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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-08-21 · 34 (21.8.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
34 (21.8.1929)
Date
1929-08-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Vaterstadt, deren jüdische Gemeinde die »erste in Deutschland war, welche regelmäßige Predigt, Konfirmation und eine gewisse Ordnung des Gottesdienstes emgeführt liatte. Doch war damals von den zahlreichen jüdischen Läden nur ein einziger, und zwar miteinem Flügel der Tür, am Sabbath geöffnet. In meinem vierzehnten Jahre kam ich nach Halle an der Saale, wo der Gottesdienst noch völlig in der alten verkommenen Gestalt stattfand: aber von sämtlichen jüdi schen Läden war am Sabbath nur noch ein einziger ge schlossen. Es ist dies jetzt über 53 Jahre her. Dabei ist zu bemerken, daß in Dessau nur deutsche Juden wohnten, während ein großer Teil der Halleschen Gemeinde aus Leuten bestand, die unmittelbar aus den frommen östlichen Pro vinzen gekommen waren. Ganz ähnlich fand ich es in vielen Gemeinden, welche ich späterhin besuchte. Was folgt hieraus? Daß die Umwandlung in Sitte und Gesetz mit der gottesdienstlichen Reform gar nichts gemein hat. Vielmehr ist 'an den meisten Orten die letztere lange Zeit nach der ersteren gekommen, und kann daher gar keine Folgen haben, welche etwa mit dieser verbunden wären. Woher ist nun diese "Umwandlung in Sitte und Gesetz gekommen? Mitnichten könnt Ihr irgendeinen oder mehrere einzelne Männer nennen, welche dieselbe ausgesprochen und bewirkt hätten. Mendelssohn hielt bekanntlich streng an den überkommenen Satzungen und Bräuchen, und stellte sogar eine Theorie des Judentums auf, in welcher das Gesetz allein Raum hatte. Es gibt eben keinen Reformator des Judentums. Jene Umwandlung ging aus und in der Masse wie von selbst vor sich, und war und blieb eine individuelle Reform stets nur eine örtliche war und ist, bewirkt durch sich selbst vollbrachte. Wie denn selbst die gottesdienstliche Reform stets nur eine örtliche war und ist, bewirkt durch eine größere oder geringere Anzahl der Gemeindemitglieder und ihren Vorstand. In der einen Stadt ist sie so und so vorgenommen, in der nächsten noch keine Spur. Woher ist nun jene Umwandlung gekommen? Sie hat sich einfach ans der vollständigen Veränderung der Lebensverhältnisse und der Geistesrichtung der Juden entwickelt, welche seit einem Jahrhundert das Werk der göttlichen Vorsehung geworden. Oder wollt Ihr die fünfzehn Jahrhunderte lange Knechtung, Ein- und Ausschließung der Juden in bürgerlicher und geistiger Beziehung nicht als ein Werk der Vorsehung anerkennen? Ist diese etwa aus der Hand einiger Personen oder irgend eines Teiles unserer StammeSgenossenschast hervorgegangen? War sie nicht ein Geschick Gottes, daß zuerst unsere Vorväter sich über die Erde zerstreuen und dann in die äußerste und drückendste Ausschließung geraten ließ, in ihnen aber die Kraft und die Mittel nährte, allen zerstörenden Einflüssen einen unerschütterlichen Widerstand entgegenzusetzen? War eS nun nicht abermals ein göttliches Geschick, das seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts den Geist der Gerechtigkeit und der Duldung in die Völker brachte, ihre Staaten zu Rechtsstaaten umbildete, die Prinzipien der bürgerlichen Rechtsgleichheit zu ihren Fundamenten machte, so daß allmählich auch die Juden von allen bürgerlichen Schranken befreit und in das allgemeine Kulturleben cingeführt wurden? Es wäre eine völlig antijüdische Anschauung, wenn man dies bezweifeln oder gar leugnen wollte. Die Veränderung in allen Lebensverhältnissen und in der gesamten GeisteSrichtung war also gegeben, war der gesamten Masse gegeben, und alle Folgen, die sich daran knüpften, waren ein notwendiges Ergebnis oder, wie man jetzt zu sagen pflegt, die Logik der Tatsachen: eine schwächere oder stärkere Umgestaltung des Gottesdienstes hat damit gar nichts zu tun. Nun geben wir allerdings erfahrungsgemäß zu, daß die