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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-09-04 · 36 (4.9.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
36 (4.9.1929)
Date
1929-09-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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September 1729—1929 In Zeiten geistiger Zerrissenheit des Kulturbewußtseins, da sich viele Schichten des Volkes fremd und fast feindlich aegenüberstchen, Rassenhaß imb religiöse Intoleranz die Mengen verwirren, ist es wohltuend, der Erscheinung eines Mannes wie Moses Mendelssohn zu gedenken, der sein ganzes Leben in den Dienst der Liebe, Versöhnung und Humanität gestellt hat. Moses Mendelssohn ist am 6. September 1729 zu Dessau geboren. Wir bezeichnen das Jahrhundert, das ihn der Menschheit schenkte, als das Jahrhundert der Aufklärung; und Aufklärung ist nach einem Worte Kants der Ausgang des Menschengeschlechts aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. In Unmündigkeit wurden die Juden in jener Zeit vom Staate aus künstlich erhalten. Und wenn heute ihre Stellung rechtlich und sittlich eine bessere ist, so darf man einen großen Teil des Verdienstes daran eben Moses Mendelssohn zuschreiben. Er hatte schon in der Jugend Gelegenheit genug, die bedrückte Lage seiner Glaubensgenossen kennenzulernen. Wie schwer war es doch einem Juden in jener Zeit, die in seiner Seele schlummernden Kräfte zur Entfaltung zu bringen! Kein staatliches Amt stand den Juden offen. Ins Ghetto gesperrt und der Freizügigkeit beraubt, selbst in dem einzig erlaubten kaufmännischen Beruf durch die Ausschließung von den Zünften aufs stärkste beschränkt — wo sollte der Jude jener Zeit Gelegenheit finden, seinen geistigen Horizont zu erweitern? Es kam noch hinzu, daß auch das religiöse Leben durch die Rabbinen in orthodox engherziger Weise geleitet wurde. Das Lesen von deutschen Büchern war untersagt, die Sprache des Alltags war Jiddisch, ein Gemisch aus Deutsch und Hebräisch. Nun hatte zwar Mendelssohn persönlich das Glück, sowohl in seinem Vater, der Religionslehrer und Gemeindeschreiber war, als auch später in dem Rabbiner David Hirschel Fränkel, Lehrer zu gewinnen, die über einen freieren Gesichtskreis verfügten und den Wissensdrang des Knaben in glückliche Bahnen lenkten. Dennnoch waren die Schwierigkeiten, die sich der Entwicklung seines Geistes entgegenstellten, sehr groß, auch dann noch, als er seinem Lehrer Fränkel 14 jährig nach Berlin gefolgt war. Hier hat sich Mendelssohn im wörtlichen Sinne kümmerlich durchgeschlagen, von frommen Glaubensgenossen unterstützt, alle Muße, die ihm der Handel ließ, für den er bestimmt war, seiner wissenschaftlichen Ausbildung widmend. Seitdem er 1750 Hauslehrer bei dem Seidenwarensabrikanten Isaak Bernhard geworden war, war er wenigstens der äußeren Not des Lebens enthoben. Später ward er Buchführer und selbst Teilnehmer am Geschäft seines Prinzipals, so daß er dadurch wenigstens äußerlich eine sichere Lebensstellung erlangte. Seinem Wissensdrang kam die Bekanntschaft mit zwei gelehrten Juden, Dr. Gumperz und Dr. Kisch, zugute. Ersterer führte ihn in die neueren Sprachen, letzterer ins Latein ein. Dadurch ward er nun in den Stand gesetzt, sich der Philosophie zu widmen, zu der ihn ein innerer Drang der Seele hintttÄ. Er studierte Locke, Leibniz, Shaftesbury, versäumte auch nicht, sich mit den Anfangsgründen der Mathematik bekannt zu machen, und gewann so nach und nach eine immer reichere Allgemeinbildung. Die Philosophie Christian Wolfs war es vor allen Dingen, die