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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-07-17 · 29 (17.7.1929) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
29 (17.7.1929)
Date
1929-07-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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9. Jahrgang Nummer 29 Vettage 17. Juli 1929 FMchliberaleZeiüW Vom Gottesdienst des modernen Anden Von Landesrabbiner Tr. Kurl W i lh el m-Braunschweig. Es ist das historische Verdienst der jüdischen Reformbewegung, daß sie es wagte, die Lebensentfremdung des traditionellen Gottesdienstes aufzuzeigen und daß sie den Versuch machte, nach sachlicher Kritik unsere Gebetordnung dem Zeitgeschmack adäquat zu gestalten. Der jüdische Gottesdienst der Zeit vor der Reform stand im Zeichen des Erhaltend. Tas menschliche Variationsbedürfnis äußerte sich nur im .Hinzufügen von Gebeten, da man befürchtete, durch Fortlassen von Gebeten die Gleichheit des jüdischen Gottesdienstes auf der ganzen Welt zu zerstören. Ter Gottesdienst war in seinen Grundzügen noch auf die geistige Haltung des Juden furz nach der Zerstörung des zweiten Tempels eingestellt. Man betete um den Aufbau des Tempels und die Wiederherstellung des Opferdienstes. Viele Gebete beruhten aus der Fiktion, die Juden seien noch ein in Palästina lebendes, Ackerbau treibendes Volk. Ter Jude aber, der entweder mit seinem Päckel auf der Landstraße umherwanderte oder in seiner Klaus Gemoro lernte, konnte zu solchen Gebeten, wie „Tal" und „Geschem", keine Beziehungen haben. Dazu kam, daß der Gottesdienst durch die oft nebensächlichen Einschaltungen und Erweiterungen langatmig wurde und dadurch zu andachtlosem mechanischen .Herleiern der Gebete verleitete. Gegen diese Verwilderung des alten Gottesdienstes proklamierte nun die Reform die Intensivierung und Kürzung der Gebetordnung und die Betonung des Weihevollen und Aesthetischen der Ausgestaltung. Um den Gottesdienst nach den Maßstäben der Aefthetik zu disziplinieren, bedurfte es geschulter Veranstalter des Gottesdienstes, bedurfte es des stimmbegabten Kantors, der Orgel, des geleiteten Chores, des den Gottesdienst mitgestaltenden Rabbiners. 2o trat von selbst eine Lcheiduug ein zwischen „Amtierenden" und Zuhörerschaft, aus dem allgemeinen Gottesdienst wurde eine Ansführung ur Ehren Gottes und dem Gottesdienst wurde die Lponlaniiät genommen. In diesem Stadium befinden sich unsere modernen liberalen Gottesdienste. Man betrachtet es als Selbstverständlichkeit, immer mehr den Maßnab der Aefthetik an den «Pottesdienst anzulegen. Man spricht im lebenden Sinne von einem „erhebenden" Gottesdienst und lehnt andererseits den Gottesdienst ab, der einen „kalt" läßt. Es ist demnach ganz selbstverständlich, daß die Gottesdienste mit Seelenfeier, das heißt also die Gottesdienste, die ganz auf Stimmung ausgebaut sind, den größten Besuch aufwcisen. Hier, aber noch stärker bei den Gefallenen Gedächtnisfeiern, die an keine traditionelle Gebetordnung gebunden sind, hat man nämlich die Möglichkeit, auf die Teilnehmer, die durch ihre Konsronli.ernng mit dem Rätsel Tod sich in einer besonders empfänglichen Stimmung befinden, mit Hilfe der Aefthetik tiefe Wirkungen auszuüben. Diese Ausführungen sollen keine absolute Negierung des ästhctifierenden Gottesdienstes bedeuten. Auch diese Form der Gottesverehrung kann Sinn und Zweck haben, nämlich, die Menschen wirklich andächtig zu machen. Dann aber soll man einheitlich alles auf Aefthetik einstellen, wie es beispielsweise bei der amerikanischen Reform