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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-07-24 · 30 (24.7.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
30 (24.7.1929)
Date
1929-07-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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diese Hilfe soll cs dem Unterstützten ermöglichen, besser als bisher seinen Lebensunterhalt zu verdienen und sich wieder in die Höhe zu arbeiten. Dadurch, daß, diese Hilft nur dem gewährt wird, der im wirtschaftlichen Leben Kredit, d. h. Vertrauen genießt, ist dafür gesorgt, daß wir nicht die Kreditwürdigkeit zu prüfen haben, daß wir auch nicht die Haftbarleit für das Kapital selbst übernehmen müssen, so daß von Anfang an das Risiko auf die vorgesehene Summe beschränkt wird. Damit ist aber auch ferner erreicht, daß in den meisten Fällen die Hilfe nicht für unwirtschaftliche Zwecke gewährt zu werden braucht, sondern daß sie wirklich ctnem Mittelstand zugute kommt, der zwar durch die atlgerpernen Gcrhältnisic in seiner Lage zurückgekommen ist und hart "ringen muß, der aber andererseits doch noch in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen und vorwärts zu kommen. Diesem Wesen der Kredithilfe kann auch dadurch Rechnung getragen werden, daß die Kredithilfe nicht als Almosen gegeben wird, sondern als ein unverzinsliches Darlehen, das der Empfänger jederzeit zurückbezahlen kann, un^ ldas ihm erst nach einer Reihe von Jahren, frühestens nach 3 Jahren gekündigt werden darf. Auf diese Weise tvird man erreichen, daß Leute, die sich mit Recht scheuen, Armenunterstützung anzunehmen, sich nicht zu schämen brauchen, wenn sie von der Kredithilfe Gebrauch machen. Grundsätzlich wird man also daran denken, daß die Kredit- Hilfe von dem Empfänger zurückzubezahlen ist, wenn das Ziel derselben, nämlich die Verbesserung seiner Lage, einigermaßen erreicht sein wird. Ich zweifle auch nicht daran, daß ein großer Teil des ausgewandten Kapitals wieder zurikksließen wird, auch wenn Zwangsmittel nicht angewendet werden. Den Willen zur Zurückzahlung wird man vielleicht auch dadurch stärken, daß man von Anfang an bestimmt, daß die .zurückbezahtten Gelder wieder entweder für die gleichen Zwecke Verwendung finden, oder daß sie den Grundstock für die Erfüllung anderer sozialer Aufgaben bilden. sollen. Tie Organisation selbst wird natürlich eine einfache sein müssen und auch sein können. Tie Verteilung und Verrechnung wird eine private Organffation in die Hand nehmen müssen, der die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen sind. Die Kredithilfe wird auf die Tauer von 3 Jahren zuzusichern sein, ohne Rechtsanspruch und vorbehaltlich der Unterbrechung, wenn besondere Gründe dafür vorliegen. Die Auszahlung wird erfolgen gegen den einfachen Nachweis, daß der Empfänger einen Kredit bei einer Bank oder einem sonstigen Geldgeber genießt, und zwar möglichst halbjährlich, wie die Banken chre Zinsen berechnen. Tie Organisation muH natürlich ihre Vertrauensleute auf dem Land haben; dabei muß die größte Diskretion gewahrt werden, und es wird in erster Linie notwendig sein, bei den Vertrauensmännern die notwendige Auswahl zu treffen. Tie Hilse soll möglichst erhalten, wer offensichtlich infolge ungenügenden Betriebskapitals sein Geschäft nicht in dem erforderlichen Umfang betreiben kann, ohne daß man im einzelnen