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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-09-04 · 36 (4.9.1929) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
36 (4.9.1929)
Date
1929-09-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Bezirken, Schichtungen und Organisationen der Berliner Judenbeit zusammenschte. Von den Organisationen und Körperschaften, die sich vertreten ließen, seien hier genannt: Rat und Landesversammlung des Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, Liberale Frattion des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Vorstand und Repräsentanten-Versammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Liberale Fraktion der Repräsentanten-Versammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Deutsch-Israelitischer Gemeindebund, Jüdische Reformgemeinde, Vereinigung für das liberale Judentum, Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin u. v. a. Nahezu sämtliche Rabbiner Berlins waren anwesend. Nach einem stimmungsvollen Harmonium-Vorspiel sang der Chor der Synagoge Fasanenstraße „Herr, was ist der Mensch...." in der Komposition von Kellermann. Sodann ergriff Herr Rabbiner Dr. Lehmann, dem der Verstorbene durch die Zugehörigkeit zur Jüdischen Reformgemeinde besonders eng verbunden war, das Wort zu folgender Gedenkrede: Wenige Monde sind vergangen, seitdem wir uns alle zusammenfanden in froher Feier im Hause des Heimgegangenen, wir, seine Lieben, seine Freunde, seine Genossen aus dem Gebiete humanitären Wirkens. Ta schwebte auf unfern Lippen das Wort des Psalmisteu über die siebenzig Jahre, die des Menschen Leben begrenzen, und wir glaubten und hofften doch alle, und wir durften glauben und hoffen bei per Rüstigkeit des Gefeierten, daß noch Jahre und Jahre seinem Leben hinzugefügt werden würden. Wir sehen, daß Irren unser Menschenlos ist, aber wahr bleibt doch, was wir von dem Inhalt seines Lebens dachten, daß er köstlich war, weil er Mühe und Arbeit gewesen ist. Mübe und Arbeit von frühester Jugend an, in der er sich aus schwersten familiären und materiellen Verhältnissen heraus emporarbeiten mußte. Mühe und Arbeit bis in die lebten Lebenszeiten, in denen er das hohe Glück genoß, im Treuste und zum Heile der andern sich strebend bemühen zu können. So ward seinem Leben Inhalt und Wert, wie der Psalmist kündet von des Menschenlebens Sein und Sinn: „Daß der Mensch ausgeht au sein Werk, an seine Arbeit bis zum Abend." Worin dieses Werk seines Lebens bestand, das wird aus anderm Munde noch gekündet werden. Aber wie er alles zu leisten vermochte, und wie in seinem Werk fein Wesen, sein Charakter, seine Persönlichkeit sich offenbarten, das glaube ich sagen zu können, da ich das Glück hatte, daheim und auf der Reise tiefe Blicke in seine Seele zu tun. Wenn er auf froher Wanderung, rüstig wie ein Jüngling, frisch und heiter wie ein Mensch, der nichts zu verbergen und nichts zu bereuen hatte, von dem sprach, was ihm Herz und Seele bewegte. Hatte er sich auch der äußeren und inneren Enge des Elternhauses durch eigene Kraft entrungen, die Stimme Jakobs, die dort in feierlicher Stunde erklang, hallte nach durch sein ganzes Leben. Das Judentum war ihm Lebensquell und Herzensborn. Aber wie er sein äußeres Leben selbst gestalten mußte, so war er auch Gestalter seiner inneren Welt. „Unser Gott und der Gott unserer Väter", so sprechen wir in unfern Gelbeten. Nur wenn wir unfern Gott in uns erleben, wenn wir seine Stimme in unserm Herzen hören, nur dann begreifen und erfassen wir ihn auch als den Gott unserer Väter. Ein Quell lebendiger Wasser, wie das Prophetenwort sagt, war ihm sein Gott, und darum wollte er diese Wasser des Lebens nicht fassen in geborstenen Zisternen, die die Wasser verrinnen lassen. So trat^ er in den Kreis unserer Reformgemeinde, vollbewußt, daß