Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-07-31 · 31 (31.7.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
31 (31.7.1929)
Date
1929-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614031--3232-2620797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

schen Geschäftes nach Sparrdauer Straße 68 verlegt hätte und auch noch Räume für feine Studien benötige. Er hätte die Wohnung für zehn Jahre gemietet. Das wäre bis 1766 gewesen. Es ist anzunehmen, daß er den Kontrakt auf weitere zehn Jahre verlängert hat, denn über einen Wohnungswechsel wird nirgends etwas berichtet. Nach Ablauf dieser zweiten zehn Jahre (1786) starb Mendelssohn. Ein Jahr nach seinem Tode kaufte seine Witwe für 5000 Taler dieses Haus. Es kommt also für die Wohnstätte Mendelssohns nur das Bernhardsche .Haus, Bischoffstraße 14, Ecke Spandauer Straße, und vor allem das Haus Spandauer Straße 68, das „Lessinghaus", in Frage, für das Haus, <*i dem sich jetzt die Tafel der Stadt Berlin befindet, liegt nicht die geringste Bestätigung vor. (Jta) Kgl. Grotzbritannisch-Hannooersche Gesetze. Der „Dortmunder Generalanzeiger" veröffentlicht unter der Ueberschrift „Noch ein dicker alter Zopf" einen Artikel über „Kgl. Großbritannisch-Hannoversche Gesetze", die noch immer in Kraft sind. Wir geben den Aufsatz nachstehend wieder: „Der preußische Minister des Innern hat kürzlich durch einen begrüßenswerten Erlaß alle Polizeiverordnungen außer Kraft gesetzt, die vor dem 1. Januar 1890 erlassen sind. Dadurch wurden nicht nur alte, längst überlebte Verordnungen aufgehoben, um die sich trotz ihres Bestehens eigentlich niemand mehr kümmerte, sondern auch das Chaos von einander widersprechenden Verordnungen gelichtet. Trotzdem ist eine merkwürdige Sorte von Polizeiverordnungen in Kraft geblieben und noch immer geltenden Rechts: die hannoverschen Polizeiverordnungen. Mit ihnen hat es eine eigene Bewandtnissie sind dem Sinne nach Verordnungen, der Form nach aber Gesetze, denn sie sind in der Hannoverschen Gesetzessammlung publiziert -- und können deshalb auch nur auf dem langsamen Wege der parlamentarischen Maschine außer Kraft gesetzt werden, nicht aber durch einfachen Ministerial-- Beschluß. So kommt es, daß noch heute in hannoverschen Landen „Gesetze" Gültigkeit haben, die mit den Worten beginnen: Ernst August von Gottes Gnaden, König von Hannover, königlicher Prinz von Großbritannien, Herzog von Cumberland, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg." Ebenso gilt auch noch immer eine Bekanntmachung über die Ablieferungspflicht von Büchern an die Göttinger Universität, die mit den Worten schließt: „Wir erwarten, daß diesen verschiedenen Vorschriften die gebührende Folge geleistet und dadurch die Veranlassung zu den angedrohten Ahndungen vermieden werden wird. Königlich Großbritannisch-tzannoversche zum Kabinetts- Ministerio verordnete Generalgouverneur und Geheime Räte." Die Themen, mit denen sich die Großbritannischen Prinzen in Hannover zu befassen hatten, sind höchst mannigfaltig. Da haben sie z. B. 1842 eine Judenverordnung erlassen, die gleichfalls heute noch in Kraft ist. Ausländische Juden sollen zur Niederlassung im Königreich nicht zugelassen werden. Inländische Juden dürfen eine ausländische (also damals auch eine preußische!) Jüdin nicht heiraten. „Hat dieselbe aber schon Kinder, und wird nicht etwa eine Bescheinigung der Obrigkeit ihrer Heimatbehörde beigebracht, daß sie dort jederzeit wieder ausgenommen werden solle, so können ausländische Jüdinnen nicht anders als nach vorgängiger nur ausnahmsweise zu erteilender Erlaubnis des Ministers ausgenommen werden." Nur in einem stehen die Juden den Christen wirklich gleich. § 78: „Heimatlose Inder: sind den heimatlosen