Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 29 (17.7.1929)
- Date
- 1929-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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flüssig sein. Und wäre sie das (Gegenteil, unheilbar verfehlt und verderbt, so wäre alles Mühen umsonst. Ta es aber eine geschichtliche Arbeit und Entwicklung gibt, so folgt, daß sie weder das eine noch das andere sein kann, daß also auch hier die Wahrheit zwischen den Extremen liegt. Und wenn wir so denken, wenn wir das Leben selber so anschauen wie Josua und Kaleb das heilige Land, mehr das Schöne und Gute ins Auge fassend, und alles Schlechte und Schlimme wie Plato die Materie als ein Möon, als ein „Nichtseiendes", Nichtiges betrachten, oder wie A u g u ft i n als eine bloße Negation und Privation, w e n n w i r m e h r ins Auge fassen, was wir zu leisten als was wir zu leiden haben, dann werden wir gleich jenen beiden Männern aller pessimistischen Hemmungen und aller wirklichen Schwierigkeiten Herr werden und ans Ziel gelangen. „Wir werden hinaufziehen und das Land einnehmen, denn wir vermögen es", das Land der Verheißung, der Zukunft, d. h. auf unsere eigenen Verhältnisse, auf unsere ganze noch immer und noch lange so schwer auf uns lastende Nachkriegszeit angewandt: wir werden trotz allem u n d a l l e m aus den Trümmern einer erschütterten und zerschlagenen' Welt und Weltordnung eine neue und eine bessere erbauen! Eine wichtige Verfügung über den Religionsunterricht in Preußen Turch die Jüdische Telegrrphen-Agentur wird folgende für die Teilnahme der Schüler am jüdischen Religionsunterricht wichtige Verfügung des preußischen Kultusministers bekanntgegeben: „Ich genehmige, daß den zuständigen Superintendenten (Kirchenpröbsten, Dekanen, oder den entsprechenden kirchlichen Stellen), Dechanten (Erzpriestern und den entsprechenden Vertretern der jüdischen Religionsgesellschaften von den zuständigen Schulräten oder — soweit höhere Lehranstalten in Betracht kommen — von den Direktoren zu Beginn des Schuljahres nach den einzelnen Schulen geordnete Verzeichnisse jener evangelischen, katholischen oder jüdischen Schüler übermittelt werden, die mit regelmäßigem Religionsunterricht nicht versorgt werden oder nicht versorgt werden können. Dabei sind aber diejenigen Schüler wegzulassen, die aus Antrag vom Religionsunterricht befreit sind oder infolge ausdrücklicher Willenserklärung den Reicsions unterricht eines anderen Bekenntnisses besuchen. Konflikt zwischen dem Landesverband und der Kölner Gemeinde Ter Landesverband preußischer Synagogengemeinden hat dem Kölner Lehrerseminar die Subvention von 15 WO NM. für das Jahr 1929 entzogen, dagegen der Würzburger Anstalt einen Gesamtbetrag von 26 000 RM. bewilligt (20 000 NM. Beitrag und 6000 RM. für Stipendien). Tie Kölner . Mitglieder dev Rates vermochten trotz nachdrücklicher Fürsprache den Verband nicht zu bewegen, die Streichung rückgängig zu machen. Ebenso erfolglos blieben die Eingaben des Kölner Gemeindevorstandes sowie eine scharfe Entlchließung der Kölner Repräsentanz, die dem Verband übermittelt wurde. D'e Spannung, die sich bereits zu entwickeln begann, als der Landesverband es ablehnte, d'e Jsop aus reichend mitsinanzieren zu helfen, hat sich infolge d'eser Vorgänge erheblich verschärft, und wenn nicht bald eine Konsliktlösung gefunden wird, die Köln zusriedenstellt, müssen bedenkliche Verwicklungen befürchtet werden. Vor zwei Wochen hat sich die Kölner Repräsentanz in geheimer Sitzung mit den Vorkommnissen besaßt, und auf Antrag des Vorstandes beriet sie am vergangmen Donnerstag erneut über die Haltung, die Köln dem Landesverband gegenüber einzunehmen hätte, und zwar in öffentlicher Sitzung. