Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 29 (17.7.1929)
- Date
- 1929-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Hebung und Erbauung und dieses Ziel sucht er zu erreichen durch Gebete und Gesänge, welche in der Hauptsache von den religiösen Funktionären vermittelt werden. Rabbiner und Borbeter sind also Mittelspersonen, sie üben ihr Amt aus zu dem ausgesprochenen Zweck, eine andächtige Stimmung bei den Betern hervorzurufen. Ob und wie weit es ihnen gelingt, können weniger sie selbst beurteilen als vielmehr der einzelne Beter oder die Gesamtheit der Betenden, die betende Gemeinde, und deshalb sind Fehlschlüsse bei ihnen nicht ausgeschlossen, genau so wie Redner und Sänger auf anderen Gebieten sich über ihre erzielten Eindrücke täuschen können und daher auf das Urteil, auf die Kritik des Publikums angewiesen sind. In ähnlicher Weise müßte sorgfältigst geprüft werden, welche Reaktion der Ritus bei der Gemeinde, bei den Laien auslöst; und diesen, soweit sie Interesse und Verständnis dafür haben, müßte die Möglichkeit gegeben sein, etwaige Bedenken und Einwände auf Grund ihrer Beobachtungen und Erfahrungen zu äußern, aus eigener Initiative Wünsche vorzubringen und Vorschläge zu machen, die dann von den Fachleuten auf Zweckmäßigkeit und Verwendbarkeit zu prüfen wären und, selbst wo sie abgelehnt werden, doch wenigstens einen wertvollen Einblick über die Wirkung und Eindrucksfähigkeit des Ritus gäben. Läßt man eine solche Mitarbeit des Laienelements zu, so wird vielleicht auch manches, was ihm im Gottesdienst nicht recht verständlich und deshalb änderungsbedürftig erscheint, richtig begründet oder aber geändert werden können. Einige Beispiele. Das Kol Nidre wird bekanntlich von judenfeindlicher Seite aufs schärfste angegriffen, weil es angeblich Verzeihung und Vergebung erfleht nicht für Sünden, die bereits begangen worden sind, sondern für solche, die im bevorstehenden Jahr erst begangen werden sollen, weil es gewissermaßen einen Freibrief bilde für alle möglichcn Gemeinheiten und Schlechtigkeiten, die man im neuen Jahr erst zu begehen beabsichtigt. In jüdisch-liberalen Kreisen wurde dieser Vorwurf anscheinend als berechtigt angesehen, denn man hat das Kol Nidre aus der Gebetordnung gestrichen und durch einen deutschen Psalm ersetzt. Ich maße mir 'kein Werturteil über dieses Gebet an, das dem heiligsten Abend des Jahres seinen Namen gegeben hat; ich stehe aber nicht allein, wenn ich behaupte, daß die Streichung ein großer Fehler war, ja daß sie einen Dolchstoß in den Rücken derjenigen Gemeinden bedeutet, die das Gebet beibebalten haben. Schon aus rein taktischen Gründen durfte mcut unseren Feinden einen solchen Triumph nicht znkommen lassen, mußte man selbst den Schein vermeiden, als ob ihre Beschuldigungen berechtigt wären; und unsere Schriftgelehrten hätten in einer Umarbeitung nicht mehr zeitgemäßer Stellen, die sich aus ihrer Entstehung heraus unschwer verstehen und erklären lassen, inhaltlich abändern können, ohne das ganze Gebet streichen oder seine charakteristische Form verletzen zu müssen. Und sollte die Ethik unserer Weisen, die uns immer so sehr gerühmt wird, wirklich gerade beim Kol Nidre versagt haben und Gedanken darin ausgesprochen werden, die zu allen sonstigen Lehren jener Großen im krassesten Widerspruch stehen? Schon aus Pietät sollte man das Kol Nidre in die ihm gebührenden Ehren wieder einsetzen, umso mehr als aus sachkundigen Erklärungen deutlich genug hervorgeht, daß jene Verdächtigungen grund- und haltlos sind. Es ist hier nicht der Platz, weiter darauf einzugehen; ein besonders drastisches Beispiel sollte nur beweisen, daß man in der