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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-07-31 · 31 (31.7.1929) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
31 (31.7.1929)
Date
1929-07-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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9. Jahrgang Nummer 31 MMÄMikZMns Mb diese {Rubrik übernimmt die Echristleitung lediglich die pechaekeklicke Derantwortuua. Die Berliner Gemeindebibliothek In anerkennenswerter Weise ist die Berliner Gemeindeverwaltung bestrebt, dem Bedürfnis der Gemeindemitglieder nach jüdischem Lesestoff gerecht zu werden. In verschiedenen Ortsteilen sind bisher zusammen 7 Bibliotheken eingerichtet. Tie Vermehrung der Bücherbestände geht Planmäßig vor sich. Unentgeltliche Ausleihung der Bücher macht es auch den Minderbemittelten möglich, sich der Schätze jüdischen Könnens und Wissens zu bedienen. Während aber die meisten öffentlichen Bibliotheken B ü - cherkataloge herausgeben, fehlt es in der jüdischen Gemeindebibliothek immer noch an einem Katalog. Gewiß besitzt die Bibliothek in ihren Räumen eine vorzügliche Bücherkartei. Um aber in diese Einsicht zu nehmen, muß sich jeder Interessent erst in die Bibliothekräume begeben. Nun ist es verständlich, daß die Herausgabe eines Gesamtkatalogs eine recht kostspielige Sache wäre. Solcher G e s a m t katalog ist aber vorläufig gar nicht einmal zwingend nötig. Die ausgesprochen fachwissenschaftlichen Bücher könnten größtenteils aus dem Katalog herausbleiben. Der Student, den Berur oder künftiger Beruf zur Bibliothek hinzieht, wird sich aus eigener Initiative, aus eigenem Interesse „von selbst" dort einsinden, wo er die zum Studium erwünschten Werke geliehen erhallen kann. Es gilt aber mehr! Es soll auch für die Bibliothek g e w o r b e n werden bei der Schar der Laien, es gilt, ihnen populäre wissenschaftliche Schriften, Erbauungs- und Unterhaltungsstofs in bequemer Weise bekannt zu geben und zu vermitteln. Die hin und wieder im Gemeindeblatt veröffentlichten Verzeichnisse von neuerworbenen Büchern allein geben, zumal in ihrer jetzigen Form, kein vollendetes Werbemittel ab. Diese Verzeichnisse von Neuanschaffungen müßten vor allem im offiziellen Organ der Gemeinde aus besonderem Blatt gedruckt sein und zwar so, daß sie sich durch Heraustrennen, Kniffen und Sammeln zu einem selbständigen Heft ergänzen. Das wäre aber nur ein Provisorium. Ein Werbemittel im besten Sinne ist die baldige Herausgabe des volkstümlichen Teilkatalogs. Die Druckkosten würden durch den Katalogpreis, der natürlich ebenfalls volkstümlich bemessen sein sollte, zu einem Teil eingebracht. Die überschießenden Kosten, die sich aus Ersparnissen an Dingen, welche außerhalb des Jnteressenkreises der Berliner Gemeinde liegen, leicht hereinbringen ließen, sollte die Gemeinde übernehmen. Den Vertrieb des Katalogs übertrage man nicht nur der Bibliothekverwaltung, sondern auch den jüdischen Buchhandlungen und den Synagogenkastellanen. Ter Katalog würde vor schnellem Veralten geschützt, wenn er — unbeschadet seiner Buchform — systematisch nach Stoffgebieten (pro Stoffgebiet eine oder mehrere Heftlagen), innerhalb dieser nach Verfassern oder dergl. gegliedert würde. In diesem Falle könnten die später im Gemeindeblatt s y - st e m a t i s ch zu veröffentlichenden Nachträge, zweckmäßig umbrochen, dem Katalog leicht angefügt werden. Es wäre nicht nötig, etwa für die