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Justizrat Boden heim er, gab die Erklärung ab, die Gemeindeverwaltung erkenne die Bedeutung und Existenznotwendigkeit deF Kölner Seminars durchaus an; sie sei aber der Auffassung, nicht die Gemeinde Köln, sondern die Gesamtheit der deutschen Juden habe den Fortbestand dieser allen Sachsen und die Juden im Spiegel der Wissenschaft Von jeher ist Sachsen kein den Juden günstiges Land gewesen und in Wechselwirkung hiermit eine Brutstätte, ein Wetterwinkel antisemitischer Bestrebungen geblieben; die kürzlich stattgesundenen Landtagswahlen haben es erneut bewiesen. Daher auch die Schwierigkeiten für Juden, sich in Sachsen anzusiedeln und als letzte Konsequenz ihre im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung dieses dichtbesiedelten Landes geringe Zahl. Streiflichter auf die Uranfänge jüdischer Einwanderung und Seßhaftmachung in Sachsen wirft eine sehr fleißige, von entschiedener Objektivität erfüllte Doktorarbeit, die den Sohn eines bekannten Dresdner Theologen Fritz Költzsch zum Verfasser hat und mit dankenswerter Unterstützung der Dresdner Gemeinde und des Sächsischen Israelitischen Gemeind everbandes erschienen ist. Wie aus der Einleitung hervorgeht, liegt der Nachdruck im Titel „K u r s a ch s e n und die Juden in der Zeit Brühls" nicht auf den Juden, sondern auf dem Grafen Brühl, der als Leiter der Politik unter August dem Starken tolerant und weitblickend genug war, sich der Juden nach Maßgäbe ihrer wohl erkannten kaufmännischen und diplomatischen Fähigkeiten zu bedienen. Und darauf allein kam es Költzsch an: die Stellung Brühls (und der damaligen Regierung) zu den einzelnen Konfessionen, zu Herrnhutern, Reformierten, Katholiken und — last not least — Juden zu untersuchen. Aeußerst gründlich dabei zu Werke gehend und wohl unbewußt einen wichtigen Beitrag zur Psychologie des wirtschaftlichen Antisemitismus liefert), schildert er in mit gelehrten Anmerkungen gespickter Darstellung die wechselvollen Schicksale ganzer Familien, macht er, seiner: Stoff gut gliedernd, mit den wesentlichen jüdischen Typen von damals, dem Meß-, Münz-, Hof- und Betteljuden bekannt, schildert'er die den Juden mit der Zeit drohenden Gefahren, abgewendet durch Brühls sogen. Judenmandat von 1746, um schließlich noch der jüdischen Friedhofangelegenheiten in Dresden und Leipzig, welche damals auch eine ganz eigene Sache waren, gckührend zu gedenken. Költzsch hat, obwohl er nur eine nachträglich erweiterte Teilarbeit vorlegt, allerhand aus dem Stoffe herausgeholt, hat Akten gewälzt und Bücher nachgeschlrgen. Nicht durchweg Neues bietend — einer steht ja bei solchen wissenschaftlichen Schatzgräbereien immer auf den Schultern des anderen zugute kommenden Einrichtung zu sichern. Infolgedessen sei der Landesverband als Vertreterin der preußischen Judenheit verpflichtet, die Subvention zu gewähren. Mit erhobener Stimme zieh Boden hei in er ben Landesverband des M angels a n Verantwortlichk e i t s g e f ü h l. Seine Darlegungen ergänzte mit bemerkenswerter Schärfe ein anderes Mitglied des Vorstandes, Tr. Lissauer. Er schilderte den Verlauf der Verhandlungen zwischen Landesverband und Gemeindeverwaltung und bezeichnte die letzte Antwort aus Berlin als eine starke Brüskier un g K ö l n s und als einen Schlag insGesicht der Gemeinde, den man nicht hinnchmen dürfe. Tie lebhafte Aussprache endigte mit der Annahme eines Antrages des Repräsentanten Nathan Kahn, durch den der Vorstand ermächtigt wurde, mit dem Landesverband weiter zu verhandeln, von dem Pflichtbeitrag von 38000 RM. zunächst nur 23 000 RM. nach Berlin abzuführen, und den Restbetrag von 15000 RM. erst dann zu zahlen, wenn der Landesverband den Wünschen Kölns in zufriedenstellendem Maße entsprochen habe. Tiefer Beschluß wurde einstimmig gefaßt. Anmerkung der Redaktion: