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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-08-07 · 32 (7.8.1929) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
32 (7.8.1929)
Date
1929-08-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Aus dem Zionislenkougretz in Zürich Von unserem nach Zürich entsandten Berichterstatter. Der Eröffnungstag des 16. Zionistenkongreffes, oer 28. Juli, fiel nach dem jüdischen Kalender (dem 20. Tamus) mit dem 25. Todestag Theodor Herzls zusammen. Diese Erinnerung an den Tod des Begründers des politischen Zionismus gab den Grunoton zur Stimmung bei der Eröffnung des Kongresses, Seine besondere Bedeutung erhielt dieser Kongreß dadurch, daß er die Schaffung der „Jewish Agency" zu bestätigen hatte, die, mag man sich zu ihr stellen wie man will, jedenfalls den Beginn einer neuen Periode in der Geschichte des Zionismus darstellt. ,Heute können wir, sagte in seiner Eröffnungsrede der Präsident der zionistischen Organisation, Tr. Ehaim Weizmann , ohne Ueberhebung vor: uns sagen, daß wir in der Bewältigung der Ausgabe große Fortschritte gemacht haben. Wir sind noch nicht an, Ziel, aber wir haben uns aus der Unsicherheit der ersten Nachkriegsjahre herausgearbeitet... wir stehen heute am Abschluß einer großen zionistischen Periode, einer Periode der praktischen Bewährung... Wir haben eine kolonisatorische Leistung vollbracht, die die Kritik nicht zu scheuen hat." In der Tat, wenn man den Erfolg einer Bewegung an ihren repräsentativen Tagungen bemessen wollte, dürften die Leiter und Begrünocr des Zionismus zufrieden sein. War vor 32 Jahren in Basel der erste Kongreß eine Angelegenheit, welche die breitere Oeffentlichkeit kaum interessierte, so waren jetzt 312 Delegierte aus zirka 45 Staaten au; dem Kongreß versammelt, darunter aus Ländern wie Chile oder Brasilien. Ebenso war die Presse von zirka 40 Ländern durch etwa 300 Korrespondenten vertreten. Tie Zahl der Gäste wird von der Züricher Presse mit etwa 3000 angegeben. Daß sie sehr groß war, konnte jeder Besucher des Kongresses schon an der ,urchtbaren Ueberfüllung des Sitzungssaales seststellen, die für die Delegierten und die Pressevertreter in den ersten Tagen des Kongresses die Arbeit außerordentlich erschwerte. Erst mit der Nebersiedlung der Plenarsitzung in das Gebäude des Stadttheaters wurden die Zustände erträglicher. Man kann verstehen, daß angesichts dieser starken Beteiligung, angesichts der durch die Bildung der Jewish Agency gelungenen Heranziehung nichtzionistischer Kreise zur Palästina-Arbeit und schließlich angesichts des Interesses der Presse der ganzen Welr die offiziellen Leiter des Zionismus sich als Sieger betrachteten und in ihren Reden oft sehr hohe Töne anschlugen. Es gehört eine gewisse kritische Arbeit dazu, um hinter dieser glänzenden Fassade die recht bescheidene Realität zu entdecken, die sich vor allem dann zeigt, wenn man sich daran erinnert, daß sich an den Wahlen der Kongreß-Delegierten nur etwa 600000 Wähler beteiligt haben sollen, eine Zahl, die recht bescheiden ist gegenüber oer aus 15 Millionen zu beziffernden jüdischen Gesamtheit. Auch stimmt es gegenüber dem Festransch des Kongresses nachdenklich, daß aus Polen, Rußland und Palästina, diesen drei für den Zionismus besonders bedeutungsvollen Ländern, sowie auch aus Deutschland, England, Frankreich und Italien nur verhältnismäßig sehr wenig Delegierte zum Kongreß entsandt waren, wohingegen Amerika allein 44 Delegierte hatte. — Schließlich scheint aber nötig, sich an die Möglichkeiten, das Tempo und die Kosten der jüdischen Kolonisation zu erinnern, wie diese aus dem „Bericht der gemeinsamen Palästina-Kommission" vom Jahre 1928 hervorgeben. Tie Tatsachen und Zahlen, die der Bericht angibt, und die auch von zionistischer Seite nicht bestritten werden können, da sie ja von den Schöpfern der Jewish