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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-09-04 · 36 (4.9.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
36 (4.9.1929)
Date
1929-09-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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übertragen. Durch diese Schriften hat er. sehr viel dazu beigetragen, Herzens- und Geistesbildung in die Kreise seiner Glaubensgenchsen zu bringen. Ich habe an einem anderen Orte*) mich etwas näher über diese Uebersetzungen ausgesprochen. Mendelssohn stach am 4. Januar 1786. Wir glauben nicht, in diesem kurzen Abriß das Leben und Wirken Mendelssohns erschöpfend geschildert zu haben. Dazu wqr der Raum nicht umfangreich genug. Unsere Absicht ging nur, dahin, im Leserkreise dieser Zeitung die Ächtung und das Interesse für den großen Lehrer der Menschheit zu erneuern. Die vielen guten Seiten des Aufklärungszeitalters, aber auch die Begrenzung seines Wesens, tun sich in seinen Schriften kund: eine unbedingte Menschenliebe und Menschenachtung, Verträglichkeit in religiösen Dingen und ein unerschütterlicher Glaube an die Kraft der menschlichen Vernunft. Dem gegenüber hat es nicht viel auf sich, wenn man ihm, wie dem Aufklärungszeitalter überhaupt, einen gewissen Mangel an historischem Verständnis vorwirft, einen Mangel, dem inzwischen die Romantik vielleicht nur allzugründlich abgeholfen hat. Er verfolgte das Prinzip, sich über alle seine Handlungen vernunftgemäße Rechenschaft abzulegen, und gerade diese, wenn ich so sagen darf, intellektuelle Gewissenhaftigkeit -st es, welche ihn auch noch zum Führer für unsere Zeit qualifiziert. Prof. Dr. Walter Kinkel, Gießen. Mendelssohns Religiosität Bon Rabbiner Dr. G o t t s ch a l k, Frankfurt a. M. Was blieb von ihm? Bon seinen Werken wenig, von seinem Wirken viel, von seinem Wesen alles. Ein Genie der Arbeit, ein Genie des Judeseins, ein Genie des Menschentums, das war er, und das wird dauern. Von diesem Menschentum oder was dasselbe, von dieser Religiosität soll hier gesprochen werden. Die eignen Worte Mendelssohns in seinen Schriften und Briefen sollen uns dabei führen. Mendelssohn kam zu Gott — nicht aus Büchern, nicht aus dem Gefühl, sondern aus dem Denken. Man kann nach ihm keine ganz vollkommenen Wahrheiten erkennen, ohne die Wahrheit — Gott — überhaupt zu erfassen. „Es muß notwendig „ein" denkendes Wesen, „einen" Verstand geben, der nicht nur mich samt allen meinen Beschaffenheiten, Merkmalen und Unterscheidungszeichen, sondern den Inbegriff aller Möglichkeiten als möglich, den Inbegriff aller Wirklichkeiten als wirklich, mit einem Worte, den Inbegriff aller Wahrheiten in ihrer möglichsten Entwicklung auf das deutlichste, vollständigste und ausführlichste fich darstellt. Es gibt demnach einen unendlichen Intellekt." Es ist keineswegs „Anmaßung"', wenn wir von uns auf Gott schließen, wir dürfen uns Gott „verwandt" glauben. Ja mehr, der Grad unsres Glücks hängt davon ab, „je nachdem ich ihn, meinen Denker, mehr oder weniger erkenne, mehr oder weniger liebe". Mendelssohn war sich bewußt, daß sein Weg zu Gott nicht der „populäre" sein könne. Aber nicht nur, daß er davor warnt, dem einfachen Menschen etwas zu nehmen, wenn man ihm nichts andres geben kann, sondern er hält auch die populären Religionsbegriffe gar nicht für gering, lehnt sie nicht einmal für sich ab. „Auch der Vernunft nach *) In einem Aufsatz der „Abwehrblätter", der demnächst erscheint. Vergl. auch meine Abhandlung über „Mendelssohn und Kant", die demnächst in den „Kantstudien" erscheint. können wir uns die Gottheit nicht stark, nicht lebhaft genug als gegenwärtig vorstellen." Wir brauchen alle den „Enthusiasmus", der mit solchen Vorstellungen verbunden ist. Und so gibt auch er solche Vorstellungen erst auf, wenn die Vernunft ihm gleich starke verschafft. Und so freut er sich auch mit jeder