Streichung mitunter zu weit gegangen ist. Aehnlich verhält es sich mit einem anderen Gebet des Jom Kippur, mit dem Alched. Im Original-Machsor besteht dieses große Sündenbekenntnis aus 44 Versen; davon kann mit Recht ein Teil gestrichen werden, auch in frommen Gemeinden scheint keine Einheitlichkeit darüber zu Gestehen, ob alle oder nur ein Teil oder noch mehr gebetet werden sollen. Im hiesigen Gebetbuch hat man für das stille Schemono etwa 13 Verse beibehalten, die alle, mit dem Wort Alched beginnend, das charakteristische Gepräge des Gebets wenigstens einigermaßen wahren, für das laute Beten ist es auf ganze 4 Zeilen gekürzt, d. h. so gut wie ausgemerzt worden, eine Verschiedenheit, die dem Laien vollkommen unverständlich ist. Gewiß werden s. Z. gewichtige Gründe für jene Strei¬ Gottesdienste - * Berlin-Norden. Berlln-Destend. Berlin.Wilmersdorj. Die Gottesdienste der vorstehenden drei Liberalen Synagogen fallen im Monat Juli aus. Erster Gottesdienst nach den .Ferien. Anfang August. Berlin. Jüdische Reformgemeinde, Johaimisstraße 16. Sonntag, den 21. Juli, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Jelski. chungen mastgebend gewesen sein — vom Standpunkt des Fachmannes, des Theologen aus; ob sie aber auch vom Laien, vom Beter geteilt werden, der die Eigenart des Festtages in jeder Hinsicht gewahrt wissen will, ist eine andere Frage, die ich nicht unbedingt bejahen möchte. Solcher Beispiele ließen sich noch manche bringen, das würde aber zu weit führen und ich will deshalb gleich zum zweiten Punkt, zu den Uebersetzungen, übergehen. Wer etwas Sprachgefühl besitzt, wer für die spezifischen Schönheiten einer Sprache empfänglich ist, wird zugeben, daß die deutsche Uebersetzung unserer Gebete vielfach recht schlecht ist, besonders schlecht dann, wenn ein Dichterling versucht, den wundervollen poetischen Urtext im Reim, Rhythmus oder Metrik nachzuahmen. Ja, wenn wir Juden ein Sprachgenie ä la Martin Luther hätten, der in der Prägnanz des Ausdruckes, in der Kraft der Sprache statt einer Uebersetzung der Bibel beinahe einen neuen Urtext geschaffen hat! Solange dies nicht der Fall ist, erleidet Sammlung und Andacht des Beters oft eine empfindliche Störung durch mißglückte Verkünsteleien und es erscheint darum viel besser, die Uebersetzung, die nun einmal nicht entbehrt werden kann, wortgetreu oder in freier Bearbeitung so schlicht und einfach wie nur möglich zu gestalten. Man lese im hiesigen Gebetbuch die Uebersetzung des Lecho Daudi nach; da werden Gedanken und Empfindungen eines echten Dichters in gekünstelte, schwülstige Verse eingezwängt, die auch nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit den Schönheiten des Urtextes aufweisen. Jede Sprache hat ihre besondere Eigenart, ihre Schönheiten, die auch durch die beste, ausgeklügeltste Uebersetzung nicht erreicht werden, und so wenig man etwa ein deutsches Gedicht von Goethe in eine gleichwertige hebräische Uebersetzung übertragen kann, ebensowenig läßt sich das charakteristische Hebräisch der Psalmen auch nur annähernd in einer noch so guten deutschen Uebersetzung erreichen. Besonders schlimm wird die Sache, wenn die schlechte Uebersetzung, in Prosa oder in Versen, in der Liturgie des öffentlichen Gottesdienstes Verwendung findet. Ich denke hier an den 150. Psalm: im hebräischen Original beginnt jede Strophe mit einem heftigen Hallelujah, auch jede Verszeile fängt mit dem Jubelwort Hallet an, besteht nur aus 1—2 scharf rhythmisierten Worten und endigt im Reim, und der Schluß des Ganzen lautet Tehallel-Joh, gewissermaßen eine Erklärung des Wortes Halleluja, mit welchem der Psalm beginnt und schließt. Wie nüchtern, wie schwerfällig klingt dagegen die deutsche Uebersetzung dieses mächtigen Lobgesanges, dessen dichterischer Schwung und jubelnde Begeisterung zu vokalinstrumentaler Vertonung geradezu herausfordert. Ein solche in Form und Inhalt gleich gewaltige Poesie ist eben durch keine Uebersetzung zu erreichen; sie sollte deshalb nur im Urtext Verwendung finden. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Moaus Zur. Die Melodie dieses Chanukah-Festgesanges ist eine der schönsten, volkstümlichsten aller Synagogengesänge, und obwohl sie gar nichts spezifisch Jüdisches an sich hat, ist sie im Lauf der Jahrhunderte ein Weltenlied geworden, das überall eÄönt, wo Juden Lichter entzünden; Melodie und Text, Rhythmus und Reim bilden eine herrliche, untrennbare Einheit. In einem unbegreiflichen Uebermaß von Uebersetzungssucht wurde der hebräische Text abgesetzt und dafür eine klägliche, erkünstelte Verdeutschung eingeführt, und davon ließ man ganze STOtiWERa^ f 0 iDohlfchmeckcncL, Tia.hrha ft. 2 Strophen singen, noch dazu jede geteilt zwischen Vorbeter und Chor — eine große Enttäuschung für viele erwachsene Synagogenbesucher, die sich auf die altvertrauten Weisen und Worte freuten, aber auch eine Enttäuschung für die ' Kinder, die in Schule uird Haus auf das Moaus Zur vorbereitet worden waren und nun statt dessen einen kümmerlichen Abklatsch zu hören bekamen. Die begründete Anregung eines 'S a t e n beim Rabbinat hat genügt, um Wandel zu schaffen und seit einigen Jahren wird nicht mehr wie Jahrzehnte lang vorher die schlechte deutsche Uebersetzung, sondern der hebräische Originaltext gesungen, nicht zur Minderung, sondern zur Hebung der Festesstimmung. Noch ein Beispiel: btc Keduscha, die „Heiligung" im Nella-Gebet des Jom Kippur. Es gibt kaum eine größere Stilwidrigkeit, als wenn hier die Einheitlichkeit der fenerftdieu hebräisch eie Schemone Esra gestört und unterbrochen wird durch die ganz unmotivierte und unerwartet yerembrechende deutsche Uebersetzung, noch dazu fast ausschließlich rm Vortrag des Vorbcters, während die Responsen vom Chor hebräisch gesungen werden. Rein musikalisch betrachtet, handelt es sich um eine ausgezeichnete Komposition und der Musik, nicht dem deutschen Text ist es zu verdanken, wenn eine gehobene, andächtige Stimmung erzielt wird. Zweifellos aber würde btc gleiche Wirkung erreicht werden, wenn man mit der nämlichen Musik alles im hebräischen Originaltext singen würde, nicht in einer Uebersetzung, deren Schwäche und Gesuchtheit schon daraus hervorgeht, daß der Dichterling zu Fremdwörtern seine Zuflucht nehmen mußte. Warum hat man denn solche Uebersetzungen, die so ganz fehl am Ort erscheinen, in den Gottesdienst eingeführt? Glaubte man wirklich, daß auch nur ein einziger Mensch mehr oder öfter in die Synagoge kommt, wenn ihm Teile des Gottesdienstes deutsch statt hebräisch vorgesetzt werden? Wäre dies der Fall, so müßte die Reformsvnagoge in Berlin, in der fast nur deutsch gebetet wird und oas Hebräische auf einige wenige Stellen beschränkt bleibt, stets überfüllt sein; nach einer mir von eingeweihter Seite gewordenen Mitteilung wird aber dort genau so über schlechten Besuch geklagt wie in den liberalen Synagogen, der sprechendste-Beweis dafür, daß die Uebersetzung oer Gebest absolut keine Zugkraft ausübt. Oder kommt in die katholische Kirche, in deren Gottesdienst das Lateinische ungefähr die gleiche Rolle und Stelle einnimmt wie das Hebräische in der Synagoge, auch nur ein einziger Beter weniger, weit fast nur lateinisch gebetet wird und er den lateinischen Text nicht versteht? Wobei noch zu bedenken ist, daß sicherlich mehr Juden wenigstens etwas Hebräisch