geschieht. Ein von Stephen S. Wise in der riesigen Carnegie-Hall zu New Port veranstalteter Gottesdienst wirkt in seiner Imposantsten aus die Massen geradezu suggestiv. Tie Bühne dieser Konzertballe ist mit pompösen Blumenarrangements dekoriert, ein unsichtbarer Chor singt hinter einem schweren Brokatvorbang, die Gottesdienstordner tragen Smoking und haben eine große Blume im Knopfloch. Ein solcher Gottesdienst hat gewiß eine Möglichkeit, man darf jedoch nicht vergessen, das; neben allem Pompauch die Persönlichkeit des Rabbiners die Massen faszinieren muß. Ein solcher Gottesdienst. der bewußt zwischen „Amtierenden" und „Zuschauern" scheidet, birgt natürlich die Gefahr, daß der Zuschauer durch die gewollte Passivität ermüdet. Dem Moment der Ermüdung muß durch möglichst häufige Variation Rechnung getragen werden. Die Einführung von Schallplattenmusik, die jetzt von der Berliner Reformgemeinde versucht werden soll, ist eine bezeichnende Erscheinung dieses Vanationsbedürfnifses. Die Schallplatte ermöglicht naturgemäß ein viel größeres Repertoire als ein Chor. Dazu kommt noch das Sensationelle der Einführung, das dem Gedanken der Variation dient. Eine solche Art der Gottesdienste find eine Möglichkeit. (Die Meldungen über die Versuche der Jüdischen Resormgemcinde in Berlin eilen den Tatsachen weil voraus und berühren unseres Wissens nicht den Kern der wirklichen Absichten. Tie Red.) Man würde gewiß der amerikanischen Reform bitter Unrecht tun, wollte man ihren Gottesdiensten eine tiefe und ernste Religiosität absprechen. Einer Möglichkeit haben sich jedoch diese Gottesdienste begeben, für eine Aktivierung der Gottesdienstbesucher ist dort kein Raum. Und eine Kritik ist an den ästhetisierenden Gottesdiensten insofern berechtigt, als man nämlich dort die jüdische Note arg vernachlässigt hat. Wir müssen aber von unseren Gottesdiensten in erster Linie fordern können, daß sie jüdisch sind. Wo immer wir uns im Gotteshause als Bekenner zur Religion unserer Väter zusammenfinden, muß das Judentum das Maß aller Dinge fein. Alle Versuche, die jüdische Religiosität zu erneuern, müssen fehlschlagen, "solange man nur von außen und mit Hilfe der Aefthetik und Sentimentalität an die Menschen herangeht. Unsere Zeit ist eine areligiöse. Tie Menschen unserer Zeit haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, sie sind durch die Schule der Naturwissenschaft hindurchgegangen und glauben mit Hilfe dieser Wissenschaft die ganze Welt erkennen und beherrschen zu können. Durch die Erkenntnis fällt die Furcht vor der Gottheit. Durch die Ueberwindung der Natur fällt das Gefühl der Abhängigkeit von der Natur. Haben unsere Großeltern bei schwerer Krankheit „Thillim" sagen lassen, so tritt bei uns anstelle des naiven Glaubens an die Gott wohlgefälligen Psalmen auf Grund unserer besseren Erkenntnis das Bewußtsein der heilenden Wirkung der Radiumbestrahlung. Je tiefer wir aber in die Natur eindringen, umso mehr erkennen wir, daß wir eigentlich kein Recht haben, uns als Beherrscher der Natur zu fühlen. Unsere letzten Erkenntnisse zeigen uns, daß wir abhängig sind von Dingen, die außerhalb unserer Erkenntnismöglichkeit und Beherrschungsmöglichkeit liegen. Das Bewußtsein beispielsweise, daß unser Sonnensystem nur ein winzig kleiner Teil des Weltraums ist, dessen Größe wir niemals werden fassen können, die Ohnmacht, in der wir, Menschen mit unseren Wunderwerken der Technik Wirbelstnrmkatastrophen oder Vulkanausbrüchen gegenüberstehen, erzeugen in uns ein Gefühl für unsere eigene Kleinheit und Endlichkeit gegenüber