Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 36 (4.9.1929)
- Date
- 1929-09-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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s. Jahrgang Nummer ZS 2. Beilage 4. September 1929 JMchOmckZewag Moritz Türk Was war uns Türk? Moritz Türk ist dahingegangen. Wir haben ihn auf seinem letzten Weg geleitet, haben aus manch bc redtem Munde sein Lein und Wirken würdigen hören. Und doch fühlen wir die Verpflichtung, uns noch einmal, für den Kreis der liberalen Freunde, klarzulegen, was er uns war. I. Türk war unser Führer im Gemeindeleben. Zelten ward die Führerschaft so ausschließlich durch Führerqualitäten errungen wie von ihm. Als er das erste Mal zum Repräsentanten der jüdischen Gemeinde kandidierte, bestand noch das Wahlsystem, das die Gewählten nach der Zahl der erhaltenen Stimmen ordnete. Von der siegreichen Liste blieben diejenigen Stellvertreter, die von einer Anzahl von Wählern gestrichen waren. Und Türk schien zur Rolle des ewigen Stellvertreters verurteilt. Was war neben den Männern, denen schon ihre Erfolge im Geschäftsleben Ansehen verliehen, neben denen, die von einflußreichen Gruppen oder Organisationen gefördert wurden, der simple Oberlehrer, der sich seinen Lebensweg ganz allein bahnen mußte; der noch dazu, als Mitglied der Resormgemcinde, im — wenig verdienten — Geruch des Radikalismus stand; dem schließlich jede Streberei, jedes .Haschen nach Popularität fremd und fern war? Da fanden sich leicht einige Dutzend Wähler, die einen solchen Mann strichen und ans Ende der Liste verdrängten. Aber seine Leistung hob ihn bald hervor und nach und nach wurde er immer nnehr zum schließlich auch gewählten und anerkannten Haupt der Liberalen in der Gemeindeverwaltung. Durchdrungen hatte sein scharfer Geist alle Zweige der Gemeindeorganisation. Kenner muß man sein, um Führer sein zu können, und Türks Arbeit machte ihn zum wahrhaften Kenner jedes Arbeitsgebiets, in dem er wirkte. Sicher erfaßten sein klarer Verstand, sein praktischer Sinn die Notwendigkeiten der Stunde. Fest ins Auge faßte er stets sein Ziel. Und stimmgewaltigen Mundes wußte er es in kleinerem wie in größerem Kreis zu vertreten. Seine Beredsamkeit war, seinem Wesen gemäß, nicht Blendwerk. Türk berauschte nicht, er überzeugte. Dabei war es doch oft ein Vergnügen, mit anzuhören, wie seine Worte Glied an Glied knüpften, bis das Geisteswerk gebildet war: kristallklar in Logik und Jdeenführung, beherrschend dadurch und zwingend. II. Türk war unser Führer. Voll und ganz war er liberaler Jude. Wir können es nicht billigen, wenn von ihm nach einem viel mißbrauchten Dichterwort gesagt worden ist, er habe aus einer höheren Warte gestanden als auf der Zinne der Partei. Freilich wenn man Parteigeisl als Cliquenwesen auffaßt, als „Versicherung aus Gegenseitigkeit" zur Förderung der Verbundenen, wenn man den Parteimann darin sieht, daß er kein Verständnis hat für das Streben andersgerichteter Geister — dann war Türk kein Parteimann. Aber mit solcher Betrachtung wird man dem Wesen des Parteiensystems im öffentlichen Leben nicht gerecht, konzentriert vielmehr den Blick auf seine Auswüchse. Es ist unmöglich, ein Gemeinwesen anders zu fördern, als von dem festen Grund durchdachter und gefestigter Anschauung, die der Einzelacbeit Richtung und