Agency herrühren, müssen im Auge behalten werden, damit man ein richtiges Maß findet für\ das, was auf dem Kongreß gesprochen und beschlossen wurde. Behält man sie in Erinnerung, so mußte sogar der Vortrag von Tr. Arthur Ruppin „Tie Bedeutung Palästinas für die Zukunft der Juden" Skepsis erregen. Dieser Vortrag war das Sachlichste von allem, was bisher aus dem Kongreß gesprochen wurde. Einen großen Teil seines Inhalts würden auch wir Nichtzionisten ruhig unterschreiben können. Tr. Ruppin wies auf äußerst ernste Probleme des gegenwärtigen jüdischen Lebens hin. Er zeigte, daß in den letzten Jahrzehnten in der Lage der Juden außerordentlich große Veränderungen stattgefunden haben. Tie gesetzliche Gleichberechtigung der Juden ist praktisch fast in der ganzen Welt durchgesührt. In den meisten Ländern Osteuropas sind die Juden feit dem Weltkriege durch die völkerrechtlichen Verträge als nationale Minderheit anerkannt und haben dadurch das Recht erhalten, ihr kulturelles Leben nach eigenem Wellen zu gestalten. Tie Balfour-Teklarrtion und das Palästinamandat haben eene Lage geschaffen, die „vor 15 Jahren noch als ein Traum erschienen". Dennoch sind aber „zerstörende Kräfte am Werk", die soziale Lage des Ostjudentums wurde sehr ernst, die Gefahren der Assimilation werden immer größer, die Zahl der Mischehen steigt immer mehr. In Sowjetruß'land z. B. ist in oer kurzen Zeit seit den: Weltkrieg die Mischehe, besonders in Zentralrußland, bereits etwas Alltägliches geworden. In Polen wächst die Zahl der Taufen. Tabei ist. ein sehr starker Geburtenrückgang zu beobachten. Während in der Zeit von 1841 bis 1866 in Preußen z. B. auf 1000 Juden jährlich 35 Geburten entfielen, kamen im Jahre 1926 dagegen nur noch 12, bei den Christen immerhin noch 21. Tie Juden haben also keine natürliche Zunahme mehr, sondern eine natürliche Abnahme Die jüdischen Organisationen versuchen vergebens, der Abwendung von oer Tradition Einhalt zu tun. In New 2)ork z. B. haben die jüdischen Organisationen im Jahre 1928 für die Zwecke oes Religionsunterrichtes der Kinder fast 5 Millionen Dollars ausgegeben. Es ist ihnen aber dennoch nicht gelungen, mehr als etwa ein Drittel der Mischen Schulkinder zum regelmäßigen Besuch des Religionsuirterrichtes zu veranlassen. Aehnlich sind die Verhältnisse in West- und Mitteleuropa. Tr. Ruppin hörte von einem Vorsteher einer großen italienWen Gemeinde, daß die Juden am Jom Kippur nicht mehr in die Synagoge kommen, mit dem Judentum verbinde sie nur der Wunsch, auf einem jüdischen Friedhof begraben zu werden. Ebenso stellte eine Umfrage der amerikanischen Reformgemeinden fest, daß nur 50 Prozent der Juden am Jom Kippur in die Synagoge kommen, aber 90 Prozent noch „Jahrzeit" halten. „Es ist also, - sagte Tr. Ruppin , nicht mehr das jüdische Leben, sondern das Mysterium des Todes, das viele Juden noch beim Judentum festhält." Alle diese Beobachtungen lassen oen Redner den Schluß ziehen, cs sei nicht zu verkennen, „daß sich die Juden durch Assimilation an die Kultur ihrer Heimatländer kulturell immer mehr von einander entfernen und das Gefühl ihrer Sckicksalsgemeinschaft und Zusammengehörigkeit verlieren." Das sind nur einige Striche aus dem Bild, welches Tr. Ruppin von der Umwälzung entwirft, welche das Judentum jetzt erlebt und welche es vor sehr verwickelte Probleme stellt, deren Ernst jeder Jude anerkennen wird. Es bleibt aber dabei doch sehr unverständlich, wenn Tr. Ruppin im selben Referat seiner Ueberzeugung Ausdruck verleiht, „daß es bei einer ernsthaften Kraftanstrengung der ganzen Judenheit möglich ist, die Zähl der Juden in Palästina in den nächsten 10 bis 15 Jahren auf eine halbe Million und in weiteren 10 bis 15 Jahren aus eine Million zu bringen. Wenn es uns gelingt, in den ersten Jahren 1000 Familien jährlich mit Hilfe des Keren Hajessod in der Landwirtschaft anznsiedeln