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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-09-04 · 36 (4.9.1929) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
36 (4.9.1929)
Date
1929-09-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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wir ihn. nicht völlig zuende gehen, deshalb findet auch der Fortschritt keine Grenzen. Wer sich aber von dieser Vollkommenheit entfernt, wer die Gesetze Gottes Übertritt? Er wird unglücklich durch das „moralische Uckel, und durch Physisches Elend soll er zur Besserung kommen. Hat jemand gesündigt, ist die göttliche Strafe eine Wohltat, eine „Wirkung seiner väterlichen Allbarmherzigkeil". „Kann ich wünschen, daß mein Vater seine züchtende Hand von mir abwende, bevor sie gewirkt, was sie hat wirken 'sollen?" Mendelssohn kann es schon deshalb nicht wünschen, weil man so wieder zur Erfassung der „geistigen Schönheit" kommt und damit wieder zur Gottheit, denn das Schöne, Ordentliche, Vollkommene ist ein „schwacher Ausdruck" der Schönheit Gottes. Vor ihr aber zu weilen, unter ihren Augen unbemerkt sich zu entfalten, ist Stroben des Tugendhaften. Auf Lohn zielt er nicht ab. Zeichnet Mendelssohn so das Wesen des Menschen ab, so ist es verständlich, daß er die Religion am (höchsten stellt, die am 'meisten duldsam ist, niemand von der Liebe ausschließt. Es stört ihn nicht, wenn man die reinste Sittenlehre Christentum nennt. Aber er fügt auch hinzu, daß dieses Christentum eine „unsichtbare Kirche" ist, die zum Teil aus Juden, Mohammedanern und Chinesen besteht und wohin vornehmlich Griechen und Römer zu rechnen sind. Hierin — in der reinsten Sittenlehre — sieht er auch den inneren Gottesdienst der Juden, den man ausbreiten soll, während man den äußern nicht ausbreiten braucht, auch nicht kann, da er an Jüdisches gebunden ist. Mendelssohn ist von jedem religiösen Chauvinismus entfernt. „Wir glauben zwar, unsere Religion sei die beste, weil wir sie für göttlich halten, aber daraus folgt nicht, daß sie schlechterdings die beste sei. Sie ist die beste für uns und unsere Nachkommen." Allerdings ist er von dem Wert des Zeremonialgesetzes auch so überzeugt. Seine große Maxime sieht er darin: „die Menschen müssen zu Handlungen getrieben und zum Nachdenken nur veranlaßt werden." Freilich dürfte nach ihm das Nachdenken, das „Vernünfteln" nicht dazu führen, sich vom „strengen Gehorsam" gegen das Gesetz loszusagen. „Die Ehrfurcht vor Gott zieht eine Grenze zwischen Spekulation und Ausübung, die kein Gewissenhafter überschreiten darf." Auch wer zur christlichen Religion übergeht, kann sich von diesen Gesetzen, mit denen er geboren ist, nicht befreien — aber sie sind auch kein Hindernis, die andern „brüderlich" zu lieben. Sie sind es so wenig, wie der „strenge Gehorsam" ein Hindernis für ihn ist, zu bekennen, daß seine eigene Religion „Zusätze und Mißbräuche enthält, die leider ihren Glanz nur zu sehr verdunkeln"; zu bekennen, daß es ihm nur auf das Wesentliche seiner Religion ankommt, daß er an diesem Wesentlichen, an seinen „Grundsätzen" aber festhalten wird, solange seine Seele „nicht eine andere Natur annimmt". Er selbst werde daran festhalten und er selbst sei davon überzeugt. Das aber ist niemals ein Anlaß, andere bekehren zu wollen. Die Gründe sind schon früher angedeutet. „Dieser Geist der Bekehrung ist der jüdischen Nation schnurstracks zuwider." Wir haben gehört, daß Mendelssohn von einem Andachtshaus der Vernunft sprach, und sehen, daß er trotzdem Zeremonien ausgeübt wissen will. Und wir wollen nun noch betonen, daß er auch das Beten für etwas dem „Weltweisen" Angemessenes hält. „Bester, wenn seine Stunde kommt und er zum Beten gestimmt ist, wird er wider seinen Willen in Wort und Gesang ausbrechen." Dieser Gesang, dieses Beten ist nicht eigentlich für Gott berechnet. „Wir singen unserthalben, und das tut der Weise so gut wie der Tor." Mendelssohn kümmert sich nicht um die