seinem Denken und Schaffen Inhalt gab. Wol^ ist der typische Repräsentant der Aufklärung. Er ist kein origineller Denker, sondern hat sich im wesentlichen darauf beschränkt, die Philosophie seines großen Lehrmeisters Leibniz zu systematisieren und zu popularisieren. Man bezeichnet mit Recht diese Art der Philosophie als dogmatischen Rationalismus. Die Welt erscheint hier als ein rationales, vernunftgeleitetes gegebenes Ganzes, das eine unendliche Fülle von Einzelwesen (Monaden) zu einem zweckmäßigen Organismus verbindet. Gott hat die bestmögliche Welt geschaffen, indem er sich den Grundsätzen der Vernunft unterordnet. So wie die Welt selbst nämlich als ein fertiges Ganzes erscheint, so dünkte den Aufklärern auch die Wissenschaft wenigstens chren Prinzipien nach fettig, ewig und unveränderlich. Die ewigen Wahrhetten der Geomettte, der Sittlichkeit und der Religion bilden in sich ein System, das auch Gott nicht zu verändern vermöchte. In jedem Individuum lebt die Sehnsucht und das Verlangen, sich zu vervollkommnen, und die Unsterblichkett der Seele, sowie die Güte Gottes bieten die Garantie dafür, daß dieses Streben nach Vollkommenheit, das hier auf Erden niemals sein Ziel erreicht, sich arch nach dem Tode noch auswirken kann. Einen Fortschritt der Menschheit als Ganzes braucht man deswegen nicht zu statuieren, und Mendelssohn, der alle die oben angefühtten Gedanken sich innerlichst zu eigen gemacht hat, leugnet im Gegensatz zu seinem Freunde Lesfing den Fortschritt der gesamten Menschheit in seiner Schttft „Jerusalem". Hier sind die Grenzen seines Denkens. Er bleibt eben bei dem Standvunkt der Aufklärung stehen, den ein Lessing und Kant überwunden haben. Damit ist dem Verdienste Mendelssohns kein Abbruch getan. Wir deuteten ja oben schon an, daß das Zeitalter der Aufklärung eine wirkliche Befreiung der Geister mit sich fühtte. Indem Mendelssohn durch seine philosophischen Werke die Achtung nicht nur seiner engeren Glaubensgenossen, nicht nur Deutschlands, sondern der ganzen W.elt gewann, bereitete er die Befreiung seiner Glaubensgenossen vor und vertiefte an seiner Stelle die Einheit des deutschen Kulturbewußtseins. Als philosophischer Schriftsteller gewann er seinen ersten größeren Triumph, als er sich 1763 an einer von der preußischen Akademie ausgeschriebenen Preisfrage beteiligte und mit der Schrift „Ueber die Evidenz der . metaphysischen Wissenschaften", der Entscheidung der Akademie gemäß, sogar über Kant triumphierte. Doch hatte er bereits früher mit tzen ..Vbilosovbttchen Gesprächen" und den „Briefen über die Empfindungen" Ziemliches Aussehen erregt, obgleich dieselben im wesentlichen nur den Standpunkt Ehr. Wolfs vettraten. Es war indessen doch nicht nur die Eleganz seiner Schreibweise, die von Kant, Lessing, Herder immer gerühmt worden ist, auch nicht die aufrichtige und treffliche Persönlichkeit, die aus jedem Worb, das er schrieb, sprach, wodurch er den Beifall der Zeitgenossen gewann. Einmal waren es die Probleme, mit denen er sich beschäftigte und der ehrliche Enthusiasmus, mit dem er sie behandelte, und sodaikn das Vermögen, gemäß dem Streben des Aufklärungszeitalters, die schwierigsten Gegenstände klar und allgemeinverständlich zu behandeln. Dies zeigte sich noch mehr in seinen größeren Werken „Phädon" (1767), Jerusalem (1783) und „Morgenstunden" (1785). Der Phädon, durch welchen Mendelssohn eine wahrhaft europäische Berühmtheit erlangte; war nach Thema und Einkleidung eine Neubearbeitung der Platonischen Schrift gleichen Namens. Es handelt sich dabei freilich nicht um