Ziel gibt. Es ist aber auch unmöglich, wenn sich nicht Gleichstrebende verbinden und sich selbstgewählter Disziplin unterwerfen, damit nicht die Wirkung ihres Strebens für das Gemeinwohl dadurch ansgehoben wird, daß in jeder Einzelfrage der Einzelne seine Sonderwege geht. Türk wußte das. Er hat diese Selbstdisziplin verlangt und — auch als Führer selbst geübr. Er war darob ein Parteimann im b e st e n Sinne. III. Türk war im besten Sinne ein Afsimilant. Kaum jemand wußte, daß seines Hauses ostjüdische Vergangenheit, die ja bei den meisten deutschen Juden zu erforschen ist, so wenig zurücklag, daß er selbst noch in Wilna geboren war (allerdings schon in frühester Kindheit nach Thorn, im elften Jahre nach Berlin verzogen war). Trotzdem bat niemand von den Gegnern, als es anläßlich seines 70. Geburtstages bekannt wurde, gewagt, persönliche Kritik daran zu üben, daß er zu den stolzesten, bewußtesten und beredtesten Verfechtern der Synthese von Deutschtum und Judentum gehörte. Jedem war klar, daß er nur vertrat, was subjektiv ihm innerste Ueberzeugung, was objektiv ihm durch sieben Jahrzehnte zu eigenst erworbenes Kultur- und Geistesgut war. Trotz aller Bevölkerungspoliiik, der übrigens gerade Türk sein besonderes Interesse zuwandte, liegt die Zukunft des deutschen Judentums in der Fortsetzung, richtiger: der Wiederaufnahme der Assimilanon nachdrängender jüdischer Massen an unser Kulturniveau. Schmerzlich stimmi die Ueberlegung, wieviel seit Türks Jugend das deutsche Judentum, die deutsche Kultur überhaupt, unter dem Vorherrschen von Geistesrichtungen, die den Begriff der Kulturgemeinschaft nationalistisch verengen und rassisch abschließen, an werbender Kraft eingebüßt hat. Dieser verderblichen Entwicklung hat sich Türk in seinem Kampf gegen die Errichtung neuer jüdischer Profanschulen mit aller Energie entgegengestemmt. IV. Keiner war hierzu berufener als er, der führende Schulmann der Gemeinde. Seit Jahrzehnten gehörte er dem Schul- und Talmud Thora-Vorstand der Gemeinde an. Intimste Fachkenntnis war ihm eigen. Stand doch sein ganzes Berufsleben im Dienste des Jugendunterrichts. Alt- und Neuphilologe zugleich, hat er bis zur gesetzlichen Altersgrenze an einer Berliner Realschule gewirkt und noch nach seiner Pensionierung blieb er Jahre hindurch in privatem Rahmen im Dienste der unterrichtlichen Praxis. Seine vielfältige Erfahrung übertrug er von seinem amtlichen Wirken aus das ehrenamtliche in der Gemeinde. Und da er jeder Unzulänglichkeit, jedem Schlendrian Feind war, da er die Pflichttreue, die ihm vorbildlich zu eigen war, auch von anderen, Lehrern wie Schülern, verlangte, so war er nicht immer ein bequemes Mitglied der Schulverwaltung, aber stets ein fruchtbringender Kritiker, ein anregender Förderer. V. Türk war auch ein Führer auf dem Gebiete des jüdischen Wohlfahrtswesens. Nachdem er schon im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund als Leiter der Gcmeinde-Unterstützungskommifsion tätig gewesen war, übernahm er im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden den Vorsitz im Wohlfahrtsausschuß. Die Anerkennung, die seine unermüdliche Tätigkeit bei allen Richtungen der jüdischen Gemeinschaft errang, ist ein Beweis für die Vielseitigkeit seines Geistes, mit der er noch in seinen älteren Jahren die verschiedenartigsten