kleinlich zu sein braucht. Wessen Geschäft aber schon einen großen Umfang hat, sei es infolge eigenen Kapitals, sei es deswegen, weil er einen größeren Kredit genießt, für den wird die Hilfe wohl kaum in Frage kommen; für ihn macht auch ein jährlicher Zuschuß von 180 RM. nichts aus. Für die Unterstützungsfälle in den größeren, vor altem den städtischen Gemeinden wird die Verbindung mit der Gemeindeverwaltung selbst herzustellen sein; diese. Gemeinden werden vielleicht ihrerseits entsprechende Beträge in Zukunft in ihre Voranschläge einstellen müssen, um nach den gleichen Grundsätzen zu verfahren; es wird auch hier mit verhältnismäßig kleinen Beträgen voraussichtlich eine große Wirkung erreicht werden können. Wenn es gelingt, die hier vorgesehene Aktion zu verwirklichen, so scheint mir das vor allein auch von großer moralischer Bedeutung zu sein; denn sie ist für den Mittelstand und für ein ganzes Land vorgesehen. Ist der moderne jüdisch-liberale Gottesdienst einer Verbesserung bedürftig und fähig?* **) Betrachtungen eines Laien. (Schluß.) Damit komme ich zum dritten Abschnitt meiner Ausführungen, zum musikalischen Teil des Gottesdienstes") In der Synagoge wird zuviel Musik getrieben, die Synagogenmusik ist in dem Bestreben, möglichst künstlerisch zu sein, zu künstlich gekünstelt worden. Man hat von Anfang an bis zum heutigen Tage übersehen, daß die Musik im Gottesdienst nicht Selbstzweck ist, sondern Mittel zum Zweck, zum Zwecke der Hebung der religiösen Stimmung und Andacht, d. h. wir gehen in die Synagoge, nicht um erstklassige musikalische Darbietungen wie im Konzert zu hören, sondern um durch Vermittlung der Musik, durch die Musik als Mittel in unseren religiösen Empfindungen gehoben und in der Andacht, in der religiösen Betätigung, also im Beten vertieft zu werden. Dieser Zweck läßt sich aber nur erreichen, wenn die betende Gemeinde selbst an dem ^musikalischen Teil interessiert und beteiligt ist, wenn der Einzelne nicht lediglich als stiller Zuhörer das Singen anderer stundenlang geduldig über sich ergehen lassen muß und dadurch ermüdet und gelangweilt wird, sondern selbst nach voller Herzenslust mitsingen darf. Tie mächtige Wirkung des protestantischen Gottesdienstes, der in manchen Punkten bewußt oder unbewußt dem jüdisch-liberalen als Vorbild diente, ja ich möchte sagen: die Kraft des Protestantismus überhaupt bericht nicht zum wenigsten im Gemeindegefang, und Luther hat sich als ausgezeichneter Menschenkenner erwiesen, als er den Choralgesang mit schlichter, einfacher, leicht eingängiger Melodie einführte, die nicht musikalische Schulung und Bildung voraussetzt, sondern von jedem Beter mitgesungen werden kann und soll. Im neuen Ritus der Synagoge hat man das Mitsingen aus der Gemeinde heraus streng verboten, nur der engagierte Chor durfte singen. Im Laufe der Zeit ist allerdings durch die Selbsthilfe der Gemeinde eine gründliche Wandlung eingetreten; zwar wird auch heute noch der Gesang in der Hauptsache vom Chor be- *) Die Unterüberschrift dieses Artikels „Betrachtungen eines Laien" ist bei der vorwöchigcn Verösfcntlichung versehentlich fortgelassen worden. Außerdem sind einige Druckfehler stehen geblieben. In Zeile 36 der 2. Reihe muß es heißen: „Wir wollen in der weiteren Erörterung ... zu prüfen suchen und von der eben.. In Zeile 39 der i. Reihe muß stehen: „...mit einem