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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-07-24 · 30 (24.7.1929) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
30 (24.7.1929)
Date
1929-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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wiederholten Ueberlegungen heraus, gereift ist, nichts mit übelwollender Nörgelei zu tun, die nur Mängel und Schattenseiten sieht, das Gute und Brauchbare aber verschweigt, sie ist vielmehr, weil das Bessere der Feind des Guten ist, im Interesse der Sache selbst gelegen; die Sache aber, um die es hier geht, ist die gesunde, zweckdienliche Weiterentwicklung des jüdisch-liberalen Gedankens und Ritus, auch unter Mitwirkung und zum Wöhle der Laien, für deren Bedürfnisse der Gottesdienst ja eigentlich geschaffen ist - tua res agitur. Ad majvrem bei gloriam! Unbekannte Welten (P. Riesler: Altjüdisches Schrifttum außerhalbder Bibel. 1342S. 1928. Verlag Filser, Augsburg.) Von Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Während die Bibel längst in Uebersetzungen vorliegt, der Talmud eben neu von Goldschmidt übertragen witt>, auch die Midraschliteratur durch Wünsche vor allem zugänglich gemacht ist, ohne freilich genügend gekannt zu sein, auch unsere Sittenlehrer, Philosophen, Dichter mehrfach übersetzt sind, wem: auch nicht vollständig, haben wir noch eine große Reihe von Schriften aus der Zeit kurz vor und nach Christi, die recht wenig bekannt sind, obwohl sie ein farbiges Bild verklungener Zeiten vor uns ausbreiten: Ethik, Mystik, Phantastik, Engellehre, Auferstehung in ihnm durcheinandergewirbelt sind, oft genug freilich auch philosophische Schulung verraten, Beschäftigung mit nichtjüdischem Wissen, zumal griechischem. Tie Fülle der Schriften aber gerade zeigt den energischen Willen, die jüdische Lehre zu verbreiten, die liebevolle Versenkung in die Lehren der Früheren, die Gewandtheit, den Nichtjuden die jüdische Lehre auf immer neuen Wegen zugänglich zu machen und als Ausgangspunkt für alles die unverwüstliche Begeisterung für die Religion, den religiösen Gedanken, überhaupt. Diese außerbiblischen Bücher sind als „Apokryphen" überliefert. (Eigentlich „verborgene" Schriften, in Wirklichkeit nichtjüdische „Lesebücher".) Allgemein bekannt sind von ihnen, wenn auch indirekt, das 1. und 2. Makkabäerbuch und das Buch Judith. Aber zu ihnen gehören auch die schöne Familiengeschichte „Tobit" und vor allem die 51 Kapitel umfassende Spruchsammlung „des Sohnes Sirächs". Welch eine Fülle edler Lebensweisheit ist in ihnen enthalten und wie steht sie ebenbürtig neben unseren beiden anderen Spruchsammlungen, den „Sprüchen Salomos" in der Bibel und den „Sprüchen der Väter" in der Mischna. Wie übertrifft sie aber beide an Umfang. Vom Lob der Weisheit handelt sie, den Pflichten der Kinder, Pflichten gegen Arme, von Freundschaft, vom Verkehr, von Frauen, von Herrschern, von Gottesfurcht, von Gerechtigkeit, von Sünde, vom Reden und Schweigen, von Greisen, von Streitsucht, vom Bürgen, von Erziehung, von Gesundheit, von Gastmählern, von der Ungleichheit, von der Unabhängigkeit, von Opfern, vom, Arzt und von Krankheit, von den Gelehrten, von der Scham, vom Lobe Gottes und von den Vätern. (Auerbachs Hausbibel, auch die Schulbücher von Auerbach oder Müller und auch Winter-Wunsche „Tie jüdische Literatur" bieten Auszüge.) Neben diesen Apokryphen existieren eine Reihe von „Pseudepigraphen", so gmannt, weit sie fälschlich mit einer biblischen Persönlichkeit in Verbindung gebracht wurden: mit Adam, Eva, Henoch, den Patriarchen, den Söhnen Jakobs, Mose, Elias, Salomo, Manasse, Jesaia, Jeremia, Baruch, Ezechiel, Esra. Während eine deutsche Ausgabe der Apokryphen schon 1866 von Cassel veranstaltet wurde, gab erst Kautz ich 1900 eine deutsche Ausgabe der Apokryphen und