Zentralbibliothek und für jede Zweigstelle einen besonderen Katalog herauszugeben. Der gemeinsame Katalog umfasse alle aufzunehmenden Bücher und gebe bei jedem Buch, welches nicht in allen Bibliotheken der Gemeinde geführt wird, ein bestimmtes Kennzeichen dafür, in welcher Bibliothek es zu haben ist. Wenn ein laut Katalog bestelltes Buch in der betr. Bibliothek nicht geführt wird, so hätte es der Bibliothekbeamte nach bisherigem Brauche aus derjenigen Bibliothek, die es laut Katalog führt, zu beschaffen. Tie Durchführung dieser Anregung brächte den Bibliotheken viele neue Freunde. Denn es ist ein ander Ding, ob der Laie sich mühsam in der Hauptkartei Rat schasst und das Bibliothekpersonal aufhält, oder ob er statt dessen schon in der Ruhe seines Heimes den Katalog durchsieht und dann mit fertigem Plane die Bibliothekräume besucht. Willy R o s e n 1 h a l. * Aus den Gemeinden * Augsburg. (Persönliche s.) Oberkantor S. Steinfeld ist am 1. Juli nach 34 jähriger erfolgreicher Tätigkeit in den Ruhestand getreten. Die Gemeinde erkannte in einem Dankschreiben das ausgezeichnete Wirken des scheidenden Beamten an und ließ eine Ehrengabe überreichen. Auch die höheren Schulen, an denen der Scheidende als Religionslehrer beschäftigt war, veranstalteten eine Abschiedsfcicr und ließen ein Erinnerungsgcschenk übermitteln. Obcrkantor Steinfeld hat sich auch als Komponist mit Erfolg versucht; seine liturgischen Beiträge werden seinen Namen mit der musikali>- schen Ausgestaltung des Gottesdienstes verbunden halten. Berlin. (6 0. Geburtstag.) 'Am 26. Juli feierte Hern Paul Veit-Simon seinen 60. Geburtstag. Dem altbewährten treueun Mitglieds das uns so oft mit Rat und Tat zur Seite stand, sprechen wir auch an dieser Stelle unseren herzlichsten Glückwunsch aus. Herr Paul Veit-Simon, Mitinhaber der Firma Gebr. Veit & Co., zählt zu den angesehensten Besuchern der Berliner Börse Berlin. (Zum Ableben von Oberkantor Asch.) Asch war gewohnt, an sein -eigenes fachliches Können den strengsten Maßstab anzulegen. Und wie ihm die Würde und Ehre seines Standes und seiner Bcrufsgenossen über alles ging, so erfuhr alles, wasdem dienlich war, seine hingebendste Förderung. Damit erwarb er sich auch im leitenden Ausschuß des Allgemeinen Deutschen Kantorcnverbandcs besondere Verdienste. Die Berliner Gemeindekawtoren hatten ihn wiederholt zu ihrem Obmann gemacht. Daß er Not und Elend in den Reihen seiner Berufsgenossen in vornehmster Weise zu lindern verstand, davon zeugt seine langjährige intensive Mitarbeit im Vorstande der Kantoren-Hilfskasse. Berlin. (Die jüdischen Ingenieure organisieren sich.) Wir werden um Veröffentlichung nachstehender Notiz gebeten: „Unter dem Namen „Verband Jüdischer Ingenieure und Chemiker in Deutschland E. V." hat sich am 2. Juli 1929 in Berlin eine Berufsorganisation Angehöriger technisch-naturwissenschaftlicher Berufe konstituiert. Die berufliche Notlage des angestellten Mittelstandes ist allgemein bekannt, findet aber für die jüdischen Ingenieure und Chemiker, die auf einen vorwiegend antisemitischen Arbeitgebcrkreis angewiesen sind, noch eine besondere Verschärfung. Den Uebelständen, die sich hinsichtlich Arbeitsvermittlung und Berufsberatung eingestellt haben, will der Verband, der den ersten Versuch einer jüdischen Organisation des Mittelstandes in Deutschland mit wirtschaftlichen Zielen darstellt, durch seine Tätigkeit abhelfen. Es dürfte für alle jüdischen