Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 32 (7.8.1929)
- Date
- 1929-08-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614032--3239-2620805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
nicht in verschiedenen Abstufungen, aber darüber will ich nicht reden. Aber auch manche, die es ganz gewiß nicht sind und auch nicht sein können, ja die sogar in ihren Programmen und Kundgebungen mit sehr schönen einwandfreien Erklärungen sich dagegen wenden, die es ja bekämpfen müssen — denn sie werden von der anderen Seite als Judenpar-ch bekämpft , sind vielfach ebenso tapfer, wie es die Juden in der 'Selbstverteidigung sind. Sie werden ganz sicher niemals erklären, daß sie einen Juden nicht in die erste Reihe stellen. Aber sie werden alles tun, um es zu vermeiden. Man braucht das nicht mit moralischen Werturteilen zu betrachten. Biele der Leute meinen das Beste dabei, aber was sie tun, ist nicht das Beste. Es hat nämlich glücklich jetzt schon dahin geführt, daß ihre eigenen Gegner drei Viertel dessen, was sie im Falle ihres Sieges hätten erreichen.können, ohne diesen Sieg erreicht haben'. Ja, sie haben in weitem Maße das innere Mark und die Kraft der modernen fortschrittlichen Parteien geknickt, ausgesogen, wiederum nicht nur wegen der paar Juden. Das ist auch wieder nur Barometer und Symptom. Sie sind verstrickt worden in eine eigene innere Unwahrhaftigkeit, in einen Widerspruch ihres Handelns mit ihren Grundsätzen. Dergleichen können sich rückschrittliche Parteien leisten. Wir haben davon reiche Beispiele erfahren. Fortschrittliche Parteien, Parteien des neuen modernen Staates, seines Wesens und Lebens, dürfen sich das nicht leisten. Sie brechen sich selbst das Rückgrat damit. Sie müssen nach ihren Grundsätzen handeln, denn nur so können sie die propagandistischen und agitatorischen Kräfte entfalten, die sie nicht gewinnen können durch Appelle an den Eigennutz, durch Einzelvorteile usw. Ich meine, der Zustand, wie er bei uns tatsächlich eingetreten ist, und nach einem ganz kurzen Schwan ken nach dem Umsturz heute wieder so stark und vielfach stärker ist, als er vor dem Weltkriege war, ist ein schlimmes Schwächesymptom für den neuen deutschen Staat. Und gerade im Interesse unserer nationalpolitischen Konsolidierung im modernen Sinn haben hier die Juden den Beruf, dafür zu sorgen, daß Ehrlichkeit herrscht bei den Parteien, die den Antisemitismus bekämpfen. Nicht, daß wir so und soviel Plätze irgendwelcher Art für Juden reklamieren. Ich habe immer erklärt und erkläre: mir ist es vollkommen gleichgültig, ob ein Jude oder zwei oder drei oder vier oder wer weiß wieviele Juden da sind; aber unerträglich ist, wenn jemand, der dienen kann, an der geeigneten Stelle nicht dienen darf der Sache unserer nationalen Konsolidierung und unseres Fortschritts, weil er Jude ist und weil man nicht einmal wagt zu sagen: deshalb, weil er Jude ist. Die Zudenverfassung Die Verfsassung von Weimar hat den modernen demokratischen Nationalstaat zur Grundlage nach dem Zusammenbruch der politischen Organisation des deutschen Volkes gemacht. Sie hat damit angeknüpft an Bestrebungen, Wünsche, Gedanken der besten Deutschen vergangener Generationen. Und laut hallte in allen Gassen, anknüpfend an die sehr sekundäre Tatsache, daß es mir, einem Juden, vergönnt war, etwas mitzuarbeiten an der Gestaltung dieser neuen Verfassung: ein undeutsches Werk, eine Judenverfassung. Undeutsch, weil sie deutsch-national ist, weil sie den deutschen Nationalstaat organisiert. Und wie wenig undeutsch ist sie, wie echt deutsch sie ist, das zeigt sich an ihren Schwächen noch mehr als an ihren Vorzügen. Denn die Einheit des Nationalstaates hat sie