und diese Zahl allmählich auf 2000 bis 3000 jährlich zu steigern, so können wir in 20 bis 30 Jahren 50000 Familien, d. h, eine Viertelmillion Seelen, in der Landwirtschaft haben. Das liefert uns, wenn wir gleichzeitig auch der Industrie durch Kredite zu Hilfe kommen, die Grundlage um eine Million Seelen in wirtschaftlich gesicherten Positionen unterzubringen." Erinnert man sich abermals des Umfanges, Tempos und der Kosten der jüdischen Kolonisation in Palästina, wie sie im Bericht der Survey Commission angegeben sind, so kann es nur Wunder nehmen, daß ein so gründlicher Kenner des Landes und der mit ihm und dem Judentum zusammenhängenden Fragen, wie es Tr. Ruppin sicher ist, hoffen kann, daß sich in 30 Jahren die Zahl der Juden in Palästina au> 1 Million erhöhen könnte. Diese Rechnung kann nur aus der Erwartung von Wundern begründet sein, welche die Jewish Agency hervorbringen soll, die aber zu erwarten in Wirklichkeit nicht der geringste Grund vorhanden nt. muß man sich daran erinnern, daß die Juden in diesen Jahren verzweifelt um ihre staatliche Unabhängigkeit kämpften. Sie galten also den Römern als unruhige, rebellische Nation. Zugleich wohnten db*er mitten unter ihnen Angehörige dieses Volkes, und zahlreiche vornehme Römer befolgten jüdische Religionsvorschriften. Da man vom Wesen des Judentums keine Ahnung hatte, sah man in ihm nur eine der vielen vorderasiatischen Religionen, die damals in Rom Anklang fanden und dem altm Götterglauben Abbruch taten. Einem Manne wie Tacitus, der nur in der Erhaltung des ttaditionellen Römertums oas Heil erblickte, mußte daher das Judentum als ein Element der Zersetzung erscheinen, von demselben Standpunkt aus mußten Satiriker, wie Juvenal, das Vordringen des Judentums betrachten. In ihren Augen waren die offenbaren Erfolge der „Barbaren" aus dem fernen Palästina nichts anderes, als Anzeichen des fortschreitenden Verfalls. Als die ersten Christengemeinden in den größeren Städten entstanden, waren Judenchristentum und Heidenchristentum noch nicht streng voneinander geschieden. Bis zum Auftteten des Paulus wurde in einzelnen Gemeinden auch von den neuhekehrten Heiden die Befolgung der Vorschriften des jüdischen Gesetzes verlangt. Die Christen der ersten Zeit sind kaum etwas anderes, als eine jüdische Sekte, und von den Römern werden 'Juden und Christen nicht selten verwechselt oder für Angehörige desselben Glaubens gehalten. Erst als Paulus das Christentum vom altm Gesetz loslöst, entsteht ein wirklicher Gegmsatz von Juden und Christen. Die Propagandistm der neum Religion sahen jetzt im Judentum eine ernsthafte Konkurrenz; sie mußten ferner bestrebt sein, die Gegensätze besonders zu unterstreichen, um sich nicht von vornherein die gleichen Antipathien zuzuziehen, die gegm die Judm aus den oben geschilderten Gründen vorhanden warm. So z. B ist das Wort „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist" unzweifelhaft eine Formel, die lediglich die Staatstrme der Christm im Gegensatz zu dem Rebellmtum der Judm unterstreichen sollte. Denn das Wott bezieht sich auf die Stmer von zwei Denarm, die erst nach der Zerstörung des 'Tempels eingefuhrt wurde und charakterisiert sich daher als späterer Zusatz in dm Evangelim. Ferner läßt sich in dm Evangelien das immer stärker werdende Bestrebm feststellen, die beidm Religionm scharf voneinander zu trennen. Das wird besonders in der Prozeß- und Kreuzignngsgeschichte dmtlich. In dem als historische Quelle kaum noch in Betracht kommenden Johannesevangelium sind die Juden schließlich noch die einzig Schuldigen. Mer auch in dm drei anderen Evangelien ist die Darstellung stark von der Tmdenz beeinflußt, die Römer zu entlasten und die Judm zu belasten. Der einzige Schriftsteller, der diese Epoche der jüdischen Zeitgeschichte behandelt hat, ist Flavins Josephus. Auch mit seinem Bericht war bisher