Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 35 (28.8.1929)
- Date
- 1929-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Religiöse Irie-enskomerenz - Haag Zwei Ereignisse der Tage, die in ihrem Gegensatz unsere gegenwärtige Situation grell beleuchten. Dort eine Zusammenkunft aller wesentlichen Religionen der Welt — auch die jüdische war durch Dr. Seligmann vertreten —, um den Friedensgedanken zu einer religiösen Ausgabe zu machen. In der Schlußberatung wurde ausdrücklich erklärt und der Name der Vereinigung — die in Frankfurt tagte — dahin geändert, daß man nicht nur berufsmäßige Vertreter der Religionen begrüßen will, sondern jeden, der die Weltaufgabe im Geist der Religion und krast der Religion lösen will. Und im Haag die Zusammenkunft auch von Vertretern der Hauptvölker der Welt, die zeigte, wie bitter nötig d^s Eindringen religiöser Kräfte in die politische Atmosphäre ist und wie weit die Religionen von diesem Einfluß noch entfernt sind oder genauer sich entfernt halten. Was für ein. Geist unter „Staatsführern", die gerade in den letzten Monaten so viel vom Frieden sprachen, die in der Zeit des Kellogpaktes, des Völkerbundes stehen! Handel, Handel, Geld, Geld, Geschäft, Gewinn, Zahlen, nationale Eitelkeit, reine Politik, Gewalt: das ist die Lust, unter der man lebt, fühlt, denkt, spricht, den Krieg liquidieren will. So will man die Welt ändern, so eine Jugend erziehen, die eben einen „Kreuzzug für den Frieden" eröffnet hat! Nein, diese Jugend und mir ihr jeder ideale und d. h. religiösgesinnte Mensch muß sich mit Abscheu von einem solchen Geist wenden, mit Scham vor allem über diese entsetzliche Halbheit von Menschen, die nur reden und nicht handeln können, von welcher Partei sie auch kommen! Deutschland ist das Opfer, es kann und muß jenen Geist aus sich eindringen sehen — aber es mag ihm nicht erliegen. Es mag seinerseits wirklich den Krieg, d. h. die Kriegsgesinnung liquidieren, indem es ihr den Geist der Menschlichkeit, des Friedens, der Idealität entgegensetzt, jetzt und in alle Zukunst! Nur so können sich die ungeheuren Opfer bezahlt machen, die es für Kinder und Kindeskinder jetzt auf sich nimmt. Oder wie wir es lieber ausdrücken möchten: es mag den jetzigen Führern und erst recht einer neuen Jugend die Erkenntnis aufgehen, daß die Menschheit wirklich genesen nur kann: an einer neuen religiös beeinflußten und beeindruckten „Gesellschaftsordnung". Der Hinweis auf die ewige „List" der Menschheit, der Hinweis aus „Bürgerkrieg" und „Heimwehren" und „Ostkonflikt" der Gegenwart können keine Gegenargumente sein, da man ja — angeblich — etwas Neues will, überall will. Und darum darf die Stimme der Religiosität nicht schweigen, darf sich nicht scheuen zu bekennen, daß ihr Geist allein den Weg weist. Aber nicht bloß zu bekennen. Und das ist wiederum die Halbheit aller religiösen Friedenskonferenzen, die Konferenzen bleiben und deren Teilnehmer von Zeit zu Zeit nur Zusammenkommen. Man muß uns dauernd hören, und die Kleinarbeit ist es, aus die es ankommt. Wir müssen uns gewöhnen, uns um die Dinge im einzelnen zu kümmern, müssen vor allem den größten Einfluß auf die Auswahl der Menschen nehmen, die den Staat führen sollen. Wir hier und wir in aller Welt. Wir, d. h. die Religiösen alle. Aber nicht zuletzt wir Juden. Oft genug ist das an dieser Stelle verlangt worden, aber nicht oft genug kann es verlangt werden. Nur das kann der Sinn der neuen „Jüdischen Friedensbünde" sein, die entstehen sollen. Nicht auf Demonstrationen