trotz Zusammenbruch und sogenannter Revolution nicht schaffen können, so deutsch sie ist. Deutsche und Juden Es scheint fast, daß zwischen Deutschen und Juden eine besondere Schicksalsverkettung vorhanden ist. Nachweislich seit mindestens anderthalb Jahrtausenden, wahrscheinlich länger, leben diese „Fremdlinge" auf deutschem Boden. Es gibt, glaube ich, auf der Erde praeter propter 15 Millionen Juden. Bon denen leben etwas über eine halbe Million in Deutschland, aber für ungefähr 10 Millionen ist Deutsch die eigentliche Muttersprache, für zwei Drittel der Juden, die die Erde bewohnen. Da sind vielleicht mystische Zusammenhänge, und wenn es das Schicksal des Judentums vielfach gewesen ist, fremd unter den Völkern hemmgestoßen zu werden, Feindschaft auf allen Seiten zu finden, — was wir als Juden in Vergangenheit und Gegenwart erlebt rum Ferien-Ende: Hilfsfonds - spende Wenn Sie erholt zurückgekommen sind, müssen Sie einen Bruchteil des für Ihr Vergnügen ausgegebenen Geldes Ihrer Organisation zuwenden und für den ,,HllfSa fontfs des liberalen Judentums“ M. 10.— auf das Postscheckkonto der ,,Vereinigung für das liberale Judentum e. V." Berlin Nr. 137069 überweisen. Die Namen der Spender werden in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" bekanntgegeben. Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! haben, das haben wir als Deutsche in den letzten Jahren und Jahrzehnten fast in derselben Weise erlebt. Man sollte meinen, wenn man vom Aberglauben nicht loskommt, auch in politischen Dingen den Menschen als ein vernunftbegabtes Wesen zu betrachten, daß allein schon diese Erfahrungen des Antibochismus im Lande der Boches den Antisemitismus hätten unmöglich machen sollen. Daß es nicht der Fall gewesen ist, wissen wir alle. Aber auch dieser Antisemitismus stellt wieder eine besondere Beziehung her und stellt eine besondere nationalpolitische Bedeutung der Juden in Deutschland hervor. Es leben knapp 600000 Juden unter den 60 Millionen nichtjüdischen Deutschen, also knapp l Prozent. Nun könnte man ja sagen, da die Geschichte nicht sentimental ist: was kommt es aus das Schicksal diesen einen Prozent an? Möge mit ihnen werden, was da will, darüber können die anderen 99 Prozent zur Tagesordnung übergehen. Nein, das können sie eben nicht. Denn mit dieser Frage des einen Prozent werden die 99 Prozent nicht fertig. Der Antisemitismus der Reaktion Jeder Versuch, jeder Anlauf, in die Bahn der moderneu demokratischen national-staatlichen Entwicklung das deutsche Volk hineinzuführen, ruft selbstverständlich den wütenden Widerstand aller alten Mächte und Kräfte hervor, und sie rufen schon bei den ersten Anfängen immer wieder antisemitische Regungen, das Wort „Jude" zur Hilfe. Man kann am letzten Ende allerdings nicht erwarten, daß die Gegner einer dem Volke als ganzem günstigen Entwicklung sagen werden: dich wollen wir nicht, dich Volk wollen wir in Untertänigkeit halten. Nein, da liegt die Argumentation näher, zu sagen: du edler Deutscher hast eine arische Abneigung gegen Freiheit, gegen Demokratie, gegen nationale Selbständigkeit, das sind fremde Erfindungen, das ist fremdes Gift, das dir eingeflößt werden soll von den Fremden, die unter dir leben, den Juden. Und dann hat es noch den weiteren demagogischen Vorteil, auch dem Untertan, den man in vollster Untertänigkeit halten will," dem Landbewohner, den man in der Abhängigkeit von dem Grundherrn halten will, wie das damals im Anfang des 19. Jahrhunderts der Kern des Kampfes war, immer sagen zu können: du bist noch nicht der Unterste auf der menschlichen Rangleiter, du hast noch einen unter dir, das ist der Jude. Falsches Solidaritätsgefühl Man sagt dem Juden: bessere dich, gehe in dich! Ja, wenn du schlecht bist, bessere dich. Gewöhnlich wird man es Me entstand der Judenhaß? Von L. Steinfeld. Wenn man den Jrrtümern und Vorurteilen nachgeht, auf denen sich der Antisemitismus unserer Tage ausbaut, so wird man bald erkennen, daß sich auf diesem Gebiete seit zwei Jahrtausenden nicht allzu viel geändert hat. Der Antisemitismus versucht zwar immer wieder, sich mit Hilfe von pseudowissenschaftlichen Theorien neu zu drapieren, sich der jeweiligen Mentalität und politisch-wirtschaftlichxn Entwicklung. anzupassen — aber im Grunde kommt er doch stets auf die uralten Märchen zurück, die man sich schon in heidnischer Vorzeit vom Judentum erzählte. So mußte schon Flavius Josephus im 1. Jahrhundert in semer Schrift gegen Apion seine Glaubensgenossen gegen die Ritualmordlüge verteidigen, die unsere Völkischen — wie der letzte Vorfall in Bayern beweist — Heute, im vollen Lichte des 20. Jahrhunderts, noch auszukramen wagen. Wenn man dem Antisemitismus entgegentreten will, so wird man diese atavistischen Reste der Vergangenheit besonders berücksichtigen müssen, weil sie zu dem - man könnte beinahe sagen — unbewußten Judenhaß geführt haben, dem man in so zahlreichen Volkskreisen begegnet, auch wenn sie der eigentlichen antisemitischen Bewegung gleichgültig gegenüberstehen. Eine besondere Rolle spielt hier der „religiöse"' Antisemitismus, den man fälschlicherweise so oft totgesagt hat. Selbst die Wissenschaft ist gegen ihn nicht immer immun: man denke nur an die „Große Täuschung" von Friedrich Delitzsch! Aber .auch für die große Menge und für wirklich religiös gesinnte Nichtjuden wird das antisemitische Rassentiment durch die Lehre von den Juden als „deicidae", als Gottestöter, heute, wie zur Zeit der Kirchenväter und des finstersten Mittelalters stets wachgehalten und genährt. Indessen stellt.auch dieser religiöse Antisemitismus nicht die Urform des Judenhasses dar, er ist vielmehr nur eine besondere Erscheinungsart, die sich dann im Laufe der Jahrhunderte immer klarer herauskristallisiert hat. Die moderne historische Forschung ist, wie wir im folgenden noch näher sehen werden, zu dem Resultat gekommen, daß bereits die früheste christliche Literatur unter dem Einfluß einer bewußten antijüdischen Tendenz steht. Da wir hier die Wurzel aller späteren Abneigungs- und Haßinstinkte vor uns haben, so werden wir gut tun, uns nach der Situation umzusehen, aus der heraus diese Darstellungen zu erklären sind. Aus den Aeußerungen griechischer und römischer Schriftsteller können wir uns zwar über die Lage der Juden in der Diaspora vor u,rd während der Ausbreitung des Christentums kein genaues Bild machen, aber immerhin steht doch soviel fest, daß in den beiden Weltstädten Rom und Alexandrien eine stark judenseindliche Stimmung herrschte. Diese hatte ihren Grund in Alexandrien mehr in wirtschaftlichen Reibereien und in politischen Gegensätzen zwischen der starken jüdischen Gemeinde und der griechisch-syrischen Mischbevölkerung. Dieser Konflikt, der jahrhundertelang anhielt, wurde schon durch die Privilegien begründet, die Alexander der Große den Juden verliehen hatte, und die — mit wenigen Ausnahmen — die Cäsaren bestätigten. Dann aber stieß in Alexandrien, wo die Juden zwar über ein eigenes Wohnviertel verfügten, aber auch in allen anderen Stadtteilen ansässig waren, Heidentum und Judentum weit heftiger aufe.nander, als irgendwo anders. Es darf daher nicht wundernehmen, daß das erste Pogrom, von dem wir wissen, über die Juden Alexandriens hereinbrach. Caligula, der von den Juden das Kaiseropfer verlangte, hatte das Signal zu dem blutigen Ueberfall gegeben, dem im Jahre 38 die alexandrinische