Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 35 (28.8.1929)
- Date
- 1929-08-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614035--3261-2620830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Tobit in seine Geschichtswerke und Unterrichtsbücher ausgenommen, auch aus den Weisheitsbüchern einiges benutzt. Schon in alten Zeiten wurde ein Absatz aus den Sprüchen Josua ben Sirach's in die Aboda, den feierlichsten Teil der Jom-Kippur-Liturgie, eingearbeitet. Alles andere bleibt uns aber unbekannt, ganz besonders die Schriften, welche auch die lutherische Bibel nicht enthält. Dazu gehört u. a. das Dritte Buch Esra. Dieses erzählt folgende Begebenheit: „Der König D a r i u s veranstaltete ein großes Gastmayl für alle seine Untergebenen, für seine Palastbeamten, für alle Vornehmen von Medien und Persien, für alle Satrapen, Heerführer und Statthalter von Indien bis Aethiopien in den hundert und sieben und zwanzig Provinzen. Sie aßen und tranken und als sie satt waren, zogen sie sich zurück. Der König aber legte sich zum Schlafen nieder. Da besprachen sich drei junge Leibwächter: wir wollen jeder einen Weisheitsspruch darüber machen, was das mächtigste ist; der König soll dem große Siegespreise geben, dessen Spruch weiser als die der anderen ist; der soll wegen seiner Weisheit auf dem ersten Platz neben Darms sitzen und sein Vetter genannt werden. Jeder schrieb seinen Spruch nieder, der erste: „der Wein ist am mächtigsten"; der zweite: „der König ist der mächtigste"; der dritte: „die Weiber sind die mächtigsten, über alles aber siegt die Wahrheit". Als der König aufwachte, zeigte man ihm das Schriftstück. Er ließ alle die Vornehmen, Satrapen und Heerführer zusammenrufen und ihnen dasselbe vorlesen. Sodann befahl er den drei Jünglingen, ihre Sprüche näher zu begründen. Der erste begann: „Der Wein verwirrt den Menschen die Sinne, er macht den Sinn des Königs gleich dem eines Waisenknaben, des Sklaven gleich dem eines Freien, des Bettlers dem eines Reichen gleich. Er verwandelt alle Sinne in Lustigkeit und Fröhlichkeit, läßt Trauer und Schulden vergessen. Alle Herzen macht er reich, macht die Könige und Satrapen vergeßlich, bringt Streit zwischen Brüdern und Freunden. Wenn man vom Weinrausch erwacht, weiß man nicht mehr, was man getan hat. Ist nicht der Wein am mächtigsten, wenn er solche Wirkungen hervorbringt?" Der zweite sprach: „Sind nicht die Menschen am mächtigsten, da sie sich doch Land und Meer nebst allem, was darauf und darin ist, unterworfen haben? Und der König ist der mächtigste von ihnen; er beherrscht sie und gebietet über sie, und sie gehorchen allen seinen Befehlen. Befiehlt er Krieg, so kämpfen sie, bezwingen Berge, Mauern und Burgen; sie morden und lassen sich morden. Und wenn sie gesiegt haben, so bringen sie dem Könige alles, was sie erobert oder geplündert haben. Und die Landbebauer bringen dem Könige ihre Gaben von dem, was sie geerntet haben. Alles, was der König befiehlt, das geschieht. Sein ganzes Volk und alle seine Heere gehorchen ihm. Er selbst aber ißt, trinkt und schläft. Seine Untertanen aber bewachen ihn, kerner darf sich der Pflicht entziehen. Ist der König daher nicht der Mächtigste, wenn ihm solcher Gehorsam geleistet wird?" Daraus begann der Dritte, das war Serubabel: „Der König ist groß. Die Menschen sind zahlreich, der Wein ist mächtig. Wer ist aber ihrer aller Herrscher? Sind es nicht die Weiber? Diese haben alle Menschen hervorgebracht, vom König bis zum Bauer; sie