kommt es an, sondern aus die dauernde treue Arbeit an dieser heiligen und vor allem dringendsten Sache. Denn wenn kein Friede — was dann? Was nützt dann Arbeit, Erziehung, Bildung, was nützt Bevölkerungszuwachs, Frühehe, Berufsumschichtung. was Jugend, Wohltun, was Siedlung und was Freude, Freuhc am Leben und allem Schönen. Freude an Kunst, Musik, Dichtung? Frevel und Sünde wäre das alles, und nicht bloß Zeitvergeudung. Und Frevel und Sünde ist es bei jedem, der nicht an seiner Stelle und mit seiner Krast an Zeit und Geist und Geld die Bewegung des Friedens vorwärtstreibt. Hier ist es wirklich einmal -- wir erleben es ja schaudernd mit — die Sünde der AUter, dxe an den Kindern heim-! gesucht wird bis ins dritte und vierte Geschlecht, hier wenn irgendwo haben wir als religiöse Menschen eine Ausgabe, hier wenn irgendwo gilt das Wort des Sch'ma: Schärfe es deinen Kindern ein! Rede davon, wo immer du seist! Grabe dir diese Sache tief, tief in dein Herz! Rabbiner Dr.. G o t t s ch a l k, Frankfurt a. M. Die Vorbereitung des Weltfriedenskongresses der Religionen Das Konferenz-Programm. — Tagungsort voraussichtlich Jerusalem. — Beteiligung des Judentums. Das Exekutiv-Komitee der „Religiösen Weltfriedenskonferenz" hält gegenwärtig in Frankfurt seine zweite Sitzung ab; es nehmen an ihr etwa 70 Vertreter von insgesamt 11 Religionen aus den verschiedenen Ländern der Erde teil. Die Verhandlungen gelten den Vorbereitungsarbeiten für die im Jahre, 1032 stattfindende religiöse Weltsriedenskonferenz, In der Eröffnungssitzung, die am Montag nachmittag im Frankfurter Rathause stattfand, sprachen u. a. Präsident Dr. Shailer Mathews, Professor der evangelischen Theologie in Chikago; die Grüße des Friedensbundes „Deutscher Katholiken" übermittelte Pfarrer Weidner (Frankfurt); für den Weltbund für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen sprach Pfarrer Manz (Frankfurt). Als Vertreter der Frankfurter Jüdischen Gemeinde und des Friedensbundes der deutschen Juden begrüßte Rabbiner Dr. Seligmann die Versammlung und führte aus, der jüdische Friedensbund habe sich als letzter der interkonfessionellen Friedensgemeinschaft angeschlossen, obwohl er als erster seine Kräfte in den Dienst des Friedens gestellt habe. Der Friede werde kommen, wenn alle guten Willens seien. Wer aber nicht mitwirke an der Sicherung des Friedens, der mache sich mitschuldig am Krieg. Im Namen der Stadt Frankfurt begrüßte Stadtrat Dr. Keller die Mitglieder des Kongresses im Rathause. In der geschäftlichen Sitzung berichtete Generalsekretär Atkinson (Amerika) über die bisherige Tätigkeit der Organisation. Der Vorsitzende Dr. Shailer Mathews teilte mit, daß überall in der Welt eine starke Bereitwilligkeit für die Beschickung des Weltfriedenskongresses der Religionen vorhanden ist. Hierauf fand eine eingehende Debatte über den Tagungsort statt. Die Amerikaner schlugen Gens, die Vertreter der östlichen Religionen einen Ort in Indien vor. Schließlich wurde beschlossen, daß die Konferenz im Fernen oder Nahen Dften stattfinden solle und das Geschäfts führende Komitee eine Stadt zu bestimmen habe. Mit dieser Entscheidung bleibt die Frage offen, ob Kalkutta oder Jerusalem gewählt wird. Generalsekretär Atkinson schlug vor, die Konferenz 1932 in Jerusalem abzuhalten. Vorher soll noch eine Sitzung des Exekutivkomitees stattfinden. — Der dem Exekutivkomitee vorgelegte Bericht über die Weltkonferenz sieht die Bildung von vier Kommissionen vor, die folgende Fragen behandeln sollen: 1. Welches sind die Einflüsse in der Welt, die zum Kriege führen? 