eine Uebersetzung, sondern um eine Bearbeitung im Geiste des 18. Jahrhunderts. Mendelssohn selbst war sich dessen bewußt, daß der Platonische Sokrates sich bei chm in einen Jünger von Leibniz und Wolf verwandelt hatte. Wie bei Plato, so handelt es sich auch bei Mendelssohn um die Unsterblichkeit der Seele. Es ist nun im wesentlichen die Lehre Wolfs, die Sokrates hier vorträgt, wobei denn natürlich die Beweise für die Unsterblichkeit der Seele ein völlig verändertes Aussehen erhalten. Sie sind freilich später von Kant in der Kritik der reinen Vernunft gründlich zerzaust worden, aber das hindert nicht, daß das Buch den Zeitgenossen viel Trost, Erbauung und Belehrung gegeben hat. _ Wenn Mendelssohns Interesse von Hause aus den religiösen Dingen zuneigte, so hatte er sich bis jetzt doch wenig um die praktische Seite des Problems gekümmert, aber gerade auf diese wurde er durch ein schwerwiegendes Ereignis mit Notwendigkeit hingewiesen. Der Züricher Apostel der Schwärmerei und Empfindsamkeit, I. C. Lavater, hatte einen sehr taktlosen Versuch gemacht, Mendelssohn zum Ueberttttt zum Christentum zu bestimmen. Dieser hatte natürlich die Aufforderung in würdigster Weise abgelehnt, mußte nun aber jahrelang unter dem Geschrei der Zeloten, die durch das unbedachte Vorgehen Lavaters aufgestachelt waren, leiden. Die mtt dieser Sache zusammenhängenden seelischen Aufregungen hatten für Mendelssohn zunächst den unerfreulichen Erfolg eines Nervenzusammenbruchs, infolgedessen er lange Zeit der Philosophie, seiner seelischen Geliebten, Lebewohl sagen mußte. Nachdem er soweit hergestellt war, daß er sich wieder zu schriftstellerischer und wissenschaftlicher Arbeit fähig fühlte, beschloß er, sich mtt der Praxis des religiösen Lebens zu beschäftigen. So wurde er recht eigentlich zum Apostel der Toleranz. Mit Schttft und Handlung trat er ein für die Verbesserung der Lage seiner Glaubensgenossen, die sich in ihrer bedrängten Lage häufig persönlich an ihn um Rat wandten. Wenn die „Morgenstunden" sich mtt den Bewttsen für das Dasttn Gottes beschäftigen, so halte die Schttft „Jerusalem" die ausgesprochene prakttsche Tendenz, den Kampf um Schafft Frieden in Palästina Me*et Me La» in PallM, periffetiflh|eK arte «f Seite 2 »et I. 8eU««e eioe» <m«Mr«4en «rtttel. die Gleichberechtigung der jüdischen Religion im Staat aufzunehmen. Wir wollen zunächst diese letztere Schrift etwas näher betrachten. Nach einer ziemlich ausführlichen naturrechtlichen Betrachtung sucht Mendelssohn die Befugnisse und Rechte des Staates und der Kirche gegeneinander abzuwägen. Er bestreitet dabei der Kirche jedes Recht auf Eigentum und Zwangsmaßnahme. Die Kirche hat zu mahnen, zu erziehen und die Gemüter zu Gott zu wenden. Zwangsvecht dagegen steht ihr nicht zu, dies ist einzig und allein Sache des Staates. Daher wendet er sich dagegen, daß die Kirche ihre Gläubigen in den Bann tut, daß ihre Priester durch einen Eid an irgendwelche Glaubenssätze gebunden würden usw. Der Staat ist zu absoluter Toleranz verpflichtet gegenüber jeder Glaubensgemttnschaft, sofern sie nicht direkt gegen die Gesetze der Sittlichkeit und des Staates verstößt. Er bestreitet, daß es wünschenswert sei, alle Menschen zu einem Glauben zu bekehren. Bei der näheren Begründung der genannten Thesen entwickelt er seine Anschauung vom Wesen der jüdischen Religion. Nach seiner Ueberzeugung kennt diese Religion keine Offenbarung irgendwelcher theoretischer Glaubenssätze; in dieser Hinsicht vielmehr verweist sie die Menschen an die ewigen Pernunftwahrhetten, die sie durch eigmes Denken