Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-07-24 · 30 (24.7.1929) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
30 (24.7.1929)
Date
1929-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614030--3228-2620792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

9. Jahrgang Aummer 30 VeNage 24. Juli 1929 IWchÄmakZeidiU Sprechsaal Hk diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die prcfer aeleLltche verantroortimu. Zur Tragödie im Hause Hugo von Hofmannslhals Es ist durchaus fein biologisches Gesetz, daß das Genie nur als letzte Blüte verwelkender Degeneration noch einmal aufleuchtet und dann zu vorzeitigem tragischem Untergang selbst oder in seiner Deßenoenz verurteilt ist! Aber im modernen Judentum haben sich erschütternde Katastrophen dieser Art während der letzten Zeit sehr bedenklich gehäuft! Ter geniale jüdische Komponist Schreiber ging vor einigen Jahren als etwa Zwanzigjähriger ins Wasser, der hochbegabte junge Dirigent Levy-Diehm erschoß sich vor kurzem! Der ausgezeichnete Lyriker Walter Cale und der geniale Otto Weininger starben den Freitod in einem Alter, da andere erst beginnen. Und auch mehrere Kinder großer jüdischer Künstler entzogen sich der Aufgabe ihres Daseins durch Selbstmord, Arthur Schnitzlers Tochter erschoß sich im vorigen Jahr und jetzt kommt die ergreifende Nachricht, daß Hugo von Hofmannsthals Sohn Hand an sich gelegt hat und zwei Tage später sein berühmter Vater — nicht zuletzt auch aus Kummer darüber — gleichfalls starb. Franziskancrmönchc haben dem großen Dichter Die Totenlitaneien gesungen, der ehrwürdig-poetische Prunk der katholischen Kirche har sich um den Katafalk geschlungen, oer das trug, was sterblich cnl^Hcfmannsthal war. Es muß doch zum Nachdenken anregen, daß das Judentrrm all' diesen hervorragenden, jüdischen Geistern nichts zu bieten vermochte, daß cs sie von der Zwiespältigkeit und Vern-errenhcik ihres persönlichen und ihres Familienlebens nicht bewahren konnte, sondern daß sie sich von den unelastisch gewordenen, äußeren Formen des modernen Judentunrs abgeftof!|Cii fühlten. .Hofmannsthals Großvater z. B. war einst noch Vorsitzender der Wiener jüdischen Gemeinde und hat mit jeder Faser seines Wesens an der Religion gehangen, in der er erzogen worden war. In seinem Leben war nichts Ewig- Suchendes, Trauerndes, Gefährliches. — Ls ist doch kein Zufall, daß es soviel hervorragende Juden sind, die sich von ihrer Gemeinschaft, ihren Kindyeuscrinnerungen entfernt haben, dann von fremden Kulturen nicht recht befriedigt, mit ihrem Leben nicht mehr fcuig wurden und in der Melancholie wie in einer schweren Krankheit zu Grunde gegangen sind. - Chamberlain hat in seinem Goethebuch richtig bemerkt, daß kaum je ein Mensch aus seinem Leben ein so schlackcnloses Kunstwerk gemacht hätte, wie Goethe, der „Olympier^. — Verschiedene groß? Juden früherer Zeiten haben aus ihrem Dasein aber noch etwas Höheres gemacht, nämlich etwas „ethisch- G a n z e s". Die Totalität der Lebcnserfassung und -Erziehung ist dem modernen Judentum leider abhanden gekommen. Und damit ist gerade den subtilsten Köpfen der jüdischen Geistigkeit etwas verloren gegangen, was sie, vor allem unbewußt, später oft aus das schmerzlichste vermißten. Tie Hosmannsthal'sche Familie war eines der angesehensten und ältesten Patriziergeschlechter