dem, was wir ob feiner Unfaßbarkeit und Unerreichbarkeit das Unendliche nennen. Wie dieses „Kreaturgefühl" uns das Bewußtsein des Geborgenseins verleiht und uns zum reinsten Gottesdienstbewußtsein führt, hat Rudolf Otto in seinem Buche „Das Heilige" dargelegt. Es ist also nicht so, daß die naturwissenschaftliche Erkenntnis das religiöse Bewußtsein ausschalten kann, sondern das Zu-Ende Denken auf dem Gebiet naturwissenschaftlicher Erkenntnis ist die Voraussetzung neuer Religiosität. Wir müssen, um mit Kleist im „Marionettentheater" zu reden, zum zweitenmal vom Baum der Erkenntnis essen, um Zn den Stand der Unschuld zurückzuverfallen. Der Halbgebildete ist erzeugt von seiner eigenen Macht. Ter tiefer Gebildete erkennt seine Grenzen und damit die Grenzen der Menschheit. So geht für uns der Weg zur Religiosität über die Erkenntnis, genauer, die Religiosität beginnt dort, wo die Erkenntnis aushört. Damit erhält das Wort aus den „Sprüchen der Väter" einen neuen Sinn: Ter Unwissende kann nicht fromm sein. Tie spezifisch jüdische Religiosität ist aber nur dann sinnvoll, wenn sie sich im Leben des -Juden verwirklicht. Es ist die Aufgabe des Juden, „die Einheit Gottes auf Erden zu gründen", das heißt, kraft des religiösen Erlebens Gott im Leben des Alltags zu sehen. Daß die Religiosität heute wirklichkeitsfremd ist und besonders dem jüdischen Gottesdienst mangelt, ist bekannt und gerade der Ausgangspunkt dieser Zeilen. Dennoch empfindet der Jude heute lebendig stark sein Judesein. Aber Judesein bedeutet heute für die weitaus meisten nicht Erfülltsein mit jüdischer Religiosität, sondern das sogenannte jüdische Selbstbewußtsein ist oft das nur unklar erfaßte Gefühl des Anders-Seins. Man erkennt die Differenz, aber nicht die Eigenart. Das ist keine spezifisch jüdische Erscheinung, vielmehr verursachte das Erlebnis des Weltkriegs eine Besinnung aller Völker auf sich selbst, so daß jedes Volk sich plötzlich für das auserwähltc hielt. (Zweig: Caliban.) Ter zur Gruppenbildung führende Differenz- und Zentratilätsaffekt hat in der Geschichte der Menschheit eine wechselnd starke Rolle gespielt, .heute stehen diese Affekte wieder aus der Höhe ihrer Macht und auch im Judentum hat es fetten soviel Gruppen und Parteien.. Cliquen und Gesellschaften gegeben wie in unserer Gegenwart. Wir können nicht gegen den Strom schwimmen und müssen die Parteiungen als gegebene Tatsachen anerkennen. Unsere Aufgabe aber ist cS, die Parteien und Gruppen vom Parteigezänk weg zur Erkenntnis der wirklichen geistigen Unterschiede zu bringen. Sieht man erst die Unterschiede von einer höheren Warte aus, wird man auch das Einigende erkennen. Erkenntnis .schafft Religiosität. Jüdische Religiosität drängt nach Verwirklichung. Verwirklichen kann aber nur der Mensch. Man muß also letzte Erkenntnisse an den jüdischen Menschen herantragen, um in ihm Religiosität zu erwecken. Tie einzige Stelle, wo der jüdische Mensch heute erfaßt werden kann, ist seine Partei, seine Gruppe, seine Clique. In diesen Gruppengebilden luirb sich eine neue Religiosität verwirklichen lassen, wenn die Voraus setzungen dazu geschaffen werden, wenn wir uns vor allem darüber klar find, daß wir diese Voraussetzungen schaffen wollen und müssen. Gerade diese Gruppen und Parteien. Logen uuD Cliquen haben, so paradox es klingt, jede für sich die beste Möglichkeit, eine wirkliche Gemeinschaft zu werden. Aus jeden Fall werden sie eher eine Gemeinschaft sein können als die zuusammengewürfelte Beterschast unserer modernen Gottesdienste. Tenn die Menschen, die sich in