Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 36 (4.9.1929)
- Date
- 1929-09-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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„Die Religion weiß von keinem Zwange, wirkt nur mit dem Stabe „Gelinde", wirkt nur auf Geist und Herz. Sie treibt nicht mit eisernem Stabe, sorckern leitet am Seile der Liebe. Sie zückt kein Racheschwert, spendet kein zeitliches Gut aus, maßet sich auf kein irdisches Gut ein Recht, aus kein Gemüt äußere GewaÜ an. Ihre Waffen sind Gründe und Überführung, ihre Macht die göttliche Kraft der Wahr« heit; die Strafen, die sie androhet, sind — so wie die Belohnungen — Wirkungen der Licke, heilsam und wohltätig für die Person selbst, die sie leidet. An diesen Merkmalen erkenne ich dich, Tochter der Gottheit, Religion, die du in Wahrheit allein die heiligmachende bist auf Erden wie im Himmel!" Moses Mendelssohns Stellung in der deutschen Philosophie Von Heinrich Kuhn, Charlottenburg. Am 200. Geburtstage dieses Denkers scheint es mir die vornehmste Pflicht zu sein, sine ira et studio zu prüfen, welche Stellung Mendelssohn in der deutschen Philosophie einnimmt. Denn von dem miMlligenden Urteil, daß er einer jener Philosophen der Aufklärung sei, „die sich bemühten, durch leichtfaßliche Darstellung nicht gerade tiefer Gckanken philosophisches Interesse zu erwecken" und zur Verflachung der Aufklärung beitrugen») bis zur überschwenglichen Verherrlichung, ist er in allen Abstufungen beurteilt worden. Das richtige Kriterium für diese Frage gewinnen wir von den folgenden zwei Standpunkten: 1. Wie wurde Mendelssohn von seinen Zeitgenossen beurteilt? 2. Was hat er Bleibendes und Originales geleistet? Beide Fragen sind zu beurteilen aus seiner Stellung zu den geistigen Problemen seiner Zeit, die das ganze Leben und die Welt unter die Beurteilung der Vernunft stellte. Für das religiöse Gckiet ergab sich hieraus die Forderung der Toleranz und in Verbindung mit den metaphysischen PrMemen vom letzten Grund alles Seins die Forderung eines vernünftigen Beweises vom Dasein Gottes. Weitere Probleme waren die vernunftgemäße Durchdringung und Erforschung der Kunst und des Seelenlebens. Alexander Gottlick Baumgarten war der Begründer einer wissenschaftlichen Aesthetik, und Mendelssohn und Tetens haben das Verdienst, eine Wendung in der Psychologie hervorgckracht zu haben. Mendelssohn hat fast zu allen PrMemen seiner Zeit Stellung genommen, ausgehend von der damals herrschenden Leibniz^-Wolffschen Philosophie, deren Schüler und Anhänger er war. In der Lösung der religiös-metaphysischen Fragen ist er über diese Ausgangsstellung nicht hinausgekommen; doch ist die Behandlung des Gegenstandes ausgezeichnet durch die originelle Art der Darstellung, die besonders durch die Klarheit bei den Größten seiner Zeit Anerkennung fand. Kein geringerer als Kant hat in seinem bekannten Brief vom 16. VIII. 1783 der Mendelssohnschen Abhandlung „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum" uneingeschränkte Anerkennung gezollt und die darin geäußerten Gedanken als „die Verkündung einer großen Reform" angesprochen. Dieselbe Ausnahme fanden die 1785 veröffentlichten „Morgenstunden oder Vorlesung über das Dasein Gottes". Kant war ja der grundsätzliche Gegner und Auflöser jener Metaphysik, die ein transcendentes Objekt durch die theore- 1) Sternbeck» Dr. A. S. 42 u 20l tische Vernunft erfassen wollte. Hatte er doch selbst bereits 1763 ini seiner Abhandlung „Der einzige Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes" gesagt: „Die Vorsehung habe nicht gewollt, daß unsere zur Glückseligkeit höchst notwendigen" Einsichten auf der Spitzfindigkeit seiner Schlüsse beruhen sollten." Dennoch erkannte er, daß Mendelssohn die von ihm abgelehnte dogmatisierende Metaphysik zu einer letzten Höhe und Klarheit der