Wiens. Vom Judentnm hatte es sich völlig gelöst. Und doch war das Tiefste de? großen Dichters, die immer schwingende Dominante seines Schaffens etwas Ererbt-Jüdisches. Schon mit 19 Jahren schuf er Meisterwerke, schrieb er sein Bestes! Nur ein Erbe uralter Kultur kann in diesem Alter solch' großartige Leistungen zu Wege bringen! Zielloses Suchen und Nic-Finden-Können, unbewußte Diskontinuität mit geistigen Sphären, denen er entsian'.mtc, war die Haupt-Ursache seiner lastenden Schwernrut. Da? Menschenleben als trübe Sinnlosigkeit, sein letzter gnatvoll-räiselhafter Zweck, seine Last und ferne matten, rasch vcrüleryuschcndcu Reize blieben das Thema seiner Dichtung. In der Wundervolten dramatischen Skizze: „Ter Tor und der Tod" wird es von einem herzenskalten AestHeien achtlos vergeudet: hier ist. ich möchte fast sagen, geradezu der Typus des nichtjüdischen Menschen ergreifend beklagt. Immer wieder grübelt der Dichter über das trügerische Leuchten des Lebens und seine tiefe Trauer. Und jede Zeile blitzt ans in der Pracht seiner herrlich geschliffenen Verse. Selbst seine klugen, wie kostbare 6'oldschmiecearbeiten ziselierten Essays sind schönheitstrunkene Gedichte in Prosa. -- Als Jüngling hat er sein Schönstes geschrieben. Den unsterblichen Glanz seiner frühen tleinen Dramen und Verse hat er später nie wieder erreicht. Es ist schade, daß in seinen vielen schwermütigen Reflexionen und aphoristischen Aufzeichnungen so gar kein pulsierendes, lebendiges Judentum zu spüren ist. Daß so viele überraegnde Geister sich vom Judentum abgelöst haben, ist nicht nur ihre eigene Schuld. Gerade vom Tiefsten und Besten des Judentums haben ste schließlich in ihrer Jugend nichts erfahren, sondern nur von den Aeußert ich keilen der Religion, und die vermochten sie nicht zu fesseln. Daß einst Heine und Börne nsw. sich taufen ließen, daß heute die großen jüdischen Musiker (Ktemperer, Blech, Kalendarium f. die Zeit v. 24. 7.V.31.7. 29 Iuei 1929 | laminus 5689 Mittwoch 24 16 Donnerstag 25 17 Fasttag Sch iw oh oßor v'tammus Erobcrg. Jerus. Nacht 9.05 Freitag 26 18 Sonnabend 27 19 Wocheuabschnitt: Pinchas Haftarah: Jcrcmia, Kap. 1—19; 2, 1—3 Sabbat-Ausgang: 9.01 Uhr Sonntag 28 20 Montag 29 21 Dienstag 30 22 Mittwoch 31 23 Walter nsw.) Renegaten geworden sind, ist eben auch dem Judentum zum Vorwurf zu machen, das durch die Engherzigkeit erstarrter Formen und kleinliches Parieigetriebe und -gezänke sich gerade seine Besten entfremdet. Das Judentum an sich ist schon etwas unvergänglich Großes und Enthusiasmierendes, nur wir Juden selbst sind dieser Größe io oft nicht würdig! Wir müssen unablässig danach streben, daß oas uns überlieferte Gewaltige etwas Zeitgemäßes, Lebendiges, Kraftspcndendes, mit allem modernen Sein in Kontakt-Stehendes bleibt. Tann wird es nicht mehr eine Tagcserscheinung bilden, daß die feinsten Geister in anderen Kulturen und fremden Mysterien Erbauung und Befriedigung ihrer tiefsten Sehnsucht suchen und — nicht finden!... Tr. Ludwig T a v i d s o h n. # Der Besuch der Religionsschulen und der Zugendgoltesdieuste? Einige Anregungen von Willy Aosentha!, Berlin. Unsere Rcligioiisschulcn und Jugendgottesdienste kranken am schwachen Besuch. Was ist die Ursache? Ich habe ost Gelegenheit, unseren Jugcndgottrsdiensteil bciznwohiicn. Beschämend ist es fürwahr, zu beobachten, oaß