Ideen, die an ihn herangetragen wuroen, zu verarbeiten und zu verwerten verstand, zugleich für die strenge Gerechtigkeit seines Seins und Wirkens. Sie ist zugleich Beweis für die heute wohl nur noch gelegentlich angezweifelte Tatsache, daß ein „jüdisches .Herz" keine ausreichende Ausrüstung für ersprießliches Wirken im Woblfahrtswesen ist, sondern daß es unterstütz! sein muß durch die methodische Arbeit eines zielklaren Verstandes. VI. Ein Vorbild war uns Türk nicht nur aus Grund seiner Leistungen, sondern auch als Charakter. Mir erschien er stets — ich hoffe, daß das Bild nicht mißdeutet wird — wie ein knorriger Baum. Festigkeit und Unbeugsamkeit, Geradheit und Natürlichkeit waren hervorstechende Eigenschaften. Zu feiner schon erwähnten strengen Gerechtigkeit gesellte sich geschwisterlich die absolute Sachlichkeit. Oft war er scharf, nie war er gehässig; nicht selten, wenn es die Sache gebot, wußte er die Waffe der Ironie zu gebrauchen, niemals aber wurde er absprechend oder verletzend. So erwarb er sich ehrliche Anerkennung auch bei den Gegnern, mit denen er so oft die Klingen des Geistes gekreuzt. Türk war kein Mensch, der sich schnell und leicht hingab. Seine innige Verbundenheit mit dem Kreis seiner Familie, mit seiner Lebensgefährtin zumal kann hier nicht gewürdigt werden; ich fühle mich auch dazu nicht berechtigt. Persönliche Freundschaft verband ihn nur mit einem engen Kreis der Gleichstrebenden, Berufskollegen zumeist, von denen ihn einer, M o r i tz S ch a e f e r, einst dem jüdischen Leben zugeführt hatte. Und doch war ihm, unter der Schale seines Wesens unschwer erkennbar, ein wohlwollender Sinn, ein warmes — ja weiches — Herz eigen. Einmal, bei seinem 70. Geburtstag, haben wir sein Gefühl überftrömen sehen. Es war uns keine Entdeckung, nur eine Bestätigung, die übrigens — mich wenigstens — mit der Befürchtung erfüllte, daß ihm dieses Hervorbrechcn des Gefühls körperlich schädlich sein könne. So schienen wir, seine Mitstreiter — von diesen persönlichen Freunden abgesehen — ihm menschlich immer irgendwie fern zu stehen — und fühlten uns ihm doch in Verehrung nahe, weil wir sein innerstes Wesen zu erfassen glaubten. In Verehrung und in Dankbarkeit werden wir daher seiner, seines Wesens und seines Wirkens stets gedenken. Walter Breslauer. Abschiedsgruß aus der Ferne Sagt, ich kann es nicht fassen und deuten, Was so schnell sich erfüllend genaht! Es sind genau vier Wochen her, als er zu mir kam, um sich für die neue Arbeitsepoche vorzubesprechen. Zweieinhalb Stunden plauderten wir - er ging ohne Hut in den sinkenden Sommertag hinein, und seine letzten Worte waren: „Also, wenn nicht früher, auf Wiedersehen nach meiner Reise Ende Oktober zur Arbeit." Ein Abschied, der der Abschied wurde! Was er unserer Sache war, wir haben es erst vor kurzen Monaten zu seinem 70. Geburtstag gewürdigt. Dem Vollendeten kann jetzt nur die trauervolle Liebe sagen, daß wir mehr verlieren als eine „Arbeitskraft". Der gerechte, vornehme, bei allem sachlichen Ernst innerlich gütige Mensch, ist dahin. Mitarbeiter, Helfer, wohl auch Führer werden uns wieder geschenkt werden — aber der Charakter, das Gewissen unseres Freundes Türk ist unersetzlich. Er hatte seine Weltanschauung, aber versteinerte nicht in ihr. Noch in unserer letzten Unterredung sagte er mir: „Ich fühle — wir