Gemeinde ausgefetzt war. Die ständigen Reibereien, zu denen das Zusammenwohnen von Juden und Heiden in der engen Hafenstadt führte, finden ihren Reflex in der alexandrinischen Literatur jener Zeit. So gab es ein Pamphlet, das unter dem Namen eines auch sonst bekannten ägyptischen Priesters Manetho segelte. Hier finden wir zum ersten Male das später immer wieder aufgewärmte Märchen, die Juden seien wegen eines üblen Aussatzes aus Aegypten vertrieben worden. Eine andere Erfindung bezog 'sich auf den jüdischen Gottesdienst, der so völlig von allen Kulten der damaligen Zeit abwich, und der deshalb die Phantasie der breiten Schichten besonders beschäftigen mußte. Noch Josephus mußte die Juden gegen die Beschuldigung verteidigen, sie verehrten im Tempel und in ihren Synagogen einen Eselskopf! Die Ritualmordlüge findet sich zum ersten Male bei Poseidonios ^135—51 °- Ehr.), der als Berater der syrischen Herrscher die Niederlage des Antiochus Epiphanes nicht vergessen konnte und nicht tun, wenn man wirklich schlecht ist, aber ob man dabei Jude oder Christ ist, ist meines Erachtens gänzlich gleichgültig. Lassen wir uns — und das ist eine Pflicht, die wir dem deutschen Volk und seiner nationalen Entwicklungg gegenüber haben — nicht ein solches falsches Rassensolidaritätsgefühl einreden. Fühlen wir uns nicht verpflichtet, jeden jüdischen Schuft zu decken. Fühlen wir uns aber auch nicht haftbar dafür, daß es auch jüdische Lumpen gibt. Diese ganze Art des Denkens ist auf den Rassenwahnsinn aufgezogen und aufgepfropft. Gewiß, man sagt: der Jude soll sich nicht vordrängen. Kein Mensch soll sich vordrängen. Der Christ auch nicht. Aber er soll, was er für die Oeffentlichkeit leisten kann, nicht ungeleistet lassen, aus Angst, man könnte ihm nachsagm, er dränge sich vor. Und was noch wichtiger sein mag: die verehrten Glaubensgenossen sollen ihn nicht an den Rockschößen zurückziehen aus Angst, sie könnten vavon Unannehmlichkeiten haben, wenn er den anderen nicht gefällt. Freitod des Geheimraks Eduard Simon Der Geheime Kommerzienrat Tr. jur. et med. Eouard Simon hat sich am Sonnabend abeno in seiner Wohnung in der Viktoriastraße 7 erschossen. Geheimrat Eouard Simon war, wie wir der Jta entnehmen, nach oem Ausscheiden seines älteren Vetters, Tr. James Simon, der einzige Verantwortliche für die Leitung der vor einigen Jahren in eine Aktiengesellschaft umgewandelten Firma Gebrüder Simon, die Jahrzehnte hindurch die führende Stellung im Berliner Textilhandel hatte uno Weltruf genoß. Die ungeheuren Schwankungen während oer Inflation und besonders nach der Stabilisierung führten Verlegenheiten für die ganze Branche herbei. Die nächstgroßen Firmen hatten schon vor einigen Jahren die Waffen gestreckt und liquidiert, die Firma Gebrüder Simon aber glaubte, durchhalten zu können, wenn sie ihren berühmten Besitz an Kunstschätzen veräußert, um das Handelshaus zu stützen. Das .Haus Gebrüder Simon war 1852 von den beiden Brüdern Jsaac und Louis Simon begründet worden. Nach dem Tooe von Jsaac Simon hatte Louis Simon unter Assistenz feines Neffen Dr. James Simon und seines Sohnes Tr. Eduard Simon die Geschästsleitung inne, aus der er erst 1902, am Tage des 50jährigen Bestehens oer Firma, ausfchied. Auch unter Führung von James und Eduard Simon erweiterte sich die Firma ständig, sodaß in den letzten Jahren vor dem Kriege ein Umsatz von jährlich 60 Millionen Mark erzielt wurde. Nach oem Kriege machte sich eine starke Tendenz zur Ausschaltung des Großhandels bemerkbar. Tie Firma Gebrüder Simon versuchte, durch eigene Produktion leistungsfähig zu bleiben. Man gliederte oer Firma große Industrien an und verwandelte sie ln eine Aktiengesellschaft, Die