Ingenieure und Chemiker ratsam sein, durch ihre Mitgliedschaft die Stoßkraft des Verbandes zu stärken. Die Anschrift des Verbandes ist: „Verband Jüdischer Ingenieure und Chemiker in Deutschland E. V.", Berlin N 24, Auguststraße 17." Danzig. (8 0. Geburtstag.) Herr Carl Lichtenseld, der im jüdischen Gcmcindcleben unserer Stadt an hervorragender Stelle steht, vollendet am 8. August sein 80. Lebensjahr. Seit Jahrzehnten widmet er seine selbstlose ehrenamtliche Tätigkeit dem Wohba der Synagogengemcindc und den vielen charitativen Vereinm derselben. 18 Jahre war er Mitglied des Repräsentantenkollegiums, über ein Vierteljahrhundcrt ist er Vorsteher der großen Synagoge, seit mehr als 31/. Jahrzehnten leitet er als 1. Vorsitzender einen der größten Vereine, die Israelitische Stcrbckasse, die er bedeutend gefördert hat; in der Ehcwra, im Unterstützungs-, Speiseverein usw. ist er im Vorstand tätig und verschönt die geselligen Veranstaltungen durch humorvolle Tasellieder. 30 Jahre war er Inhaber eines bekannten Eisen- und Wirtschaftswarengeschäfts; er entstammt einer eingesessenen Tanziger Familie. lieber die Kreise der jüdischen Bevölkerung hinaus erfreut er sich des besten Rufes seltener Hilfsbereitschaft. Danzig. (Neuer C h 0 r d i r i g e n t.) Nachdem der langjährige Organist, Herr Musikdirektor Boehnert, in den wohlverdienten Ruhestand getreten ist, wurde Fräulein Ella Merlins als Organistin engagiert. Das Amt des Chordirigcnten an der Großen Synagoge übernimmt .Herr Henry Prins, ein im Danzigcr Musikleben und weit darüber hinaus rühmlichst bekannter Musiker und Dirigent. Dortmund. (R a b b i n e r n a ch f 0 l g e.) Das Amt des in den Ruhestand getretenen Rabbiners Dr. Jacob wurde von dem bereits in Dortmund amtierenden Rabbiner Dr. Appel übernommen. Die dadurch freiwerdende Rabbinerstelle wurde, wie wir bereits berichteten, durch Herrn Rabbiner Tr. Wilhelm besetzt. Hamburg. (Di e jüdische und k a t h 0 lischt Bevölkerung.) In dem letzten Heft seiner Zeitschrift „Aus Hamburgs Verwaltung und Wirtschaft" veröffentlicht das Statistische Landesamt die hauptsächlichsten Ergebnisse einer Untersuchung über Zahl, Herkunft, berufliche und soziale Gliederung der jüdischen und katholischen Bevölkerung. Aus dieser Arbeit geht hervor, daß die jüdische Bevölkerung, trotzdem sich die Bevölkerung Hamburgs im Lause der letzten 50 Jahre mehr als verdoppelt hat, seit 1871 hier nur von rund 14 000 auf fast 20 000 angewachsen und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in dieser Zeit von über 4 v. H. auf weniger als 2 v. H. gesunken ist. Dagegen haben die Katholiken in 60 Jahren durch Zuwanderung, namentlich in den 80 er Jahren und seit der Jahrhundertwende, sich sehr stark vermehrt. Im Jahre 1866 betrug ihre Zahl weniger als die Hälfte der damals in Hamburg ansässigen Juden und kaum 2 v. H. der Gesamtbevölkcrung, 1025 aber übcrtraf sic die Zahl der Juden um das Dreifache, und ihr Anteil an der Gesamtbevölkcrung belief sich aus fast 5 v. H.» denn es wurden bei der letzten Bolkszählung mehr als 60 000 Katholiken in Hamburg gezählt. Wie eine Auszählung der Katholiken und Juden nach dem Wohnsitz vor dem Kriege ergeben hat, wohnten von den rund 20 000 Juden, die 1025 in Hamburg sestgestellt sind, nur rund 4000 vor Ausbruch des Krieges außerhalb Hamburgs; von den 60 000 im Jahre 1925 hier wohnenden Katholiken sind aber nahezu 19 000 seit 1914 zugcwandert. Abgesehen von den benachbarten