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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-08-28 · 35 (28.8.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
35 (28.8.1929)
Date
1929-08-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nationalbewußtsein und jüdisches Nationalbewußtsein mehr oder minder gleichberechtigt miteinander im Kampfe liegen, wobei die Wahl der niedrigen Mittel nicht einmal unbedingt dem rückständigen Kulturniveau der Araber zugeschrieben werden kann; denn bekanntlich haben ja auch die Völker Europas und Amerikas, die als Vertreter der heutigen Kultur gelten, sich der gleichen niedrigen Mittel ausgiebig bedient. Nicht das Judentum, sondern die Religion als solche und die Menschheit ist geschändet worden. Es liegt einer jener tragischen Fälle j vor, wo durch allzustarke Konkretisierung der religiösen Symbole das Ideal der Religion in sein Gegenteil verkehrt wird. Kreuzzüge in den Formen des Weltkrieges, Mittelalter und Neuzeit im Ineinander! Für den Augenblick ist zu hoffen, daß — Macht des Gesetzes gegen die entfesselte Macht der Ungesetzlichkeit — der englischen Regierung gelingt, baldigst Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Darüber hinaus aber, daß statt der verführerischen „greifbaren Ideale" das wahre, zwar unsichtbare, aber desto wirksamere Ideal der Religion über die Menschen im „Heiligen" Land und in allen Ländern Macht gewinnt. Müssen die Bekenner der Religionen wirklich um das untere Jerusalem blutige und haßerfüllte Kämpfe > führen, da sie doch — Jude, Mohammedaner und Christ — im oberen Jerusalem sich friedlich treffen könnten? Möchten die Menschen alle bald das obere Jerusalem finden und das irdische Jerusalem mit seinem Ungemach und ihrer Schande vergessen. Wiederholung der zehn Bundesworte im fünften Buch gewagt habe, den im zweiten Buch gegebenen Text des Sabbatgebotes anzutasten. Tatsächlich hat der Verfasser — die bibelkritische Frage, ob dies Mose selbst ist oder ein späterer Schriftsteller, darf hier unerörtert bleiben — eine bedeutende textliche Aenberung vorgenommeu. In der ursprünglichen Fassung der zehn Bundesworte wird das Sabbatgebot damit begründet, daß Gott nach den sechs Tagen der Weltschöpfung am siebenten Tage geruht habe. Hier hat der Sabbat mithür^ eine rein religiöse Bedeutung; er soll Geschöpf und Schöpfer in Beziehung zu einander setzen. Bei der Wiederholung der Bundesworte jedoch erhält der Sabbat eine soziale Begründung: „damit dein Knecht und deine Magd ruhen k'ö n n e n w i e d u. D c n k e d a r - an. daß du selbst Sklave im Lande Aegypten gewesen b i st und daß der Ewige, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit starker Hand und ausgestrecktem Arm; darum hat dir der Ewige, dein Gott, geboten, den Ruhetag zu halten." Anstatt nun aber, wie Delitzsch es tut, an dem Urheber der Textänderung in kleinlicher Weise herumzunörgeln, als habe dieser an dem heiligen Text pietätlos gehandelt, freuen wir uns über das tiefe soziale Verständnis, das er durch die veränderte Begründung des Sabbatgebots an den Tag legt, über die innige Liebe, mK der er seine Hand schützend über die vom Schicksal stiefmütterlich Bedachten hält. Nebenbei bemerkt, hat der Verfasser die Anregung zu seiner veränderten Begründung offensichtlich aus der ursprünglichen Fassung des vierten Gebots erhalten, woselbst ja auch schon „dein Knecht und deine Magd" erwähnt wird. Das soziale Empfinden des Gesetzgebers tritt also auch schon hier zutage; nur wird die Rücksicht auf ,„Knecht und Magd" nicht als der eigentliche Zweck des Sabbatgebots hingestellt. Letzteres geschicht dann aber mit aller Deutlichkeit wenige