unentbehrlich sind, können sie uicht aufkommen. Nach alledem kann der Zionismus gerade im Auge eines sozialistischen Beschauers die geeignete Grundlage für eine Lösung des Judenproblems nicht sein. Gewiß sind die Bestrebungen, verfolgte, entrechtete, von Pogromen betroffene jüdische Menschen in Palästina anzusiedeln, mit Sympathie aufzunehmen. Sollen sie aber dort eine gesicherte Heimstätte haben, so wird man fordern müssen, daß der Ausgleich mit der arabischen Bevölkerung auf friedlichem Wege erfolgt und weder durch Jntrigenpolitik, noch durch nationalistische Treibereien gestört wird. Für die in Europa, besonders in Deutschland verbleibenden Juden aber ist der gebotene Weg die Ungleichung und Anpassung an die Umwelt, die möglichst innige Verschmelzung mit den übrigen Bevölkerungsteilen. Wer ein Bedürfnis dafür empfindet, der möge seine religiöse Eigenart bewahren. Die Sozialdemokratische Partei, für die von jeher der Satz „Religion ist Privatsache" gegolten hat, wird ihn nicht daran hindern, sei er nun Jude oder Christ. Das bewußte Betonen und Aufbauschen religiöser und angeblich nationaler Eigenarten aber führt zu schädlichen Folgen, vertieft die Gegensätze zwischen den Volksgenossen, verewigt den konfessionellen Haß, liefert der rechtsradikalen Propaganda ungewollt Agitationswaffen und dient somit den Juden selbst am wenigsten. Diese Erwägungen wird man sich stets vor Augen halten müssen, wenu man im sozialistischen Sinne zum Zionismus und zum gesamten Judenproblem Stellung nimmt." Montag-Morgen: In der Ausgabe vom 2. September finden sich unter der Ueberschrift „Das heilige Land" folgende Ausführungen: „Blutbad in Palästina? Pogrome im heiligen Lande? Nie sah man deutlicher, ein wie unglückliches Opfer der Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, den religiösen Sentimentalitäten seiner weniger klugen Freunde gebracht hat, als er entgegen seiner besseren Ueberzeugung das Zion der zu befreienden Juden im historischen Zion aufzubauen beschloß, — statt ans dem aussichtsreicheren Boden einer jungfräulichen Kolonie. Tie heiligen Stätten sind seit jeher die blutigsten gewesen, und schon die Erinnerung an die unheiligcn Kämpfe, die um ihretwillen geführt worden sind, hätte von dem Plan abschrecken müssen, gerade dort für die Juden, die in anderen Ländern keinen Frieden gefmcden haben, ein Reich des Friedens zu gründen. Es ist gekommen, wie es kommen mußte. Generationen idealistischer junger Juden haben an den unfruchtbaren, ungesunden Boden Palästinas ihre Kräfte verloren, und aus den Idealen, mit denen sie düngten, ist eine Saat furchtbaren nationalistischen Hasses erstanden. Liegt die Schuld bei den Arabern, bei den Zionisten, bei den kleinen, aber lauten zionistisch-faschistischen Gmppen, die in ihrem Gebühren an die Hitlerschen Hakenkreuzler erinnern? Liegt sie bei der englischen Mandatsverwaltung? Zwei Nationalismen, gesteigert durch religiösen Fanatismus und soziale Lebensinteressen, stehen in Palästina einander gegenüber und die ganze britische Flotte kann nicht verhindern, daß daraus Explosionen entstehen. Ob es noch möglich ist, daß Zionisten und Araber den Boden Palästinas auf friedliche Weise teilen? Ob sich Wege entdecken lassen, den jüdischen Einwanderern Brot zu verschaffen, ohne es den arabischen Alteingesessenen nehmen zu müssen? Aus New Tork wird gemeldet, man sei dort bereit, ein Heer von 10000 Soldaten zu bilden und nach Palästina zu schicken. Welches Glück, daß die englische Mandatsverwaltung sich voraussichtlich weigern würde, dieser zionistischen Armee das Einreisevisum zu geben. Ein neuer Kreuzzug gegen das heilige Land, — es wäre ein allzu trauriges Ende der zionistischen Erlöseridee." Bossische Zeitung: In diesem Blatt, das besonders in Berliner jüdischen Kreisen viel gelesen wird, ist bedauerlicher Weise die Berichterstattung von betrüblicher