Provinzen Schleswig-Holstein und Hannover stammen die zugewanderten Katholiken in der Hauptsache aus der Rheinprovinz, aus Bayern, Westfalen und Schlesien, die zugewanderten Juden aber in der Hauptsache aus Polen und den übrigen ehemals russischen Randstaaten, Rußland und Oesterreich, ferner aus Berlin, Hessen, dem Rheinland und den im Osten abgetretenen Gebietsteilen. Hannover. (Absetzung der Numcrus-Clausus -Anträge von der Tagesordnung des Deutschen Stüde n t e n t age s.) Der in Hannover abgehaltcne 12. Deutsche Studententag hat gemäß dem Antrag des Vorstandes, wie die Jta mitteilt, mit 103 gegen 70 Stimmen bei zwei Stimmenthaltungen beschlossen, die Anträge Vertreterschasten der Universitäten Würzburg, Erlangen, Brünn und der Technischen Hochschule München, in denen die Herbeiführung des Numerus clausus für jüdische Studierende und Professoren gefordert wurde, von der Tagesordnung abzusetzen. Es war dies das erste Mal, daß auf einem deutschen Stndcntcntag ernsthaft die Frage des Numerus clausus für die Hochschulen des Deutschen Reiches erörtert wurde; dem Vorstand hat es, wie es heißt, viel Mühe gekostet, die Absetzung der Anträge von 1>er Tagesordnung durchzusetzen. Der Spruchhof der „Deutschen Studentenschaft" — der Oberste Gerichtshof in studentischen Streitfällen — hatte entschieden, daß die Numerus clausus-Anträge gegen die Verfassung der „Deutschen Studentenschaft" verstoße. — Von 77 Hochschulen hatten 65 Vertreter entsandt. Die flämische, niederländische, Rigaer, Dorpatcr und rumänische Studentenschaft waren ebenfalls vertreten. Homberg. (7 0. Geburtstag.) Der langjährige Vorsteher unserer Gemeinde, Herr S. Hcilbronn, feierte seinen 70. Geburtstag. Mehr als vier Jahrzehnte hat er sich um die Interessen der Allgemeinheit bemüht; seiner Anregung ist auch die Anlage eines neuen Friedhofs zu verdanken. Gesundheitsrücksichten haben den geistig regsamen Herrn zrvar gezwungen, von seinen Aemtern zurückzutreten, die Angelegenheiten der Gemeinde verfolgt er aber nochl mit regstem Interesse. Köln. (Ein Jugendgott esdicn st an den hohen Feiertagen.) Infolge der religiösen Not der Jugend hat sich die Synagogengemcindc Köln entschlossen, an den kommenden hohen Feiertagen einen gesonderten I u g e n d g 0 t t c s d i e n st abzuhalten. Die Verwaltung weist in einem Rundschreiben an die höheren Schulen darauf hin, daß der Gottesdienst so ausgestaltet werden solle, daß er den Teilnehmern die erwartete Erhebung und Erbauung gebe. Angesichts des Sachverhaltes, daß die meisten Schüler im Verlaus des Jahres kaum Gelegenheit zum Besuch der Synagoge haben, ist der Schritt der Gemeindeverwaltung, der Rabbiner und Lehrer zu begrüßen. Münster. (Professor Grimme veröffentlicht die Sinai- I n s ch r i f t e n.) Professor Dr. Hubert Grimme, der Semitist der Universität Münster, hat bekanntlich vor einigen Jahren in der Welt der Orientalisten und der Freunde der Religionsgeschichte Aussehen dadurch erregt, daß er in den altsinaitischen Buchstabew- Jnschriftcn Nachrichten über Moses als Sohn der Pharronentochter entziffert haben wollte. Der Gelehrte hat jetzt die Inschriften kurz nach ihrer Wiederaufsindung und Ueberführung ins Aegyptische Museum in Kairo vier Wochen lang studieren können und wird sic dem-- nächst (bei Rcuther und Reichard in Berlin) veröffentlichen. Es sind Urkunden, deren Bedeutung für die Geschichte der Schrift, der Religion, Sprache und des Volkes