Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 33 (14.8.1929)
- Date
- 1929-08-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Staaken im Lause von 30 Jahren die Zahl ihrer Juden vervierfachten (von 1 Million auf mehr als 4 Millionen). Diese, vom z'on:stischen Standpunkt aus, national-nutzlose Auswanderung nach den Vereinigten Staaten, bildet also jetzt nach den eigenen Zugeständnissen der Führer des Zionismus die einzige Chance, durch welche das Werk des Zionismus noch weitergeführt werden könnte. Nun hatte sich der Zionismus be> sein« Entstehung noch ein ^zweites Ziel gesetzt. Es sollte den Juden, d'e sich in den Staaten, in denen sie formell gleichberechtigt sind, in denen sie sich aber trotzdem infolge des Antisemitismus oder anderer Ursachen noch immer fremd fühlen, in Palästina ein Heim gegeben werden. Hat auf diesem Gebiet der Z-onismus größere Erfolge gehabt, als aus dem anderen, dem Gebiet der Linderung der materiellen Not des osteuropäischen Judentums. Ist in Palästina in der Tat eine neue nationaljüdische Kultur entstanden, welche als Anziehungspunkt für die in der Diaspora lebenden Juden wirken und ihnen ein Heim sein könnten, welches sie dort vermissen, wo sie formell Staatsbürger sind? Hat der Zionismus es dazu gebracht, daß. er dem Auflösungsprozeß des Judentums Halt gebieten könnte? Auch diese Fragen können kaum bejahend beantwortet werden. Tie Zionisten haben zwar eine sehr mächtige und eine weitverzweigte Organisation geschaffen, die sich praktisch auf alle Kulturländer erstreckt, die Zahl der Juden des westeuropäischen Kulturkreises aber, die sich aus dem „Galuth" nach Palästina geflüchtet haben, ist eine auß.erordentl'ch geringe. In fernem, von uns schon zitierten Referat über die Bedeutung Palästinas für die Zukunft der Judm führte Dr. Arthur Ruppin aus, die Gefahren der Assimilation hätten vor 30 Jahren bei weitem nicht den Umfang gehabt, den sie inzwischen erlangt haben." Also trotz einer äußerst wirksamen Propaganda des national-jüdischen Gedankens in seiner zionistischen Form haben es die Zionisten nicht dazu gebracht, die Gefahren der Assimilation geringer zu machen, als sie waren, bevor die zionistische Bewegung einsetzte. Aus den Debatten über das Erziehungswesen in Palästina (;m Anschluß an den inhaltsreichen Vortrag des Exekutivm'tgliedes Miß Henrietta Szöld, die auch das Gesundheitswesen sehr eingehend behandelte) namentlich aus den Reden der Mlsrachi-Bertreter, ging deutlich hervor, daß von erner irgendwie einheitlichen jüdischen Kultur im neuen Palästina keine Rede sein kann. Trotz der allgemeinen Anerkennung der hebräischen Sprache wird von Misrachi, allgemeinen Zionisten und Linken unter jüdischer Kultur ganz Verschiedenes verstanden. Miß Szold mußte bemerken, man „tut Palästina großes Unrecht, wenn man glaubt, daß das ganze Palästina der jüdischen Tradition entfremdet ist." Dagegen führte der Vertreter des Misrachi, Rabbi Ostrowsky, als Beispiel für den Geist, der in den nichtmisrachischen Schulen herrscht, an: „Wie es mit der Heranbildung von religiäsm Lehrern steht, dafür ist der beste Beweis, daß man in Chederah einen, religiösen Lehrer brauchte und als man sich deshalb an die Abiturienten des hebräischen Lehrerseminars in Jerusalem wandte, diese offen erklärten, sie seien nicht religiös." Der Misrachist Tr. Wolfsberg (Berlin) widerspricht der Annahme, daß die Sprache das Wesen der Kultur sei, die sei in der Tat selbstverständliche Voraussetzung der Wiedergeburt, es wäre aber nicht richtig zu sagen, daß die Juden nur durch ihre Sprache zum ewigen Volk geworben sind. Tie Tradition sei der Weg zur Repossetierung und die Repossetierung der Weg zur Tradition. Bei aufmerksamem Anhvren der Debatte über das Erziehungswesen mußte man den Berliner radikalen Zionisten, dem Mitglied des Aktionskomitees Tr. Nachum Goldmann Recht geben, der sagte: „Die Probleme, welche Miß Szold