nicht viel anzüsangen, da der griechische Text, in dem uns di« Werke des jüdischen Historikers erhalten sind, durch die späteren Abschreiber im Sinne der christlichen Tradition verstümmelt worden ist. In letzter Zeit hat nun der Wiener Gelehrte Robert Eisler die slawaische Uebersetzung, die uns von den Werken des Josephus erhalten ist, eingehend untersucht. Er ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß zwar auch die slawaischen Handschriften durch Zusätze der Abschreiber gefälscht wordm sind, daß sich aber der ursprüngliche Text des Josephus mit ziemlicher Sicherheit rekonstruieren läßt. Eisler hat über seine Untersuchungen, die noch nicht im vollen Umfang im Druck erschienen sind, zuletzt'in der mglischen religionswissmschaftlichen Zeitschrift „Quest" berichtet. Danach läuft die Darstellung des Josephus darauf hinaus, daß es beim Einzuge Jesu in Jerusalem zu einem polittschm Aufstand gegm die Römer kam, und daß Jesus als politischer Führer, nicht als Sttfter einer neum Sekte, von Pilatus verurteilt wurde. Bereits vor Eisler hat man ja daraus hingewiesen, daß die Prozeßgeschichte der Evangelien mit dem, was wir über das jüdische und römische Prozeßrecht jener Zeit wissm, überhaupt nicht in Einklang zu bringen ist. Wenn in dm Evangelien den Judm die Schuld an der Krmzigung zugeschrieben wird, so können wir hier nur die Tmdmz feststellen, dm Trmnungsstrich zwischen Judentum und Christentum schärfer zu ziehen und zugleich der leichteren Aufnahme der neuen Religion bei den Untertanen des römischm Reiches vorzuarbeiten. Mit Recht schreibt der Kopenhagens Gelehrte Detlef Nielsen („Der geschichtliche Jesus", München 1928): „Jesus ist nicht von dm Juden verurteilt wordm, in deren Händen die Rechtspflege gar nicht lag, sondern von dm Römern. Er wurde nicht verurteilt wegen seiner religiösen Anschauungen, die sicherlich Pilatus nicht sonderlich interessiert hätten, nicht um der angeblichen Gottes¬ Ten wichtigsten Gegenstand oer Verhandlungen bildete selbstverständlich oie Frage der Jewish Agency. Tie Debatten über diesen Punkt sowie über oen Rechenschaftsbericht der Executive lassen keine Zweifel darüber, wie wenig einheitlich die zionistische Bewegung gegenwärtig nt und wie weit die Meinungen innerhalb des zionistischen Lagers über die Ausgaben des Zionismus in Palästina auseinandergehen. Es kommt dabei gar nicht darauf an, ob die Ansichten etwa von Jabotinsty, dem Führer der zionistischen „Revisionisten", von einer größeren oder kleineren Minderheit geteilt werden: für die Beurteilung von Joeenströmungen hat die Zahl der Anhänger natürlich gar keine Bedeutung. Von Wichtigkeit aber ist es, dgß es Strömungen innerhalb der Partei gibt, die in der Schaffung der Jewish Agency durchaus keinen ErfÄg des Zionismus, sonoern im Gegenteil eine Abkehr von dem wirklichen Inhalt des Zionismus erblicken, einen Verrat an den Idealen des politischen Zionismus. Stellt man die Ansichten gegenüber, die von verschiedenen Seiten bei der Behandlung der Jewish Agency-Frage auseinanoerprallten, so wird es ttar, daß der Zionismus durchaus nicht die einheitliche Bewegung darstellt, als die er manchmal erscheint, und daß er eine fehr ernste Krise durchmacht, bn welcher die Bedeutung des Sieges der Parteiexecutive in Wirklichkeit nicht überschätzt werden darf. Tie offiziellen Leiter der Partei stellen oie Sache so dar, als ob die Agency deshalb entsteht, weil oie gesamte Judenheit unter der tiefen Wirkung des von den Zionisten in Palästina bisher geschaffenen Werkes steht. „Unsere praktische Arbeit, — führte Tw. Weizmann in seiner Eröffnungsrede aus —, hat Frmnoe gewonnen. Weite Kreise außerhalb der Zionistischen Organisation haben verstanden, daß es hier nicht mehr um Parteistreit, nicht mehr um ideologischen Zwist geht, sondern um lebendiges Leben, Leben von jüdischen Menschen, Entstehung