strenge Sittlichkeit der Juden bei der' Ämalgamation mit dem allgemeinen Leben der Völker einige Schädigungen erlitten hat. Die Reinheit des jüdischen Familienlebens f)at sich in mancherlei Beziehungen vermindert, was allerdings in einigem Zusammenhänge mit der Durchbrechung jenes „Zaunes des Gesetzes" steht. Allein zuviel Gewicht darf man nicht hierauf legen. Ich habe genug orthodoxe, ja fanatisch sich gebärdende Männer und Jünglinge gekannt, welche sehr sittenlos lebten, freilich möglichst im Geheimen. Seht Euch doch in den osteuropäischen Ländern um! Da ist unter unseren Stammesgenossen z. B. die Ehescheidung die Sache jedes Tages, und die Begriffe von Rechtlichkeit und Ehre sind sehr schwach. Hier ist also die einzige Frage gesetzt: Wolltet Ihr den Zustand, wie er bis zum letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts für die Juden bestand, zurückhaben, oder die Freiheit und das Kulturleben, wie diese seitdem den Juden allmählich, aber doch in rascher Folge geworden? Freilich, wenn Ihr es auch wolltet, die Weltgeschichte, wie sie unter der Fügung der Vorsehung sich abroltt, könnt Ihr doch nicht zurückschrruben. Aber Ihr sollt mir das Licht nicht schmähen, weil es auch Schatten mit sich bringt! Wäre das Judentum eine Religion, die nur in der Dunkelheit und Beschränkung des Ghetto zu bestehen vermöchte, dann allerdings wäre es dem Untergange bestimmt und dessen wert. Aber dies ist nicht der Fall trotz aller Eurer Behauptungen, die im Grunde nichts anderes besagen. Die Veränderung der Lebensverhältnisse und die freiere Entfaltung des Geistes brachten notwendig eine Umwandlung hervor, der die Einzelnen sich nicht entziehen konnten, welche das Judentum überwinden mußte und muß, und die es zu einer neuen Phase der Läuterung, der Kultur- und wissenschaftlichen Durcharbeitung führt, in weicher es eine neue weltgeschichtliche Bedeutung erlangt. Was nun die fynagogale Reform betrifft, welche, wie jedermann bekannt, jener Umwandlung nur langsam nachfolgt, so ging und geht sie eben aus dem geistigen Bedürfnis hervor, und dieses hat jederzeit im Judentum seine Befriedigung erhalten. Woraus entstand denn der mosaische Opferkultus, wenn nicht aus dem Bedürfnis jener Zeit? Das hat uns seine Geschichte selbst ausgezeichnet. Woraus gingen d'e Psalmen hervor, die doch eine dem Opferkultus ganz entgegengesetzte Geistesrichtung enthalten, die eines der erhabensten Erzeugnisse des israelitischen Geistes sind, und die niemand „fremde Götter" nennen wird, obschon in der ägyptischen und assyrischen Literatur ganz analoge Hymnen sich finden? Woher kamen denn die sogenannten Pflichtgebete, die in ihrer Bestimmung dem Öpserkultus gegenüber- und in Form und Inhalt den Psalmen sehr fern- Im Anschluß an den Zionistenkongreß in Zürich wurde nunmehr dortselbst vom U. bis 15. August die konstituierende Versammlung des Eouucils der Jewish Agency abgehalten. Tie Verfassung der Agency wurde mit ge ringen Abänderungen im Wortlaut des vom Zionistenkongreß beschlossenen Entwurfs angenommen. Zum Präsidenten der Jewish Agency wurde der Präsident der Zionistischen Organisation Dr. Ehaim WeZmann, zu Vorsitzenden des Councils Lou'.s Marshall und Lord Melchett, zum Vorsitzensen des Administrativ KomKees Felix M. Marburg gewählt. An Lord Balfour wurde eine Huldigungsadresse gerichtet, und Baron Edmond Rothschild wurde zum Ehrenpräsidenten der j Jewish Agencv ernannt. Die wichLgsten Beschlüsse der Versammlung lauten wie folgt: 1. Ter IStmuril drückt seine Freude darüder mt*, imjj jyinz Israel sich für de» Wiederaufbau des jüdische» nationale» .Heimes in Palästina vereinijil hat, und ruft jeden Juden ans der ganzen Welt ans, sich dieser heiligen Lache einznschließe». 