Zeremonie, die „etwas Wahres und Gutes symbolisch zum Grunde hat". Er will nur abschaffen, wenn er die gute Wirkung irgend einer Zeremonie durch Besseres ersetzen kann. Eine wesentliche Frage für jeden religiösen Menschen ist die nach dem Sinn des Lebens und Schicksals. Mendelssohn beantwortet sie im Sinne des Wortes „meine Wege find nicht eure Wege". Wenn man nur das Schicksal eines Menschen im Licht der Ewigkeit betrachten könnte, dann „seid versichert, würden wir weder tadeln, noch murren, noch unzufrieden sein, sondern voller Bewunderung die Weisheit und Güte des Weltbeherrschers verehren und anbeten". Man kann die Vorsehung Gottes in den „allerkleinsten Begebenheiten" erkennen, man soll nicht aus die Wunder, sondern auf die Naturbegebenheiten achten. Selbst der Tod erscheint uns dann in mildem Licht. Er ist nicht Zerstörung, er ist „Uebergang von Gestalt zu Gestalt, Verwandlung von Form in Form". Unmöglich zu den- STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNQ BERLIN W 66 MAUERSTR.79 FERNRUF: ZENTRUM 5023 II. 3024 BLUMENSPENOEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK IHNEHDEKORATIOHEHHlKflHSTLERISCHER AUSFÜHRUNG ken, daß wir spurlos vergehen, daß die göttlichen Vollkommenheiten umsonst da waren. Es gibt ein Fortleben, nicht als „Ersatz für die Tugend". Aber wir werden zur Ueberzeugung gelangen, „daß die Ausübung des Guten unsre Geisteskräfte erhöht und daß diese Erhebung die einzige wahre Glückseligkeit ist, die der unsterblichen Seele würdig ist". Was sollen nun in dieser Denkreligiosität die Uebungen, Zusammenkünfte, Erbauungen? Mendelssohn findet schöne Worte dafür. Durch die „Zauberkraft der Sympathie" soll die Wahrheit aus dem Geist in das Herz übergehen, die „zuweilen tote Vernunfterkenntnis zu Empfindungen beleben". Die Schauer der Gottseligkeit sollen uns ergreifen, das Feuer der Andacht soll uns entflammen. So kann Mendelssohn leicht im jüdischen Kreise bleiben mit seinen Sitten, Bräuchen und Synagogen. Aber freilich, er blieb es ja auch schon deshalb, wie bekannt, weil er in den Gesetzen die eigentliche Offenbarung Gottes sah, an der man reicht rütteln dürfe, während die ewig-allgemeinen Vernunftwahrheilen nicht offenbart sind. „Ein Grund mehr, Ueberzengung durch Vernunftgründe zu suchen." Mendelssohn glaubt fast fanatisch, aber auch in tiefer Demut an die Kraft der Vernunft, die hinreiche, sie — die Vernunft — von den ewigen Wahrheiten zu überführen. Nicht zuletzt aber gehört zu dieser Kraft die Erkenntnis, daß „Fortschritt, Entwicklung, mithin Unendlichkeit Nerv des menschlichen Geistes ist". Gott ist die „Harmonie", nach der der Geist Unendlich ringt. Glaube ist dem jüdischen Menschen nicht aufgetragen. Mendelssohns Shakespearestudien Von S. M e i s e l s. Daß in den Geschichtsbüchern über Shakespeare in Deutschland der Name Moses Mendelssohn nicht vorkommt oder doch nur obenhin, wie im Vorbeigehen, erwähnt wird, darf man füglich als literaturgeschichtliche Ungerechtigkeit gegen einen verdienstvollen Shakespearekenner vermerken. In der Liste jener Männer, die Shakespeare für Deutschland entdeckten, dürfte der Name Moses Mendelssohn nicht fehlen.. Moses Mendelssohn war, namentlich wenn man die zeitliche Reihenfolge berücksichtigt, unter den Deutschen einer der allerersten, die das Verständnis für das Werk des Stratforder Meisters mit starkem Bemühen geweckt haben. Früher als fo mancher andere hat Mendelssohn den tiefen Gehalt der Shakefpeareschen Dichtungen erfaßt und sie als Muster und Vorbild aller dramatischen Kunst gepriesen. Gleichwohl sind die Wegweiserdienste, die er auf dem Gebiete der Shakespearekenntnis geleistet hat, fast nirgend nach Gebühr gewürdigt worden. Es ist das Verdienst Ludwig Goldsteins, in seiner Schrift „Moses Mendelssohn und die deutsche Aesthetik" zum erstenmal auf Mendelssohns Verdienst um Shakespeare hingewiesen zu haben. Aus Grund eingehender