verstehen als Katholiken Lateinisch. Nein, wenn der Gottesdienst sonst erhebend und feierlich ausgestaltet ist, dann kommt es gar nicht so sehr daraus an, in welcher Sprache er stattsindet; selbstverständlich muß eine gute deutsch« Uebersetzung beigegeben sein, ob sie. aber benützt wird oder nicht, bleibe dem Beter selbst überlassen. Jedenfalls bedeutete es einen Versuch mit untauglichen Mitteln, der sich durch die 'tägliche Erfahrung als verfehlt erweist, wenn man glaubte, durch vielfache Verwendung deutscher Uebersetzungen den Gottesdienst für die große Masse anziehender zu gestalten. polnischen Juden sonst kennenaelernt haben, wenn nicht auf der Messe? In der Tat passen alle Einzelheiten zum Typus der Meßjuden aus dem Osten. „Sein grauer Bart und sein langer polnischer Pelz gaben ihm ein recht ehrwürdiges Aussehen." In der Nähe von Tobolsk, wo er -als russischer Kriegsgefangener auf.Zobel ausgehen muß, lernt ihn der schwedische Graf kennen. Er rettet hier den Juden aus dem Schnee, in dem er, mit dem Pferd hineingesallen, fast schon erfroren war. Der Jude scheint also Pelzhändler zu sein. Er hat seine Heimat in Polen und kommt nach Sibirien nur um seines Geschäftes willen. Ebenso reisen mehrere Moskauer Juden nach Tobolsk. Andre Juden haben dort ihren ständigen Wohnsitz und dienen den polnisch-russischen Juden als Korrespondenten. Anderseits reist der polnische Jude auch in Geschäften nach Livland, Dänemark und Amsterdam. Wie von den weitausgreifenden internationalen Beziehungen, so hat Gellert auch von der geschäftlichen Tätigkeit dieser Juden eine klare Vorstellung. Neben denen, die von Moskau und Polen nach Sibirien reisen, um dort an Ort und Stelle Pelze einzukaufen, dje sie dann wahrscheinlich bis nach Holland bringen, steht der jüdische Juwelenhändler und vor allem der jüdische Geldmann. Bei den Juden deponiert der Gras in Tobolsk sein Geld, sie geben ihm Anweisungen auf andre Juden. Diese wieder warnen ihn, bei den unsicheren Wegverhältnissen das bare Geld mit nach Moskau zu nehmen, und geben ihm statt dessen Wechsel auf einen dortigen Juden. Dieser ist unglücklicherweise im entscheidenden Augenblick nicht zahlungsfähig. Mer seine Mitbrüder versichern, daß sie in einem Jahr für ihn zahlen werden. _ . Im übrigen ist der Jude der Mann, der alles macht; eme Abreise organisiert, Verbindung mit andern Städten herstellt, Briefe überbringt, Nachrichten sammelt. Natürlich sind diese Juden vermögend. Mit ihrem Geld arbeiten sie bei den russischen Beamten, genießen sie Ansehen beim Gouverneur. Zu diesen realistischen Zügen kommt nun die Idealisierung durch Gellert. Namentlich die führende Gestalt unter diesen polnischen -^uden ist ein Vorläufer Nathans des Weisen. Seine Dankbarkeit gegen den Lebensretter kennt keine Grenzen. Mit seinem Geld und seiner Menschenkenntnis verschafft er dem Grafen beim Gouverneur eine gute Stellung und manche Erleichterung. Er besucht ihn regelmäßig, bringt ihm warme und neue Kleidung, schenkt ihm Geld, sorgt auch für seine Freunde, erreicht insbesondere durch Bestechung die Vereinigung des Grafen mit seinem Freunde Steeley. Zuletzt sucht er in ganz Livland und Dänemark seine Gemahlin. Er findet schließlich in Amsterdam Graf und Gräfin schon vereinigt und verlebt mit ihnen ein paar Tage gemeinsamer Rührung. Beim Abschied schenkt er ihrer Tochter ein in der Bank von Amsterdam liegendes Kapital von 10000 Taler. Aehnlich hilfsbereit sind die andern Juden. Immer wieder gerühmt wird die Ehrlichkeit der Juden. Sie behalten nicht einen Groschen von dem anvertrauten Geld. Die Frau des Gouverneurs meint, der Graf werde vom Juden wohl wenigstens die Hälfte des