Christen gleich zu behandeln." Eine eigenartige Bewandtnis hat es mit den hannoverschen evangelischen Klöstern. Diese Klöster, sogenannte Junyfrauenklöster, existieren heute noch ebenso, wie das für fte geltende Gesetz. Maßgebend ist die Klosterordnung von 1847 für die surft Jungfrauenklöster. Es ist selbstverständlich, daß Personen, deren bisheriger Lebenswandel ihrer Ausnahme in eine klösterliche Gesellschaft widerstreitet, ausgeschlossen Psalm Bon Arthur Silbergleit. Mein Vater, mein Vater, warum kommst Tu nicht mehr zu uns? Haben Dich die Totengräber unter Rebenhügeln, Rosensträuchern und Efeubäumen vielleicht wie einen Menschenleib vergraben, auf daß, das ewige Leben Deiner Seele in jedem Lenz, Sommer und Herbst wie eine Blume oder Traube aufglühe? Allmorgendlich und allabendlich weint Dir meine Sehnsucht in jedem Tropfen Tau entgegen, und ich bin so einsam ohne Dich wie ein Waisenkind. Zürnst Tu wohl, daß Dich die Dichter zu einem Spielbalt ihrer Träume verwandelten. Dich in die Himmel und wieder zurück auf die Erdenwiesen, die Hochzeitsbetten des Frühlings und der Sonne warfen, allwo Dich die Gärtner zwischen Hyazinten und Levkojen suchen und in der Kerbung jedes Blattes die Zacken Deiner Wappenkrone finden. Nur Dich wiegen alle Sänftenträger in der Zärtlichkeit ihres gleitenden Ganges, in der stammen Musik ihrer Rhythmen, wen immer sie auch durch Deine Straßen, Gassen und Gärten tragen, und sie träumen oft, daß Tu, allen verwirrten Augen unsichtbar, unter den Baldachinen und blauen Seidenhimmeln ihrer Tragen als heimlicher Seelenbräutigam neben ihren Herrinnen thronst, und sie fühlen in ihren dienstwilligen Händen erzitternd die Lust ihrer Last. Uild die Barkenftlaven und Galeerensträflinge und die leichten Gondelführer, oie Jünglinge mit dem ersten Wangenslaum und den gelenken Gliedern schauen, vor Glück äufstrahlend, die Teppiche Deiner Sonnen über ihre Schifte gebreitet und sie werfen frohlockend ihre Anker und Seite an die Jnseluser Deiner Seligkeit, und die Fergen schmücken alle Mastbäume mit den Goldirri-? tiälen Deines Namens und sie lassen die Sturzfluten ihrer Hosiannawonnen silberner als alle Fontänen irdischer Paradiesgärten auftteilen. Und alle Siegeswagenlenker donnern in ihren Rhythmen von Arenakurve zu Kurve Deine Triumphlieder nach. Und die Himmel öffnen Dir unter den Schwertern Deiner Blitze ihr blaues Herz, und Deine Jubelgesänge durchschwellen alle Harfen König Davids. Und alle Jahreszeiten hüllen Deine Erden in Deine Saphran- und Byssusgewänder, in die Pracht Deiner Blütenkleider, und lassen nicht nur um Deine Säulentempel, auch um Deine Wipfelpseiler Ambra- und Myrrhenduft hinströmen, und alle Kelche und Opserkrüge füllen sich mit dem Traubenblut Deiner hochsommerlichen und durch die Jahrtausende herbstlich gereisten Süße. Und alle Gestirne, Planeten, Sonnen und Morgenröten, malen unsere Andachtsbilder mit den Farben Deiner Gewänder um. Und alle Pforten zum Allerheiligsten singen, ob wir sie auch Kurort- ProspeKte haben Sie sich kommen lassen und durchstudiert, aber haben Sie vor Reise - Antritt auch einmal an I h t Q Organisation gedacht?! Ueberweisen Sie noch heute für den „Hilfsfonds des liberalen Judentlims“ M. 10.— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V." Berlin Nr. 137069 überweisen. Die Namen der Spender werden in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" bekanntgegeben. Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! »»>»WW»>^>WW»W»^»WWWWWW»»WW bleiben. Gesellige Vergnügungen müssen sich im Kloster innerhalb der Grenzen halten, die die Bestimmung des Ortes mit sich bringt. Um Streitigkeiten vorzubeugen, haben die Damen ihr Verhalten so einzurichten, wie es den Genossinnen eines zu friedlicher Eintracht berufenen Vereins ziemt. Das Klostergesinde muß besonders artig fein: Dienstboten, welche unbescheiden, ungehorsam oder sonst anstößig sich betragen,(dürfen im Kloster nicht beibehalten werden. Männliche Dienstboten dürfen von den einzelnen Klosterb-ewohnerinnen nicht gehalten werden. Nur für die Aebtissin kann — so sagt Ernst August von Gottes Gnaden König von Hannover, Königlicher Prinz von Großbritannien und Irland, Herzog von Cumberland, Herzog von Braunschweig und Lüneburg — nur für die Aebtissin kann unser Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten eine Ausnahme bewilligen. Zum Glück gibt es im Augenblick in Hannover keine Behörde, die sich darum kümmert, daß alle diese G-csetze richtig durchgeführt werden. Aber Gültigkeit haben sie doch, die Regierung muß sich mit ihnen herumschlagen, und wenn der preußische Landtag keine Zeit findet, ein hannoversches Sondergesetz zu beschließen, können die Juden- und Klosterordnungen der weiland britisch-hannoverschen Majestäten noch hundert Jahre geltendes Recht im Freistaat Preußen sein. Der Eristenzkampf der Juden in Osteuropa. Der in Berlin tagende internationale Rat des Verbandes „Ort" nahm die Berichte der Vertreter der einzelnen Länder entgegen. Die Berichte aus Rußland und Polen, aber auch die aus den kleineren Randstaaten Beßarabien, Litauen und Lettland, ergaben ein Bild grauenvoller Zerrüttung der Fundamente des wirtschaftlichen Lebens der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa. Die Not dieser viele Millionen zählenden jüdischen Masse legt den jüdischen Hilfsorganisationen die Pflicht auf, neue umfassende Arbeitsmethoden einzusühren und eine beträchtliche Erweiterung des ursprünglichen Arbeitsgebietes vorzunchmen. Angesichts dieser bedrohlichen Situation in. Osteuropa sah sich der Rat der Gesellschaft „Ort" gemäß einer Vorlage des Herrn Dr. Bramson genötigt, sein Budget in diesem Jahre gegenüber dem des Vorjahres um ein Bedeutendes zu erhöhen. Das Budget der Gesellschaft „Ort" für die Zeit vom 1. Juli 1929 bis 1. Juli 1930 beziffert sich auf 981200 Dollar gegen rund 450000 Dollar im Jahre 1928/29. Die wichtigsten Ausgabenposten im neuen Budget der Gesellschaft sind die Ausgaben für Industrialisierung und für die Förderung des Handwerks in Osteuropa. Es hat sich ferner als notwendig herausgestellt, die Aktion für die Beschaffung von Maschinen und Werkzeug für die jüdischen Handwerker sowohl in Sowjetrußland als auch in den anderen osteuropäischen Ländern zu intensivieren und auf eine breitere Grundlage zu stellen. Die Operationen der Einkaufsgesellschaft in Berlin werden im nächsten Arbeitsjahre voraussichtlich eine Summe von drei Millionen Reichsmark betreffen. In seinem Bericht über die Lage in Sowjetrußland erzählte Dr. Zegelnitzki, Leiter des „Ort"-Aufbauwerkes in Rußland, daß im Moskauer „Ort"-Büro sich täglich Hunderte Petenten vom frühen Morgen an einstellen, um ihre Bitten und Wünsche wegen Beschaffung von Maschinen vorzubringen. Die Zentralverwaltung hat beschlossen, die 30 000 Dollar, die vor einigen Tagen aus New 9)orf als erster Barertrag der Gewerkschafts-Kampagne für den Bau von 8 Fabriken in einigen Städten Rußlands zu verwenden. Außerdem ist jetzt eine neue „Ort"-Aktion im Gange, deren Zweck es ist, die alten Maschinen der jüdischen Handwerker, die in den letzten 15 Jahren nicht remoutiert werden konnten, zu reparieren und die schadhaften Teile durch neue zu ersetzen. Wie der Jta-Vertreter erfahrt, haben „Ort" und „Agro-Joint" beschlossen, gemeinsam eine Kunstseidesabrik in Kiew mit einem Kostenaufwand von 40 000 Dollar zu errichten, in der hundert jüdische Arbeiter aus den Reihen der gegenwärtig Deklassierten dauernde Beschäftigung