Beweisführung emporgesührt hatte. Er schreibt im November 1785 an Christ. Gottfried Schütz: „Man kann dieses letzte Vermächtnis einer dogmatisierenden Metaphysik zugleich als das vollkommenste Produkt derselben, sowohl in Ansehung des kettenförmigen Zusammenhanges, als auch der ausnehmenden Deutlichkeit in Darstellung derselben ansehen, und als ein nie von seinem Wert verlierendes Denkmal der Scharfsinnigkeit eines Mannes, der die ganze Stärke einer Erkenntnisart, der er sich annimmt, kennt und sie in seiner Gewalt hat, an welchem also eine Kritik der Vernunft, die den glücklichen Fortgang eines solchen Verfahrens bezweifelt, ein bleibendes Beispiel findet, um sie danach entweder zu bestätigen oder zu verwerfen."^ In der Aesthetik war Mendelssohn ein Anhänger von Baumgarten, dessen „Aesthetika" die weiter unten behandelte ästhetisch-psychologische Leistung Mendelssohns bedingte. Sein ästhetischer Brieftvechsel hat nicht nur aus Kants „Kritik der Urteilskraft", sondern auch vor allem auf Lessing gewirkt. Die „Briefe über die Empsindungen" wurden die Anregung zum Laokoon. Bedeutungsvoll war der Schritt, Am Mendelssohn von der Aesthetik zur Psychologie machte. Die damalige Psychologie erkannte der Seele nur zwei Vermögen zu: Erkennen und Wollen. Die in dem Gckiet der Aesthetik auftretenden Phänomene (Wohlgefallen oder Mißfallen an einem Kunstwerk, Traurigkeit, Heiterkeit usw.) versuchte man als eine Tätigkeit des Erkennens zu erklären. Teils der Gegenstand der Empfindungen, teils deren Bewußtseinsfunktion selbst enthalte Lust oder Unlust. Anfangs wandelte M. in denselben Bahnen. Aber schon in der „Rhapsodie oder Zusätze zu den Briefen über die Empfindungen" ging er über den bisherigen Standpunkt hinaus. Lust und Unlust haben eine objektive und eine subjektive Seite. Lust ist bedingt durch die Vollkommenheit, die der Mensch erkennt und seW erstrebt. Das Erlcknis der Vollkommenheit ist Glückseligkeit. Wir erkennen nun zwar die Vollkommenheit, aber dieses Erkennen ist noch nicht das Wohlgefallen, sondern es erzeugt es in der Seele?) So reift ihm die Erkenntnis, daß Lust— Unlust aus einem eigenen Seelenvermögen stamme. Bereits in der „Rhapsodie" wird ausgesprochen, daß das allgemeine Gesetz von der lustbetonten Glückseligkeit „denket, will und fühlet sich selig im Menschen^?) Mag dieses Fühlen auch doch mit Empsindungen gemischt gedacht fein, so reflektieren diese Empfindungen doch nicht allein auf den Gegenstand, sondern auf den Bewußtseinszustand und dessen Verhalten zum Erkenntnisinhalt. Die Anlage zur Dreiteilung des Seelenvermögens ist hier jedenfalls bereits enthalten. Johann Nicolas Tetens, dessen 1777 erschienene „Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung" das Problem der Dreiteilung des Seelenver mögens behandelt, hat M's. Arbeit gekannt und gewürdigt: „Herr Mendelssohn und Herr Burk... haben mit großer Scharfsinnigkeit viel vortreffliches über diese Sache gesagt."') 2) Kant - Akademieausgabe, Briefwechsel Nr. 256 3) Philos. Schriften II S. 57 4) Philos. Schriften II S. 59 5) Philos. Versuche S 245 (Ausgabe 1913) u. S. 252 Originalausgabe Tetens rechnet das Gefühl „zu den einfachen Grundäußerungm der Seele"?) Er erkennt, daß das Fühlen „mehr auf dm Aktus des Empfindens als auf dm Gegenstand desselben geht".») Es bleibt zwischen Empfinden und Gefühl keine oder nur eine schwankende Grmze. „Da ist nämlich Fühlen und Empfinden nichts anderes als die simple Reaktion der Seele... auf ihre leidenschaftliche absolute Veränderung, ohne ein weiteres Bestreben, neue besondere Verhältnisse hervorzubringm."