Kapitel später (2. B. Mose 23, 12) mit den Worten: „Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebenten Tag aber ruhen, damit ruhen kann dein Ochs und dein Esel und damit a u f a t m e n kann der Sohn deiner Magd und der Fremdling." Diesem edlen Zweck soll nach dem Willen des biblischen Gesetzgebers die Einrichtung des allwöchentlichen Ruhetages dienen, eine E i n r i ch t u n g, d i e z u den h ö ch st c n $ u t * turtaten gez ählt werden muß. Aber auch an den Werktagen darf der Mensch nicht zur Arbeitsmaschine herabgewürdigt werden. Nur so viel darf ihm an Arbeit ausgebürdet werden, daß ihm noch Zeit und Sinn bleibt für höhere Dinge, daß er in der Lage ist, an den Gütern der Kultur teilzunehmen. Wie niemand ohne zwingenden Grund Arbeit verweigern darf, so darf auch niemandem die Muße gekürzt werden, deren er bedarf, um sich als Mensch zu fühlen. Erst dann, wenn es kein modernes Sklaventum mehr geben wird, wenn ein für allemal die Klagen verstummen werden über „Kürze des Atems und allzu harte Arbeit": erst dann werden alle Kresie, Stände und Schichten Hand in Hand mit Liebe und Freude zusammenwirken können für das Wohl und die Aufwärtsentwicklung der Gesamtheit. Wahrheit und Dichtung Von Joseph K a u f s m a n n, Weißensee. Die jüdische Literatur aus der Zeit vor der zweiten Zerstörung Jerusalems ist, soweit sie nicht in den Kanon der Bibel ausgenommen wurde, bei den Juden sehr wenig bekannt geworden, da die Rabbiner das Lesen außerbiblischer Schriften nicht gern sahen und solche als „verborgene" bezeichneten. Die Septuaginta hat eine Reihe dieser Werke in griechischer Uebersetzung aufbewahrt und die römische Kirche hat sie ihrem Kanon beigefügt, sonst wären sie wohl verloren gegangen. Man nennt sie Apokryphen. Auch Luther hat den größten Teil derselben seiner Bibelübersetzung beigefügt. Aber ganz unbekannt können sie den Rabbinen nicht geblieben sein, denn im Talmud finden sich einige Ausführungen aus denselben. Es handelt sich um Schriften verschiedenen Inhalts. Historische Werke, wie die drei Makkabäer Bücher und das dritte Buch Esra; novellistische, wie die Bücher Judith und Tobit; religiöse Belehrungen in Brief- und Weisheitsspruchformen und Zusätze zu biblischen Büchern. Für ihre Abfassungszeiten wird mit ziemlicher Sicherheit der Zeitraum von 200 vor bis zum Beginn der jetzigen Zeitrechnung angenommen, also eine Zeit, in der die Aufnahme mehrerer Bücher in den Kanon (Hesekiel, Esther, Koheleth) noch nicht definitiv beschlossen war. In der neueren Zeit hat auch das Judentum die Erzählungen der Makkabäerbücher und der Bücher Judith und Me kulturelle Uot der arbeitenden Massen Von Rabbiner Tr. Wenn vom Proletarierelend die Rede ist, so denkt man naturgemäß in erster Reihe an die wirts chaftliche Not; ist sie es doch, die zunächst in ine Augen springt. Doch nicht von dieser Not soll hier gesprochen werden, fonöeru von der kulturellen Not des Proletariers, die als Folge des wirtschaftlichen Elends in die Erscheinung tritt. Ich möchte da von einem Bibelwort ausgehen, das schon in meiner Kindheit, als ich es zum ersten Mal kennen lernte, einer: erschütternden Eindruck auf mich gemacht hat, dessen Bedeutung mir aber erst später in seiner ganzen Schwere und Tiefe aufgegangen ist: „Tie Kinder Israel hörten nicht auf Mose vor Kürze des Atems und vor harter Arbeit." Schon seit mehreren Generationen haben die Israeliten unter schwerem Frondienst geseufzt; und doch ist ihnen der Sinn für die höheren Güter des Lebens noch nicht ganz verloren gegangen. Das erweist sich, als Mose zum ersten Mal vor sie hintritt. Er bringt ihnen frohe Botschaft: Gott will sie aus der Knechtschaft