finden werden. Weitere 300 Arbeiter sollen durch die Fabrik als Heimarbeiter beschäftigt werden; es werden ihnen die Webstühle ins Haus geliefert. Das jüdische Palästina und der Imperialismus. Mit einer fünftägigen Verspätung trat der 2. Weltkongreß der „Liga gegen Imperialismus und nationale Unterdrückung" in der Nacht zum 26. Juli in die Behandlung der Palästinafrage ein. Hierbei kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen der: arabischen Delegierten und dem Vertreter der linken Poale Zion, Ben Saul. Douftes (Aegypten) eröfsnete die Aussprache über das arabische Problem. Das gesamte riesige arabische Gebiet ächze unter dem Joche des Imperialismus. Man habe dem Führer des linken Flügels des palästinensisch-arabischen Kongresses, Hanoi et Husscini, das Visum verweigert, um ihm die Teilnahme am Frankfurter Kongreß unmöglich zu machen. Bndeiri (Irakerklärte, Palästina sei ein Streitobjekt zwischen England und Frankreich, wobei die Arbeiter und Bauern das unfreiwillige Schlachtopfer abgeben. Tie Balsour-Teklarativn sei schlimmste Heuchelei; in Palästina gebe es keine Freiheit, es herrsche dort große Armut und chronische Arbeitslosigkeit. Ter Kamp, der Revolutionäre gehe unterirdisch weiter bis zum siegreichen Ende. Ben Saul (Palästina) vertrat den Standpunkt der linken Poale Zion. Er verteidigt oie Rechte des jüdischen Proletariats auf Palästina und führte aus, innerhalb Palästinas zertalle die Bevölkerung in arabische und jüdische Sektoren. Tie arabische und die jüdische Masse sollten sich zu einer Einheitsfront zusammenschließen, um für ein freies sozialistisches Palästina zu kämpfen. Tie jüdische Bourgeoisie stütze sich aus die Balfouc-Teklaration. oie arabische Bourgeoisie wolle die jüdische Einwanderung verhindern, beide aber haben das Bestreben, sich von den Engländern Vorteile zu verschaffen. Die englische Regierung verhindere oie Einwanderung einer revolutionären Arbeiterschaft, auch Anhänger der linken Voale Zion dürfen nicht ins Land kommen. Tie saszistische Bewegung erstarkt in Palästina. Nur eine Einheitsfront des arabisch-jüdischen Proletariats könne Rettung bringen. noch so leise erschließen, Teinen Namen, den in den Tempelgärten die Falter auf ihren Flügeln tragen und alle Baumrinden in jedem Jahresringe nachrunden. Und alle Frühtingssäste schwingen in Knospen und Blütenstengeln unhörbar seufzend Deine Geheimnisse nach. Und alle Deine Kämmerer, Deine Schätzeverweser, bergen in den Juwelenschreineu und Goldschränken Deiner Tempel keine reineren und lauteren Erdenschimmer aus allen Gesteinen, Smaragd, Topas, Achat, Saphir, a!ls den Schnsuchtstzlanz nach Dir. Und atleStotert stehen in Blumen, Sträuchern und Wipfeln in jedem Lenz verjüngt aus, um in Deinem ewigen Licht zu leben, und es staunt aus der Leichenwäscher Mond, der die allnächtlich vor Müdigkeit sterbende Erde mit seiner Strahlenftut badet. Und Deine Träume hängen in der Finsternis wie lose, bunte Falter aus unseren Wimpern. Und wenn sich Deine Liebe uns aus jedem Frühlingsfüllhorn ergießt und mit den prangenden Gaben Deiner Gnade überschüttet, und wenn uns am Erntefest die Mägde und Knechte umtanzen oder uns aus Teinen Weinhängen allherbstlich der Winzerreigen umrast, wehst Tu uns ätherisch leicht aus Blumendüften, Heuunb Kornruch, dem Hauch von Traubenbündeln und aus bunten Bänderspielen entgegen. Und wir empfangen die Krüge, die wir allnächtlich vor unsere Fensterborde ausstellten, jeden Morgen mit dem Tau Deiner himmlischen Gnade gefüllt. Halleluja darum o Herr, hallejuja, bis zum letzten Atemhauch hallelnjah! Singen will ich Dein Preislied, wie ein Hochwaldstrom seine heimatlichen Gipfeln singend segnet, und ich will nicht rasten, ehe nicht mein Herz den Hymnen meiner