2. Welches sind die geistigen Kräfte der Menschheit, die diesen Einflüssen entgegentreten können? 3. Prüfung der Arbeiten, welche von den Beteiligten der verschiedenen Religionen gemacht wurden im Interesse des internationalen Friedens und des gegenseitigen Verständnisses. 4. Wie können diese Kräfte in Bewegung gesetzt und gegen die Ursachen zur Wirkung gebracht werden? Entsprechend den Vorschlägen der Ernennungskommission wurden zu Vorsitzenden und Sekretären gewählt: l. Professor Rappard, Schweiz, Pfarrer Jules Jezequel. Paris; 2. Professor Dr. Otto, Marburg, Professor Hoffmann, Breslau: 3. Dr. Bertrand Picard, Genf, M. Lowcnthal, Paris: 4. Dr. Shailer Matthews (U.S.A.), Lindly Gordon (U.S.A.). Rabbiner Tr. M. Löiventhal, Paris, der in den Bor? stand gewählt wurde, nahm auch einen Sitz in dem Redjaklions- und Vermittlungskomitee an. Die Mehrheit des neugewählten Vorstandes stimmte dem Vorschlag des Generalsekretärs Atkinson, den großen Friedenstvelttongreß der Religionen 1932 in Jerusalem abzuhalten, zu. Krieg in Palästina Tie strittigen Rechtsverhältnisse an der Klagemauer, wo es bereits am vorjä.; i cu Versöhnungstag zu Ausschreitungen gekommen war, haben erneut zu schweren blutigen Unruhen geführt. Seit dem 9. Ab, der dieses Jahr wie erinnerlich auf den 15. August siel, sind täglich seitens der Araber Ueberfälle auf die an der Klagemauer betenden Juden verübt worden. Es hat auf beiden Seiten Tote und Verwundete gegeben, und bei den Bestattungen jüdischer Opfer ist es wiederum wiederholt zu Tumulten gekommen. Als die Teilnehmer eines solchen Trauerzuges den Friedhof verließen, wurde u. a. Dr. Wolfgang von Weist, der Korrespondent der „Vossischen Zeitung" verhaftet, später aber wieder freigelassen. Anläßlich eines späteren Kampfes ist Herr Dr. von Weist und mit ihm der hebräische Schriftsteller Ben Avi schwer verletzt worden. Die palästinensischen Behörden und auch die englische Regierung haben sich veranlaßt gesehen, in die besorgniserregenden Zustände einzugreifen. Das britische Ministerium ist am 24. August, gleich nach Macdonalds Rückkehr aus dem Haag, zu einer Beratung zusammengetreten. Man hat fünf Kriegsschiffe nach Palästina gesandt; der gesamte Güter- und Personenverkehr auf den Eisenbahnen in Aegypten und Palästina ist zur Beschleunigung von Truppentransporten stillgelegt worden. Kleinere Truppenableilungen sind in Flugzeugen von Kairo nach Jerusalem geschickt worden; eines dieser Truppenflugzeuge ist bei Kairo abgestürzt, wobei es Tote und Verletzte gab. Jerusalem selbst gleicht einer belagerten Stadt. Ueber der Stadt und der Umgebung kreuzen Militärflugzeuge, um zu beobachten, ob etwa Araber von auswärts nach Jerusalem ziehen. Die Regierung hat über die Stadt Jerusalem den Kriegszustand verhängt und die Zensur eingesührt. In der Nacht auf den '26. August sollen die Moslems in Hchron 40 Juden abgeschlachtet haben; 70 Juden wurden verwundet, der Rest ist im Polizeigebäude eingeschlossen. In Jerusalem sind allein in den letzten Tagen 25 Juden und etwa 50 Moslems den Gefechten zum Opfer gefallen, während eine sichere Verlustziffer der Christen zur Zeit noch nicht bekannt ist. Fast alle Geschäfte der Stadt sind geschlossen, Lebensmittel sind kaum zu erhalten und die Kinder sind meist ohne Nahrung, Nach Schluß der Redaktion werden durch die Tagespresse Nachrichten gesandt, daß nicht nur Jerusalem und Hebron, sondern das ganze Land P a l ä st i n a sich in blutigem