ihn diese Verbundenheit nicht trennen würde von dem Grundstrom der Jahrtausende, sondern daß der alte Wein in neuen Schläuchen erst recht Kraft und Feuer und Duft bewahren würde. Kein Sondersein sollte es sein, sondern ein Fortschreiten, ein Weiterführen innerhalb der jüdischen Gesamtheit. Und so gewährte es ihm tiefste Befriedigung, und das war auch ganz im Sinne unserer Gemeinde, daß er sein Wirken und Schaffen in der jüdischen Allgemeinheit so segensreich entfalten konnte. Aber auch diese jüdische Allgemeinheit wollte er nicht als Sondergemeinschast. Eine Blume sollte sie sein im Beete des Vaterlandes, im Garten der Menschheit. Er hatte sich tief eingewurzelt im deutschen Heimatboden. Deutsche Sprache und deutsche Sitte, deutscher Geist und deutsche Kultur waren ihm Heimat feines Geistes und seines Herzens. Gab ihm sein Judentum die Heimat in der Welt, in des Lebens ewigen Fragen und Aufgaben, so gab ihm sein Deutschtum die Heimat auf der Erde. Und Judentum und Deutschtum aufs Innigste verbunden, und jedes in seiner vollen Totalität, so 'war er ein Ganzer, ganz vor dem Ewigen, seinem Gotte. Und darum verstand und ehrte er alle, die gleich ihm nach solcher Ganzheit strebten, mochten ihre Wege auch andere fein. Und so scharf er sprechen konnte gegen die Halben, die Lauen und die Gefleckten, so wußten seine ehrlichen Gegner, daß sie ihm in seiner Rechtlichkeit nie als Feinde galten. „Heil dem, der das Recht wahrt", sagt der biblische Dichter, „der Gerechtigkeit übt zu jäwr Zeit." Mit diesem Zusatz „zu jeder Zeit" meint der Dichter nach der Ansicht der Alten den Mann, der dieses gerechte Walten auch übt in seiner eigenen Familie. Was der Verstorbene Ihnen gewesen ist, meine Lieben, seiner geliebten Frau, seinen teuern Kindern, was er Ihnen war als Beispiel und Vorbild, als Helfer und Freund, liebend und sorgend und betreuend in jeder Stunde, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen, das fühlten Sie in jeder Minute, das fühlen Sie aufs Tiefste in dieser schweren Stunde des Abschieds. Voll Tank und Stolz saher auf die treue Gefährtin, Genossin und Gehilfin seines Lebens, die Freundin seines Herzens und seiner Seele. Voll Vaterstolz und Vaterfreude blickte er auf die geliebten Töchter. Wie befriedigte ihn die Lebensarbeit der älteren Tochter in ihrem sozialen Berufe. Wie weitete sich sein Herz und erquickte sich seine Seele an dem Wohllaut der Stimme, mit der die jüngere Tochter sich Gunst und Wohlgefallen der Menschen zu erringen wußte, und in inniger Vaterfreude sah er auf das häusliche Glück, das sie an der Seite ihres von ihm hochgeschätzten Mannes gesunden hatte. So fand er Lebenslohn und Lebenssegen in seinem Hause, Lebensdank und Lebensbefriedigung in seinem ganzen Wirken und Schaffen. Aufwärts ging sein Lebensweg von frühester Jugend bis an die Grenze des Lebens. Aufwärts ging sein Lebensglück, sein Lcbensheil, sein Lebenssegen. So ward an ihm . erfüllt das Wort des biblischen Spruchdichters: „Ter Pfad der Gerechten ist wie der Helle Sonnenglanz, der immer lichter wird bis zur Höhe des Tages." # i Namens des Vo rsta nd es der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sprach Herr Rechtsanwalt Kolle n s ch e r. Er rühmte das Verständnis, die Sachkunde und Arbeitskraft des Entschlafenen. „Wir hatten uns gewöhnt, in allen Fragen ihn zu hören. Wir hatten uns gewöhnt, seinen Rat, seine Empfehlungen, seine Warnungen zu prüfen. Keine Repräsentantensitzung verging, in der er nicht das Wort nahm, keine Sitzung irgendeiner wesentlichen Kommission, an der Türk nicht beteiligt war und den Entschließungen seinen Stempel aufdrückte. Ja, kaum ein Aktenstück in unserer umfangreichen Gemeindeverwaltung, welches nicht von seiner Mitarbeit Zeugnis ablegt...." Als nächster Redner ergriff