der Hebräer Grimme nachweist. Osnabrück. (Jubiläum.) Kantor Gittelsohn begeht am 4. August sein 25jähriges Ortsjubiläum. Die Gemeinde rüstet sich, den Ehrentag ihres für die religiösen Interessen eifrigst wirkenden Beamten festlich zu begehen. Pattensen. (Persönliches.) Lehrer A p t feierte unter lebhafter Anteilnahme der Gemeinde und auswärtiger Freunde seinen 60. Geburtstag. Aus Kollegenkrcisen wurde ihm für eifrige Vereinsarbeit eine Dankadresse gestiftet, die Lehrer v. d. Walde, Oberlkirchen, überreichte.! Recklinghausen. (Aus dem G e m e i n de l e b e n.) In ihrer letzten Sitzung haben Vorstand und Repräsentanten beschlossen, ein Jugend-Wohlfahrts- und Gemeindeheim zu errichten. Der Wunsch, der uns so lange beseelte, ist damit dank der Weitsichtigkeit unserer Gemeindevertreter Wahrheit geworden. Zur Zeit sind die Vorarbeiten Vellage 31. Zull 1929 für die Errichtung unseres Heimes in Angriff genommen und es wird zunächst Aufgabe sein, die notwendigen Gelder für die Errichtung zu beschaffen. Als besonders anerkennenswert soll hier hervorgehoben werden, daß die Stadtverwaltung Recklinghausen, mit der die Gemeinde in allerbestem Einvernehmen arbeitet, einen Bauplatz in Erbbaurecht zur Verfügung gestellt hat und uns auch geldlich weitgehendst unterstützt. Neben den städtischen Körperschaften haben lvir auch Aussicht von staatlichen Stellen Gelder zu bekommen, so daß die Lösung der finanziellen Frage, an der in besonders inten-, siver und dankenswerter Weise die Zcntralwohlsahrtsstelle mitarbeitet, hoffentlich recht bald gelöst sein wird. Aus der Sammebanleihc, die der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden aufzunehmen gedenkt, sollen wir gleichfalls bedacht werden. Im Herbst dieses Jahres werden es 100 Jahre, daß sich die in Recklinghausen wohnenden Glaubensgenossen zu einer Gemeinde konstituiert haben. Außerdem jährt sich zum 25. Male der Tag, an dem unsere Synagoge eingeweiht wurde. Der Jugcndverein Recklinghausen feiert um diese Zeit sein 20 jähriges Bestehen. Diese Jubiläen sollen den Verhältnissen der Zeit entsprechend in würdiger, bescheidener Form begangen werden. Ueber das Werden und Wachsen der Gemeinde wird eine Festschrift herausgegeben werden. In dem städtischen Archiv finden sich äußerst interessante Aufzeichnungen, die zum Teil aus dem 13. Jahrhundert herrühren, diese sollen in der Broschüre sestgehalten werden. In unseren Vereinen hier, besonders im Jugendverein, wie auch in dem israelitischen Wohlfahrtsamt wird sehr tatkräftig gearbeitet, und man hofft, daß sich durch die Errichtung des Eigenheimes diese Tätigkeit noch weit stärker und intensiver gestalten wird. Schneidemühl. (Deutsch-jüdische Jugend.) Hier hat sich ein Jugendbund „Deutsch-jüdische Jugend" gegründet, der auf dem Boden des Central-Vercins steht. Erster Vorsitzender ist Referendar Ludwig Rosenthal, zweiter Vorsitzender Referendar Dr. Caspary, Schriftführer Heinz Fleischer, Kassierer Adi Putziger, Sportwart Hans Heimann. Dem Verein ist bereits die Mehrheit der Jugend der Gemeinde bcigetretcn. Ter Verein bekennt sich rückhaltlos zur Idee des Central-Vereins und lehnt den Zionismus in jeder Form ab. Der schiefe Laim Von Oerliart Hercmann Mostar. Wir entnehmen ckie folgende Schilderung mit freundlicher Genehmigung des Safari - Verlages, Berlin, dem ausgezeichneten Roman von Gerhart Herrmann Mostar „Der Aufruhr des schiefen Calm“ (vgl. Bücherschau der heutigen