Einseitigkeit gewesen. Das kann nicht Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß die Berichterstattung über Orientfragen nahezu ausschließlich in zionistisch-revisionistischen Händen liegt. In der Morgenausgabe vom 27. August jedoch finden sich in einem Artikel „Palästina" von I. E. u. a. die folgenden, trotz ihrer vorsichtigen Formulierung beachtlichen Ausführungen: „...In Palästina, dessen Bevölkerung in ihrer großen Mehrheit arabisch, hat die Mandatsmacht die Verpflichtung übernommen, für die Errichtung einer jüdischen Heimstätte zu sorgen, so wie es die berühmte Balsour-Deklaration im Jahre 1917 verhieß. Diese jüdische Heimstätte steht auf dem heißesten Boden der Erde. Wie die Erbauer des zweiten Tempels Schwert und Kelle gleichzeitig bereit haben mußten, so bedeutet die Schaffung einer jüdischen Sonderverwaltung an einem Brennpunkt widerstreitender politischer Interessen, inmitten einer Bevölkerung, die mißtrauisch und leicht erregbar ist, ein Unternehmen, das die Menschen aus allen Ländern, die hier Zuflucht suchen, mitten in neue Gefahren und Verwicklungen stellt... ... Vom Standpunkt der britischen Interessen überwiegt die Rücksicht auf die Mohammedaner. Die Juden haben trotz der Stärkung durch die Einwanderung, die seit 1920 einsetzte, kaum stärker zugenommeu als die Araber durch die natürliche Bevölkerungszuuahme und durch die indirekte wirtschaftliche Stärkung, die sie durch die zionistische Befruchtung des Landes erfahren haben. Für die Mandatsverwaltung ist es gewiß eine Annehmlichkeit, daß es eine Bevölkerungsgruppe gibt, die auf Gedeih und Verderben mit ihr verbunden ist. Aber der Schutz dieser Gruppe, die auch in der Hauptstadt nur eine Minderheit bildet, bedeutet doch gleichzeitig ein Engagement, das für die britischen Weltint er essen unter Umständen eine schwere Belastung ist. Die Arbeiterregierung ist in einem besonders schwierigen Dilemma. Sie will die imperialistischen Maßnahmen nach Möglichkeit abbauen. Sie sucht deshalb Verständigung mit den Aegyptern, und ohne Zweifel bestehen ähnliche Absichten in den übrigen Gebieten, in denen die britische Macht bisher rein äußerlich repräsentiert war, ohne viel danach zu fragen, was die Regierten dazu sagen. Aber diese Verständigung, die eine Verminderung der britischen Truppenmacht ermög^ lichen und herbeisühren soll, führt mindestens in der Uebergangszeit ernste Gefahren herauf. Und der Verdacht ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß die Anhänger einer Politik der „starken Hand", die draußen in den britischen Besitzungen am Ruder sind, nicht allzu sehr erschrecken, wenn schlimme Zwischenfälle und blutige Ereignisse ihrer Weltanschauung, daß Kanonen das sicherste Verstäirdigungsmittel seien, recht zu geben scheinen. In Palästina kann jedenfalls die britische Mandatsmacht, die eine feierliche Verpflichtung vor der ganzckn Welt übernommen hat, nicht mehr zurück. Man kann nur hoffen, daß ein Weg gefunden wird, um die arabische Mehrheit mit der Tatsache zu versöhnen, daß es eine jüdische Miriderheit im Land gibt, die Anspruch auf freie Entfaltung ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Kräfte erhebt, ohne darum die Rechte der übrigen Bewohner des Landes und der übrigen Religionsgemeinschaften anzutasten." 8-rlhr-Mendblatt: In der Ausgabe vom 3. September veröffentlicht der Staatssekretär a. D. Dr. August Müller einen Leitartikel „Der Zionismus". Die Redaktion schickt dem Artikel folgende Vorbemerkung voraus: „Der nachstehende Aussatz berührt ein tiefliegendes Problem, ist ein Versuch, die Wurzeln des Nebels bloßzulegen. Denn es wird der Sache nicht viel damit gedient, jetzt nur zu untersuchen, wer an dem gegenwärtigen Gemetzel die unmittelbare Schuld trägt; man muß sich vielmehr bemühen, die politischen und wirtschaftlichen Ursachen zu ermitteln, um Verständigungsmöglichkeiten