Jahre 1926 bis 1928 brachten große Verluste, doch werß man in Wirtschaftskreisen, daß die Firma für eine Fortführung durch kapitalskräftige Käufer aktiv sei. Das Unternehmen, das etwa 4M Angestellte beschäftigt, erleidet durch dos Ableben des Geheimrats Eduard Simon feine Unterbrechung, da langjährige Geschäftsfreunde ihre Mitwirkung für eine Neuordnung zugesagt haben. Mitbestimmend für den Entschluß Eouard Simons, der seit langem an Krankheit und Depression litt, war, daß er seine wertvollen Kunstschätze hat veräußern müssen. Die Nachricht von dem plötzlichen Ende Eduard Simons hat vor allem in den Kreisen oer Berliner Kunstsreude die tiefste Erschütterung ausgelöst. Wie die „Berliner Montagspostt' schreibt, hatte man mit aufrichtiger Teilnahme den Kamps des Seniorchefs Tr. James Simon verfolgt, der allmählich sich Stück für Stück seines herrlichen Kunstbesitzes vom Herzen riß, um den drohenden Niedergang der Firma aufzuhalten. Als nun auch die Nachricht von der Versteigerung des Grundbesitzes von Eduard Simon im Herbst bekannt wurde, wußte man, daß einer der edelsten und reinsten Menschen der Berliner Großindustrie im Begriff stand, sich ton dem zu trennen, was den eigentlichen Inhalt und die wirkliche Liebe seines reichen Lebens ausgemacht hatte." Ter Verstorbene war seit langen Jahren Mitglied der Berliner Ortsgruppe der Vereinigung für das Liberale Judentum. ein politischer Feind des siegreichen Judentums war. Der etwas jüngere Rhetor Apollonias Molo behauptete als erster, Moses sei ein Zauberer gewesen. Später wurde von judenfeindlichen Schriftstellern aus diesen Brocken ein ganzes System konstruiert. Einiges Verständnis für die religiösen Lehren des Judentums findet man nur bei Plutarch, bei dem Geographen Strabo und bei dem römischen Schriftsteller Varro. Im übrigen aber folgen die Römer blindlings den alexandrinischen Literaten, soweit es sich um die Juden und die jüdische Religion handelt. Besonders gehässig ist Tacitus, der freilich in den Juden vor allem die grimmigen Feinde des römischen Reiches erblickte. Aber in Rom machte sich in der ersten Kaiserzeit und auch schon in den letzten Jahren der republikanischen Aera eine Erscheinung bemerkbar, die zwangsläufig zu einem unfreundlichen Urteil über die Juden sühren mußte: das Proselytentum, vor allem der Uebertritt vieler Römer der höchsten Schichten zum jüdischen Glauben. Horaz, Ovid, Martial, Juvenal u. a. staben uns dieses Vordringen des jüdischen Glaubens geschildert. Besonders auffällig erschien ihnen bei den Juden und bei den Neubekehrten — die übrigens meist nicht alle jüdischen Religionsvorschriften befolgten — die Sabbatheiligung, die Beschneidung und die Absonderung der Juden in der Diaspora. Auch das Verbot des Schweinefleisch-Essens gab zu allerlei unsinnigen Kombinationen Anlaß. Einmal kam ein römischer Schriftsteller gar auf den Gedanken, des Rätsels Lösung läge darin, daß das Schwein den Juden als heiliges Tier gelte! Selbst ein so aufgeklärter Mann, wre der Philosoph Seneca, glaubte treu und brav die unsinnigsten Märchen, die man vor ihm über die Juden zusammengetragen hatte. Von dieser Voreingenommenheit waren die Herrscher im allgemeinen frei. Caesar war sogar ein ausgesprochener Freund und Gönner der Juden. Mussolini hat vor kurzem nicht zu Unrecht daran erinnert, daß die Juden Roms an seinem Aschenhügel geweint haben. Selbst Titus, der Zerstörer des Tempels, änderte nichts an den Privilegien, die die Juden der Diaspora genossen. Nur Domitian, der Verfolger der Christen, trat auch den Juden gegenüber tyrannisch auf. Um aber die ungünsügen Urteile zu verstehen, die sich bei römischen Schriftstellern dieser Epoche finden,