hier aufgeworfen hat, sind von ungeheurer Wichtigkeit. Wenn das, was heute im Schuiwerk vergeht, weiter fortgesetzt wird, dann schaffen wir in Palästina zwei bis drei jüdische Völker und zwei bis drei jüdische Kulturen, die nicht mehr als die formale, Gemeinsamkeit in der hebräischen Sprache verbindet." Es sei noch dabei auf die Rede von Martin Buber hingewietsen, der, allerdings von einem anderen Standpunkt aus, sagte: „Es ist selbstverständliche Voraussetzung, daß Hebräisch gesprochen wird; aber damit sängt es erst an. Jetzt entsteht erst die Frage der Fragen: Was wird in dieser Sprache von dort aus gesagt?" Tie Zionisten haben stets behauptet, dadurch, daß ine Juden sich in den verschiedenen Ländern der Diaspora d'.e Sprachen ihrer Wirtsvölker angeeignet haben, seien sie noch nicht zu Mitgliedern der Kulturkreise dieser Wirtsvölrer geworden. Gewiß ist ein im jüdisch-arabischen Paläst'na lebender und hebräisch sprechender Jude etwas anderes als ein etwa deutsch sprechender deutscher Jude, der in Deutschland lebt. Aber auch oer in Rußland bzw. Galizien lebende Jude, der „jiddisch" spricht, ist auch etwas anderes. Wer ist nun von diesen beiden Juden mehr jüdisch^-national, der hebräisch sprechende oder der „jiddisch" sprechende in Osteuropa? Es genügt also noch nicht, hebräisch zu sprechen, um schon dadurch allein zum Träger einer rein jüdischen Kultur zu werden. Von dieser rein jüdischen Kultur ist aber Paläftma, — das haben die Verhandlungen ganz zwei'fellos gezeigt — noch unendlich weit entfernt. Es bekämpfen sich auf dem Kulturgebiet in Palästina Tenoenzen, zwischen denen eine Versöhnung vorläufig sehr unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich ist Man kann das Gesagte so resümieren, daß in den bisher abgelaufenen 32 Jahren des politischen Zionismus dieser nicht im Stande gewesen ist, seine Versprechen weder auf materiellem noch kulturellem Gebiet zu halten. Er hat bisher wesentlich nichts zur Linderung der materiellen Not des osteuropäischen Judentums beigetragen, und auch seine schöpferische Leistung auf dem Gebiet der neuen jüdischen Kultur bleibt noch immer sehr zweifelhaft. Mit diesem Ergebnis seiner bisherigen Tätigkeit tritt er in erne neue Phase seiner Existenz ein, in welcher er an der Weiterführung oes Palästina-Werkes auf der Basis der Gleichberechtigung mit nichtzionistischen Elementen des Judentums arbeiten wird. Die Zukunft wird zeigen, welcher Teil der neugeschaffenen gemeinsamen Körperschaft, der Jewish Agency, der zionistische oder der nichtzionistische, sich als stärker 'erweisen wird; ob die Tätigkeit in Palästina eine zionistische bleiben oder den Charakter einer allgemein jüdischen haben wird. Betrachtet man aber das bisher geleistete nicht voreingenommen, so muß man sagen, daß es sich bisher im Zionismus im wesentlichen um ein sehr bescheidenes Experiment handelt, ein neues jüdisches Leben in einer neuen Umgebung zu schassen, Ties Experiment erforderte in den letzten 30 bis vierzig Jahren von den Juden sehr große materielle und ideelle Opfer. Es kann unmöglich behauptet werden, daß das wirklich erreichte im Verhältnis zu diesen Opfern steht. Ebenso wenig darf das schon Erreichte als ein festgefügter Ban angesehen werden, der weiter bestehen könnte, wenn der Zustrom der Unterstützungen seitens des nichtzionistischen Judentums versiegen sollte. In Wahrhest ist das Gegenteil der Fall. Im besten Falle also bildet dejv Zionismus vorläufig eine der vielen Erscheinungen des komplizierten jüdischen Lebens, und es ist kein Grund vorhanden, ihn, wie es seine Führer tun, als den dominierenden Faktor im jüdischen Leben anzusehen, seine Geschichte und Entwicklung zu Ereignissen von ausschlaggebender Bedeutung für das jüdische Leben, ja sogar zu Ereignissen von weltgeschichtlicher Bedeutung zu stempeln, Mit anderen Worten, man darf vom Zionismus doch erheblich mehr Bescheidenheit fordern, als