verfertigten die Kleider der Menschen und ihre Zierrate. Tie Männer können ohne die Weiber nicht leben. Wenn sie Gold und Kostbarkeiten zusammengebracht haben und dann ein schönes Weib sehen, dann lassen sie alles um ein einziges Weib liegen und ziehen dieses dem Golde oder den Edelsteinen vor. Der Mann verläßt seinen Vater, der ihn erzogen, sowie seine Heimat und hängt am Weibe. Das Weib im Herzen stirbt er, ohne seines Vaters, seiner Mutter und seiner Heimat zu gedenken. Also beherrschen die Weiber die Männer. Arbeitet und quält ihr euch nicht, um alles den Weibern zu bringen? Der Mann nimmt sein Schwert und bricht auf, um zu rauben und zu plündern, das Meer und die Ströme zu befahren. Er sieht dem Löwen ins Auge und wandert im Finstern — uno was er zusammengerafft hat, bringt er der Geliebten. Viele sind um der Weiber willen um ihre Sinne gekommen, viele sind zu Grunde gegangen, ins Unglück geraten und Verbrecher geworden, der Weiber halber. Habt ihr nicht gesehen, wie Apame, das Kebsweib des Königs, Tochter des bewunderten B a r t a k e s, zur Rechten des Königs saß? Sie nahm das Diadem des Königs von seinem Haupte und setzte es sich selber auf, mit der Linken gab sie dem König einen Backenstreich. Und der König saß dabei mit offenem Munde und schaute sie an. Wenn sie ihn anlacht, so lacht auch er; wenn sie ihm böse ist, so schmeichelt er ihr, damit sie ihm wieder gut wird. Ja, die Weiber sind mächtig! Groß ist die Erde und hoch der Himmel und schnell im Lauf ist die Sonne, weil sie das Himmelsgewölbe umkreist und wieder an ihren Ort an einem einzigen Tage zurückläuft! Ist nicht groß, wer solches tut? Aber die Wahrheit ist größer und mächtiger als alles! Die ganze Erde ruft nach ihr, der Himmel preist sie, alles Geschaffene erbebt und zittert; nichts, gar nichts Unrechtes ist an ihr. Der Wein ist ungerecht, der König ist ungerecht, die Weiber sind ungerecht, alle Menschenkinder sind ungerecht, und alle ihre Werke sind ungerecht, in allen ist keine Wahrheit und infolge ihrer Ungerechtigkeit gehen sie zu Grunde. Aber die Wahrheit bleibt und behält Macht aus ewig, sie lebt und behält Kraft in alle Ewigkeiten. Auch ist bei ihr kein Ansehen der Person und keine Parteilichkeit, sondern sie tut, was recht ist, unterscheidet sich von allen Ungerechten und Bösen. Alle haben Wohlgefallen an ihren Werken. In ihrem Urteil ist nicht das geringste Unrecht. Ihr gehört die Macht und die Herrschaft und die Gewalt und die Herrlichkeit aller Zeiten! Gepriesen sei der Gott der Wahrheit!" Da rief die ganze Versammlung: „Die Wahrheit ist groß, sie ist am mächtigsten!" Und der König sprach zu ihm: „Bitte dir aus, was du willst; wir wollen es dir geben, weil du als der weiseste befunden bist. Du sollst den Platz neben mir haben und zu meinem Vetter ernannt werden." Und Serubabel sprach zum Könige: „Gedenke des Gelübdes, das du damals, als du deine Krone erlangt hattest, getan hast: Jerusalem wieder aufzubauen und alle Geräte, die du aus Jerusalem weggenommen, wieder zurückzusenden, die Cyrus ausschied, als er gelobte, Babel zu zerstören und die Rücksendung zu veranlassen. Auch gelobtest du, den Tempel wieder aufzubauen, den die Jdumaeer in Brand steckten, als Juda von den Chaldaeern verwüstet wurde. Das ist es nun, was ich fordere, o Herr König, und um was ich dich bitte! Das ist die heräichste Tat, die von dir geschehen möge! Ich flehe, du mögest das Gelübde erfüllen, das du dem Könige des Himmels gelobt hast." - Gottesdienste * Lerlin-Rortzen. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, 30. August, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. BerliN'Westend. Liberale Synagoge Westend (Leistikowstraße 7, nahe Reichskanzlerplatz). Freitag, 30. August, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule Nikolsburger Platz). Freitag, 30. August, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarsenfky. Gottesdienste an den hohen Feiertagen. Der Gottesdienst im Atrium ist Ersatzgottesdienst für die nicht vollendete Synagoge Prinzregentenstraße. Kartenverkauf durch Jüdische Gemeinde, K.D.W., Tietz. Westend. Festgottesdienste in der Herderschule, Bayernallee 4. Plätzeverkauf Arthur Lehmann & Co., Kaiserdamm 38. Näheres demnächstige Inserate. Berlin. Indische Reformgemeinde, Johannisftraße 16. Sonntag, den 1. September, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Rvsenthal. * r Das Ili-Programm ★ Berlin. Gemeinsame Veranstaltungen. Sonntag, den 1. September, Fahrt nach Potsdam an den Schwielowsee. Wir treffen uns um 8 Uhr an der Freitreppe des Potsdamer Fernbahnhofs. Für Nachzügler 9 Uhr Bahnhof Potsdam. Führung: Mar Freundlich, Neukölln, F. 2. 4338. Pankow-Osten. Donnerstag, den 29. August, 8 Uhr, Heimabend bei Marlin Elatz, Danziger Straße 94. Breslau. Jüngeren-Gruppe: Donnerstag, den 29. August, 16.15 Uhr, bei Dr. Silbermann, Gartenstraße 49: Vortragsreihe „Deutsche Literatur" von Heinz Silbermann (Jüngeren-Gruppe); 1. Vortrag. — Hauptgruppe: Die nächste Veranstaltung findet erst am 18. September (Beginn unserer Winterarbeit) statt. Näheres wird noch bekanntgegeben. Frankfurt a. M. Heimabend Dienstag, den 4. September, 20.45 Uhr, „Mendelssohn". Dienstag, den 11. September, 20.45 Uhr, Aussprache über die Nordensche Broschüre „Grundlagen und Ziele des religiös-liberalen Judentums", jeweils im Sitzungszimmer der Westendfynagoge. Samstag, den 31. August, Zusammenkunft der Jüngeren-Gruppe. Näheres durch Renö Metz, Sophienstraße 30. Ratibor. Nächste Zusammenkunft: Mittwoch, den 4. September, „Mendelssohn-Abend". Es sprechen mehrere Mitglieder über seine Werke. Da stand der König D a r i u s auf, küßte ihn und schrieb ihm Briefe an alle Amtleute und Statthalter, Heerführer und Satrapen, daß sie ihm und allen, die mit ihm hinaufziehen würden, um Jerusalem wieder aufzubauen, freies Geleit geben sollten. Auch gab er allen Statthaltern in Coelesyrien und Phönizien, sowie denen im Libanon schriftliche Befehle, daß sie Cedernstämme vom Libanon nach Jerusalem schaffen und bei der Befestigung der Stadt helfen sollten. —-Auch sandte er alle Geräte, die Cyrus versprochen hatte; alles, was Cyrus versprochen hatte, das gab er nun Befehl zu tun und nach Jerusalem zu senden." Die Erzählung ist wunderschön, ein Jubelgesang zur Verherrlichung der Wahrheit. Aber sie hat mit der Wahrheit nichts weiter zu tun, als daß sie nicht wahr ist, sie ist ein Midrasch. Der unbekannte Verfasser wollte auch gewiß keine wahre Geschichte berichten, sondern er erfand eine solche für einen gewissen Zweck, als Grundlage für einen Lehrvortrag oder als Ausgangspunkt einer Predigt. Ein Midrasch will ja auch keine geschichtliche Tatsache berichten, sondern ein Gleichnis, eine Fabel oder ein Märchen, das das Interesse seiner Leser oder Zuhörer erweckt, sie gespannt auf seine weitere Ausführung macht oder sie zum eigenen Nachdenken anregt, vielleicht auch ermüdete Zuhörer mit neuem Eifer für seine ernsten Lehren erfüllt. Es ist aber nicht