zuweilen nur ganz wenige Kinder den Weg ins Gotteshaus nehmen. Schwach ist auch der Besuch der Religionsschulen. Kaum lohnt es die Kosten für Funktionäre und Chor. Die Jugend hat — ein Zeichen der Zeit — allerlei Jnieresscn, die sie zu Sport, Wanderungen und Kurzweil verschiedenster Art hinziehen, die für wichtiger als Religionsübungen angesehen werden, besonders im Sommer, >vo der Sonnabend auch in jüdischen Kreisen als Teil der happy weckend mitgenommen wird. Statt den Jiigcndgottesdienst als selbständige Veranstaltung am Sabbat Nach mittag abzuhalten, wäre zu erwägen, ob nicht in den S o m m er - monaten d i c I u g e n d a n d a ch t e u w ä h r e n d d e s iv o - ch e n t ä g l i ch e n Religionsunterrichts stattfinden könnten. Cine von uns schon ost erhobene Forderung: Unsere Jugend brauche A n s p r a ch c n , braucht Lehrmethoden, die modernen Geist atmen, die daS Kindcrgemüt sesscln. Predigten, und seien sie noch so gut „ausgebaut", die zu stark mit Wissenschaft lichkcit und 'Moral beladen sind, können zwar aus Erwachsene wirken, unsere heutige Jugend aber lassen sie ziemlich kalt. Ter Pro diger im Jugendgottesdienst sei eine Persönlichkeit, die mit der Jugend in innigstem Zusammenhang steh:, nicht nur örtlich, ivie der Klassenlehrer, ivie allenfalls auch der Schulleiter. Erforderlich ist vielmehr eine geistige Verbindung ivie die des Menschenfreund lichen Erziehers, des gütigen Vaters. Wo Herz zum Herzen spricht ilnd in schlichter Sprache, da herrscht keine Langeiveile, da erfüllen Unterricht und Andacht ihren Zweck. Darum wähle die Gemeinde Lehrer und Prediger au-S, welche diesen Grundbedingungen voll entsprechen. — — AlS ehemaliger Feldsokdat war ich gern und ost Teilnehmer an den FcldgottcSdicnsten des Herrn Rabbiner Tr. T a I o m o n s k i an der Westfront. Diese Gottesdienste hatten für mich und gewiß auch für alle beteiligten Kameraden etwas ausgesprochen Familiäres an sich. In jeder Beziehung. Noch häufig erinnere ich mich dieser Zusammenkünfte ivie an eiwas Liebes, Verwandtschaftliches. Ich ivill sie hier kurz schildern: Nach der gegenseitigen Begrüßung wurde zunächst einmal der von Herrn Dr. S. mitgcführte Koffer geöffnet. Jeder erhielt da cine kleine Gabe: cine Zeitung (nicht nur jüdische), ein Gebetbüchlein, ein Stück Schokolade, ein paar Zigaretten und was sonst Schönes der Koffer bot. Daran schloß sich cine Aussprache über die besonderen täglichen Sorgen und Nöte des Kriegsdienstes. Allmählich, unmerklich führte Herr Dr. S. das Gespräch zu einer einfachen Predigt über, warm, gehaltvoll, allen Hörern zu Herzen gehend. — — Weshalb diese Schilderung aus glücklich überstandener Kriegszeit? Diese Feldandachten geben wertvolle Fingerzeige dafür, >vie es bei uns gemacht werden sollte. Mehrerlei läßt sich folgern: 1. Jede Ställe kann zur A n d a ch t s st ä t t e g e >v e i b t >r» erde n. 2. Freie A n d a ch t S s o r m c n sprechen lveit mehr zum Herzen als Programme, die um jeden Preis absolviert iverdcn müssen. 