er an d en Tag legte Zürich, den 9. August 1929. Tr. I. Lewin. Berichtigung. In Nr. 32 ist im Artikel „Aus dem Zionistcntongreß in Zürich" infolge eines Druckfehlers die Zahl der Wähler der Kongreße delegierten mit 600 000 angegeben. Sic bcträat in Wirklichkeit nur 200 000. Aus der Bewegung An unsere Ortsgruppen-Vorstände und Vertrauensleute im Reiche EZne Anzahl von Ortsgruppen haben, trotz Mahnung, die Beiträge für das laufende Bßerteljahr noch nicht «ach Berlin gesandt. Die BereiniWng für das liberale Judentum bittet, die Beiträge nunmehr auf ihr Postscheckkonto 137069 Berlin zu überweisen. Falls noch nicht alle Mitgliedsbeiträge einkassiert werden konnten, soll mit der AeberweWng nach Berlin trotzdem nicht gewartet werden; die Ortsgrjuppenvorstände werden in diesem Falle um Uebersendung der veriüabaren Teilbeträge gebeten. Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands BÜCHERSCHAU ★ Alfred Philipp: Die Juden und das Wirtschaftsleben. Eine antikritisch-bibliographische Studie zu Werner Sombart: Die Juden und das Wirtschaftsleben. Straßburg. Buchdruckerei Heitz & Cie., G. m. b. H. 1929. VII, 121 8. Die vorliegende Arbeit ist die Doktordissertation eines Sombartschülers. Der Verfasser versucht, nachdem nun mehr als ein halbes Menschenalter seit dem Erscheinen des Sombartschen Buches verflossen ist und sich die Gemüter etwas beruhigt haben, zu zeigen, welche Ergebnisse die überaus rege, ja vielfach stürmische Diskussion dieses aufsehenerregenden Werkes gezeitigt hat. Der Leser wird somit durch die umfangreiche Literatur zu Sombarts Judenbuch geführt. Die Dissertation beschäftigt sich namentlich mit dem ersten Teil des genannten Buches, dem Anteil der Juden am Aufbau der modernen Volkswirtschaft, beschränkt sich aber nicht auf die Kritiker Sombarts, sondern bezieht auch die Resultate der Forscher mit in den Kreis der Betrachtungen ein, die Einzelfragen aus dem von Sombart angeschnittenen Fragenkomplex untersucht haben. Indem er sich im wesentlichen an die Gliederung des Sombartschen Werkes anlehnt, behandelt Philipp zunächst die Verschiebung des Wirtschaftszentrums seit dem 16. Jahrhundert, die Belebung des internationalen Warenhandels, dann die Begründung der modernen Kolonialwirtschaft und des modernen Staates, die Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens und die Herausbildung einer kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung. Eine Reihe namhafter Kritiker (Lujo Brentano, Felix Rachfahl, Julius Guttmann, Ludwig Feuchtwanger, M. Epstein und Israel Cohen) stimmen nicht mit Sombart darin überein, daß die Verschiebung des Wirtschaftszentrums im 16. Jahrhundert vom Süden (Italien, Spanien-Portugal, Süddeutschland) nach Norden (Holland, England, Frankreich, Belgien, Norddeutschland) vorwiegend auf die Wanderungen der Juden zurückzuführen sei. Allgemeinere Zustimmung dagegen findet die Bedeutung der Juden für die Belebung des internationalen Warenhandels. Ohne Zweifel haben die Juden auch an der Begründung der modernen Kolonialwirtschaft großen Anteil gehabt. Bestritten wird zumeist nur die von Sombart allzu weit gehende Bemessung des Umfangs dieser Beteiligung. Anerkannt wird im großen und ganzen die Bedeutung der Juden für die Herausbildung des modernen Staates. Aehnlich beurteilt werden der Anteil der Juden an der Kommerzialisierung des Wirtschaftslebens, d. h. dem Prozeß der Versachlichung der wirtschaftlichen Beziehungen und der Entstehung der kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung. „Den Gegensatz zu der aggressiven, zielbewußt auf den Nutzen gerichteten Wirtschaftsweise der Juden“, so führt Guttmanu aus, „die über alle Schranken der überlieferten Berufsgliederung hinwe'gdrängt, und dem Traditionalismus der ,handwerksmäßigen' Wirtschaftsführung hat Sombart durchaus richtig gesehen und ihn durch eine Fülle charakteristischer Einzelzüge zu lebendiger Anschauung gebracht.