einer jüdischen Gemeinschaft, eines jüdischen Werkes, auf das die ganze Welt mit Erwartung blickt... Ein jüdisches Nationalheim, das wirklich besteht, ist nicht mehr bloß eine zionistische Angelegenheit, es ist eine jüdische Angelegenhert. Es ist eine zentripetale Kraft, die die jüdischen Energien aus der ganzen Welt anzieht. Schon durch seine bloße Existenz bewirkt es Vereinigung und Zusammenschluß der Juden um einer gemeinsamen Sache willen. Wir waren glücklich, die wunderwirkende Kraft Palästinas beobachten zu können.Tie Erweiterung der Jewish Agency schafft neue Organe innerhalb unseres zionistischen Gesichtskreises. Wir wünschen und hoffen, daß der Geist! des Zionismus, die Leidenschaft des Dranges nach jüdischer Wiedergeburt, zu immer intensiverem Erfassen der mit Palästina verbundenen Juden führen wird, und daß, unabhängig von den Fesseln der äußeren organisatorischen Struktur, sich eine elementarische Kraft entwickeln wird, oie dem Aufbau Zions dient. Darauf sollen wir bewußt und verantwortungsvoll hinarbeiten." Diese Deutung lag selbstverständlich auch« dem Referat des Mitgliedes der Exekutive Felix Rosenblüth über „Die Verfassung der Jewish Agency" zu Gründe. Rosenblüth gab eine geschichtliche Entwicklung der Agency-Frage seit dem 13. Zionistenkongreß, welcher den Beschluß faßte, daß oie Jewish Agency durch „die Heranziehung von Vertretern berjenigen jüdischen Organisationen und Gesellschaften, die auf dem Boden des Palästinamandates stehen, erweitert werden" sollten. In der Form, die jetzt der Berfassungsmt-, lästerung willen, die man darin sah, daß er sich als Gottes Sohn ausgab. Er wurde verurteilt wegen eines angeblich politischen Verbrechens, weil er in den Auugen des Pilatus ein Aufrührer war, der sich zum König der Juden machen wollte." Anders wären ja auch die bekannten Initialen (I. N. R. I.), die die Römer am Kreuz anbringen ließen, nicht zu erklären. Dabei ist übrigens höchstwahrscheinlich em Irrtum unterlaufen. Tenn nach einer Tradition, die sich bis zu den ersten Kirchenvätern echielt, nannte sich Jesus „Melech Ebjon", König der Armen, wie sich auch ldie frühesten Judenchristen in Jerusalem „Cbjonim" — Arme, nannten. Tie Darstellung der Evangelien aber trug den Sieg davon. In der Lehre der Kirche und in der Auffassung der breiten Schichten sind die Juden bis heute die Nachkommen der „deicidae" geblieben. Immer wieder fand der Haß gegen die Juden in der Religionsgeschichte, wie sie die». Evangelien überliefert haben, ihre Grundlage. Diese Motive mögen heute im Antisemitismus ein wenig zurückgedrängt sein. Es genügt aber schon, daß sie im Unterbewußtsein der Massen bis heute erhallen blieb ett. Eine Verkettung unglücklicher Umstände brachte es mit sich, daß die Literatur der christlichen Kirche zu einer Zeit entstanden ist, als kaum eine Stimme für das Judentum laut wurde, als Judaea einen blutigen Kampf um seine politische Unabhängigkeit zu bestehen hatte. So konnte es nicht ausbleiben, daß in der legendenhaften Darstellung der Evangelien die Momente, die der jungen Religion bei ihrer Propaganda nützen und dem Judentum schaden mußten, besonders unterstrichen wurden. Tie Situation, in der sich das Judentum um die Zeit des Untergangs seiner politischen Selbständigkeit befand, ist so gewissermaßen verewigt worden, genau so, wie die Ausnahmegesetzgebung der ersten christlichen Kaiser das Muster für alle späteren Bedrückungen abgab. Nur von einer Verbreitung der geschichtlichen Aufklärung kann man erhoffen, daß die uralten, vererbten Vorurteils gegen das Judentum allmählich verdrängt - werden. Ihr« völlige Ausrottung aber ist nur von einer gewaltigen Hebung des Niveaus der allgemeinen Bildung zu erwarten, von der wir, wie die Vorgänge an Unseren Hochschulen beweisen, leider noch allzu weit entfernt sind.

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