Studien und zahlreicher Nachweise und Belege versucht Goldstein den Anteil Mendelssohns an der Erschließung der Shakespearedichtung genau abzugrenzen; es gelingt chm der Beweis, daß dieser Anteil nicht unerheblich war. Wichtig vor allem ist Goldsteins Feststellung, daß Mendelssohn — jedenfalls im gedruckten Wort — früher als Lefsing das Genie des größten Tragikers feierte. Von Mendelssohn Hegt bereits in den 1758 erschienenen und schon 1757 geschriebenen „Betrachtungen über das Erhabene" ein nachdrücklicher Hinweis auf Shakespeare vor, während Lessing dies erst in den Literaturbriefen von 1759 tut. In der genannten Abhandlung gibt Mendelssohn auch eine wohlgelungene deutsche Uebersetzung des Hamlet-Monologs im Versmaße des Originals. Es handelt sich hierbei überhaupt um den ersten Uebersetzungsversuch dieser Art, denn bis dahin gab es deutsche Shakespeare-Uebersetzungen nur in Prosa oder in jämmerlichen Alexandrinern. Goldstein nennt die Mendelssohnsche Uebersetzung des Sein- oder Nichtsein- Monologs „die erste lesbare deutsche Uebersetzung Shakespeares" und meint, sie könne getrost der viel späteren Schlegelschen Uebersetzung an die Seite gestellt werden. In gleicher Weise vortrefflich übersetzt hat Mendelssohn ferner aus „Hamlet" den Schluß des zweiten Aktes und einen Teil der Prosaszene mit Rosenkranz und Güldenstern sowie auch Stellen aus „Sturm" und „Sommernachtstraum". Alle diese Versuche fanden in jenen Tagen viel Beachtung, was schon daraus hervorgeht, daß Herder auf Mendelssohns Shakefpeare-Uebersetzungen mehrfach Bezug nimmt (so zum Beispiel in den Noten zu den Volksliäern, wo Herder neben der prosaischen Uebersetzung Wielands auch der „klassischphilosophischen" Mendelssohns gedenkt). Das Verdienst Mendelssohns um Shakespeare beruht indessen weniger auf diesen klassisch-philosophischen Uebersetzungen, als auf den eindringlichen und aufklärenden Shakespearestudien und den zahlreichen Bemerkungen und Exkursen über Shakespeare, die sich zerstreut in seinen kunstkritischen und philosophischen Schriften vorfinden. Wir ersehen daraus, wie sich der Aufklärer Mendelssohn allmählich vom Shakespeare- Bewunderer zum Shakespearekenner und dann zum Shakespearedeuter wandelt, um schließlich auch im Tempel der höchsten dramatischen Kunst hingebungsvoll den Aufklärungsdienst zu versehen. Unablässig ist unser Philosoph bemüht, den Zugang zu der damals noch vielfach verschlossenen Dramenwelt Shakespeares sich und andern zu eröffnen, sich und andern klarzumachen, daß die Tragödien Shakespeares mit all ihrem Glanz und Schliff, aber auch mit ihrer Derbheit und Unebenheit schlechtweg das Vollkommenste in der dramatischen Kunst bedeuten. Man muß nicht selten darüber staunen, wie modern und durchaus unzünftlerisch Mendelssohn die einzelnen Schöpfungen des großen Meisters beurteilt. Das Genie eines Shakespeare ist ihm etwas Phänomenales, aber nicht etwas Problematisches. Ein Genie wie Shakespeare lasse sich einfach nicht in das Schnürleib altherkömmlicher Regeln zwängen; einem solchen Genie müsse man vieles übersehen, weil man ihm viel Freiheit oder viele Freiheiten einräumen müsse. Mit feiner, kaum merklicher Ironie spricht er einmal von „dem nüchternen Kunstrichter, der mit kaltem Blute einem Shakespeare seine Uebertretungssünden nachrechnet". Merkwürdigerweise hatte schon zu Zeiten Mendelssohns mancher Gelehrte es als eine Anomalie empfunden, daß ein gewöhnlicher Schauspieler wie Shakespeare, der die Alten sicherlich nicht kannte, die gewaltigen Tragödien schrieb. — Bekanntlich fußt ja auch die später aufgekommene Shakespeare-Bacon- Theorie auf der Hypothese, daß ein Komödiant von mangelhafter Schulbildung nicht die berühmten und mit allerhand Kenntnissen vollgerüttelten Shakespearedramen geschrieben haben könne. — Mendelssohn findet hierfür die einfachste Lösung: das Genie. Das schöpferische Genie vermag intuitiv