ihren Gruppengebilden zusammengefundcn haben, sind eine homogene Klasse, die durch ein spezifisches Gruppeninteresse zusammengehalten werden. In diesen Gruppen kann sich der neue Gottesdienst entwickeln. Durch die intensive Bindung des Einzelnen an seine zahlenmäßig begrenzte und freiwillig gewählte Gruppe ist für ihn mehr ' Möglichkeit gegeben', durch das Gemeinschaftserlebnis zum Gotteserlebnis' zu gelangen. Darum wird ein solcher Gottesdienst der Zukunft nicht mehr zu scheiden brauchen zwischen „Amtierenden" und „Zuschauern", sondern die Zuschauer werden in einem wahren Gemeinschaftsgottesdienst zugleich selbst amtieren. Damit soll keineSfatls der Zerschlagung der EinhcitSgemeinde das Wort geredet sein. Tie einheitliche Verwaltung und die einheitliche soziale Arbeit der Gemeinde werden bleiben, auch wenn der einheitliche Gottesdienst dem Gemeinschaftsgottesdienst der Gruppen Platz gemacht hat. Tie Formen, die sich die Religiosität dieser Zukunftsgottesdienste geben wird, können wir ihr im Vertrauen auf die wirkende Kraft des Judentums selbst überlassen. Aus den Gemeinden * Ahrweiler. (B o r st a n d S iv a hl.) Bei der kürzlich hier abgchallciien Neuwahl des Vorstandes der Tnnagogcn Gemeinde sind die langjährigen verdienten Vorstandsmitglieder A. Bär und M. .Heymann wiedergcwcihlt worden: für den ausgeschiedenen Vorsteher I. Schweitzer- Ternau trat Herr Willi Levy neu in den Vorstand ein. Berlin. (Tie Trauerseier für Leopold Badt.) Am Dienstag, den 9. Juli, nachmittags 2 Uhr, fand in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße eine vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde veranstaltete Trauerseier für das verstorbene Mitglied des GemeindevorftandeS, Leopold Badt. statt. Rabbiner Tr. Wiener schilderte die menschlichen Eigenschaften des Verewigten, seinen Familiensinn, seine Schlichtheit und seine Wohltätigkeit und wies insbesondere aus die Verdienste hin, die sich Leopold Badt um die Altersversorgungsanstalten der Gemeinde in der'schweren Zeit des Krieges und auch sonst erworben hatte. Für den Vorstand der Jüdischen Gemeinde sprach dessen stellvertretender Vorsitzender Kammergerichtsrat Leo Wolf. Ter Redner beleuchtete die Tätigkeit des Verstorbenen in der Gemeinde und für die Gemeinde. Seit dem Jahre 1905, in dem Badt in die Verwaltung der Gemeinde eintrat, hat er mit unermüdlicher Tatkraft und Schaffensfreude zunächst als stellvertretendes Mitglied des Gemeindcvorstandcs, dann als außerordentliches Mitglied und späterhin als stellvertretender Vorsitzender an den wichtigsten Geschäften der Gemeinde mitgewirkt. In der Kriegszcit lag in seiner Hand die Verwaltung der Finanzangelegenhciten. Er hat es verstanden, mit Umsicht und Tatkraft die schwierige Materie in der besonders schwierigen Zeit zu meistern. Für die Handclstammer und den Börsenvdrstand sprach Kommerzienrat Alfred Zielenziger. Tie Feier wurde umrahmt von Gesängen des Chors der Neuen Synagoge unter Leitung des Dirigenten Roskin. An die Feier schloß sich die Beisetzung in der Ehrcnreihc auf dem Friedhof in Wcißensec an. Berlin. (Professor (9 corg Schlesinger 25 Jahre i m L e h r a m t.) Professor Tr. Ing. Georg Schlesinger sieht am 15. Juli o. I. auf eine 25jährige Tätigkeit als ordentlicher Professor an der Technischen Hochschule zu Berlin Eharloltenburg zurück. Er ist im deutschen .Hochschul leben eine markante Erscheinung. Am 14. Januar 1874 geboren, gelang es ihm, sich schon mit 30 Jahren solche Anerkennung zu verschaffen, daß ihm an der Technischen Hochschule der neugegründete Lehrstuhl für