Pseudepigraphm heraus. Schon hier hören wir vom „Martyrium Jesaias, Psalmen Salomos, einem 4. Makkabäerbuch, einem Buch Henoch, einer „Himmelfahrt Moses", einem 4. Buch Esra, dem „Testament der 12 Patriarchen" (Söhne Jakobs), einem 4. Buch Esra, Apokalyphen (Offenbarungendes Baruch, einem „Leben Adams und Evas", den „Sybillinen", dem Buch der Jubiläen. Boten schon diese auf zwei Bände verteilten 25 Schriften einen lehrreichen Einblick in bis dahin unbekannte Welten unserer Ahnen, so hat nun Rießler durch seine neue Veranstaltung das Material viel gewaltiger gehäuft. Nicht weniger als 61 Schriften bietet er in Uebersetzungen dar, 17 davon findet man freilich auch schon bei Kautzsch (dazu 8, die Riesler leider nicht hat), aber auch dann bleiben ja noch 44 neu erschlösse. Genauer 42, da zu den 44 auch das Achtzehngebet und die „Sprüche der Väter" gehören. Eine Schrift hat einen nichtjüdischen Verfasser. Woher die Bereicherung? Sie erstreckt sich nicht nur auf die Pseudepigraphen, dre viel stärker vertreten sind als bei Kautzsch, sondern auch auf die Schriften der griechischen oder griechisch schreibenden Inden (von denen Philo fehlt, dessen Schriften freilich schon 1909 und 1910 von L. Cohn deutsch herausgegeben wurden), die als Philosophen (Aristobul), Dramatiker (Ezechiel), Geschichtsschreiber und Geschichtsdichter (Artapanus, Demetrius, Eupotemos, Philo d. Aeltere, ein unbekannter Philo und Theodot) hervorgetreten sind. Dazu kommt weiter die Reihe der Schriftsteller, die sich berühmter griechischer Namen bedienten, um so das Judentum zu verherrlichen: Aeschylus, Heraklit, Philemon, Orpheus, Phokylides, Sophokles, Hekatäus. Menander waren nicht zu schade, um — angeblich — das Lob des Judentums zu singen. So steht denn eine stolze Zeit durch das Buch von Riesler wieder auf, die Zeit, von der Juvenat, Horaz, Persius und Seneca berichten oder klagen, die Zeit, da der Einfluß der Juden auf die Griechen fast so stark war wie umgekehrt, die Zeit, da Juden griechischen Geist mit jüdischem und Griechen jüdischen Geist mit griechischem zu verschmelzen trachteten, die Zeit, der wir die Septuaginta, die Urbersetzung der Bibel ins Griechische, verdanken. Und wie weit sich jene griechischen Schriften verbreiteten, geht aus den Uebersetzungen hervor, von denen Riesler in seinen Erläuterungen zu seinen 1265 Setten umfassenden Texten berichten kann. Da hören wir von altslavonischer, ^aramäischer, syrischer, äthiopischer Gestalt, in der dieser oder jener Text enthalten ist. Versuchen wir nun, an einigen wenigen Proben den Geist jener Schriften zu erfassen. 1. Aus der Apokalypse des Mose: „Sie (Eva) betete: Mein Herr und Herrscher, Gott aller Kräfte, Laß deine Sklavin nicht von Adams Leichnam ferne sein, Tu schufst nnch;a aus seinen Gliedern, Halt mich für würdig, daß ich, die Unwürdige und Sünderin, Mit chm zusammen in dem Grabe ruhe. Ich war mit ihm im Paradies und nach der Sündej ungetrennt beisammen. So scheid uns niemand." 2. Aus Hiobs Testament: „Ich hatte auch in meinem Haufe dreißig Tische aufgestellt, Tie allzeit einzig für die Fremden An dem Platze blieben. Ich hatte auch zwölf andere Tische für die Witfrauen gedeckt Kam nun ein Fremdling und bat um eine Gabe, dann mußte er zuerst am Tisch sich sättigen. Bevor das Nöttge er empfing. Und keinen schickt ich je mit leerer Tasche fort von meiner Tür." 3. Aus der Himmelfahrt des Jesaias: „Ta zersägte man den Jesaias mit einer Baumsäge... Aber Jesaias war in ein Gesicht des Herrn versunken Und obwohl seine Augen offen standen, sah er sie nicht... Jesaias aber schrieb nicht und weinte nicht, als er zersägt wurde, Vielmehr redete sein Mund mit dem Heiligen Geist, Bis er entzwei gesägt worden war. " 4. Aus Psalmen Salomos: „Heil sei dcm Manne, dessen Herz entschlossen ist, des Herren Namen anzurufen. Er wird gerettet, denkt er nur an des Herrn Namen. Geebnet werden seine Wege von dem Herrn und seiner Hände Werk bewacht vom Herrn, seinem Gott..." 5. Aus Ezechiels, des Tragikers Drama: Auszug ans Aegypten. Personen: Gott, Mose und 5 andere. Gott: Halt Bester, komm nicht näher, Moses, Bevor der Füße Binden du gelöst. Tenn sieh, das Land, woraus du stehst, Ist heilig. Und dir erglänzt aus diesem Strauche Gottes Geist. Faß Mut, mein Sohn, hör meine Worte, denn dir, dem Sterblichen, ist's unmöglich, mein Angesicht zu schauen. Doch meine Worte kannst.du wohl verstehen. Deshalb kam ich hierher." 