befreien; ein freies Volk sollen sie werden, und nicht nur ein freies Volk, auch ein heiliges Volk, ein Volk, von Gott auserkoren zu einer kulturellen Aufgabe. Wunderbar genug: Moses Worte verfehlen ihre Wirkung nicht. „Ta glaubte das Volk." Trotz ihrer Knechtung zeigen sie noch Sinn und Verständnis für sittliche, religiöse, kulturelle Gedanken. Frohen Muts begibt sich Mose nunmehr in den Palast des Pharao; auch dort hofft er auf einiges Verständnis zu stoßen. Statt dessen begegnet er schärfstem Widerstaivd. Wie? Tie Sklaven haben Sinn für höhere Güter, Sinn für Kultur und Religion? O, diesen Sinn wird der Tyrann ihnen schon auszutreiben wissen. Tie Sklaven haben offenbar noch zuviel freie Zeit; das ist ein verhängnisvoller Fehler. „Schwer muß die Arbeit auf den Männern lasten", meint der Pharao zu den Aufsehern und Beamten; „dann werden sie sich nicht mit eitlen, nichtigen Dingen befassen." Nicht eine freie Minute darf fortan den Sklaven gewährt werden, sie müssen geschunden werden; dann wird ihnen der Sinn für höhere Güter schon von selbst vergehen. Ein teuflischer Plan fürwahr, der denn auch restlos gelingt. Zum zweiten Mal erscheint Mose vor dem Volk; zum zweiten Mal spricht er ihm von Freiheit, von Auserwählung, von einer kulturellen Aufgabe. Allein dieselben Menschen, die, so lange sie unter halbwegs erträglichen Bedingungen arbeiteten, der frohen Botschaft Gehör geschenkt haben und vor dem Lenker der Geschicke in die Kniee gesunken sind: jetzt sind sie stumpf geworden, jetzt erklingt in ihren Herzen keine Saite mehr bei Moses Zukunftsverheißungen. „S i e hörten nicht aus Mose vor Kürze des Atems und vor harter A r b e i t." Was versteht denn auch ein Pharao von den seelischen Bedürfnissen der ihm Untergebenen? Auf deren Klagen gibt er ihnen die ungeheuerliche Antwort: „Träge seid ihr, träge. Ihr wollt euch ja nur vor der Arbeit drücken; darum schützet ihr kulturelle Bedürfnisse vor." Und so, wie in uralten Tagen der Pharao gesprochen hat, so haben zu allen Zeiten die Tyrannen gesprochen, die Menschenschinder, die sogenannten Herrenmenschen, die bar sind jedes sozialen Empfindens. Und in derselben Tonart sprechen sie noch heutigen Tages: „Wozu braucht die große Menge Kultur, wozu braucht sie höhere Bildung, wozu Wissenschaft, wozu Kunst? Arbeiten sollen sie, schwer arbeiten, arbeiten bis zur Bewußtlosigkeit, bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung. Nur so können wir sie Niederhalten, nur so behalten wir sie in unserer Gewalt." Das ist der Gedankengang dieser Gewaltmenschen; so nützen sie die wirtschaftliche Abhängigkeit der großen Massen aus. Und meistenteils erreichen sie auch Norden, Elberfeld. ihr Ziel. Denn Arbeit ist zwar geiviß ein Segen, und es gibt wohl keinen Menschen mit normaler Veranlagung, der nicht gern arbeiten möchte. Arbeit ist ein Segen, U eber a r b e i t u n g jedoch führt zu geistiger Stumpfheit. Ueberarbeitung st u m p f t ab gegen höhere Ziele und läßt keinen Raum für edles Menschentum. Das empfinden die arbeitenden Volksmassen nur allzu gut. Wer sie in ihren erbitterten Wirtschaftskämpfen beobachtet, der zweifelt nicht daran, daß eine dumpfe ungestillte Sehnsucht in ihnen lebt nach höheren Gütern, nach wahrem Menschentum. Aber sie sind überarbeitet, überbürdet, übermüdet. .Kein Wunder daher, daß die geistigen Führer, wenn sie sich ihnen nähern, tauben Ohren predigen, so wie Mose einst bei den versklavten und verprügelten Israeliten tauben Ohren predigte. Sie erzählen ihnen in edelster Absicht von schönen und hohen Dingen, von der Liebe zur Heimat und zum Vaterland, von Wissenschaft und Kunst, von Bildung und Kultur. Aber die Massen hören