zu finden." „... Die Unruhen in Palästina haben das zionistische Problem wieder aktuell gemacht. Eine der politisch und historisch interessantesten Fragen, die es jemals gab und heute gibt, ist damit wieder Diskussionsobjekt geworden, oder besser gesagt: hie niemals entschwundenen Zweifel, ob das neue Zion lebensfähig gestaltet werden könne, erfahren wieder neue Nahrung. An Fragen, die der Zionismus aufwirft, besteht kein Mangel. Da ist einmal das grundsätzliche Bedenken, ob unsere jüdischen Mitbürger gut daran getan haben, eine besondere nationale Ideologie für ihre Glaubensgenossen zu schassen, die ihnen unter Umständen die nationale Assimilierung in ihrer Heimat erschwert, ganz gleich, ob es eine durch Geburt oder Wahl bestimmte Heimat ist. Die Frage ist im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Unruhen auch bereits in der Oefsentlichkeit erörtert worden, sie geht aber mehr die jüdischen Volksgenossen an als ihre andersgläubigen Mitbürger und soll daher hier aus sich beruhen bleiben. Ungeheuer reich und mannigfaltig sind dann die kulturellen, sozialen und politischen Fragen, die sich ergeben im Hinblick auf die Erfahrungen, die man mit dem zionistischen Experiment während seines zehnjährigen Bestehens gemacht hat. Aber auch sie sollen hier nicht Gegenstand von Erörterungen sein, so reizvoll es auch wäre, den zionistischen Mikrokosmos einmal näher zu durchleuchten. Näher liegt die Frage, was die gegenwärtigen Unruhen für die Existenzmöglichkeiten des palästinensischen Staates bedeuten, und zu ihr sollen ein paar Bemerkungen gemacht werden, weil dieses Thema für die Gegenwart ja nun einmal das aktuellste ist. Konkret gesprochen handelt es sich also um eine Antwort auf die Frage, welche Beweggründe die Araber zu dem Versuche veranlaßt haben, das Beispiel der sizilianischen Vesper beinahe 700 Jahre nach diesem fürchterlichen Ereignis zu wiederholen. Ist es Glaubenshaß, sind es R a s s e n g e g e n s ä H e, die hier aufeinanderstoßen oder ist der arabische Fanatismus aus irgendwelchen politischen Gründen aus die unglücklichen Opfer gelenkt worden, die sich auf dem steinigen, unfruchtbaren Boden Palästinas um eine neue Heimat und um eine neue Wirtschaft, liche Existenz mühen? Wahrscheinlich spielen alle diese Gründe eine Rolle bei den Vorgängen in Palästina, aber Zwei Sechzigjöhrige Arthur Holitscher und Fettr Satten. Es gibt gutes und schlechtes Judentum. Der Geist des guten hat bereits vor Jahrtausenden, als man in Europa noch in Bärenfellen herumlief und Auerochsen jagte, menschliches Ethos geschaffen und lwachgerüttelt, hat sein Donnerwort vom „Nächsten wie dich selbst!" als höchstes Ideal über dem ewig-unausrottbaren Unrecht der menschlichen Gesellschaft ertönen lassen. Den Geist des modernen schlechten Judentums könnte man vielleicht mit den Begriffen Genußgier, Börsianertum, Oberflächlichkeit, Traditionsunkenntnis und „Kurfürstendamm" charakterisieren, obwohl dies alles beileibe keine billigen Verallgemeinerungen bedeuten sollen. In den letzten zwei Wochen sind zwei hervorragende deutsche Schriftsteller jüdischen Bluts 60 Jahre alt geworden, die so ganz und gar in ihrejc Persönlichkeit und in ihrem reichhaltigen, fruchtbaren Schassen gutes Judentum verkörpern, daß man ihrem Wesen und Wirken Ehrerbietung und Bewunderung zollen muß. Beide sind, obwohl ganz verschiedene Naturen und ganz verschiedene Charaktere, nach Heineschem Wvrt gar „brave Soldaten im Befreiungskriege der Menschheit", im Ringen um ein besseres Sein der 'Allgemeinheit. — Beide haben viel geleistet und stehen noch aütf der Höhe ihres Könnens und ihres Lebens. Beide sind anerkannte deutsche Dichter und haben gerade als solche sich zeitlebens intensiv mit jüsdischen Dingen und Problemen besaßt. Das Werk beider geht um die Erhöhung, Reinigung, Besserung der seelischen Kultur unserer Zeit. Beide