Betricbswisseuschafl, soivie das diesem angegliederte Versuchsfeld für Werkzeugmaschinen übertragen wurde. Seine praktischen und ivissenichastlicheu Arbeiten in der Industrie und ijii Versuchsfeld der Technischen Hochschule haben ihir zum anerkannten Führer der jungen Lehre der Betricbswissenschaft 'im In- und Ausland gemacht. Seine Zeitschriftcnartikel und seine Bücher gehören heute zum notwendigsten Handtverkszeug der Bctriebsteute und Organisatoren. Warmes Interesse hat Schlesinger stets für die jüdische Allgemeinheit bewiesen. Tie „C. V. Zeitung", die dem Jubilar einen Aufsatz widmet, erinnert daran, daß Tr. Paul Nathan und Tr. JcnneS Simon, die Führer des Hilssvereins der deutschen Juden, als sie die Idee des Technikums in Haifa gefaßt halten, sich an Schlesinger mit der Bitte ivandten, seine Erfahrungen und Arbeitskraft dem Technikum zur Verfügung zu stellen. Schlesinger unr cs auch, der die ganze Idee des Technikums in Bezug auf Platzausnutzung, auf Einzelheiten des Gebäudes und des Lehrplans inspiriert hat, so daß er mit Recht neben Paul Nathan, Jacob H. Schiff, James, Simon Und Wisotzki als einer der hervorragendsten Träger der Idee der technischen Erziehung des jüdischen Nachivuchses in Palästina gelten muß. Am 15. Juli vereinigten sich Schlesingers ehemaligen Mitarbeiter, Freunde und Schüler, um das 25 jährige Lehrjubiläum in angemessener Weise zu feiern. Berlin. (T r. Fritz B a e r Dozent s ü r j ü d i s ch e G e - s ch i ch t e a n d e r H e b r ä i s ch c u Univcrsit ä t.) Wie die Jta meldet, wurde Tr. Fritz Baer, ein Forscher der spanischen Periode der jüdischen Geschichte, von der Hebräischen Universität in Jerusalem für das kommende Jahr als Dozent für jüdische Geschichte des Mittelalters verpflichtet. Tr. Baer war Mitglied der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und hat sich durch eine Reihe von Schriften über die jüdische Oieschichte der genaniilcn Epoche einen Namen gemacht. Tr. Baer scheidet gleichivohl ans dem Forschungsinstitut der Akademie für die Wissenschaft des Judeulums. deren historischer Sektion er seit 9 Jahren angehört, nicht aus. Er ist im Auftragq der Akademie mit der großen Tvkumcntensamntlung über „Tie Inden nn christlichen Spanien" beschäftigt, deren erster Band Anfang des Jahres erschien. Ter zweite Band wird noch vor der Palästina- Reise Tr. Baers seriiggestellt sein. Ter dritte, enthaltend die zuiammensassende Tarsteilnng, erscheint 1931. Berlin. (W e b n r l s t a g z w e i e r z i v n i st i s ch er F ü h - r e r.) In der vorigen Woche feierten die Zionisten den Geburtstag, von zwei deutschen zionistischen Führern, den 70. Geburtstag Pro sessor Otto WarbnrgS und den «10. Geburtstag von Professor .Heinrich Lowe. Am 20. Juli d. I. vollende! Professor Otto Warburg, früherer Präsident der zionistischen Weltorganisation, seinen 70. Geburtslag. Einer Einiadung der zionistischen Bereinigung und des Keren Hajessoth folgend, hatten sich führende Persönlichkeiten im deutschen Zionismus und einige Paiüstiiiasreunde am Tonnerslag, den 11. Juli, zn einer Borseier bei Kroll eingcfnnocn. Nach verschiedenen Ansprachen ergriff Professor Warburg, der seine wissenschaftliche Arbeit zlvischen Palästina, wo er das gesamte landwirtschaftliche Versuchslvcscn der zionistischen Erekuiive leitet, und Berlin teilt, selbst das Wort, um den Rednern zn danken. Prof. Locivc, der am 10. Juli 60 Jahre alt wurde, hat noch vor Herzl für die Entwicklung und Ansbreittnig der Palästina-Idee in Teuischlan) gearbeitet. Ter modernen zionistischen Bewegung schloß