so einfach, bei jeder Erzählung — nicht nur aus der talmudischen Zeit — festzustellen, ob ein wirklich historischer Bericht oder ein Midrasch vorliegt. Sofern die Erzählung von wunderbaren oder sichtlich unmöglichen Begebenheiten berichtet, wird sie ohne weiteres als ein Dichtwerk erkannt; wenn sie aber ein schlichtes, echt historisch gehaltenes Kleid trägt, ist es sehr schwer, zu entscheiden, ob Dichtung oder Wahrheit vorliegt. Der Midrasch, die Sage oder Legende sind auch nicht auf eine bestimmte Epoche beschränkt, sie sind alt, uralt, älter als jede Geschichtsschreibung. Man finbet sie bei allen Völkern, sie entstanden sowohl im Altettum, wie in oer Neuzeit; sie entwickelten sich schon im alten Israel, lange ehe es ein Judentum gab. Legenden und Sagen sind vielfach in der Bibel enthalten, sowohl im Pentateuch, wie in den anderen Teilen. Kein denkender, einigermaßen gebildeter Mensch kann heute den Schöpfungsbericht, die Erzählungen von der Sintflut und dem Turmbau zu Babel, manche berichtete Vorkommnisse aus dem Leben der Patriarchen, die Träume Pharaos und die Wunder beim Auszuge aus Egypten, gewisse Ereignisse in der Richterzeit, die Sagen um Elia und Elisa und vieles andere als historische Tatsachen annehmen, er kann sie nur für Midraschim erachten. Mer auch ganze kanonische Bücher sind nichts anderes, als Midraschim, Erzählungen, die für einen bestimmten, gewiß guten Zweck verfaßt und sehr geschickt historisch gehalten sind, jedoch bei strenger Untersuchung als erfunden betrachtet wettten müssen. Dazu gehören z. B. das Buch Ruth, das Buch Jona, das Buch Esther und das Buch Daniel. Ihr literarischer Wert leidet dadurch nicht, nur als historische Berichte können sie nicht mehr betrachtet werden, wohl aber als kulturhistorische Dokumente. 'VA-IfS STOItWERG-( f Billig,^ iDohlSchmeckcml, nahrhaft. Bis zum Ende des siebzehnten Jahrhunderts hat kaum jemand gewagt, derartige Gedanken zu äußern, er mußte sie still in sein Inneres verschließen, wenn er sich nicht größter Gefahr aussetzen wollte. Die anonyme Veröffentlichung des „Theologisch-politischen Traktats" von Baruch Spinoza im Jahre 1670 erregte ungeheures Aufsehen, namentlich in theologischen Kreisen, die Verbote und Beschlagnahmen des Buches bewirkten, ohne anderen Erfolg, daß es schon drei Jahre später wieder neu gedruckt wurde und viele neue Aufnahmen erlebte. Die Zeit war für streng wissenschaftliche Forschung noch nicht reif. Als dann aber etwa hundert Jahre später der Franzose jüdischer Abkunft, Jean Astruc (1684— 1766), seine Ansicht, daß die ersten beiden Bücher Moses aus zwei Hauptquellen zusammengesetzt seien, veröffentlichte, da war der Grundstein für kritische Bibelforschung gelegt und diese Wissenschaft begann eine rasche, ergebnisreiche Entwickelung. Bald erschienen bibelkritische Schriften von Eichhorn und de W ette, die den Anstoß zu weiterer ernster Forschung und bald stattfürdenden Veröffentlichungen auf bibelkritischem Gebiet seitens anderer Gelehrten gaben. Tie beiden Genannten und ihre Nachfolger, z. B. Ewald, Vatke, Graf, Kuenen, Wellhausen und von jüdischen Gelehrten Z u n z und Geiger haben nach und nach ein wissenschaftliches System aufgebaut, namentlich über Abfassung und Entstehung des Pentateuchs. Danach liegen hauptsächlich vier Urschriften zu Grunde: eine jahwistische, so benannt, weil der vierbuchstabige Name Gottes JHWH, dessen Aussprache uns unbekannt ist und der heute Jahwe, früher Jehova gelesen wurde, darin Anwendung