2. Der Council druckt (Großbritannien seine Dankbarkeit für die Balfour Tellaratio» ans und spricht die zuversichtliche Hofs nnng ans, daß die Mandatarinacht mit dieser eriveiterten Agency zusammen,irbeile» lvird an der vollen Berivirklichung des großen Zieles, das durch die Deklaration und das Mandat gesetzt ivurde. Mit diesem Jiel vor Augen fordert der Council, daß der anerkannte Ltatus der Agency eirie tatsächliche Bertvirllichung finde und daß von der Mandalarmachk solche Maßnahmen ergriffe» iverden, die das Wachstum des jüdischen nationalen Heimes fördern, wobei die billigen Rechte alter Eimvohner Palästinas geivahrt und ihre Wohlfahrt gefördert werde» solle». II. Ter Council beauftragt das Administrative Cvniiniltee und die Executive, die Mandatarinacht in entschiedener Weise davon in .Steil»tuti? zu setzen, daß die (Gefühle der Jndenheit der ganzen Welt durch die Vorgänge, die sich am letzten Jom Kippur und späterhin an der .(klagemauer ereigneten, verletzt sind und sie aus znsordern, Maßnahmen zu ergreifen, die eine Wiederholung solcher Borsällc vermeiden und zu einer endgültige» Lösung dieses Problems' führen. III. Tie Jewish Agency hat de» Keren .hajesjod i» Würdigung seiner lebenswichtigen Funktion zu ihrem hauptsächlichen Finanz stehen? Woher wiederum die Piutim, welche von der Einfachheit und Klarheit der „Pslichtgebete" so fern sind, wie der Nordvom Südpol, und die wiederum in ihrem barocken Ausdruck und Inhalt den Jozeroth des spanischen Ritus geradezu gegenüberstehen? Alles dies bezeugt, daß das Judentum in allen seinen Phasen dem geistigen Bedürfnis des Zeitalters Rechnung getragen hat, nicht sprungweise, aber allmählich, gerade wie unsere gegenwärtige gottesdienstliche Umgestaltung seit 60 Jahren allmählich vor sich geht, und zwar eben, weil sie eine Befriedigung des geistigen Be-- dürfnissss ist. Ihr nennt sie, Ihr >vagt es, sie zu'nennen „fremde Götter"'! Ter größere Teil der Gebete wird auch in ihr in hebräischer Sprache gehalten, ist den bisherigen „Pflichtgebeten" entnommen: aus Thora und Propheten wird in der Ursprache vorgelesen; der ganze Gaitg, die ganze Haltung^ des Gottesdienstes ist die überkommene; Sabbath und. Festtag werden streng eingehalten — sind Euch das „fremde Götter"? Gelten Euch wirklich einige deutsche Gebete für solche, da doch schon die Lehrer'der Mischna- Gebete in der Landessprache in großem Umfange zugestanden? Predigt und Chorgesang habt Ihr selbst schon eingeführt. Es bleibt also, wenn Ihr in der Synagoge nicht etwa die ganze alte Unordnung und Geschmacklosigkeit und mancherlei Absurditäten finden wollt, lediglich die zur Unterstützung des Gesanges eingeführte Orgel übrig. Gesteht es nur, das ist der Prügelknabe, der Eure Unzufriedenheit mit dem Wegfall des alten Schwalls, der die jüdische Verehrung des einzigen Gottes zum Gegenstände des Spottes und Hohneis machte, decken soll. Aber schon der alte Psalmist konnte sich selbst das Sabbathlied nicht ohne Harfe und Zither denken, ohne das zehnsaitige Instrument, bas die begeisterte Hand des Sängers rührte! Geht, Ihr wollt wahrer sein als die Propheten, frömmer als die Psalmisten, und jeden bärtigen polnischen Rabbi macht Ihr zum Meister unseres unsterblichen Gesetzgebers! iiistrumciil bestimmt. Tie Jviiu Pnleßine Tnevey Commission hat scstgestellt, daß die Znknnfl und die stetige Cimvicklung denationalen Heims in erster Reiße von der Bereitstellung der erforderlichen Mittel abhanden, und daß eine iveseiitliche Tlärtnng der Cinkünfte des Keren Hajessod die niieiitbelirlichc Voraussetzung für die Erhaltung und Konsolidierung der gegenwärtigen Positionen, vor allem aber für den Beginn neuer llnternehnlnngen ist. Darum richtet der Cvnneil der Jewish Agency einen seier lichen Appell an alle Juden, die Beitragsleistnng zum Keren Hajessod zu einer heilige» Pflicht zu machen, und erwartet von allen unter der Jeivish Agency Vereinigte», daß sie ihre beste Kraft einsetzen für eine stete Llärkuiig und Vergrößerung ihres Grnnbsvnds und damit für das (Gelingen des großen Werkes in Erez Israel. IV. Der Council nimmt die vom 1(>. Jionistentvngreß an genommenen Resolutionen zur Kenntnis und übergibt sie dem Administrative Committee zur sorgfältigen Beratung und entsprechenden