6. Aus „Phokylides": (Ter wirkliche Phokylides ein Spruch di chter im 6. Jahrhundert.) Phokylides, der Weiseste der Männer, Spendet edle Gaben in diesen Sprüchen der Gerechtigkeit Ten Heiligen Gottes... Hilf nicht zu Unrecht einem Armen, Sei nicht parteiisch; bist du ein schlechter Richter, wird Gott dich richten. Flieh falsches Zeugnis, verkünde nur das Rechte... Stets ist das Gold und Silber Köder für die Menschen; Tu Geld, des Bösen Wurzel, Lebensseind und Allverderber." 7. „Sophokles": „Sophokles läßt geradezu folgendes über die Bühne rufen: In Wahrheit ist nur Einer, Gott ist nur Einer, Ter da den Himmel und die weite Erde schuf, Tas wilde Meer und die Orkane. Wir Sterblichen, wir irren in dem Herzen, wenn wrr, zum Trost im Leiden Aus Stein, aus Erz uns Götzenbilder fertigen, aus Gold, aus Elfenbein. Und wenn wir diesen — Opfer, schöne Feste feiern, So meinen wir, wir seien fromm." 8. „Aristobul": „Aristobul, der mit aristotelischer Philosophie seine heimische Verband, erklärte, wie es sich mit Gottes Gliedern verhalte, die ihm in den hnligen Büchern zugeschrieben werden... Ter Ausdruck Hände hat auch im gewöhnlichen Leben eine höhere Bedeutung... Deshalb wendet der Gesetzgeber dies trefflich aus die Gottheit an, indem er die göttlichen Wirkungen Hände nennt. Tas göttliche „Stehen" aber dürfte ber der Gottheit die Einrichtung der Welt bedeuten... Es wird auch von einem göttlichen Herabsteigen aus den Berg in der Gesetzesschrist berichtet, als das Gesetz gegeben wurde." (Folgt die Schilderung am Sinai.) „Daraus folgt, daß dieses Herabsteigen kein örtliches war, denn Gott ist überall..." 9. Aus dem 4. Buch der Makkabäer: „Ich möchte eine Frage vorlegen: Hat die gottgeleitete Vernunft volle Herrschaft über die Triebe?; Tieft Frage ist recht philosophisch, deshalb möchte ich euch raten, aus diese Philosophie bereitwillig zu achten... Wenn die Vernunft — allem nach — die Triebe, die die Mäßigung verhindern, beherrscht... Tann ist auch klar, datz, sie über die Triebe, die die Gerechtigkeit hemmen, wie die Bosheit, Macht hat, ebenso über die Triebe, die die Mannhaftigkeit hindern: Aufregung, Schmerz und Furcht..." (Später werden die Märtyrer der Makkabäer im Hinblick auf die Vernunft verherrlicht.) STOU:WERCfr{ 0i liig, idoh l$ch mecJicnd. L_ nahrhaft. 10. Aus den „Sibyllinen" (Weissagungen nach Art der heidnischen Orakel). Tu Hochhindonnernder! Tu Seliger! Du Himmlischeyk Du, dessen Thron die Cherubim, laß mich ein wenig rasten von meinem Wahrheitsdienst, das Herz ist mir erschlafft... Wer ist der Sterbliche, der Gott mit seinen Augen schauen kann? Wer könnte nur des großen Himmelsgottes und Wettenfchöpsers Namen hören... Jetzt steht ihr da, ihr Städte, und schmückt euch all mit Tempeln, mit Rennbahnen und Plätzen und goldenen, silbernen und steinernen Gebilden, und doch kommt ihr zum bitteren Tag..." —- Rießler betrachtet all diese Schriften — einem Zitat folgend — als Nachklänge zu den Propheten und Vorspiele zu dem Evangelium. Für uns als Juden haben sie Ihren eigenen, vollen Klang. BÜCHERSCHAU Der Aufstand. In einem Aufruf der „Nationalen Regierung" Polens aus dem Jahr£ 1863 heißt es in Bezug auf die Geschicke der Juden in Rußland und Polen: „Polen hat euch aus keinem einzigen Orte