mächtigen HaNelujah". **) vgl. meinen Aussatz „Die Musik in der Lynagoge" in Nr. 8 1924 hcs „Nürnberger Jsr. Äemeindcblatt". Gottesdienste Berlin-Norde«. Berttn-Westewd. verliu.Wilmersdski. Di« Gottesdienste der vorstehenden drei Liberalen Synagogen fallen im Monat Juli aus. Erster Gottesdienst nach den Ferien, Anfang August. Berlin. Jüdische Reformgemeinde, Johannisstraße 16. Somttag, de« 28. Juli, vormittags 1V Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Jelski. sorgt, jedoch bekannte Gesänge, z. B. beim Ausheben, die Keduschah u. ä., singt die Gemeinde selbst sehr kräftig und deutlich bemerkbar mit. Diese aktive Mitwirkung uüd Beteiligung trägt viel zur religiösen Erhebung des Einzelnen bei, und selbst wenn das Mitsingen rein musikalisch betrachtet nicht immer ungetrübten Genuß bereitet, so ist es selbst für empfindliche Ohren dem kalten, unpersönlichen Chorgesang vorzuziehen, auch wenn dieser gesangstechnisch auf viel höherer Stufe steht. Ich bin einmal am Jom Kippur gerade in dem Augenblick in die Synagoge gekommen, als das Schema erklang; niemals habe ich von dem hiesigen Gottesdienst einen gewaltigeren, einen überwältigenderen Eindruck gehabt, als damals, wo die ganze Gemeinde unter mächtiger Orgelbegleitung einstimmig nntsang und den Chor vollständig übertönte. Der Gemeindegefang muß den Hauptbestandteil des Gottesdienstes bill>en, Chor und Orgel dürfen dabei nur die Führung haben; die Gesänge selbst müssen schlicht und einfach empfunden und erfunden und leicht eingängig sein, nicht kunstvoll gemacht und künstlich ausgedacht. Schwerfällige, gesuchte Melodien und komplizierte Harmonien eignen sich nicht für die große Masse. Wenn unser Moaus Zur sich die Welt erobert hat, so liegt es daran, daß. jeder diese herrlich«, volkstümliche Melodie mit ihrer einfachen Harmonie, mit ihrem einfachen Rhythmus mitsingen kann, der sie einmal gehört hat, ohne daß er musikalische Borkenntnisfe zu besitzen braucht. Neben dem schlichten Gemeindegesang kann für besondere Stellen, für besondere Gelegenheiten der kunstgerechte vierstimmige Chorgesang unbedenklich bestehen bleiben; dieser Kunstgesang, z. B. als Uebergang zwischen zwei großen Gebetabschnitten, wie der bereits erwähnte Psalm nach der Seelenfeier am Jom Kippur, wird dann viel besser wirken, wie wenn nahezu ununterbrochen vierstimmig gesungen wird. Tatsächlich wird jetzt überhaupt zu viel gesungen, zu viel Kunstmusik gemacht, statt daß mehr in der gerade für den jüdischen Gottesdienst so charakteristischen Weise rezitiert und und psalmodiert wird. Muß denn jedes Amen vierstimmig mit Orgelbegleitung erklingen, auch da, wo Musik direkt störend und stilwidrig wirkt, z. B. am Schluß der Predigt oder am Schluß der deutschen Gebete, die der Rabbiner spricht? Warum muß am Freitag abend Chor und Orgel schon beim Mincha-Gebet in Tätigkeit treten, das doch noch als Wochentagsgebet gilt und mit der Sabbatseier gar nichts zu tun hat? Sind die vielen Ritornells notttmibig, die die Orgel so oft bei stiller: Gebeten spielt? Muß wirklich nahezu jedes Wort, das der Borbeter singt, von der Orgel begleitet werden usw.? Das zuviele Musizieren bringt auch die Gefahr mit sich, daß für Höhepunkte der Liturgie keine Steigerungsmöglich ketten mehr gegeben sind. Gewiß haben wir jetzt schon solche Höhepunkte, die gar nicht mehr übertroffost werden können; ich erwähne