nicht, sie können nicht hören „vor Kürze des Atems und vor harter Arbeit". Sie können nicht hören, solange sie Sklaven der Arbeit sind, bedauernswerte Sklaven. Arbeiten wollen sie gern, aber unter menschenwürdigen Bedingungen; und diese Bedingungen gilt es für sie sich zu erkämpfen. Unsere Zeit ist ja erfüllt von unaufhörlichen I Prof. Dr. Moritz Türkj Nach Schluß der Redaktion erhalten wir die erschütternde Meldung, daß Professor Dr. Moritz T ür k, der noch im April dieses Jahres in voller Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, Dienstag mittag an den Folgen einer Operation verstorben ist. Wir werden das Lebensbild dieses hervorragenden liberalen Führers in der nächsten Nummer ausführlich würdigen. schwersten Wirtschaftskämpfen, von Arbeitseinstellungen und Arbeitsaussperrungen. Jeder wahre Menschenfreund muß da mit den arbeitenden Massen fühlen und aus ihrer Seite stehen, auf der Seite derer, die den Kampf wahrhaftig nicht führen aus Unlust an der Arbeit, sondern um mit ihren Familien menschenwürdig leben zu können und dadurch in den Stand gesetzt zu werden, an den geistigen und kulturellen Gütern der Nation und der Menschheit teil zu nehmen. Aus der Erfahrung heraus, die Mose in Aegypten gesammelt, hat er die sozialen biblischen Gesetze gegeben, die sich mit ihrem liebevollen Verständnis für die Lage der wirtschaftlich Schwachen turmhoch über die Gesetze der andern alten Völker erheben. Seinen Vorschriften über die Behandlung der Sklaven merkt man es deutlich an, daß er nur wehmütigen Herzens darauf verzichtet hat, die Abschaffung der Sklaverei anzuordnen, wohl in der Erkenntnis, daß er seine Forderung unter keinen Umständen würde durchsetzen können. So hat er sich notgedrungen damit begnügt, die humane Behandlung der Sklaven zu fordern; die hat er denn aber auch ohne Unterlaß und mit größtem Nachdruck gefordert. Friedrich Delitzsch hat einmal — wenn ich nicht irre, in „Babel und Bibel" — Mose einen Strick daraus zu drehen gesucht, daß er es bei der Polnisches Städtchen Ein Kriegsbild. Von Arthur S i l b e r g l e i t. Das Städtchen ähnelt einem Kupferstich, Auf dem sich Licht und Schatten spannend spalten. Hier starren schwarz und mittelalterlich Dem Kaftan eingebundene Gestalten An weißer Wand auf einem Kriegsbericht Und streichen ihrer Schläfen Ringellockett Beim Lesen immer tiefer ins Gesicht Und rascheln, flackern auf, zerstört, erschrocken, Wenn ein Kosak das Zeilenheer durchzuckt Und schauen schaudernd blutige Gesichte, Bis daß das sanfte Mondlicht überdruckt Mit seiner Friedensschritt die Kriegsberichte. Eine Freud-Studie Von Dr. Else M e i d n e r - Breslau. (Im Verlage von Ernst Reinhardt, München, erschien „Freuds tragischer Komplex" von Charles Maylan.) Es ist ein geistreicher Einfall, Freud zum Objekt der Psychoanalyse zu machen, d. h. die Methode aut Hren Erfinder anzuwenden, und die unbewußten Grundlagen seiner großen Leistung in ihm selbst aufzudecken. Der einleitende Brief, mit dem der Verfasser das „feindliche Buch" — wie er schreibt — überreicht, klingt respektvoll und witzig zugleich: der sohnhafte Schüler will dem väterlichen Meister mit der von ihm selbst erfundenen Laterne ins Innere leuchten und seine Lehre vollenden und erlösen. Doch schon die Lektüre der ersten Seiten zeigt, daß das Wort feindlich vergeblich in Anführungsstrichen steht, denn es ist wirklich ein feindseliges, und zwar besonders dem Judentum feindliches Buch. Es enthält eine Polemik gegen den Philosophen Freud — seine psychologischmedizinische Entdeckung: die Bedeutung sexueller Urerlebnisse für bestimmte psychische Erkrankungen wird anerkannt — in der als Grundion eine