“ Sombarts Darstellung kann nach Auffassung M. Hoffmanns wohl berichtigt und ergänzt, nicht aber in ihren Grundzügen erschüttert werden. Philipp kommt zu dem Ergebnis, daß — trotz der zahlreichen Kritiken und Einwände im einzelnen — die wesentliche Behauptung Sombarts, nämlich der hervorragende Anteil der Juden am Aufbau der modernen Volkswirtschaft, als ganze nicht als widerlegt angesehen werden könne. Dagegen gehen die Meinungen der Kritiker über die beiden anderen Abschnitte des Judenbuches: Die Befähigung der Juden zum Kapitalismus (Die objektive Eignung der Juden zum Kapitalismus. Die Bedeutung der jüdischen Religion für das Wirtschaftsleben. Jüdische Eigenart) und: Wie jüdisches Wesen entstand (Das Rassenproblem. Das Schicksal des jüdischen Volkes) sehr weit auseinander. Die Auswertung des umfangreichen literarischen Materials zum Thema „Sombart und die Juden" macht die Arbeit Philipps recht wertvoll. Im Anfang findet man eine ausführliche Bibliographie zu Sombarts Judenbuch, in der auch das ausländische Schrifttum berücksichtigt worden ist. Dr. Ernst G. L ö w e n t h a I, Düsseldorf. Karl Nötzel: „Menschen der Liebe“ (Hans Harder Verlag, Wernigerode, 1928, Lwd. RM 5,40). Nötzel hat sich die Aufgabe gestellt, in seinem Buche Persönlichkeiten zusammenzustellen, die — ausgezeichnet durch eine tiefe Liebe zu den Menschen — ihr Leben über sich selbst emporgehoben haben in aufopferungsvollem Tun für Andere. Der Gedanke eines solchen Buches ist dankenswert, wenn auch die Fähigkeit der Ausführung hinter dem guten Willen zurücksteht. Am stärksten interessiert der von Nötzel übersetzte Originalbrief einer galizischen Jüdin zu Dostojewski, der das gütevolle Wirken des Arztes Dr. Hindenburg in ergreifender Weise schildert. „Menschen der Liebe“ — das Buch sollte man anstatt gewaltverherrlichender Heldengeschichten der Jugend in die Hände geben. Edith Falk, Frankfurt a. M. Ab onnieren Sie die Zeitschrift Das Jütte fflanazii (Erscheint monatlich) Jährlich RH. 10.— Halbjährlich RH. 5.50 Varlangen Sie noch haute eine Probamunmer Preis pro Holt HM. 1." Verlag Das jamscne Magazin Benin so 16, lYlHichiorstrtsse 23 Jüdische Gemeinde Berlin Unsere verehrlichen Gemeindemitglieder weisen wir auf die Bekanntmachung betr. Ausgabe von Synagogen- Betsaal- und Freikarten hin. Diese Bekanntmachung ist im „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin“ abgedruckt und in den Gemeindesynagogen wie auch in denunt. Gemeindeaufsicht stehenden Geschäften ausgehängt Berlin, im August 1929 Vorstand der Jüdischen Gemeinde Selbst, solider Geschäftsmann 32 J., liberal. Israelit wünscht Heirat m. jung. Dame von heiterem Wesen bis 25 Jahre. Vermögen erwünscht. Off. mögl. m. Bild unter A. L- 4725 Gebt uns Familien (mzel!18fl Verein für Feuerbestattung In Berlin von 1874» e. V. rem. kostenlose Feuerbestattung Annahme W 35, Lfltiowstraße 44, Telephon: LÜtzovr 960-51 und Charlotteahurg, Kantstr. 154 a Bcke Fasanenstrafle, Telephon: Steinplatz 1835 Sehrlltenrelhe i. Vereinigung f. d. Ilh.Jndentütn E.Y. Hott llr. i Die Grundsätze des liidischrellgiösen Liberalismus Von Rabbiner Dr. Lewkowitz-Berlin Preis 0:50 Mk. HSft KP. 3 in zweiter Auflage die seit Jahren vergriffene Broschüre Grundlagen und Ziele des religiös-liberalen Judentums von or. josepn noruen-EiDertein preis 0.75 MH. Bestellungen beim Verlag der „Jüdisch-liberalen Zeitung" Berlin SW 48. WilhelmstraSe 147 ne Erde iRHra (Reden, Diskussion, Beschlüsse) Gründungs Versammlung der World Union for Progressive Judaism London, 10.—12. Juli 1926 Preis: im Buchhandel M. 1.80, für Mitglieder d. Vereinigung, die bei uns direkt bestellen. M. 1.— Vereinigung mr ins liüerme Judentum t v. Berlin SW 48, Wilhelmstraße 147 Verlag: Bereinigung für das liberale Judentum e. B., Berlin SW 48. — Verantwortlicher Redakteur: I. B- George Goetz, Berlin SW48. Druck: Hermann Wegner & Co., Berlin-Mariendorf.