Widersprüche, die Freund und Feind, Jude und Christ in seinen Lehren, seinem religiösen Verhalten entdecken mochten und unbegreiflich finden. Er hat sich um seine Entscheidung gemüht, er hat sie getroffen, er hat sich ihretwegen der Wissenschaft zugewandt, er ist entschlossen, bei diesen Entscheidungen zu bleiben, bei seinem „jüdischen Unglauben". In ewigen Wahrheiten will er von niemand abhängen, selbst vom Erzengel nicht, er kann hierin nur „auf eigenen Füßen stehen und fallen". Gott kann und Gott will dem Menschen die Kraft zu solchen Entscheidungen verleihen. Aber noch einmal — Mendelssohn war nicht intolerant und nicht blind für andere. Er preist die Welt glücklich, in der alle Menschen nach der Wahrheit leben, die „die besten Christen und die besten Juden gemeinsam haben". Die Fülle und Herrlichkeit der Religiosität Mendelssohns bekommt dadurch ihren letzten Glanz, daß er sie gelebt hat. Sein Wirken und Leiden, sein LiÄen und Verzichten — und darum auch seine Wirkung — haben hier chren letzten und tiefsten Grund. Ja er war nicht bloß der erste deutsche Jude der Neuzeit, er war auch der erste biblische Prophet der neu anbrechenden Epoche. Er hat die Kraft der Religiosität in unsere Neuzeit hineingerettet, und ihn feiern, heißt die Religiosität überhaupt feiern, heißt chre durch nichts zu überbietenden Wirkungen an einem ihrer demüttgsten und gerade darum großartigsten Söhne erkennen. Sein Leben betrachten, heißt begeistert werden und ehrfürchtig und damit religiös und damit jüdisch. Und wenn kleine Züge, die dem einfachen Menschen besser verständlich sind und sich chm mehr einprägen als viele Worte, das Bild äbschließen sollen, so seien auch solche erwähnt. — Ausdrücklich betont ein Zeitgenosse, daß es nicht die Gelehrsamkeit Mendelssohns allein gewesen sei, die chm so viel Wirkung verliehen habe, sondern auch seine „hohe Sittlichkeit". Sie habe bei den Nebenmenschen „Achtung, Gerechtigkeit und Liebe"' für Mendelssohn selbst, aber auch für dessen Brüder hervorgerufen. Als er von der Akademie zum Mitglied vorgeschlagen und vom König ubgelehnt wird, setzt er sich darüber mit dem bekannten Ausspruch hinweg, daß es so besser sei als umgekehrt. Für Wahrheit gewirkt zu haben, stand ihm höher als persönliche Auszeichnung. Mit Glücksgütern war er nicht gesegnet, aber das hinderte ihn nicht, stets ein offenes Haus zu haben und die Pentateuchübersetzung unentgeltlich zu liefern. In Berlin mußte er, er, der Berühmte, wie jeder andere Jude, schriftlich um seine Existenz bitten. Wie tröstet er sich? „Wenn der Staat überwiegende Gründe hat, Leute wie meine Nation nur in gewisser Anzahl aufzunehmen, welches Vorrecht kann ich vor meinen übrigen Mitbrüdern haben, eine Ausnahme zu verlangen?" Und ähnlich in Dresden, wo er sich „gleich einem Ochsen verzollen" mußte, er, der Verfasser des Phädon. Mer „gehorche ich den mosaischen Gesetzenn, muß ich auch den sächsischen Folge leisten". Bei der Herzogin von Kurland in Friedrichsfelde wird „Nathan" gelesen. Mendelssohn saß dabei, „mit verschlossenem Munde, seine Seele schien sich in das Auge zurückgezogen zu haben. Die Herzogin spielte eine Arie. Am Schlüsse empfahl sich Mendelssohn, indem er mit Tränen in den Augen versicherte, er hätte einmal mit dem Geiste geschwelgt." Und hörte er von Not, so borgte er weit über seine Kräfte und kümmerte sich nicht um die Rückgabe. Doch genug. Das gerade war ja seine Religiosität, daß sie eine ganze war, im großen und im kleinsten dieselbe. Wohl kommen wir heute auf andern Wegen zur Frömmigkeit wie er. Wohl stehen wir zu Zeremonien anders wie er, wohl ziehen wir die ganzen Folgen aus dem eigeneil Ausspruch Mendelssohns, daß man in ewigen Dingen nicht einmal von der Autorität eines Erzengels abhängen könne. Mer wie dürfte uns das hindern, ihm auch heute das nachzurufen, was man nach semem Tode schrieb: „Das ist des Weisen Schatten, Der rastlos den Schimmer der Wahrheit Auf Erden verfolgt hat. Voll der Ahnung