starke Ablehnung jüdischen Geistes klingt, und die mit Nachdruck die Grenze zwischen Juden und Ariern zieht, um dann auf beiden Seiten das alte Muster einzuzeichnen: hier Intellektualismus, Zersetzung, Negation, Ressentiment, Materialismus, masochistische Leidbereitschaft, Mechanismus und Mangel an schöpferischer Genialität: dort aber Gemüt und echte Leidenschaft, Synthese, Lebensbejahung, Sinn für das Ewige, vitale Lebendigkeit und Schöpferkraft. So erkennt der aufmerksame Leser, auch der, dem das Gebiet nicht völlig vertraut ist, sofort, was für ein getrübtes, entstelltes Bild des Judentums hier entsteht und er liest erstaunt am Schluß des ersten Kapitels folgenden Satz: daß diese Tatsachenlage Jeden, der sie anrührt, für das oberslächliche Urteil in den Geruch des ausgesprochenen Antisemitismus bringen wird, ist eine mögliche Notwendigkeit, mit der ich mich hier nicht auseinanderzusetzen nötig habe. Nur für das oberflächliche Urteil? Je mehr man sich vertieft, desto klarer wird es, daß bei der Abfassung dieses Buches als starker Impuls der Antisemitismus mitgewirkt hat, selbstverständlich eine verfeinerte, sehr vergeistigte Form des Antisemitismus, die sich mit der Art des Buches, einer hochfliegenden, von Gedanken Nietzsches befruchteten Geistigkeit, verträgt, und die darum ganz besonders gefährlich ist. Was für beschämende Beiworte erhält das Wort „jüdisch" in diesem Buch: lieblos, hart, schachernd, ungenial ufw. Sollten diese Attribute das „Wesen" des Judentums verkörpern? Denn der Verfasser erklärt, daß er die analytische Methode durch die intuitive ergänzt, um das „Wesen" aller Objekte ganz zu überschauen. Das Buch enthält manchen Widerspruch, ein paar Gewaltsamkeiten in der Deutung und viele Unklarheiten. Doch das wirklich Aufregeirde daran sind die furchtbaren Vorurteile, mit denen der Verfasser die Sache angreift, und die seltsam versteckte Art, in der alles vorgebracht wird. Es ist, als sage jemand, mit einer Reverenz und vom besten unschuldsvollsten Willen beseelt, die schlimmsten Dinge, so daß man nicht gleich übersieht, woher eigentlich der Angriff kommt. Daß der Verfasser seine Entdeckungen nicht durchweg als jüdische Uranlagen auffaßt, sondern auch viel auf die „jahrhundertelange Qual und Erniedrigung" zurückführt, ändert dabei wenig an dem Gesamteindruck der Schrift. Bei der großen Aktualität des Themas muß ein solches Werk sein Gift einer sehr breiten Schicht der Gebildeten zuführen, und wie stark dieses Gift ist, zeigt am besten das Kapitel von der Laienanalyse, in dem sich die Beschuldigungen zu solchen Verleumdungen steigern, daß kein Unterschied mehr zwischen diesen Sätzen und den anormalen Behauptungen gewisser völkischer Persönlichkeiten zu erkennen ist. Und doch stehen dazwischen auch Worte der Anerkennung und Bewunderung für Freud: es scheint wahrhaftig, als trage der Verfasser den gleichen Liebeshaß, den er in Freud zu finden glaubt, als unerledigten Komplex in seinem eignen Innern, und als werde er selbst durch diese Ambivalenz in Zwiespalt und Unaufrichtigkeit gestürzt. Worte Nietzsches umrahmen die einzelnen Kapitel, aber innerlich begleitet sie sein Geist nicht. Vielmehr lebt darin jener Geist der Reaktion und des Rassenwahns, den Thomas Mann in seinem kürzlich erschienenen Auft'atz über Freud so treffend und ahnungsvoll gezeichnet hat, und zu dessen Bekämpfung er gerade das Zeugnis Nietzsches anruft. In der Forschung ist überall Raum für den Irrtum, aber zu so stark vom Affekt getrübten Büchen: sollte sie nicht mißbraucht werden, weil das weitab von fruchtbaren Jrrtümern auf unselige Wege führt.

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