3. K l eine G e s ch e n k e erhalten die Freundschaft. — Für den Jugendgottcsdicnst braucht nicht immer durchaus die große Synagoge bereitgestellt zu tverden. Es genügt ein der Teilnehmerzahl angepaßter Versammlungsraum, die Schulaula, das Klassenzimmer. DaS Programm sei kein allzu starres Gebilde. Der Leiter des JugendgottcsdicnsteS beginne, je nach Eingebung, Ort und allgemeiner Stimmung mit einem zwanglosen Gespräch. Selbstverständlich nicht von der Kanzel aus, sondern vor der ersten Bank stehend. Thema ettva: /Jahreszeit, bevorstehendes Fest, Zcnsurenvcrteilung, Ferien, ein Ereignis des öffentlichen, politischen, jüdischen Lebens, ein religionS- oder profanwissenschasttiches, die Gegenwart beherrschendes Problem, der Geburtstag oder die Barmizwah des oder jenes Knaben, der Grundzug eines Bibelabschnittes, freies Examinieren über ein beliebiges Gebiet (wenn sich kein Kind zur Antwort meldet, sogleich Belehrung durch den Leiter selbst). Alles in fröhlicher, freier, zur Mitwirkung anseuernder Weise. — Anschließend an Unterricht ivie an Jugendgottesdienste Verteilung von Schriften, kleinen Büchern, Bildern. Hierüber ein paar besondere Worte. Der Sammeleifer unserer Jugend, die Freude an kleinen Gaben kann für religiöse Zwecke in durchaus würdiger Form nutzbar gemacht werden. Die jüdische Gemeinde lasse B i l d e r s e r i e u unsc rer bedeutenden Männer, Frauen, Baulichkeiten, Landschastsansichten nsw. ans der biblischen und nachbiblischen Geschichte wie ans der neueren Zeit Herstellen: kurze Erläuterung auf der Bilderrückseite. Sammelbücher könnten in den jüdischen Buchhandlungen zu mäßigen Preisen verkauft tverden. Ein kleines Kollegium jüdischer Lehrer gebe unter Mitwirkung der Jugend aus Gemeindekostcn eine illustrierte, ein- bis zweimal monatlich erscheinende I u g c n d z e i t u n g heraus. Sie entfalte auf vier Oktavsciten Erzählungen, Legenden, geschichtliche Abhandlungen, Religionslchrc, auch Aussätze über Leben und Schassen jüdischer Gelehrter und Künstler, ferner Rälsel und Scherze, die dem jüdischen Kinde nahestehende Dinge zum Gegenstand haben. Aehniiche Blättchen geben bekanntlich nichtjüdische RcligionSgemcindeu heraus; ich glaube mit gutem Erfolg. — Klei n e Bücher religiösen Inhalts könnten — neben den üblichen Prämienbüchern — jährlich einmal an diejenigen Kinder verteilt werden, welche die Rcligionsschule und den Jugmdgottes-- dienst am „regelmäßigsten" besuchten oder sich beim Jugendgottcsdienst eifrig betätigten. — Man wird vielleicht cinwenden, das Judentum habe es nicht nötig, den Besuch des Unterrichts und des Gottesdienstes durch Geschenke zu erkaufen. Oder: wir Juden dürfen nicht Sitten nichtjüdischer Kreise nachahmen. Darauf sei erwidert: Der Zweck heiligt hier das edle Mittel. Besteht doch dieses Mittel schließlich nicht in nutzlosem Tand, sondern die Geschenke für sich allein fördern schon Kenntnis von Judentum und Juden, pflegen das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Die Jugendzeitung der jüdischen Gemeinde wäre für die Jugend dasselbe, »vas für die Erwachsenen das Gemeindeblatt ist. Das offizielle Organ, in welchem auch die Jugend- Vereine und nicht zuletzt auch die Bekanntmachung der Jugendgottesdicnste Raum erhalten könnten. — Ein im modernen Geist abgehaltener Jugendgottesdicnst und Religionsunterricht, dazu Gaben der angeregten Art bieten zweifellos einen hohen Anreiz, die Andachts- und Lehrstätten zu füllen, sie schaffen eine mit dem Judentum in Liebe und Freundschaft eng verbundene neue jüdische Generation. — Bei dieser Gelegenheit möchte ich endlich noch auf eine nachahmenswerte Kriegscinrichtung Hinweisen, die Feldbüchcrivagen. Jedem größeren