Gottes Und der Unsterblichkeit Ahnung voll, Ist er gewandelt." Moses Mendelssohn im Arteil der Orthodoxie Von Professor Dr. Eugen Wölbe. Anläßlich der Zweihundertjahrfeier der Geburt Moses Mendelssohns werden Aufsätze und Festreden von der Verehrung widerhallen, deren sich der milde Weise aus Dessau in ganz Europa erfreute. Lessing rühmt von ihm: „Seine Redlichkeit und sein philosophischer Geist läßt ihn als einen zweiten Spinoza betrachten." In den „Briefen eines reisenden Franzosen über Deutschland" (1784) heißt es: „Mendelssohn ist einer der merkwürdigsten Schriftsteller Deutschlands. Seine Werke haben eine solche Eleganz und seine Sprache ist so reich, daß er mit der Zeit klassisch werden muß. Er -ist Vorsteher einer ziemlich beträchtlichen Handlung und treibt Philosophie, sobald er Muße dazu hat. Jetzt beschäftigt er sich in seinen Mußestunden mit Beiträgen zur Aufklärung seiner zerstreuten Glaubensgenossen." Wie ein großer Teil der deutschen — und namentlich der polnischen und böhmischen — Juden die auf ihre kulturelle Vervollkommnung und Veräwlung cckzielenden Bestrebungen des Berliner Philosophen aufnahm, zeigt das Schreiben eines Rabbiners an einen Freund über den „Verfall des Judentums". Dieser Brief ist in dem Werke „Der Weltbürger oder deutsche Annalen der Menschheit und Unmenschheit" (Zürich 1792) abgedruckt. Sein Hauptinhalt ist die folgende Charakteristik Mendelssohns und seines Lebenswerkes: „In Berlin trat ein Heuchler unter der Larve der Scheinheiligkeit auf. Die Christen nennen ihn Moses Mendelssohn den Weisen, aber dir brauche ich nicht erst zu sagen, was er war. Er predigte in Berlin Aufklärung, sprach von Religion und verfälschte sie mit heidnischer Philosophie, und will die Unsterblichkeit durch Vernunstgründe beweisen, denen nur zu glauben gebotm ist. Die Uebersetzung der fünf Bücher Mosis, die der Geringste von uns seinem Schüler verständlich zu machen versteht, verwandelte er in hochtrabende und schönklingende, aber nichtssagende Worte, von denen ich dir beim Barte Mosis zuschwöre, daß ich kein einziges verstehe! Den Psalmen Davids zog er ein dichterisches Gewand an, so daß unsere Weiber und Kinder nicht mehr heilige EingÄnngen lesen, sondern Gedichte eines empfindsamen Schwärmers. Durch einen falschen Schein von Demut, durch seine glatte Lunge und Schmeicheleien ohne Zahl erwarb er sich Anhänger, und die glänzende Außenseite seiner trügerischen Weisheit vermehrte seine Schüler täglich, so daß alles nach Berlin wallfahrtete. Unsere studierende Jugend verließ die Sitze echter rabbinischer Weisheit: in HaWerstadt, Metz und Frankfurt standen die Hörsäle leer, denn alles zog nach Berlin. So schädlich war der Einfluß dieser Lehren auf Unterricht und Aufführung unserer Kinder, daß die Erziehung unserer Jugend schon in wenigen Jahren verdorben war! In meinen Jugendjahren lernte ich nichts als meine Muttersprache, das Hebräische. Zu diesem Zwecke wurde ich von meinem fünften bis in mein dreizehntes Jahr einem Lehrer anvertraut, der dazu besonders aus Polen verschrieben war. Mit Tagesanbruch führte er mich in die Synagoge, und von da bis zum Mittagbrot in seine Wohnung zur Erlernung der heiligen Sprache. Kaum begann die Verdauung, so fingen auch meine Lehrstunden wirrer an, die, als ich an Jahren zunahm, einm Teil des Tages, auch oft die ganze Nacht hindurch dauerten. Nach vollendetem STOItWERO^ iDoh li'chmeciicnd i nahrhaft. dreizehnten Jahre besuchte ich drei unserer Universitäten, und nachdem ich ein Weib genommen hatte, erhielt ich in meinem dreißigsten Jahre eine Stelle als Rabbiner in einem Dorfe. Von den Künsten und Wissenschaften der Christen lernte ich freilich nichts, ja kaum so viel lesen, um den Kalender zu buchstabieren und meinen Namen schreiben zu können — aber ich blieb ein Jude. Die Mendelssohnsche Sekte erzieht ihre Kinder nicht wie ich und meine Vorfahren erzogen wurden. Sie behaupten, es sei genug, so viel Hebräisch zu lernen, als