findet; eine elohistische Schrift, in der Gott mit El oh im bezeichnet wird; einen Priesterkodex, der aus einem Teile des zweiten, dem ganzen dritten und einem Teile des vierten, sowie auch manchen Teilen des ersten Buches Moses besteht und endlich aus dem Deuteronomium. Die Entstehung des jahwistischen und elohistischen Buches schreibt man dem neunten Jahrhundert vor der jetzigen Zeitrechnung zu. Sie seien noch vor dem Exile zusammengearbeitet worden, die Kritik nennt dieses vereinigte Werk die jehowistische Schrift. Das Deuteronomium stammt,aus dem siebenten Jahrhundert, aus der Zeit des Königs Josia. Ueber die Entstehungszeit des Priesterkodex hat man lange Zeit gestritten. Jetzt erkennt man an, daß cs erst im Exile entstanden und die Grundschrift des jetzigen Pentateuchs geworden ist. In ihr ist die jehowistische Schrift eingearbeitet. Frühestens im Laufe des zweiten Jahrhunderts nach der ersten Zerstörung Jerusalems habe unsere Thora im allgemeinen diejenige Form erhalten, in der wir sie heute besitzen. Die endgültige Abfassung sei aber erst nach Esra, also zwischen 400 und 300 v. d. j. Z. erfolgt. Ein Anhalt für diese Annahme liegt u. A. darin, daß das Neujahrsfest und der Versöhnungstag zur Zeit Esras noch nicht bekannt waren. Es kann sein, daß ein Teil des Pentateuchs schon aus Moses Zeit herrührt, namentlich das Zehngebot und das sogenannte Bundesbuch (II. Moses, Kap. 20, 24—23, 12). Mles andere stammt aus späteren Zeilen, ist mehrfach überarbeitet und wieder überarbeitet worden, bis es seine endgültige Gestalt, etwa lausend Jahre nach Moses, erhielt. Daraus ergibt sich auch, daß der größte Teil der Niederschriften der Propheten älter ist als unsere heutige Thora, es ist aber auch zu folgern, daß sich vieles in den heutigen Text eingeschlichen hat, was den Ansichten, Gewohnheiten und Sitten der verschiedenen Zeitalter entsprach, vieles Sagenhafte, was sich im Volksmunde mit der Zeit aus Sagen zu Tatsachen entwickelt hat, Gebräuche und Sitten, die sich zu Gesetzen umgewandelt haben. Viele Gesetze der Thora wurden an sagenhafte Erzählungen geknüpft und sollten durch diese begründet werden. Viele fremde Sitten und Gebräuche haben sich mit der Zeit eingeschlichen und sind zu biblischen Gesetzen geworden, ja sie haben sogar ursprüngliche Vorschriften überwuchert, viele sind midrachisch ausgelegt, oft im Gegensatz zu dem wirklichen Sinne. Wie beim Pentateuch, so ist es auch bei den anderen erzählenden Büchern der heiligen Schrift. Abgesehen von dem schon erwähnten, enthalten z. B. auch die Bücher Josua, Richter, Samuel, Könige und Chronik neben ihrem historischen Inhalt auch Midraschin. Namentlich um König Salomo hat sich schon früh ein großer Legendenkreis gebildet. Seit dem Entstehen der Reformbewegung hat man auch im Judentum begonnen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Mer es ist sehr schwer, die Sage und Legende, das Märchen und den Midrasch den Köpfen der Menschen als solche zu erweisen, sie Dichtung und Wahrheit unterscheiden zu lehren. Nur die Zeit kann dabei helfen; Gottes ^Mühlen mahlen langsam. Aber die Wahrheit ist groß, sie ist am mächtigsten und wird endlich den Sieg erlangen. Leser, die verreisen können sich die „Jüdisch-liberale Zeitung" auf kurze oder länget^ Zeit ins Bad oder in die Sommerfrische nachsenden lassen Der Nachsendungsantrag ist bei dem zuständigen Postamt zu beantragen. Es ist dringend ratsam, die Ueberweisung möglichst acht Tage vor der Reise zu bestellen.