Truppenverband war ein solcher Wagen mit etwa 10 Bücherkisten zugetcilt. "-Diese Kisten enthielten je zirka 50 verschiedene Bücher. Jede Kiste verblieb einige Monate bei einem angegliederten. Truppenteil, um dann gegen eine andere Kiste mit anderem Inhalt nmgetauscht zu werden u. s. f. — Unsere Religionsschulen haben ihre Schütcrbibliotheken, die aber, abgesehen vo» kleinen Abweichungen, die gleichen Bücher enthalten, also in unverhältnismäßig kürzerer Frist „ausgclesen" sind, als cs der Fall wäre, wenn, die Bücherbestände aller Religionsschulcn z u s a m m e n g e n o m m c n , jedes Buch nur ein- oder rvrnigemal vcrtrcken sein würde. Es ist klar, daß mit -den für die Ausgestaltung der Tchülcrbiblwtheken zur Verfügung gestellten Geldmitteln wirksamer gewirlschastet, weit mehr geleistet werden könnte, wenn hier eine Reorganisation nach dem Muster der Feldbücherwagen erfolgte. In diesem Falle braucht ein bestimmtes Buch nicht für jede Rcligionsschule besonders, sondern nur einmal für einen der Kästen angeschasst zu tverden, so daß das gesparte Geld für Anschaffung anderer Bücher verfügbar wird. Das hindert nicht, ein gewisses, sehr begehrtes Buch in mehreren Exemplaren einzustellen, d. m. mehreren Kästen zuzpleilen. Der Austausch der Kästen unter den Religionsschulen erfolge in jedem Schuljahr einmal nach einem zentral dirigierten Turnus. Jeder Kasten enthalte Bücher der verschiedenen jugendlichen Altersstufen und, soweit erforderlich, auch unter gleichmäßiger Berücksichtigung der religiösen Richtungen. Die Begrm,dungsarbeit tvürdc ich damit zu befassen haben, zunächst alle Bücherbestände aus dc.r Rcligivusschuteu einzusammetn, unuölige Doublelten auszusoudern und die Kastcnsortimcntc nach Anhörung einer Lehrerkonserenz auszv. füllen. Die a u s g e s o u d e r l e u Bücher körmten zu Gcschenkzlvecken (siehe oben) noch gelegentliche Verwendung finden. Eine Wanderbibliothek dieser Art, für die ich mich schon vor langen Jahren vergeblich einsetzle, wäre ein Mittel mehr, die Frequenz der Religionsschulen zu heben. Mehrkosten gegenüber oem bisherigen Etat entstehen jedenfalls, ivie dargelegr, nicht'. Jüdische Ärzte Von B. R o s e n t h a l, Mannheim. Ter Aufsatz von Josef Kauffmann über „Jüdische Aerzte früherer Zeiten" in Nr. 28 der „Jüdisch liberalen Zeitung", der eines der interessantesten Betätigungsgebiete der Juden aller Zeiten und Länder behandelt, bedarf in mehrfacher Hinsicht der Erlveiterung. Namentlich sind die jüdischen Aerzte, die in Deutschland vom Vo. bis 16. Jahrhundert lebten, ihre Zahl ist weit größer, als Kaufsmann annimmt, recht stiefmütterlich behandelt. Es dürste wohl keine damals von Juden bewohnte Gegend in T-eutschland gegeben haben, in der nicht jüdische Aerzte tätig waren. So wären aus den heute badischen Gebieten zu erwähnen: der Arzt Walhen (Wallach) in Weinhcim, dem Kurfürst Ruprecht I. von. der^ Pfalz 1355 das Schutzgeld ermäßigte. Derselbe Kurfürst nahm 1362 den Juden G o d l i c p uni der Dienste willen, die er „dicke und osst" ihm und seinem Gesinde geleistet und noch leisten wird, als Arzt in Schirm uud Gnade. Außer beiden Genannten wird noch von mehrereu jüdischen Aerzten in Kurpfalz berichtet. In Freiburg Br. wurde 1373 Meister G not leben, der Arzt von Kolmar, ausgenommen. Ob er und der vorhin erwähnte Godliep, wie Salfeld