«) — „Daher ist das Gefühl und Rezeptivität ein und dasselbe Vermögen."»') — Es wäre demnach also das Gefühl die unterste noch unklare Bewußtseinsstufe überhaupt; ja im Fortschritt seiner Versuche wird das Gefühl geradezu der „Urcharakter" der Seele, während Vorstellen, Denken, Wollm aus diesem abgeleitete höhere Modifikationen sind. In der höherm Bewußiseinssphäre würde dann das Gefühl umso mehr zurücktretm, je entwiäeltere Vermögensstufen des Vorstellms und Denkms aus ihm hervorgegangen sind. Fühlen wäre etwas Primitives im Sinne eines Ursprünglichen, durch welches die äußere Welt Aufnahme in das Ich findet: Weltgefühl, Welterlebnis. Mendelssohn geht einen anderm Weg: „Man pflegt gemeiniglich das Vermögen der Seele in Erkenntnisvermögen und Begehrungsvermögen einzuteilen und die Empfindung der Lust und Unlust schon mit zum Begehrungsvermögen zu rechnen. Allein mich dünket, zwischen dem Erkennen und Begehren liegt das Billigm, der Beifall, das Wohlgefallen der Seele, welches noch eigentlich von der Begierde weit entfernt ist." — „Es ist gleichsam der Uckergang vom Erkennen zum Begehren."»») — Während im Erkennen die Beziehung vom Objekt auf den Menschen geht, geht sie im Billigungsvermögen vom Ich auf die Objekte. Das Billigungsvermögen will die Dinge „auf die Natur des Menschen umbilden".»») Darum sind ihm i>i.'??ühle auch gemischt, zweipolig: Mißfallen an Ge n;‘: ni:r; erweckt zugleich Wohlgefallen an der eigene.:; . .?;.'-) Für Mendelssohn ist der übergeordnete Be'.ie ii.u-.nuru das Ich, das „Subjektivische": Jchgefühl, e:: ebni s. Das ist — ncken und unbeschadet von Te.cns Verdienst — die originale Leistung von Moses Mendelssohn, die ihm seine Stellung in der deutschen Philosophie anweist und chm ein bleibendes Denkmal in der Geschichte der Psychologie sichert. 6) Philos. Versuche S. 165 (Ausgabe 1913) u. S. 179- Originalausgabe 7) Philos. Versuche S. 163 (Orig. 168) 8) Philoi. Versuche S. 589 (Orig. 601) 9) Philos. Versuche 6. 609 (Orig. 62') JO) Gesam. Schriften Vd. II S. 295 ff. 11) ibidem 12) Philos. Schriften Bd. II S. 10 ff u. S. 40 ff. Warnung! l Wie uns bekannt ist, werden zu der am 8. September d. I. in der Singakademie stattfindenden Mendelssohn-Feier offenbar gefälschte Eintrittskarten verkauft. Vor dem Ankauf dieser Karten wird gewarnte Wir machen darauf aufmerksam, daß nur diejenigen Eintritts karten, welche auf Namen lauten, mit Nummern versehen sind und von der Jüdischen Gemeinde übersandt werden, Gültigkeit haben. Es wird durch strengste Kontrolle dafür gesorgt werden, daß die Besitzer gefälschter Karten keinen Zutritt erhalten. Jüdische Gemeinde. Nachruf. Am 27. ds. Mts. ist Herr Prof. Dr. Hlorilz Türh dahingeschieden. Der Verstorbene, dessen Lebensaufgabe die Wahrnehmung der Interessen der deutschen Juden war, hat seit vielen Jahren an führender Stelle in zahlreichen jüdischen Organisationen gewirkt und sich unter der deutschen Judenheit höchsten Ansehens erfreut. Als Mitglied der Repräsentantenversammlung und mehrerer Verwaltungskommissionen hat er an den Arbeiten der jüdischen Gemeinde hervorragenden Anteil genommen. Durch seine grosse Sachkenntnis, seine Gewissenhaftigkeit, sein scharfes und treffendes Urteil wurde er zu einem der geschätztesten Mitarbeiter, der auf die Verwaltung der jüdischen Gemeinde einen bestimmenden Einfluss ausgeübt hat. Besondere grosse und bleibende Verdienste hat er sich auf dem Gebiete des Schulwesens und der sozialen Fürsorge erworben. Sein Andenken wird in der Geschichte der jüdischen Gemeinde immerdar fortleben. Berlin, den 28. August 1929. Vorstand und ReprssontaMenversammiung der jüdischen Gemeinde. Jüdische Reform-Gemeinde Piatzsmermietangea za den Hohen Feiertagen Für die Gottesdienste im Gotteshaus Johannisstr. 16, im Logenhaus Joachimsthalerstr. 13 und Logenhaus Kleiststr. 10 Preise nach Latze der Plätze von 3—25 M. Einlasskarten für den Jugendgottesdienst unentgeltlich täglich von 9—1 Uhr im Büro Johannisstrasse 16 Hier fehlt ihr Inserat rotgesi. von 1910 kauft für Reklatnerwecke. Zahlen per 100 Stfick RM, 16.