Wertes der Juwelen erhalten. Aber nein, dieser bringt den ganzen Betrag und lehnt jede Vergütung ab. Gellert würde an seinem Juden keine Freude haben, wenn er nicht auch noch ein Muster an Frömmigkeit wäre. Wenn die Sonne untergeht, schleicht er sich für eine halbe Stunde in sein Zimmer. Um die Ursache befragt, wendet er allerhand kleine Verrichtungen vor, bis man ihn endlich einmal überrascht und auf den Knien betend findet. „Sein Herz war wirllich seiner ehrlichen und einfältigen Miene gleich, und seine Sitten gefielen durch sein Herz." Kein Wunder, daß für diese Juden jeglicher Mann begeistert ist. „R... begleitete den Alten etliche Meilen und konnte gar nicht aufhören, seinen uneigennützigen' und großen Charakter zu bewundern. Unter allen Merkmalen der Freundschaft, die wir ihm erwiesen, rührte ihn nichts so sehr als dieses, daß ihn der Graf abmalen und das Bild in seine Studierstube setzen ließ." Gellert weiß, daß dieses Urteil weder allgemein geteilt wird, noch den ersten Eindruck im Geschäftsbetrieb auf dem Brühl im 18. Jahrhundert für sich hat: „Dieser Mann ist auf die edelste Art dankbar gewesen und hat mir bewiesen, daß es auch unter dem Volke gute Herzen gibt, das sie am wenigsten zu haben scheint." Mer Gellert sieht die Schuld bei den Christen: „Der rechtschaffne Mann! Vielleicht würden viel von diesem Volke beßre Herzen haben/wenn wir sie nicht durch Verachtung und listige Gewalttätigkeit noch mehr niederträchtig und betrügerisch in ihren Handlungen machten und sie nicht oft durch unsre Aufführung nötigten, unsre Religion zu hassen." Diese Gellertschen Judengestalten hellen ein wenig die in den Akten verschwiegene imponderabile Seite der Meßjudenrage auf. Sie bestätigen es, daß dem Leipziger Durchchnittsbürger um 1750 der östliche Meßjude eine sehr bekannte, aber verächtliche Figur war. Daß man ihm schmutzigen Charakter und Haß gegen das Christentum zutraute. Aber eben in diesen Jahren entdeckt der fortschrittliche Teil der Leipziger Bevölkerung den Menschen im Juden. Gellert ist keine selbständige Natur. Er steht mit seinen Anschauungen gewiß nicht allein. Durch ihn reden die Kreise, die durch die moralischen Wochenschriften und Richardson, durch Gottsched und die Bremer Beiträger zu höheren geistigen und sittlichen Ansprüchen erweckt worden sind. Umgekehrt muß ein Roman, der vom Publikum so verschlungen wird, wie wir das von der Schwedischen Gräfin wrssen, die judenfreundliche Stimmung außerordentlich verstärken, ganz besonders in dem Leipzig, das Gellert vergöttert. Dann ist es vielleicht doch kein Zufall und auch nicht bloße Ermattung, wenn von den grundsätzlichen Angriffen auf die Juden durch Kaufleute, Rat und demgemäß Stände von jetzt an wenigstens die Meßjuden verschont bleiben. Und es dürste erst recht nicht bloßer Zufall sein, daß in demselben Jahr 1747 der Berichterstatter der Commerciendeputation, wenn auch mit. rein fiskalischen und volkswirtschaftlichen Gründen, doch für die Menschenwürde der polnischen Meßjuden eitttritt und daß der Kurfürst nur ein Jahr später den .gewiß oft recht unglimpflichen Zollbeamten befiehlt, die reisenden Juden mit allem Glimpf zu behandeln, und 1753 ihnen verbietet, von den reisenden Juden Discretiones zu fordern oder anzunehmen. In der Einführung sympathischer Juden ist Gellert allerdings abhängig von Richardsons etwa 1740 erschienener Pamela, deren (Änfluß auf seine Gräfin auch sonst seststeht. Doch ist darum nichts von dem oben Behaupteten zurückzunehmen. Die Juden in der Pamela sind doch sehr nebensächlich und farblos. Erst Gellert läßt auf seine Juden grellstes Licht fallen und gibt ihnen die konkreten ostjüdischen Züge.