Aufruhr befindet. Die Verhängung des Kriegszustandes ist demgemäß über ganz Palästina ausgedehnt worden. Diese Maßnahme war umso notwendiger, als teilweise schon die Nachricht vom Eintreffen englischer Truppen genügte, um die arabischen Banden aus den Städten zu vertreiben und in das flache Land zu verjagen, wo sie ihre Raubzüge und Plünderungen fortsetzen. Die Zahl der Toten und Verwundeten beläuft sich auf beiden Seiten bereits nach vielen Hunderten. Ei« amerikanischer Protest. Da das Staatsdepartement es bisher abgelehnt hat, in Palästina einzuschreiten, weil keine amerikanischen Interessen bedroht seien, richtete Abg. Zeller-New Bork einen Protest nach Washingtohn, worin er aus die Ermordung von zwölf amerikanischen Studenten in Hebron hinweist und ausführt, daß amerikanische Juden Hunderte von Millionen Dollar in Palästina investiert hätten, nachdem sie von England die Versicherung erhielten, daß die Juden geschützt würden. Zeller fordert die Entsendung des Kreuzers „Raleigh", der sich augenblicklich in Europa befindet, außerdem diplomatische Aktionen bei den britischen Kolonialbehörden, damit sie schneller ausreichende Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Verlufte an Leben und Eigentum treffen. (Jta.) Der amerikanische Botschafter in London, Dawes, hat wegen der Ermordung von zwölf amerikanischen Juden in Hebron die ernste Erwartung der Washingtoner Regierung ausgesprochen, daß die englische Regierung, um ein Eingreifen Amerikas zu vermeiden, dafür Svrge tragen werde, daß Leben und Eigentum aller amerikanischer Bürger in Palästina den erforderlichen Schutz finden. Sir Herbert Samuel nach London berufen. Nach einer Meldung der „Vossischen Zeitung" hat der britische Ministerpräsident Ramsay Macdonald den beim Präsidenten Masaryk in der Tschechoslowakei zum Besuch weilenden ehemaligen Oberkommissar für Palästina, Sir Herbert Samuel, telegraphisch aufgefordert, sofort nach London zu kommen, um mit ihm wegen der Wiederübernahme des Oberkommissariats in Palästina zu verhandeln. Monatelanger Kleinkrieg zu erwarten. Der „Vossischen Zeitung" entnehmen wir ferner folgende Notiz: Militärische Kenner d.es Landes und der Araberstämme erklären heute, daß es eines monatelangen Kleinkrieges nach Art der Drusenkämpfe in Syrien bedürfen werde, ehe es der Mandatsregierung gelingen könne, die einmal in Kriegsstimmung versetzten Araber unschädlich zu machen. Zu den schweren Unglücksmeldungen aus Litauer!, über die wir kürzlich hier berichteten und über die demnächst noch ein ernstes Wott zu sagm sein wird, gesellen sich nunmehr auch die Hiobsbotschaften ans Palästina. Zur gleichen Zeit, da in Frankfurt die Vertreter aller Konfessionen eine Weltfriedenskonferenz der Religionen vorbereiten und allein schon mit dieser Vorbereitung eine bedeutsame Friedensdemonstration vollführen, zur gleichen Zeit hört man von Pogromen gegen die litauischen Juden und nunmehr von Ausbrüchen eines an Wahnsinn grenzenden Fanatismus in dem klassischen Lande der Religion. Während aber die tieferen Ursachen der litauischen Vorgänge noch nicht voll erkennbar sind und weiterer Untersuchung bedürfen, scheint eine Stellungnahme zu den Unruhen in Palästina schon jetzt möglich. Wollte man sie einseitig vom jüdischen Standpunkt aus betrachten, so könnte man zwar Protest dagegen erheben, daß unsere Glaubensbrüder der ungehemmten Agitation arabischer Fanatiker und den gesetzwidrigen Folgen dieser Agitation zum Opfer fallen, man müßte aber auch zugebeu, daß hier arabisches