Herr Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee das Wort. Er sprach im Aufträge der R e - präsentanten-Versammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde sowie auch des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Auch er rühmte die Sachlichkeit, Rechtlichkeit, die Gabe des Verstandes, des Herzens, der Rede und des Humors, die den Verstorbenen ausgezeichnet hatten, der seine Gegner achtete und den daher auch die Gegner achteten. Besonders hob er die schier unmeßbare Arbeit hervor, die Prof. Türk innerhalb des Landesverbandes auf dem Gebiet der Wohlfahrt und der Bevölkerungspolitik geleistet hat. Sodann erhob sich als Sprecher der Liberalen Repräsentanten-Fraktion Herr Studiendirektor Dr. Gutmann zu einem aus tieferschüttertem Herzen kommenden Scheidegruß m den Führer, der hier im Wortlaut wiedergegeben sei: Mir liegt die schmerzliche Pflicht ob, namens der Liberalen Fraktion der Repräsentanten-Versammlung der Jüdischen Gemeinde dem allzufrüh und unerwartet dahingegangenen Freunde Worte des Gedenkens und des Dankes zu widmen. Wir trauern mit seinen Angehörigen und allen denen, die ihm nahestanden, um den Hingang des liebenswerten, tüchtigen, vornehmen, mit reichen Gaben des Geistes und des Herzens ausgestatteten Menschen, trauern, daß wir uns seiner Gegenwart nicht mehr erfreuen dürfen, daß er dem Leben entrissen ist, das er so liebte, und dessen Gaben in Wissenschaft, Natur und Kunst er mit seiner feinen Kultur so vornehm zu genießen verstand. Doch zu dieser Trauer gesellt sich die erschütternde Erkenntnis, daß wir Unersetzliches, daß wir unseren Führer verloren haben, so daß wir uns voll ernster Sorge fragen: Wer wird an feine Stelle treten? Tenn zum Führer war er wie kaum ein anderer befähigt, und willig und gern ordnete sich ihm ein jeder von uns unter. Jeder lauschte gern seinen Worten, wenn er als Vertreter der Fraktion in der Repräsentantenversammlung zu wirksamer Rede das Wort ergriff. Immer fand er das die Sache haarscharf treffende Wort, immer lag seinenAusführungen -eine umfassende und tiefeindringendeKenntnis der einschlägigen Verhältnisse zugrunde, immer trat aus seinem ungekünstelten Pathos die innere Anteilnahme deutlich hervor, immer merkte man, daß die Tätigkeit in der Versammlung ihm Herzenssache war. Wohl standen ihm auch Witz und Ironie zu Gebote, aber niemals verletzte er seinen Gegner, niemals kämpfte er mit vergifteten Waffon; geistige Kämpfe auf geistige Weife auszutragen, war ihm natürliche Pflicht und Auswirkung seines ritterlichen, vornehmen Charakters. So war er nach außen ein würdiger und einflußreicher Vertreter des religiösen Liberalismus in unserer Gemeinde. Mer mehr als hier trat die Gediegenheit seines Wesens in der Arbeit hervor, die in der Vorbereitung der Repräsentantensitzungen zu leisten ist. Er war in den Fraktions- und Ausschußsitzungen der fleißigste Arbeiter. Es gab keine Vorlage des Gemeindevorstandes und keinen Initiativantrag, mit dem er sich nicht eifrig beschäftigt hätte, sein scharfer, klarer Verstand befähigte ihn zu klugem Urteil und sachlicher Entscheidung, und seine Meinung wurde in den meisten Fällen als die richtige erkannt. Und seinen unermüdlichen Verhandlungen mit den Vertretern anderer Fraktionen ist es zu verdanken, daß in den letzten Monaten eine gewisse Befriedung in unsere Verwaltung eingezogen ist und die Vertreter entgegengesetzter Anschauungen sich zu gemeinsamer Arbeit im Dienst unserer Gemeinde zusammengefunden haben. Moritz Türk war ein Liberaler von altem Schrot und Korn. Ein deutsches Judentum, in dem Deutschtum und Judentum sich zu schöner Harmonie verbanden, wie sie sich in ihm selbst, dessen Wiege in Rußland stand, der aber mit inniger Liebe an seinem neuen Vaterlande hing, so wunderbar vereinigten, das war sein Ideal. Darum setzte er sich für Formen des