mchr zu erfassen als die Weltweisheit ergründen kann. So zitiert er einmal von Lowth folgende Stelle: „Ein Shakespeare hat die Ursachen, Folgen und Wirkungen der Eifersucht in einem prächtigen Schauspiele besser, richtiger und vollständiger ausgeführt, als in allen Schulen der Weltweisheit jemals von einer solchen Materie ist gehandelt worden." Und als der Aesthetiker Johann Georg Sulzer einmal die Forderung aufstellte, daß sich niemand unterstehen sollte, ein Schriftsteller zu werden, der die Alten nicht mit Fleiß studiert habe, ruft Mendelssohn aus: „Sein Gesetz hätte uns ja um alle Werke des Shakespeare bringen können!" Die Shakespearestudien Mendelssohns handeln hauptsächlich von „Hamlet", „Othello", „König Lear", „Macbeth"; aber auch manches andere Shakefpearesche Trauerspiel wich darin erwähnt und gedeutet. So oft er die Gelegenheit dazu findet und der Zusammenhang es gestattet, weist Mendelssohn auf die Erhabenheit dieser Dichtungen hin, wobei Wahre Religiosität sucht den Nebenmenschen. Sie sucht ihn im Gottesdienst, sucht ihn im Leben, rm — Staat. Mendelssohn sieht in der Religion eine treue Helferin des Staates, der sich freilich hüten muß, Gesinnungen zu züchten, sie zu belohnen oder zu bestrafen. Tut er das, hütet er sich, dann wird die Religion ihre Aufgabe in Freudigkeit erfüllen können. Sie wird die Pflichten gegen Menschen als Pflichten gegen Gott aufzeigen, wird Staatsdienst als Gottesdienst betrachten, Recht und Gerechtigkeit als allerheiligsten Willen Gottes. Sie wird zeigen, daß „wahre Erkenntnis des Schöpfers keinen Menschenhaß in der Seele zurücklassen kann". Der Staat braucht die Religion umso eher, als er überall zwingen muß, wo die Religion überredet, überzeugt, durch innere Gründe wirkt. Freilich muß sich die Religion dieses Unterschiedes gegen den Staat auch würdig zeigen. Sie darf nicht bloß auf ihre Vorzüge pochen, sie muß gegen ihre eigenen Mitglieder liebevoll sein, darf nicht belohnen und darf nicht bestrafen. Die Handlungen der Religion „fließen entweder aus freiem Antrieb der Seele oder sind ein leeres Spiel und dem Geiste der Religion zuwider". Bor allem ist es unreligiös, Gleichförmigkeit der Gesinnungen zwangsmäßig herbeiführen zu wollen. Das gilt für den Staat und gilt für die Religion. „Warum uns in den wichtigsten Angelegenheiten unseres Lebens durch Mummerei unkenntlich machen, da Gott einem jeden nicht umsonst^ seine eigenen Gesichtszüge eingeprägt hat." Oft genug streiten wir und merken nicht, daß wir dasselbe meinen wie der Gegner, nur andre Worte gebrauchen, dann wieder, daß wir glaubten, dasselbe zu meinen und doch in Gedanken entfernt waren. „O, wer die Erfahrung in seinem Leben gehabt hat und noch intolerant sein, noch seinen Nächsten hassen kann, weil dieser in Religionssachen nicht denkt oder sich so ausdrückt wie er, den möchte ich nie zum Freunde haben, denn er hat alle Menschheit abgelegt." Nein, nicht in dem Grad der Fähigkeit zu hassen, konnte Mendelssohn den Grad der Religiosität sehen wollen, sondern in dem Grad der Beglückung. „Wahrlich, was mich betrifft, so hat, ohne Ueberzeugung von dieser Wahrheit (von Gott), das Leben für mich keinen Genuß und das Glück selbst keine Freuden." Ihr verdankt er alle Heiterkeit und alle Beruhigung des Gemüts, ihr aber auch die „weise Mäßigung, die Bescheidenheit", die Dankbarkeit, das „kindliche Zuvertrauen". Die Betrachtung der Welt ist ihm eine „unversiegbare Quelle des Vergnügens", Ehre und Reichtum gelten ihm nichts und zur Verfolgung spricht er: „Verwirre mir meine Kreise nicht." Wohl hat auch er gezweiselt. Aber er wurde gerettet — freilich nicht durch Glauben. Denn „welche Sklaverei ist härter als diese, wenn das Herz die Vernunft in Fesseln führt". Gerettet wurde er durch die wahre Erkenntnis, und durch sie kam er zur Tugend. Er ging ins ,jAndachthaus der Vernunft". So ist Religiosität für Mendelssohn