erkennen können, und an die ewigen Gesetze Gottes, wie sie sich in der Natur darstellen. Offettbatt dagegen ist den Juden im Pentateuch das Zeremonialgesetz. Auch wo es nicht unmittelbar der Vernunft verständlich ist, muß es der Jude, aber auch nur dieser, befolgen, weil es Gottes Vorschrift enthält. Diese Stellung Mendelssohns ist manchen Angriffen ausgesetzt, aber keiner kann bezweifeln, daß sie ihm nur von den edchtlen Mottven eingegeben ist. Die Schttft erhielt das hohe Lob Kants und aller einsichtigen Männer; dennoch enthielt gerade sie einen Passus, gegen den sich Kant gewendet hat, nämlich, wie wir schon hörten, gegen Mendelssohns Auffassung, daß es zwar eine unendliche Fortentwicklung der Einzelseele, nicht aber der menschlichen Gattung gäbe. Fast ebenso sehr wie der Bekehrungsversuch Lavaters betrübten und entrüsteten chn in seinm letzten Lebensjahren die Jacobischen Händel. Der Glaubensphilosoph Jacobi hatte nach dem Tode Lessings eine Schrift herausgegeben, in welcher er der Welt Mitteilung machte von einer Unterredung mit Lessing, in welcher sich Lessing als Spinozist und Pantheist bekannt hatte. Jacobi hatte zu dem Besuch btt Lesfing das Goethesche Gedicht „Promttheus" („Bedecke deinen Himmel, Zeus, mtt Wolkendunst.") mitgebracht, über das er (Jacobi) sich von sttnem etwas engherzigen christlichen Standpunkt aus sehr aufregte. Er hatte gehofft. Lessing würde chm in oer Verurteilung des Gedichtes beistimmen, und war nicht wenig überrascht, als vielmehr Lesfing das Gedicht lobte und sich überdies als überzeugter Pantheist und Spinozist bezeichnete. Mendelssohn, für den die Existenz des persönlichen Gottes und die Unsterblichkeit der Seele feststand, hatte es auch nicht anders gewußt, als daß er in diesem Punkte mit Lessing einig sei. Ihre gemeinsame Arbeit an den „Briefen, die deutsche Literatur betreffend", an der Satire „Pope, ein Metaphysiker", ihr häufiger freundschaftlicher Verkehr mtt so zahlreichen philosophischen Diskussionen gab Mendelssohn ein gewisses Recht zu glauben, Lessings philosophische und religiöse Ueberzeugungen zu kennen. Daß Lessing einem Menschen, der ihm sonst fern stand, wie Jacobi, Konfessionen gemacht haben sollte, die allem widersprachen, was er, Mendelssohn, der langjährige Freund Lessings, von diesem wußte, war für diesen eine äußerst erschütternde Entdeckung. Nachdem er schon in den „Morgenstunden" Lessing von dem Verdacht des Spinozismus zu rttnmen versucht hatte, behandelte er dasselbe Thema in einer Schrift an seine Freunde, die er kurz vor sttnem Tode verfaßte. Will man zu einem Urtttl kommen in diesen Streitigkeiten, so ist gewiß das eine richttg, daß Mendelssohn Lessing ans seiner Sette hat, wenn er die Sache der Vernunft gegen Frömmeltt und Engherzigkeit ergreift. Auch geht es nicht an, wie Jacobi auf Grund eines flüchtigen Zwiegesprächs tat, Lessing unter eine solche Kategotte wie Spinozismus unterzubttngen. Mil gleichem Eifer und gleicher Liebe wie den Spinoza hat Lessing auch Shaftesbury, Eardanus und vor allem Leibniz studiett und ist trotzdem immer ein Eigener geblieben. Was Mendelssohn in dem Strett übersehen hat, ist, daß Lossing als Dichter und Kttttker sich unmöglich irgendeinem Dogma beugen konnte. Noch müssen wir der Uebersetzertättgkttt Mendelssohns gedenken. Er hat nicht nur mtt der Unterstützung einiger chm befreundeter jüdischer Gelehtten ttne treffliche Uebersetzung der fünf Bücher Moses gegeben, sondern auch die Psalmen und das hohe Lied in reines und gutes Deutsch

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