den ungemein feierlichen Akt des Aushebens der Thora an den hohen Feiertagen, wo nicht nur die deutschen Worte des Rabbiners, der hebräische Gesang von Vorbeter, Chor und Gemeind«, die mächtigen Klänge der Orgel auf das Ohr, sondern die äußere Umrahmung des Vorgangs auch auf das Auge des Beters wirken, oder an den Schluß, ich möchte sagen: an die Schlußszene des Versöhnungstages, die sich ähnlich feierlich abspielt, an das Olenu-Gebet an Rausch haschonoh und Jom Kippur, das tief ergreifend, ja geradezu erschütternd wirkt. Höhepunkte dieser Art, bei denen Musik unentbehrlich ist, ließen sich aber noch vermehren, wenn man in den übrigen Teilen des Gottesdienstes die Musik etwas spärlicher verwenden, wenn man sie nicht so sehr verzetteln würde. Und dabei müßte noch etwas berücksichtigt werden. Zwischen den einzelnen Gebeten, die in ihrer Art, in ihrer, Tendenz oft grundverschieden sind, müßten schärfere Absätze, Zäsuren eingeschoben werden, so wie es im alten Ritus in Form eines ganzen oder halben Kaddisch geschieht. Am Freitag abend z. B. müßte nach den dem Lecho Dandy folgenden Sabbatpsalmen, bevor das Borchu beginnt, die Orgel nicht bloß ein paar Ueberleitungstakte nach einer anderen Tonart spielen und alles sofort ohne Unterbrechung weitergehen, .sondern durch ein kleines Zwischenspiel oder durch ein kurzes abschließendes Gebet müßte deutlich zum Ausdruck kommen: Jetzt ist die eigentliche Sabbatvorfeier und Sabbatbegrüßung zu Ende, und nun beginnt erst das eigentliche Abendgebet. Oder beim Sabbatmorgengottesdienst dürfte nicht unmittelbar an den Schluß des Schemone Esra sich sofort ohne Unterbrechung das Ausheben anschließen, diese beiden so ganz verschiedenen Gebete müßten vielmehr durch ein neutrales Gebet, durch einen neutralen Gesang, durch ein Zwischenspiel der Orgel scharf von einander abgesetzt und getrennt sein. Noch manche andere Details ließen sich anführen, für die Gleiches oder Aehnliches gilt; das würde aber allzusehr meiner Absicht zuwiderlaufen, bloß in großen Zügen, in groben Umrissen den Standpunkt des Laien zu begründen, ob und nach welcher Richtung der Gottesdienst abänderungsbedürftig und abänderungsfähig erscheint. Deshalb soll nur kurz angedeutet werden, daß auch der musikalische Stil vieler Gesänge unserem heutigen musikalischen Empfinden nicht mehr entspricht, ein Stil, der vor 50 und 60 Jahren ein Jdqal darstellte, aber heute sich vielfach überlebt hat; Männerquartette z. B., die an übli Liedertafeleien früherer Zeiten erinnern, sind heute kaum noch tragbar. Und statt solchen Ueberlebtheiten Ewigkeitsdauer einzuräumen, wäre es richtiger und besser, wenn man begabten jungen Kantoren, die aus eigenem Empfinden heraus sich kompositorisch versuchen, Gelegenheit geben würde, chre Werke im Gottesdienst vorzutragen und dann das Beste davon auswählen und beibehalten würde. Wie aber von der Jnnenausgestaltung, ließe sich auch von der äußeren Ausmachung des Gottesdienstes, von gewissen Aeußerlichkeiten manches sagen, z. B. von der Frage, ob der Tallis getragen werden darf oder nicht, ob er, wie hier in Nürnberg, nur an Wochentagen erlaubt, an Sabbaten und Feiertagen dagegen verboten sein soll. Nur aus einen Punkt möchte ich noch mit einem kurze» Wort eingehen, auf die Mitwirkung der Jugend beim Gottesdienst. Seiner Zeit hat man mit der Ausstellung eines Chors von berufsmäßigen