sind im schönsten Sinne des Wortes „ganze Menschen". Der aktivere, unstetere, kämpferische von beiden ist Holitscher. In Ungarn auf einem kleinen Gut geboren, muß er als blutjunger Mensch Bürobeamter werden, entflieht aber bald aller Einseitigkeit und Enge, wird deutscher Schriftsteller und rasch eine geistige Potenz in unserer Zeit. Und eine geistige Potenz, ein unermüdlicher Mahner und getreuer Eckart ist er seitdem geblieben. Sein Ruhm, seine Anerkennung sind in stetem Wachsen begriffen. Ist doch der beste und wesentliche Teil seiner Lebensarbeit keiner Mode unterworfen! — Vielleicht werden dereinst einige seiner dichterischen Schriften veralten, seine sozial-religiösen me’ Ungefähr 40 Bücher hat Holitscher veröffentlicht, alles gute Bücher, die den verworrenen Lärm unserer Zeit so gelassen bejahen, die den geheimen Stimmen des Guten nachgehen und das wimmelnde Gedränge mit tapferem Schritt durchdringen. Romane, Erzählungen, Essays, Dramen in bunter Folge und vor allem viele wertvolle ethnologische Reiseberichte, die aber gleichzeitig ethische Bekenntnisse sind. In allen seinen Schriften geht es um den Sinn und die Durchsetzung menschlicher Güte und die Wegbereitung zu einer besseren Zukunft. Als ein Gläubiger und Hoffender mit der großen, so echt jüdischen Erlösungssehnsucht im Herzen, ist Holitscher linksgerichteter Politiker, ja Kommunist geworden, schon lange vor dem Kriege, schon zu einer Zeit, als es noch keine derartige Partei mit ihrer Clique und ihren vielen radaulustigen ungeistigen Mit- und Nachläufern gab. Der Weltkrieg, dieser ungeheure Zusammenbruch menschlichen Gemeinschaftsgefühls, ist wohl die schwerste Zeit des Dichters gewesen! Nach der Katastrophe wurde er politisch noch interessierter, ja sogar politischer; Fanatiker und hat sich der extremsten Linken angeschlossen; aber trotzdem sieht und beschreibt er die Dinge, wie sie.sind, und nur selten stören bei ihm Betrachtungen durch die Parteibrille. Seine großen Wanderungen durch die Vereinigten Staa-- ten, durch Kanada, durch ganz Asien usw>. hat Holitscher in wertvollen, umfangreichen Werken beschrieben; aber diese Bücher sind alle, wie gesagt, viel, viel mehr als bloße „Reisetschilderungen". Der Dichter fühlt gestaltend, daß der Sinn und das praktische Ziel jeder echten Religiosität eine fortschreitende, auf Liebe und gegenseitigem Sich-Verstehen beruhende Vergemeinschaftung der menschlichen Gesellschaft ist, uird er sucht die Lebensformen, die zu einer solch höheren Kultur, zu einer Veredlung unserer gesamten Existenz führen, zu erforschen. Er verzweifelt nicht am Menschen, wie Strindbera, sondern glaubt an ihn. Allenthalben sieht mrd beklagt er seine Gebundenheiten, sein Lastträger-Dasein, sein Frohnen- Müssen, aber überall in der Welt, wo Freiheiten im Werden sind, wo wahre soziale Führer Erlösungen verkünden, wo neue Siedlungen entstehen, da lauscht Holitscher dem „neuen Liede", seiner Melodie und verkündet diese in hinreißender Sprache und Zukunstsgläubigkeit. Immer wieder predigt er, daß Güte in allen Menschen vorhanden sei und nur erweckt und erzogen zu werden braucht, um dereinst doch siegen zu müssen über all das, was an seelischer Verhärtung in erdrückender Fülle das Dasein belastet. Schon in dem kleinen Traktat „Leben mit Menschen" hat Holitscher 1906 eine Art philantropisches System entwickelt. Das Werk geht aber den Problemen zum Teil noch von der ästhetischen Seite zu Leibe. Die erste, 1912 erschienene umfassende Monographie „Amerika heute und morgen" spiegelt in mannigfachen Beispielen, in überaus lebendiger Weise die Wünsche des Autors und vieler dor: lebender „Gutgesinnter" nach freiheitlicher Umgestaltung des sozialen Lebens. Die glühende Sehnsucht des Autors, seine furchtbaren Enttäuschungen während des Krieges haben unter anderem in dem ergreifeiü>en „Bruder W u r m" ihren geistigen