Nummer). Der Lohgerber Abraham Calm saß seit Stunden vor einem mit den herzoglichen Insignien geschmückten Schreiben. Der massige Kopf war in die groben Hände gestützt; die dicken, über der Nase verwachsenen Brauen verdeckten seine Augen, der Ausdruck seines immer finstern Gesichts verriet nichts. Es war spät geworden über diesem Brüten, vom Turm der Marienkirche hatte es zehn Uhr gezittert, und Sarah, seine achtzehnjährige Tochter, war schlafen gegangen. Es pochte an der Haustür. Calm lauschte erstaunt. Um diese Zeit? Was wollte man wieder von ihm? Draußen stand eine dunkle Gestalt mit dunklem Mantel, breitrandigem Schlapphut, von dem Tropfen fielen; im .Bunde mit der Dunkelheit überschleierten sie das Gesicht. Calm fiel es jetzt erst auf, daß es regnete. „Herr Calm?“ fragte es mit voller, männlicher Stimme. „Jawoll. Zu dienen, Harr.“ „Ich möchte Sie um eine Gefälligkeit bitten.“ „Wolln Se träten näher, wenns Ihnen recht is.“ Drinnen wurde der Schlapphut abgenommen. „Mein Name ist Richard Wagner, Kapellmeister aus Dresden. Ich muß unbedingt nach Dresden zurück, sobald als möglich. In der Stadt war aber heute kein Fuhrwerk aufzutreiben. Man sagte mir, daß auch Sie gelegentlich Leute nach Halle gefahren haben, wo ich die Post erreiche.“ „Awwer man sehr selten, jnädijer Härre. Das wird woll mehr sind ne Vermutung von die Leite, weil ich Pferde hawwe.“ Wagner hatte der Mischung von jüdischem und einheimischem Jargon amüsiert gelauscht, hatte den unbewußten Verursacher seines Mißerfolges interessiert gemustert, soweit das gelbe Halblicht der Petroleumlampe das ermöglichte. „Ich wäre Ihnen sehr dankbar“, sagte er nach kurzem Schweigen, sich rückbesinnend auf sein Anliegen, „wenn Sie eine Ausnahme machen könnten.“ Es kam ihm jetzt wirklich darauf an. Er war den ganzen Tag, wieder von Bitterkeit über die Albernheit seines Schicksals und von Besorgnis um die Zukunft überfallen, durch die Stadt und die frisch in den Frühling hineintastende, schöne Umgebung gelaufen und hatte sich nicht um eine Fahrgelegenheit bekümmert. Schließlich war ihm der sarkastische Gedanke gekommen, den „schiefen Calm“ zu besuchen, kennen zu lernen; zudem hatte man ihm wirklich gesagt, daß Calm Pferde habe. Und jetzt war es zu spät, um anderswo ‘ein Gefährt aufzutreiben. „Es is janz ausgeschlossen, jnädijer Härre“, wehrte Calm jetzt ab. „Bei dän Rügen — die Wäje sin jo jarniche passierbar. Un nich durchlassen wird mich de Torwache!“ „Aber ich bitte Sie! Man wird doch als hiesiger Bürger wie Sie die Stadt auch bei Nacht verlassen können!“ „Andre villeicht!“ erwiderte Calm, plötzlich heiser vor verhaltener Wut. „Awwer ich wär woll nich mehr gut anjeschriem'n sind bei de Harzoglichen!“ Wagner blickte gespannt auf. „Aber ich verstehe nicht —“ Den Lohgerber überfiel ein jähes Mitteilungsbedürfnis nach den Stunden des Insichhineinschluckens. Er schlug mit der gewaltigen Faust auf das Papier, das neben der Lampe lag. „Da, Se könn’n läsn, Härre!“ Wagner überflog die geschnörkelte Schrift und lachte laut auf. Es war eine in Vertretung des erkrankten Justizministers vom Präsidenten Kersten selbst Unterzeichnete, an Calm gerichtete Verordnung, die in gewundenem Kanzleistil dem Empfänger sein „störrisches und despektables Verhalten“ gegenüber dem Herzog vorwarf, das »Seine Durchlaucht in Lebensgefahr“ gebracht habe, und „dem pp. Calm“ anbefahl, „künftig-

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