Behandlung. V. Ter Council erteilt dem Administrative Conimiltec und der Creentive den Austrag, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um es alle» Gruppen in der Jndenheit, die »och nicht der Agency angesch'ossen sind, möglich zu machen, der Jewish Agency beizntreten und an ihre» Arbeiten teilzunehme». * Die „Jüdische Rundschau" beginnt ihren Bericht über den Sitzungsverlauf mit den Worten: „Die Eröffnung des Council der erweiterten Jewish Agency war nie Vera» staltung von außerordentlichem Glanz und gestaltete sich zu einem Triumph des zion'stischen Gedankens." Wir sind in der angenehmen Lage, unserer langjährigen Anschannngs und Parteigegnerin einmal rückhaltlos zust'.mmen zu können: denn der Verlaus der Sitzung hat zur Evidenz erwiesen, was wir stets behauptet haben: daß dw Jewish Agency nach ihren historischen und formalen Grundlagen keine'neutrale, sondern eine zionistische Körperschaft ist. Zwar be Haupte», wie wir soeben aus dem Zion'stenkongreß wieder gehört haben, die innerzion-slischen Oppositionsparteien, mit der Erweiterung der Agency durch Nichtzionisterr habe die Zionistische Exekutive das zionistische Ideal verraten, und Ae Konstituierung der Zewish Agency Reise nach Jerusalem Heinrich Wölsli, wohl der bedeutendste Schweizer Humanist, der Lehrer Zwinglis und Manuels, unternahm als Fünfzigjähriger im Jahre 1520 eine Reise ins Gelobte Land, langgehegte Sehnsucht zu stillen. Er ist über ein Jahr von Bern weggeblieben. Denn wanderlustig er hatte schon vorher weite Reisen gemacht hat er nicht nur vor der Meersahrl den Weg über den Gotthard bis Venedig genommen, sondern aus der Rückreise ganz Italien durchmessen. Er hat täglich notiert, was er erlebt hat. Aber leider ist seine lateinische Rcisebeschreibung verloren gegangen. 60 Jahre später ergötzte sich noch der gelehrte Dekan Johannes Haller von Bern an dieser Niederschrift. Um den Genuß auch Nichtlateinern zu ermöglichen, übersetzte er sie ins Deutsche, schrieb alles fein säuberlich in ein Buch, das er mit köstlichen Bkldccn gar kunstreich ausschmücken 'ließ und schenkte dieses Werl zum Neujahr dem Sohne eines Freundes und Begleiters Wölflis. Dieses Manuskript besitzt die Berner Bibliothek, und jetzt hat oie Schweizer Bibliophilcn-Gesellschaft den Text in einem wundervoll ausgestatteten Buche, das die 39 schmückenden Bilder der Originalhandschrift meisterlich wiedergibt, veröffentlicht. Um es vorweg zu sagen, von den Juoen ini heiligen Lande ist mit keinem Wort die Rede, auch von den heiligen Stätten unserer Bibel nicht viel. Nur einmal erwähnt Wölsli einen Juden nicht gerade ehrenvoll. Aus der Rückwanderung in Calabrien kaust er einen Esel für 3 Dukaten von einem Manne, „der mitt uns von Napples für, wie wol ich nit wüst, das er ein juo war, biß er das gällt empfangen". Der Verkäufer hatte das Tier so angctrieben, daß es wie ein edles Roß ging. Als aber der Magister mit dem Bröunlein allein war, zeigte es seine störrische Laune und war mehr zur Last als zum Lasttragen, so daß Herr Wölsli froh war, daß er das Tier mit Schaden verkaufen konnte. Wie schon dieses Beispiel zeigt, gibt das Buch keinen frommen Bericht über eine Pilgerfahrt in der sonst üblichen Weise, sondern ein so frisches Bilo unmittelbaren Erlebens in so ungeschminkter Darstellung, daß es, hie und da auch Vergleiche herausfordernd, noch jetzt - nach vierhundert Jahren — eine anregende Lektüre gewährt. — Man steht den gelehrten Herrn, der oamals noch Chorherr an St. Vinzenz, dem Berner Münster, war, vor sich, einen echten Schweizer, derb und rüstig, klug und ehrlich, frommen Herzens und cssenen Auges, dabei einem guten Trünke und reichem Mahle nicht abgeneigt. Er notiert alles, was ihm ausfällt und merkwürdig erscheint, er tut es, wie er einmal entschuldigend bemerkt, damit er sich oas Ganze später einmal wahrhaftig und lebendig vorstellen könne: einen Mann mit erner besonders großen Nase, einen schlecht gekochten Karpfen, einen Brutofen für Hühnereier, spielende