selbst Quelle des Glücks und Quelle auch seiner Verbundenheit mit dem Staatsganzen. Aber sie klärt ihn auch über seine eigne Bestimmung auf und weist ihm den Weg zu Taten. „Was soll ich von meiner Bestimmung denken?: zu vörderst anbeten und wohltun." Vollkommen, das sicht er ein, wird er nicht werden, aber er fühlt sich dazu berufen, „nach Wahrheit zu forschen, Schönheit zu lieben, Gutes zu wollen, das Beste zu tun". Nicht in der Einsamkeit aber können wir diesen Idealen leben; es gilt, den Nebenmenschen zu suchen, denn erst durch ihn treten wir „in eine Gemeinschaft mit dem Schöpfer, diesem gütigen Vater, dem Allweisesten; diesem liebreichen Vater und Erzieher, diesem gnädigen Regenten der Welt heiligt man zugleich alle Tugenden des Herzens". Man nähert sich der Vollkommenheit Gottes, wenn man ihn nachahmt. Das ist ein unendlicher Weg, in Ewigkeit können er nie verfehlt, die Kühnheit ihrer Konzeption als höchsten dramatischen Kunstgriff zu rühmen. „Shakespeare", so heißt es im 123. Literaturbriefe, „ist der einzige dramatische Dichter, der es wagen kann, in dem Othello die Eifersucht und in dem Lear die Raserei in dem Angesichte des Zuschauers entstehen, wachsen und bis auf den Gipfel gedeihen zu lassen, ohne sich sogar der Zwischenfzenen zu bedienen, um dem Fortgange des Effekts einen Ruck zu geben, welchem der Zuschauer nicht mit den Augen folgen kann. Wer ist aber kühn genug, einem Herkules seine Keule, oder einem Shakespeare seine dramatischen Kunstgriffe zu entwenden?" Und an einer andern Stelle schreibt er: „Ich folge dem Hamlet, dem Lear auf allen ihren phantastischen Abwegen, weil mich der Dichter sie hat kennen, hochachten und ihre unerhörten Begegnisse mit empfinden lassen. Derselbe nagende Gedanke, welcher sich so tref in ihrer Seele eingegraben, daß er die Empfindungen selbst in seine eigenen Bilder verwandelt, hat auch uns gleichsam mit angesteckt und unserer Einbildungskraft den Hang mitgeteilt, alles auf diese beständige Lieblingsidee zurückzuschicken." Faßlich und geistvoll, wenngleich nicht immer einleuchtend, ist insbesondere Mendelssohns Begründung des Umstandes, daß alles Gewaltsame und den Regeln Widerstreitende bei Shakespeare so wenig oder so gar nicht als störend empfunden wird. Ein Genie wie Shakespeare wirke eben durch die Macht der Illusion; niemand als ein Shakespeare dürfe fich unterstehen, die abenteuerlichsten Begebnisse oder die gemeinsten Umstände aus die Bühne zu bringen, denn niemand als er besitze die Kunst, Gebrauch davon zu machen. Immer wieder kommt Mendelssohn auf diesen Punkt zurück, und immer wieder sucht er die Ungereimtheiten der Handlung durch die Eigenart der Dichtung zu erklären und durch das Genie des Dichters zu rechtfertigen. Für die sachgemäße Einschätzung der Mendelssohnschen ShLkespearestudien dürfte das Urteil maßgebend sein, das der vorzügliche Mendelssohnkenner Ludwig Goldstein in der eingangs erwähnten Schrift, wo er diesen Gegenstand aufs gründlichste behandelt, abgegeben hat. Goldstein schreibt: „Der Wert der Ausführungen (Mendelssohns) liegt weniger in den Einzelheiten, als in der Energie, mit der Moses Mendelssohn in jener das galante Franzosentum so verehrenden Zeit für den noch unbekannten oder nur belächelten Briten eintritt, dessen Tragödien ein Voltaire als „Farces monstreuses" gebrandmarkt hatte. Um den Fortschritt gehörig zu würdigen, vergleiche man hiermit einmal die beschränkte Auffassung über Shakespeare, die noch im Gottschedischen Lager geteilt und mit breitem Behagen vorgetragen wurde... Mendelssohn hat sein redlich Teil dazu beigetragen, Dichter und Leser von den empfindungsarmen und langweiligen Machwerken der Wasserpoeten auf die Werke eines einzigartigen Genies hinzuweisen und der ästhetischen Kritik durch Zugrundelegung vollendeter Muster eine sichere Basis zu . geben."

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