sind eine Generation des Uebergangs, wir dürfen den Anschluß an die Jugend nicht verlieren." Er als Lehrer wußte, daß das Lernen nie aufhört. Ist es nicht bezeichnend, daß es die führenden Männer aus dem gegnerischen Lager waren, die ihm an seinem Fest das Schönste, innerlichst überzeugt, sagten, daß er, obwohl Führer einer Partei, als Jude, als Mensch allen teuer war? Er hatte tiefstes Gefühl für die Gemeinschaft aller Juden und die liebste Arbeit war ihm seine soziale Tätigkeit im Landesverband. Er, der jahrelang für uns an sichtbarster Stelle Wortführer war, sagte mir zuletzt, daß ihm im Grunde alles 'Reden zusammen nicht die Befriedigung gewährt habe, wie seine stille sachliche Arbeit im Dienste der Bedürftigen! Er liebte die Gesamtheit. Noch in der letzten Stunde bekannte er sich mir gegenüber als unverbrüchlicher Anhänger eines alle Richtungen umfassenden einheitlichen liberalen Judentums und in der Gemeindepolitik als ebenso unbedingter Anhänger der Einheitsgemeinde, auf die, wie er sagte, gerade wir deutschen Juden stolz sein dürften. « Vieles schien noch vor ihm zu liegen, so viel Lernen, so viel Schaffen — es ist anders gekommen. Wollen wir ihn wahrhaft ehren, so müssen wir wie er der Sache alles opfern, müssen seinem Fleiß nacheifern und seiner Gerechtigkeit. Und noch lange werden sich aller Blicke auf feinen Platz lenken, der leer bleibt — länger wird unser Herz fühlen, daß wir verwaist sind. Aber sein gedenken heißt: arbeiten, ihm gerecht werden heißt: dem Judentum sein Ganzes geben, ihm ein Denkmal setzen fordert: tätig und wahr sein wie er. Sils-Maria, 28. August 1929. Heinrich Ster n. Die Bestattung Professor Tr. Moritz Türk gehörte zu den Menschen, die hinter ihrer sachlichen Arbeit zurücktreten. Diese Arbeit kennt und würdigt mau; aber den Menschen, der sie leistet, nimmt man als etwas selbstverständlich Vorhandenes hin. Erst wenn er nicht mehr vorhanden, merkt man, was man besessen und nun verloren hat. „Ich kann mit Einem durch das Leben gehn. Und erst, wenn schon der finstre Totenschiffer Mit ihm vom Lande stößt, und alle Andern Tie Tränen trocknen, rufe ich ihm nach: Noch Eins, mein Freund, ich Hab dich auch geliebt." Tiefes Bekenntnis der Liebe und .Hochschätzung dem Tahingeschiedenen nachzurusen, fühlten sich Viele, sehr Viele tief innerlichst bewogen, - die ganz außergewöhnlich starke Beteiligung legte davon Zeugnis ab. Bereits Mittwoch, 28. August, bei der Ueberführung vom Jüdischen Krankenhaus in der Exerzierstraße nach Weißensee war diese Beteiligung weit stärker, als sonst bei Überführungen der Fall zu sein pflegt. Außer den Verwandten des Verstorbenen und den Mitgliedern der Chewra Kadischa hatten sich Vertreter der Liberalen Repräsentanlen-Fraktion, des Liberalen Vereins, des Landesverbandes und der Reformgemeinde eingefunden. Die Chewra Kadischa hatte die T'hara übernommen. Nach Verrichtung der rituellen Gebete entwarf Rabbiner Dr. Link ein Lebensbild des Entschlafenen als eines Kämpfers, der stets mit Geschick und Kraft für seine Ueberzeugung eingetreten ist, aber stets vermied, ungerade Wege zu gehen. * Am Freitag mittag, 30. August, wurde, was sterblich an Moritz Türk war, in Weißensee zur letzten Ruhe bestattet. Die Alte Halle erwies sich als zu klein, das Trauergefolge aufzunehmen, welches sich wohl aus allen