vertrieben, Moskau schleudert euch dagegen von einem Ende des Reiches zum andern. In "Polen kam es nie zu Verfolgungen und falschen Rituagmordanklagen (?), während in Rußland diese Anklage sogar jetzt noch ihre Auferstehung feiert." Des Weiteren verheißt das Dokument den Juden völlige Gleichberechtigung, ein menschenwürdiges Dasein. Ein solcher Aufruf konnte nicht seine Wirkung verfehlen, mußte seinen Zweck erreichen, der darin bestand, die 600 000 polnischen Juden für die Unabhängigkeitsbewegung Polens, für den Aufstand gegen den Unterdrücker Rußland zu gewinnen. Nur allzugern schloß sich die jüdische Jugend an, in erster Linie die sich assimilierende, intellektuelle Jugend, die nicht-chassidische. Opatoschus „Aufstand" (Der Heinebund: Der Aufstand. Roman von Opatoschu, Berlin 1929) zeigt uns an diesem politischen Hintergrund das Einzelschicksal eines Juden. Da ist eine lebendige Zeichnung intellektueller polnischer und polnisch-jüdischer Jugend, die sich in der Stadt der großen Revolution, in Paris, unter dem Volke, das sich 1789 seine Menschheitsrechte erkämpfte, ihre wissenschaftliche wie ihre politischmilitaristische Ausbildung aneignet. Da ist ein Heim, „die Kommune", das all die Heißsporne und Revolutionäre autnimmt, das einen Moses Heß beherbergt, dem Marx kein Fremder ist. Drei Jahre gärt es, — dann ruft das Vaterland, und seine Söhne beider Konfessionen kehren zurück, bereitwillig, des Erfolgs der guten Sache sicher. Im Lande aber erwartet sie das Chaos: Heere und Heerführer, die ihre persönlichen Angelegenheiten über das Allgemeine stellen, eine Organisation, der jeder Ueberblick fehlt, schlechte Ausrüstung, eine Geistlichkeit, die zwar nicht zum Verräter am Volke, aber doch zum Gegner der Volkssache wird; die Juden stoßen avie bisher auf den Judenhaß, in Krakau haben sie nicht einmal Freizügigkeit. Und doch bleibt ihre Begeisterung; ihr Wille zum Menschentum zwingt sie, selbst unterdrückt, dem Unterdrückten beizustehen, ein „kulturmüdes Volk dem kulturmüden Volke", wie es an einer Stelle heißt. Sie unterstützen und beherbergen die Soldaten, sie verschaffen ihnen Kleidung und Verbandzeug, sie sterben zu Hunderten in diesen Kämpfen oder werden zu russischen Gefangenen. Da ist die rührende Figur eines reichen Juden, der den Zurückkehrenden über die Grenze hilft, der an eine Verbrüderung glaubt, der, um dieses Ziel schneller und besser zu erreichen und — ein moderner Reformer — zugleich seinen armen Brüdern zu helfen, durch Ankauf und Verteilung von Land sie zu bodenständigen Bauern machen will, da ist der Waldjude Reb Abraham, der Vater der Hauptfigur Mordechai, der schon 1831 beim vorhergehende« Aufstand seinen Patriotismus bewies und der jetzt für Polen sein Leben läßt, trotzdem er die Nutzlosigkeit sieht, trotzdem der Zusammenbruch schon erfolgt ist. Durch das ganze Werk aber zieht sich wie ein roter Faden die Eigenart Mordechais, dessen Jugendjahre uns Opatoschu in seinem „letzten. Waldjuden" schildert, dieses jungen Menschen, dessen Pflichtgefühl ihn wohl die polnisch-nationale Sache unterstützen läßt, der aber alles wie im Traume erlebt, der stets nur die jüdische Volksseele zu ergründen sucht. Immer ist ihm der Messiasgedanke nah, immer steht ihm alles in enger Beziehung zum Geschick seines armen Volkes, immer wieder erlebt er seine Geschichte, Träumer und Dichter zugleich. C i 111 Marx, Köln, Ludwig Strauß: „Der Reiter" (Rütten & Loening Verlag. Frankfurt a. M., 1929). „Wandlungen und Verkündigungen" hieß der Gedichtband, mit dem Ludwig Strauß vor elf Jahren zum ersten Male vor '.die Oeffentlichkeit trat, — „Wandlungen und Verkündigungen" umschließt die Novelle, die Strauß uns heute beschert. Wandlungen — eines zum Wissen und Lernen strebenden Herzens, das vom erreichten Wissen unbefriedigt

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