Delphine und wie man in Cypern durch oie Sonne aus dem Meerwasser Salz kocht. Er greift nicht nur mit den Augen tapfer zu. Wenn ein Wirt ihn geprellt hat, geniert er sich nicht, eine Henne zu erwischen und mitzunehmen. Ter Aufenthalt im heiligen Lande wird ihm zu einer anschaulichen Repetition der neutestamentlichen Geschichte. Mit einer unbeirrbaren Naivität läßt er sich alle Orte des Geschehens zeigen. So besichtigt er u. a. „den Tritt des rechten süßes des .Herrn, den er uff dem stein verlaßen, als er gan Himmel gsaren". Er sieht den Quell, in dem Maria „dem kindli Jesu sine windlen sol gwäschen hon". In der Nähe lag der Stein unter dem Baum, „da Esaias sol von Sedcchia mitt einer höltzinen Sagen zersäget sin worden". „Wir sahend auch die Cappel, d a Helias sol geboren sin, item das grab Rachel." Meistens wird auch angegeben, wieviel für die Besichtigung gezahlt wurde. Die finanzielle Auswertung heiliger, andachtsvoller Neugier stand schon damals im Flor, so mehrten sich die heiligen Orte und die Spottreden der Ungläubigen, die Wölsli erwähnt. Tie Organisation der Fahrten im heiligen Lanoe hatten als anscheinend sehr reelles Reisebüro die Sarazenen übernommen. Sie ließen es an trefflicher Unterbringung in Jerusalem, auch an guter und nicht teurer Verpflegung, freiwillig unterstützt durch einige Mönchsorden, nicht fehlen. Mit ihnen ist Wölsli jedenfalls mehr zufrieden als mit dem venedischen Schifsspatron, der die Pilger, wie er nur kann, zu schröpfen sucht. Ich zitiere nur eine der mildesten charakterisierenden Aeußerungcn: „Ein listiger, boßhaffter, lngenhafstiger mensch, und in summa von Hut und Har ein Venediger"". Sentimentale Aeußerungen über den 24tägigen Aufenthalt im heiligen Lande wird man wenig finden. Am Tage, da ec heiteren Sinnes und mit dem Gefühl der Wohlgenährtheit zu Schisse steigen will, säubert er sich vom Ungeziefer. Er zählt 230 Quälgeister, „die in dem lannd wol di mir waren gmestet worden"". Sie hätten ihm, wie tr bemerkt, mehr zu leide getan als alle Mauren uno Araber. Merkwürdigerweise findet man auch, bei andern zeitgenössischen Gelehrten häufig den zahlenmäßigen Bericht über oie Reinigungsprvzedur. Man weiß nicht recht, ist es wissenschaftliche Akribie, naives Renommieren oder Popularitätshascherei. An Gefahren hat es aus der Reise nicht gefehlt. Am schlimmsten war wohl der furchtbare Sturm auf der Rückfahrt, der lebendig und anschaulich geschildert wird. Man kann es verstehen, daß die Pilger, als sie den italienischen Boden wieder betreten konnten, das Land küßten. Die Reise nach dem heiligen Grabe hatte den Chorherrn 400 Berner Pfund gekostet. Als ihm 1523 wegen feiner unerlaubten Ehe die reichsten Einkünfte entzogen wurden, geriet er in finanzielle Not. Doch bekam er nach Einführung der Reformation die Stelle eines Chorschreibers. Resormatvrische Gesinnung bemerkt man schon an manchen Stellen des Buches. Cr rügt an den Frommen von Venedig, daß sie den eiteln und unnützen Zeremonien ergeben seien und alle Religion hintansetzen. Er sieht im Gottesdienst mehr Pracht als Andacht. Rom erscheint ihm als ein .Hauptort aller Laster. Er gebraucht sogar einmal vom Papste Leo X, dem er übrigens' zweimal die Füße küßte, oen Ausdruck „ihr Götze"". Was er vom Leben der Nonnen in Venedig jagt, mag übergangen werden. Mit welchen Gefühlen sieht er nun auf die unternommene Reise zurück? Cr äußert sich in der Einleitung nno am Schlüsse des Buches in gleichem Sinne. Er hegt ote Meinung, es wäre besser gewesen, wenn er daheim die Armen gespeist und das ausgegebene Geld zu Almosen verleilt hätte, und bittet oen Leser, sich nicht durch sein Beispiel reizen zu lassen, „der du daheimen dem Herrn viel sicherer und rüwiger dienen magst"". Das schöne Buch, das auch dem Kulturhistoriker und Geographen manches Interessante bietet, ist eine sehr anerkennenswerte Leistung der Schweizer Bibliophilen-Gesellschast in Bern. ' Tr. M. Spanier, Berlin.

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