Gottesdienstes ein, die seinem deutschen Kulturempfinden entsprachen, trat er Bestrebungen entgegen, Formen des Gemeindelebens, die auf anderem Boden und unter anderen Verhältnissen vielleicht angemessen sind, in unsere Gemeinde zu verpflanzen: darum widersetzte er sich auch der Gründung neuer jüdischer Schulen, weU er von ihnen — ob mit Recht, sei dahingestellt — eine Entfremdung von unseren Mitbürgern, eine Abwendung von deutscher Kultur befürchtete. Aber bei aller Festigkeit seiner Grundsätze besaß er doch Elastizität genug, um einzusehen, daß auch der Liberalismus nicht in den Ideen erstarren darf, die frühere Generationen geschaffen haben. Immer mehr wandte er sich von einem politisch gefärbten Liberalismus einem Liberalismus von stark religiösem Gehalt zu, und verständnisvoll kam er Bestrebungen der Gegenwart entgegen, soweit sie nur irgend mit seinen Anschauungen in Einklang zu bringen waren. Aber Moritz Türk war kein bloßer Parteimann. Ueber der Partei stand ihm unsere Gemeinde und das Gesamtjudentum, und ihnen glaubte er am besten zu dienen, wenn er sich für das Judentum in der Form einsetzte, die ihm die in seinem wahren Wesen begründete zu sein schien. Je mehr wir uns das Wesen des Verstorbenen vor Augen führen, desto mehr ergreift uns Trauer darüber, daß er von uns gegangen ist, zu früh für die Seinen, für uns und unsere Gemeinde. Teurer Freund, deinen klugen Rat können wir nicht mehr hören, deiner Rede nicht 'mehr lauschen, uns deines freundlichen Umgangs nicht mehr freuen: aber in deinem Geiste wollen wir weiter arbeiten, dein leuchtendes Vorbild soll uns stets vor Augen schweben. Zieh hin in Frieden, du Toter, unser Dank und der Dank aller derer, die dich und dein treues Wirken gekannt haben, folgt dir in die Ewigkeit. * » * Voll starker innerer Anteilnahme trug sodann Herr Oberkantor Magnus Davidsohn das El mole rachamim vor. Nach einem Gebot des Rabbiners und abermaligem Chorgesang wurde der Sarg hinausgetragen. Mit Gebet und Segen am Grabe schloß die traurige Feier, die selber den Abschluß einer unter dem Einfluß einer starken Führer- Persönlichkeit stehenden. Epoche des jüdischen Liberalismus in Berlin bildete. -tz. Professor Dr. Moritz Türk hat dem Borstand der Bereinigung für das liberale Judentum nicht als Mitglied angehört. Nichtsdestoweniger bestand auf Grund seiner hervorragenden Stellung in den verschiedensten jüdischen Körperschaften zwischen ihm und uns der engste sachliche und herzlichste persönliche Könner, und durch seinen Heimgang sind wir schwer getroffen. ,Cs hat uns wohl getan, daß dies auch von weitesten Kreisen, von Mitgliedern, Ortsgruppen, jüdischliberalen Jugendoereinen und sogar von außenstehenden Organisationen empfunden wird und diese sich zu teilweise sehr warmen und herzlichen Beileidsschreiben an uns veranlaßt gesehen haben. Für alle diese Zuschriften und die aus ihnen sprechende Sympathie sagen wir auch an dieser Stelle unfern Dank. Berlin, 2. September 1929. Bereinigung für das liberale Judentum E. B. Schafft jüdische Jugend- und Gemeindeheime „Nichts trägt stärker zur Schaffung einer Atmosphäre bei als ein intensives Jugendleben." Ein bedeutsames Wort Georg Lubinskis, das selbst in unserem Jahrhundert der Jugendbewegung noch nicht ausreichende Beachtung findet. Eine aber verstand es von je, der Jugend das ihr Zukommende zu verschaffen, allen kann sie darin Lehrmeister sein: die katholische Kirche. Heime in modernsten Linien und Farben, Festsäle und Klubzimmer, Büchereien und Spielräume, Laienbühnen, Lichtbild- und Radioapparate, Zimmer, die der wissenschaftlichen Arbeit und Fortbildung dienen, Gärten und Sportanlagen zur körperlichen Erholung, in kurzen Worten: es fehlt nichts, den jungen Menschen das zu geben, was sie brauchen. Nicht alle Heime sind so wie das beschriebene, das