— Nachnahme. Brill ftüS,Breslau 10 Am 27. August ist Herr unerwartet von uns gegangen. Er war seit Jahren Vorsitzender der Liberalen Fraktion der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Aber er war mehr als ihr Vorsitzender, er war ihr von allen willig anerkannter, unbestrittener Führer. Zu solcher Führerschaft befähigten ihn sein klarer, tiefdringender Verstand, seine umfassende Sachkenntnis, seine schlagfertige, eindrucksvolle Rede, die Vornehmheit seiner Kampfesweise, seine, im Dienste des religiösen Liberalismus nie ermüdende Kraft, die in ihm verkörperte harmonische Verbindung von Judentum und Deutschtum. Sein Hingang bedeutet für die liberale Fraktion einen unersetzlichen Verlust; sein Andenken aber wird niemals in unserer Milte verlöschen. Die Liberale Fraktion der Reprisentanten-versammiung der JOdischen Gemeinde zu Genie. Am 27. August ist Herr Prof. Dr. nach kurzer Krankheit verschieden. Seit der Gründung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, dessen Rat er als stellvertretender Präsident angehörte, hat er seine außergewöhnlich großen Fähigkeiten selbstlos in den Dienst des Verbandes gestellt. Aufrichtig und klar für seine Überzeugung eintretend, erfüllt von tiefer Liebe zum Judentum, hat er an allen Aufgaben des Landesverbandes in unermüdlicher u. erfolgreicher Arbeit entscheidenden Anteil genommen. Seine aufs Sachliche gestellte Führerpersönlichkeit hat in allen Lagern ehrende Anerkennung gefunden. Sein Andenken wird in unserer Mitte unauslöschlich fortleben. Berlin-Charlottenburg, 28. 8. 1929 Preußischer Landes verband jüdisch. Gemeinden Klee. Liberale unter Frankfurter Organ für jüdisch-liberale Interessen Aus dem Inhalt der leisten Nummers Rabb. Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Jeremia Dr. A. Lilienthai: Zur Agency Frage Die Alllänge des liberalen Judentums Herausgeber: „Jli“, Frankfurt am Main. Das Heft ist zu beziehen z. Preise v. M. 0.60 durch d. Schriftieitung Frankfurt a. M. Untermainanlage 7 ui In dem mitten aus seiner dem deutschen Judentum gewidmeten Arbeit durch den Tod jäh herausgerissenen Professor Dr. lYloritz m verliert der Deutsch-Israelitische Gemeindebund eines seiner hervorragendsten Mitglieder. Ein volles Menschenalter hat der Verewigte unserem Ausschüsse, in dem er das Amt eines Schriftführers bekleidete, als einer seiner arbeitsfreudigsten und praktisch erfahrendsten Dezernenten angehört. Als langjähriger Leiter unserer Gemeinde - Unterstützungs - Kommission hat er sich um die Erhaltung des Religionsunterrichts in notleidenden Gemeinden unvergängliche Verdienste erworben. In der „Lehrabteilung“ in der .Personalien-Kommission“ und zahlreichen Gremien hat er seine reichen Erfahrungen unserer Sache zur Verfügung gestellt. Dem hervorragenden Menschen und Juden bleibt in unserem Kreise ein ehrenvollen Gedenken gesichert. Dar Ausschuss d. DsotseiHsraM.BsnslotlsiMfliiss ♦ Kaufmann mittl. Alters, erfahren in der Betriebsleitung, gewandter Verkäufer, guter Organisator sucht Stellung zum 1. 10. evtl, früher. Angebote an die Exped. ds. Blattes unter Ziffer II 210. Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. Ttra. kostenlose Feuerbestattung Annahme W 35, LGtxowstraBe 44, Telephon: Lfitsow 960-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a Boke Fasanenatraße, Telephon: Steinplats 1885 Die Erste Wettkonferertz liberaler Juden (Reden, Diskussion, Beschlüsse) Gründungsversammlung der World Union for Progressive - Iudaism London, 10.—12. Juli 1926 Preis: im Buchhandel M. 1.80 für Mitglieder d. Vereinigung, die bei uns direkt bestellen M. 1.— Vereinigung für das liberale Judentum E.V. Berlin SW 48, Wilhelmstraße 147 Verlag: Vereinigung für das liberale Judentum e. B., Berlin SW 48. — Verantwortlicher Redakteur: I. B. George Goetz, Berlin SW 48. — Druck: Hermann Wegner & Co., Berlin-Mariendorf. 4^36