Sängern und Sängerinnerr nicht nur die ganze betende Gemeinde, sondern besonders auch die Jugend von jeglicher Mitwirkung am Gottesdienst ausgeschaltet, und wenn sich heute weite Kreise von religiöser Betätigung fernhalten, so liegt das, neben anderen Ursachen, sicherlich auch daran, daß man versäumt hat, das Interesse der Jugend wachzurufen und sie zur Mitarbeit auf religiösem Gebiet, vor allem beim Gottesdienst heranzuziehen. Diesen Fehler wieder gut zu machen, ist heute noch nicht zu spät, in einer Zeit, in welcher die Jugend sich in allen jüdischen Angelegenheiten stark interessiert zeigt. Es genügt nicht, daß man Jugendgottesdienste einrichtet, die schlecht und nur gezwungen besucht werden; es genügt auch nicht, daß man der Jugend an den hohen Feiertagen spärliche Plätze zumeistaus »reichen sie enge gedrängt stehen und mehr Andacht störend als Andacht fördernd wirken. Nein, man muß viel weiter gehen. Ein an führenden Stelle der jüdischen Jugendbewegung stehender Rabbiner hat einmal davon gesprochen, daß er beabsichtige, den Jugendgottesdienst versuchsweise nur durch junge Leute bestreiten zu lassen, sowohl beim Vorbetey, als auch beim Vorlesen aus der Thora usw.; und hier in Nürnberg hat im vorigen Jahr an Simchas Thora am Schluß des Umzugs, vor dem Einheben der Thora, Herr Rabbiner Dr. Freudenthal einen jungen Gymnasiasten, der sich der Rabbinerlaufbahn zu widmen gedenkt, auf die Kanzel treten und mit der Thora im Arm die bekannte Dichtung: „Ties ist die Thora, dies ist. das Wort usw." vortragen lasserr. Dieser sehr begrüßenswerte und wohlgelungene Versuch wird hoffentlich beibehalten und netter ausgebaut iverden, er wird dann einen Marfftein in der Entwicklung unseres Gottesdienstes überhaupt bilden, insofern als zum ersten Mal der Jugend eine angemessene Betätigung im öffentlichen Gottesdienst zugestanden wurde. Ter zweite Versuch jenes Abends. Knaben und Mädchen an dem Umzug teilnehmen zu lasten, war zwar nicht ganz geglückt, aber es wäre sehr zu begrüßen, wenn er, richtig organisiert, gleichfalls wiederholt und sortgesetzt werden würde. Gerade der Umzug an Simchas Thora kann ein belebendes Moment sehr gut »ertragen; bis vor einigen Jahren bewegte er sich nämlich itv ständigen Kreislauf nur um den Almemor herum, sodaß er von einer sehr prominenten Persönlichkeit immer mit dem bekannten Männleinlausen an der hiesigen Frauenkirche verglichen ivnrde. Aber auch jetzt noch, wo auf die Anregung eines Laien hin der Umzug sich wenigstens durch den Hauptgang der Synagoge bewegt, erinnert er an eine Trauerparade, wenn der Borbeter von seinem Betputt aus singt und die die Thora tragenden Männer mit furchtbar ernsten Mienen in langsam abgemessenen Schritten einherziehen, nichts von Freude, von Simcha ist da zu bemerken. Ta kann die Jugend, da können die Kinder einen belebenden Einschlag bringen, wenn sie fröhlich, festlich am Umzug teilnehmen und fröhlich, festlich mitsingen. Ja man könnte die Jugend gerade an diesem Festabend, für den sie immer besonders großes Interesse zeigt, in gleicher Weise aber auch an Chanukah und Purim zu noch viel intensivererer Mitwirkung heranziehen: man lasse doch! an solchen Wenden alle oder 'mindestens die wichtigsten Gemeinde- und Chorgesänge ausschließlich von der Jugend, von einem Knaben- und Mäöchenchor. singen, einstimmig, frisch, natürlich, der Jugendchor würde