Harfe, den: Jubel Deiner Ruhmestaute, nachschwingt. »Die Arche Noah" Es liegt im Wesen eines jüdisch-religiösen Blattes, alle Tinge unter dem besonderen Aspekt seiner Tendenz unb Weltanschauung zu betrachten. Deshalb muß an dieser Stelle Abstand genommen werden von einem Bericht über die Tinge, die der Leserschast aus der Tagespresse hinlänglich bekannt sind: über den Streit um das Tonfilmpatent, der dazu führte, daß der Tonfilm „Tie Arche Noah" nur als stummer Film (mit Orchester-Begleitung) und daher hie und da gekürzt ausgeführt werden mußte; unb auch auf eine Kritik des Spiels und der übrigen künstlerischen und technische Leistungen muß verzichtet werden, da all dies uns nur interessieren könnte, wenn nir das Filmwerk als solches gutheitzen könnten. Das können wir aber nicht. Zwar die Verfilmung des alttestamenttichen Stoffes, der Sintflut-Erzählung, könnte uns interessieren und auch oie pazifistische Tendenz, da wir ja offiziell erklärte Pazifisten sind, aber dieser Film mit seinen 7000 Statisten und 1400 Tons Wasser, seinen rassiniertsadisnschen Zusätzen zum biblischen Bericht verkehrt den schlichten Geist der Bibel in sein Gegenteil, und der ehrliche Pazifismus der Völker kann durch den modernen Teil dieses Films nur diskreditiert werden. An alledem merkt man denn doch zu sehr die Mache. Als Strafe für Marnrnonsdienst schickte der Herr die Sintflut. Folglich war auch der Weltkrieg .eine Art Sintflut. Der wird uns nun filmisch vorgejührt, aber in einer unwahrhaftig-theatralischen Art, die uns nach dem Erlebnis des Remarque-Buches doppelt unerträglich scheint. Tie zufälligen Genossen einer Eisenbahnkatastrvphe vor dem Kriege treffen sich alle an einem Ort des Kriegsschauplatzes wieder! Rührenoe Abschieds- und Sterbeszenen mit Umarmungen, Tränen und Uebergabe von Liebesbriefen während offener Felöschlacht („... kann dir die Hand nicht geben...", lautet gegenüber solchem Filmkitsch die wirkliche Wahrheit des Fronterlebnisses)! Von den zur Spioninnen- Exekution kommandierten Soldaten ruft einer: „Kameraden, sie kann keine Spionin sein, denn sie ist meine Frau!", und schon findet die Vollstreckung des rechtskräftigen kriegsgerichtlichen Todesurteils nicht statt! Genau so sah der Weltkrieg nicht aus, — und nun werden Soldat und Spionin, Kriegsgerichtsrat und Feldgeistlicher von einem Volltreffer verschüttet, sodatz der Letztgenannte Gelegenheit hat, eine Predigt über das Gleichnis Weltkrieg — Sintflut zu halten, die bann aus der Leinwand dargestetlt wird. Tie Menschen beten zu „Jaghut", Noah nebst Familie zu Jehova. Zwischen Jehova und Jaghut entspinnt sich nun ein riesiger Zweikampf, in dem elfterer vermittels der von ihm gesandten Sintflut obsiegt. Warum etwa aus künstlerischer oder ethischer Notwendigkeit? Nein, einfach weil der Herr Manuflriptverfasser es so bestimmt hat. Es könnte genau so gut umgekehrt sein. Und als nun — nach Einsturz eines riesigen Pappmache- Felfen-Tempels, nach dem Stapellauf der S. S. „Arche und all dem andern Rummel - Noah sich in den Feldgeistlichen zurückverwandelt, da könnte auch das, was nun passiert, ebensogut andersherum passieren. Der Krieg ist aus, die Verschütteten werden befreit, und Divisionspfarrer Noah sagt: „So viel Blut soll nicht umsonst geflossen sein, darum: Nie wieder Krieg!" Richtig, Pazifismus (Kellogpakt) ist Mode. Vor kurzer Zeit noch hätte es geheißen: „So viet Blut darf nicht umsonst geflossen sein, darum legt den Boches ein Friedensdiktat auf, daß sie nie wieder einen Krieg vom Zaun brechen können!" Und oie urteilslose Menge jenseits der Grenzen hätte f o l ch e m Modefilm den gleichen Beifall gezollt, wie es heuer bei uns geschah. George Goetz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.