vermutet. Dieselbe Persönlichkeit lvareu, 'st sehr fraglich. Tie Judenärztin Sara in Würzburg, d'e Kaufsmann erwähnt, wurde 1419 in Den Besitz eines ritterschaftlichen Gutes in Lauda Angewiesen. Zur Sicherung des Erwerbs unterschrieb der ganze fränkische Adel die Uebertragungsurkunde. _ Manche dieser Aerzte hatten keinen ständigen Wohnsitz, sondern wurden von Fürsten oder Städten auf gewisse Zeilen ausgenommen und eryieltcir für die Ausübung ihrer Kunst mancherlei Privilegien. Sv nahm der badische Markgraf Philipp l. 1524 in Pforzheim die Juden S e l i g m a n n und H a n a aus, um „die Kunst der Wundarznei ln der Markgrafschast, wer das an sie gesinnet, um eine zimbliche Betonung zu gebrauchen". Weshalb die Juden 1510 aus Billingen ausgewiesen wurden, erzählt in ergötzlicher Weise elwa 8!) Jahre später der reformierte Pfarrer Josua Maler: Sein Großvater Balthasar war noch als 100 jähriger Mann zu Fuß zur Frankfurter Messe und zurück gereist. Auf der Heimreise wurde er unterwegs in ein Bett gelegt, das gar unsauber und von Schweiß und Unrat einer mit bösen Blattern behafteten. Person verwüstet war, ohne daß der alte, müde Mann das wahrnahm, weshalb er auch die Sucht bekam. Da .aber diese Plage damals noch neu und den Aerzten unbekannt war, konnte ihm niemand Helsen. Nun unterwaniden sich die Juden in Villingen, ihn zu „arznen", gingen aber so langsam mit der Sache um, daß er seine übrigen fünf Jahre in großer Not abgefterbet und durch der Juden Unbilligkeit und Verzaubern um Hab und Gut kam. Als damals Kaiser Maximilian nach Villingen kam, fragte er auch nach dem alten Maler, der ihm in mehreren Kriegen treu gedient hatte. Ter Kaiser, von Balthasars Schicksal gerührt, ordnete die sofortige Ausweisung aller Juden in Villingen aik und befahl, daß sie hier fürbaß keinen Platz und Unterschlupf mehr haben sollten, „da sie bisher in großer Zahb> hier, gewohnt und auch eine eigene Synagoge gehabt hatten". Daß nach Kauffmann im 17. Jahrhundert nur die wenigen von ihm aufgezählten sephardischen Aerzte existiert haben sollten, scheint eine irrtümliche Auffassung zu sem. Auch hier könnte durch landschaftliche und örtliche Forschungen in Deutschland noch mancher Vertreter der ärztlichen Kunst auf jüdischer Seite festgestellt werden. So enthalten die Rats-Protokolle der Stadt Mannheim unterm 6. April. 1666 folgenden Eintrag: „Selig mann Geradtwohl, Judendoktor, begehrt hier Aufenthaltsrecht für ein Jahr, um Medizin zu praktizieren. Wenn es ihm hier gefällt, will er sich wie andere Juden dauernd niederlassen und ein konzessionsmäßiges Haus bauen. Ta der Rat den nachgesuchten Bauaufschub nicht erteilen kann, wird das Gesuch dem Kurfürsten vorgelegt." Ta der Name des Gesuchstellers nur dies eine Mal in den 9tatsniederschristen erwähnt wird, hat er sich wohl hier nicht niedergelassen und ist vermutlich derselbe Selkle (Seligmann) Grotwohl, der 1704 hochbetagt als Arzt in Mainz starb?) Erst acht Jahre später, unterm i) Das ist offenbar eine Uebertreibung. Nachdem 1498 fünf Haushaltungen schutzberechtigt waren, konnten sie nach damaligen Verhältnissen 1510 nicht „in großer Zahl" anwesend gewesen sein (vergl. Rosenthal, Heimatgcschichte der badischen Juden S. 81 ,f.). -) siehe Löwen stein, Geschichte der Juden in der Kurpfalz S. 86.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.