dem sesttichen Gottesdienst dieser Tage ein dem Charakter des Festes entsprechendes frisches, frohes Gepräge verleihen, selbst wenn nicht alles am Schnürchen klappt und nicht alles nach dem gewohrtten Schema, nach dem herkömmlichen steifen Zeremoniell abläuft. Es würde allen Erfahrungen kindlicher und jugendlicher Psychologie widersprechen, wenn dadurch nicht das Interesse für den Gottesdienst, überhaupt für religiöse Betätigung mächtig gefördert werden würde; es müßte ganz unnatürlich zugehen, wenn dabei der zündende Funke festlich froher Begeisterung nicht von der Jugend auch auf die Erwachsenen überspringen würde. Versteht ma noann noch die Gelegenheit beim Schöps zu packen, so könnte man von den sangesfrohen Kindern und jungen Leuten die brauchbarsten in den Chor einreihen und so einerseits den nicht gerade unerwünschten Zugang von frischen jugendlichen Stimmen, andererseits aber auch den nötiger: Nachwuchs an Sängern und Sängerinnen gewinnen. — Ich komme zum Schluß. Meine Ausführungen, die nur eine Reihe kurzer Beispiele brachten, von denen aber jedes einzelne den Ausgangspunkt für eine lange, eingehende Erörterung bilden könnten, suchen den Beweis zu erbringen, daß die in "der Ueberschrift gestellte Frage zu besahen ist: sie bezwecken nicht eine unberechtigte Einmischung in das Gebiet des Fachmanns, dem einzig und allein immer die letzte Entscheidung in Fragen des Ritus zusteht, sondern wollen nur persönliche Eindrücke und Gedanken eines Laien, eines Laien schildern und andere Laien, die sich mit diesen Dingen befassen, anregen, ihre Ansichten zu äußern, ganz gleich ob sie mir den meiniger: übereinstimmen oder nicht. Tie mehrfachen Aenderungen in den verschiedenen Auflagen des hiesigen Gebetbuchs weisen darauf hin, daß auch in Fachkreisen manches (für änderungsbedürftig und ändernngs fähig angesehen wird; vielleicht ist dabei Unterstützung durch Laien nicht einmal unerwünscht. Jedenfalls berührt die Frage des Ritus den Kernpunkt des jüdisch-religiösen Liberalismus, der nicht ffcarr am Üeberkommenen, namentlich nicht an überkommenen Firmen festhält, sondern sich den Strömungen der jeweiligen Gegenwart anzupassen sucht. Er ist verhältnismäßig jungen Datums; deshalb kann man nicht von einer Verletzung der Pietät sprechen, sondern höchstens von einer Störung der aus dem Trägheitsprinzip erwachsenen, festgewurzelten Gewohnheiteri, wenn die als notwendig erkannte Besserung und Beseitigung von Mängeln — um dieses Wort Dr. Ziemlichs nochmals zu gebrauchen — angestrebt wird. Nur darum handelt es sich in den vorstehenden Ausführungen, nicht etwa um umstürzlerische Tendenzen; denn der Rahmen, das Gerüst des liberalen Ritus hat sich im Laufe der Zeit bewährt unü bedarf keiner grundlegenden Aenderungen. Damit ist aber nicht gesagt, daß alles, was vor einigen 50 Jahren als richtig und zweckdienlich angesehen wurde, auch heute noch absolute, unantastbare Gültigkeit haben muß, so wenig wie man rn wiederum 50 Jahren restlos allem züstimmen wird, wofür die heilige Generation eintritt; die jüdische Lehre kennt ja weder das Dogma von Ewigkeitsdauer noch die Unfehlbarkeit der geistigen und geistlichen Führer. Zudem hat eine berechtigte, begründete Kritik, die nicht der flüchtigen Eingebung des Augenblicks entspringt, sondern in langer Zeiten Lauf, aus oft

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