Wesentliche aber bleibt die Existenz der Heime. Keine Großstadtpfarre, keine Dorfpfarre, die nicht ein Heim für Jünglings- oder Jungfrauenkongregationen aufwiese, die nicht den Pfarrkindern ein Milieu für freie Zeit, für fröhliche Geselligkeit, für Weiterbildung, für Gemeinschaftlichkeit bietet. Die Gründe? Wenn man ursprünglich die Jugendlichen einerseits vor den Gefahren der Außenwelt schützen, sie andrerseits bei der Stange halten wollte, so sind heute zu den gleichen Beweggründen noch eine Reihe aus der Zeit erwachsener hinzugetreten. Die Kirche war nie rückständig. Und wir? Auch wir kennen Jugendbewegung, Jugend- Vereine, Mitarbeit der Jugend am sozialen Schaffen der jüdischen Organisationen. Aber fast überall fehlt noch der passende Rahmen, der die Lust am Jugendleben- und Wirken zu erhöhen verstände. Er fehlt, oder aber er ist so beschaffen, daß er der Gemeinden unwürdig ist. Sollte das oben Gezeichnete nicht in jüdischen Gemeirchen durchführbar sein? Mit dieser Frage,. mit dieser großen Notwendigkeit beschäftigt sich das erste Beiheft zur Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege. Alle maßg^enden Stellen befassen sich mit dem Problem: die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, der Jüdische Frauenbund, die Großloge, der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände, der Verband der jüdischen Jugendvereine. Namen besten Klanges vereinigen sich zu guter Vorarbeit: Dr. Baeck, Paula Ollendorfs, San.- Rat Dr. Alfred Goldschmidt, Fritz Schwarzschild-Düsseldorf, Dr. Paula Kronheimer-Berlin, Dr. Georg Lubiuski, Dr. Friedrich Ollendorfs. Sachlichkeit und warmes Eintreten, nirgends aber ein kritisches Abwägen, denn ein „Dagegen" läßt sich ja nicht finden. Paula Ollendorfs weist auf die „Settlements" der Engländer, auf ihre vorbildlichen hygienischen Einrichtungen, die Vorbedingungen auch für innere Reinheit sind: sie spricht vom mangelnden Zuhause, von der Raumnot, der Unmöglichkeit der Erholung für die arbeitende und lernende Jugend. Ueberbrückung, Vereinigung aller Kreise und Stände sind die Ideale für die Heranwachsende, die künftige Gemeinde. — Andere Aufsätze sprechen vom Menschentum, das aus dem jüdischen Milieu hervorgehen kann, von Feierabenden, die die Jugendvereine jetzt noch vielfach in Hinterstuben von Wirtschaften führen, sie zu Ausgaben veranlassen, die ihren Wünschen nach Ausspannung und Aussprache, nach froher Geselligkeit und ernster Gemeinsamkeit in keiner Weise Nachkommen. Bedeutsames sagt uns Dr. Paula Kronheimer, wenn sie in den Jugendheimen vor allem Zufluchtsstätte jener sieht, die aus Erziehungsanstalten entlassen, wieder heimatlos würden. Auch sei das Heim Plattform für Pfleger und Betreute für die am sozialen Werk mitarbeitende Jugend. Dr. Lubinski sieht als Hauptaufgabe die Schaffung einer jüdischen Atmosphäre durch Bau von Jugendheimen, die allein jüdisches Milieu, Erleben jüdischer Feier, Ringen um jüdische Probleme zeitigen können. Dr. I Friede. Ollendorfs endlich sucht die Lösung für die finanzielle Angelegenheit in einem Appell an die Gemeinden, an die Privatverbände, die Jugend selbst, die Regierung, die solchen Bestrebungen Unterstützung gewähren muß. — Ein Plan des Architekten Dr.-Jng. E. Gutkind vervollständigt das Heft, da so viel der Anregungen bringt, so viel des noch nicht Ausgesührten, so Notwendigen. — Ein Ruf, dem man Folge leisten muß, der jeden aufhorchen läßt, dem an der Erhaltung jüdischen Lebens gelegen ist, der in der Jugend diese Erhaltung erwartet, in der Jugend, die durch das Entgegenkommen der Gemeinden, durch ihr Sorgen für den Nachwuchs sich ihrer Verantwortung bewußt wird. Cilli Marx- Köln. Annahme von Bestellungen auf die Züdisch-liberale Zeitung dei alle» Postämtern Deutschlauös w

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