er sich sofort nach deren Begründung an. Seil 22 Jahren i>t Professor Tr. Heinrich Lvcwe Universittiisbibliolhelar in Berlin. Er ist ein führendes Mitglied der Jüdischen Voltspartei, Mitglied der Preußischen LandeSversammlnng jüdischer «Gemeinden und der Repräsentaittciiversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin. Er ist Präsident der Monlefiore Loge und der Soncino Geseilsch.ifl und Redakteur der Mvnumenta Hebraica (Erstdrucke der hebräischen Literatur) in Berlin. Außer einer Reihe von Werten: „Tie Sprache der Inden", „Juden in der katholischen Legende", „Schelme und Narren mit jüdischen Kappen", „Reste vom allen jüdischen Volkshumor", „Jüdische Volksarbeit im Laude Israel", „Judentum und Orientalin" und viele andere Druckschrislcn, war Loeive vielfach Schriftleiter bei verschiedenen Zeilschristen, so 18!» l bis 1895 „Jüdische Valkszeilung", 1895 1896 „Zion", 1902--1923 „Jüdischer Student", von 1902 1 DOS „Tie Jüdische Rundschau" ». a. m. Frauksurt a. M. (Arbeitslos e » n n t e r st ü tz u n g bei Verweigerung von S a b b a t a r b e i!.) Tie Frankfurter Spruchkammer für die Arbeitslosenversicherung hatte dieser Tage, wie die Jüdische Telegraphen Agentur melde:, die prinzipiell wich tigc und aktuelle Frage zu entscheiden, ob einem strenggläubigen Inden die Arbeitslosenuuterstüyning entzogen werden könne, lvcnn er eine ihm zngewiescnc Arbeitsstelle nicht aittrcte, an der er am Sabbat arbeiten müsse. Ter Vorsitzende der Spruchkammer, Regie rungsrat Tr. Langenhagen Wiesbaden, verkündete die endgültige Ent' schcidnng dahin, es sei von dem beklagten Präsidenten des Landesarbeitsamies der Beweis weder erbracht noch angetreten, daß das Arbeitsamt bei der Arbeitsvermittlung ans die religiöse Einstellung, also auf die ideelle Bindung eines größeren Personenkreises gebührend Rücksicht genommen und daß der Arbcitsmarkt eine solche Rücksichtnahme etwa ausgeschlossen hätte. Demgemäß sei gegen den Grundsatz individueller Arbeilsvcrmittlnng verstoßen, eine Arbeit ordnungsmäßig also garnicht vermittelt worden, und cs könne in der Ablehnung der ersten besten Arbeit durch einen strenggläubigcn Judenlvcnn ihm von Vorneherein die ständige Verletzung religiöser Pflichten abverlangt und er tatsächlich in Konflikte gebracht werde, keine unbegründete Arbeitsverweigerung im Sinne des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung erblickt werden. Ter Berufnngsklägcr galt noch als arbeitslos: die Arbcitslosenunter-- stützung konnte ihm nicht entzogen werden. Hamburg. (Ernst C a s s i r c r, Rektor der Universität.) Tie Universität Hamburg wählte zu ihrem Rektor für dieses Jahr Pros. Tr. Ernst Cassircr, den hervorragenden Philosophen und Schüler Hermann Cohens, der sich u. a. auch als der philosophische Ausdeuter der genialen physikalisch-mathematischen Feststellungen Albert Einsteins hervorgetan hat. Ernst Cassircr wurde 1874 in Breslau geboren und (ist seit 1919 Professor in Hamburg. Er schrieb: „Substanzbegrisf und Fuiiktionsbegriss. Untersuchung über die Grundlagen der Erkenntniskritik" (1910); „Tas Erkcnntnisproblcm in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit" (1906—1920); „Kants Leben und Lehre" (1918); „Idee und Gestalt" (1920); „Zur Einsteinschcn Relativitätstheorie. Ericnntnisthcorctische Betrachtungen" (1920), sowie zahlreiche andere philosophische Schriften, in denen er die wissenschaftliche Bedeutung des Marburger Neukantianismus für die Durchleuchtung der StruÜur der Natur- und Geisteswissenschast,

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