unumgänglich nötig ist, um die heilige Schrift lesen zu können; um das Studium des Talmud und seiner zahlreichen Erklärer kümmern sie sich nicht. O Zeiten! O Sitten! Wie du leicht erraten kannst, wird auch nur ein kleiner Teil des Tages zur Erlernung der heiligen Sprache verwendet, denn das wenige, was diese Leute wissen wollen, läßt sich ja allerdings schnell genug erlernen. Statt dessen werden die zarten Kinder wohl sechs bis acht Stunden täglich von christlichen Lchrern gequält. Da kommt einer, der lehrt sie die christliche Schrift lesen und schreiben, ein anderer lehrt sie eine Sprache, welche Christen in andern Ländern sprechen. Ja, diejenigen, welche ihren Kindern eine nach ihrer Meinung ganz besonders gute Erziehung geben lassen wollen, lassen sie lächerlicher Weise sogar die Kunst erlernen, nach Regeln richtig zu denken. Noch schöner ist es, daß sie nach Anleitung eines großen, bemalten Stückes Papier die Länder und Dörfer der ganzen Welt auswendig herbeten. Denke nur, einst fragte ich einen dieser hochweisen Lehrer, der die Kinder grade in dieser schnöden Kunst unterrichtete, wo sich denn die verlorenen Stämme Israels befänden. Da hättest du sehen sollen, was das Männchen für Augen machte, und wie er mich anschaute! Heil dir in dem dreimal gesegneten Polen, wo noch die reine Lehre Gottes herrscht! Was würdest du aber erst sagen, wenn du Buben und Mädchen traulich miteinander reden hörtest, und Jünglinge mit Jungfrauen, die nicht ihre Weiber sind, allein in einem Zimmer stehen, ja, o Sünde! einander mit bloßen Händen berühren sähest! Solche Verbrechen werden in Israel begangen! Und wenn du nun gar die Kinder unbedeckten Hauptes daher springen und schlüpfrige Tänze tanzen sähest, oder hörtest, wie sie unzüchtige Gesänge aus ihren sogenannten moralischen Büchern singen! Wie chre Sitten, so ist auch ihre Kleidung verändert. Weder du noch ich können an der Tracht einen Juden von einem Christen unterscheiden. Zöpfe und Haarbeutel und rote Röcke mit goldenen Knöpfen tragen heute auch die Juden und schämen sich dieses Greuels nicht. Wer von ihnen, selbst von den unverheirateten, trüge noch einen Bart? Juden geben jetzt Freudenmahle, ohne jüdische Gelehrte und Priester dazu einzuladen, hören dabei christliche Musik an; ja, sie sitzen an einem Tische mit Christen. Erschrick nicht, wenn ich dir sage, daß die Weiber nicht mchr an einem besonderen Tische, sondern mitten unter den Männern sitzen! Der heilige Titel eines Rabbi gilt nicht mehr, sondern man strckt nach christlichen Titeln. Du kannst jüdische Kommerzienräte sehen, ebenso wie Hofräte, Kriegsräte, Hofkommissare usw.! Ja, diese Leute erfrechen sich noch, mit chren Titeln zu prahlen! Jüdische Musiker, Maler, Advokaten, Medailleurs — was für ein Unding!" Alle diese „Greuel" legt der an der Zukunft seiner Glaubensgemeinschaft verzweifelnde Briefschreiber dem Aufklärungswerk Moses Mendelssohns zur Last. Mag dies Schreiben eine tendenziöse Mystifikation darstellen — daß die dem kulturellen und religiösen Fortschritt abgeneigten Kreise der Fudenheit so dachten wie jener, wird durch die Tatsache bewiesen, daß zelotische Rabbiner die Pentateuchübersetzung des „Moses Taitsch" in den Bann taten! An diese angMichen Frommen sind die Mahnworte gerichtet, in welchen Mendelssohns Uebersetzung von Manasse ben Israels „Rettungen der Juden" gipfelt: „Ach, meine Brüder, chr habt das drückende Joch der Intoleranz nur allzu hart gefühlt; alle Völker der Erde scheinen bisher von dem Wahne betört zu sein, daß sich die Religion nur durch eine eiserne Macht erhalten lasse. Ihr ließet euch vielleicht verleiten, ebendasselbe zu glauben. O, meine Brüder, folget dem Beispiel der Liebe, wie ihr bisher dem des Hasses gefolgt seid!" An die nämliche Adresse gerichtet und zugleich auf denselben Ton gestimmt ist die folgende Kennzeichnung der Religion — ein herrliches Beispiel Mendelssohnscher Stilkunst:

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