Wir geben die vorstehende Meldung, die uns aus Kreisen der Kölner Gemeinde zugeht, wieder, ohne uns die darini enthaltenen Ansichten zu eigen zu machen. Von einer Kritik der sachlichen Seite des Streites sei in diesem Stadium des Konfliktes abgesehen. Sie wird erfolgen, wenn sich, der Landesverband in der Oesfentlichkeit geäußert haben wird. Dabei bleibt unsere grundsätzliche Stellung zu dem Bestreben, das Kölner Seminar weiter zu erhalten, unverändert. Tie Anstalt muß verschwinden, weil sie nach der Neuordnung der Lehrerbildung in Preußen in ihrem Aufbau und in ihrer Bildungstendenz veraltet ist und weil es einen überflüssigen Luxus darstellt, wenn im Deutschen Reiche mehr als eine liberale und eine konservative Lehrerbildungsanstalt besteht. Gegenüber dieser Auffassung muß die Frage, ob die Art und Weise, in der der Landesverband mit einer der größten preußischen Synagogengemeinden zu verhandeln pflegt, der Bedeutung dieser Gemeinde angemessen erscheint, in den Hintergrund treten. Hier sind offensichtlich Fehler auf beiden Seiten vorgekommen. Das jetzige Verfahren der Kölner Gemeinde, einen Teil der Pflichtbeiträge zurückzubehalten, dürste kaum geeignet sein, die vorhandene Spannung zu lösen. Ist der moderne jüdisch-liberale Gottesdienst einer Verbesserung bedürftig und fähig? Bon San.-Rat Dr. Ignaz Steinhardt in Nürnberg. Wir veröffentlichen den nachfolgenden Aussatz, ohne uns die darin enthaltenen Gedankengänge und insbe sondere die einzelnen Borschlüge zu eigen zu machen. Ter Verfasser legt Wert daraus, das; der Artikel bereits fertiggestellt war, als der Aufsatz von Rabbiner Dr. Seliginann über das neue Einheitsgebetbuch in der Indisch liberalen Zeitung (Nr. 1l, Jahrgang 1929) erschien. Tie Red. Seit Jahren, hat sich mir an Sabbaten und hohen Feiertagen aus den in der Synagoge gewonnenen Eindrücken immer wieder die Frage ausgedrängt, ob der moderne Gottesdienst allen Anforderungen, die an ihn gestellt werde»; dürfen, gerecht wird oder ob er änderungsbedürftig und änderungsfähig ist. Die Frage auswerfen, heißt schon, sie bejahen. Ich will versuchen, diese Bejahung vom Standpunkt des Laien aus zu begründen, und wenn dabei in der Hauptsache nur von den mir bekannten und vertrauten Nürnberger Verhältnissen die Rede ist, so dürfte das zu Sagende auch für andere liberale Großgemeinden gelten, in welchen, mit mehr oder weniger bedeutenden örtlichen Verschiedenheiten, die Dinge wohl ähnlich liegen. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als die Juden mit dem Recht der Freizügigkeit die Möglichkeit erhielten, sich überall niederzulassen, wuchsen die heutigen Großgemeinden in kurzer Zeit beträchtlich an, der Wohlstand hob sich, und es ist verständlich, daß sich mancherorts der Wunsch regte, sowohl ein Gotteshaus zu besitzen, das der Zunahme an Zahl und Vermögen entspräche, als auch den Gottesdienst so auszugestalten, daß er den Ansprüchen einer verfeinerten Kultur, einem gehobenen Bildungsniveau genügte. So wurden hier in Nürnberg mit dem Bezug des neuen Gotteshauses 1874 auch grundlegende Aenderungen im Gottesdienst eingeführt; manches Gebet wurde gestrichen, das man nicht mehr für zeitgemäß hielt oder das durch Wiederholungen unerwünschte Verlängerung des Gottesdienstes bedeutete; anstelle des den meisten nicht verständlichen Hebräischen setzte man vielfach die deutsche Muttersprache; und der Musik, sowohl der Orgel wie dem Gesang, wurde ein sehr weites Feld eingeräumt. Heute müssen wir sagen, daß man bei dieser Ausgestaltung des liberalen Ritus nicht selten zu weit gegangen ist, zu viel des Guten getan hat oder tun wollte, daß dabei Fehlgriffe gemacht wurden, und daß im Laufe der Zeit Mängel — ich gebrauche das Wort von Rabbiner Dr. Ziemlich in der Vorrede zur 2. Auflage des hiesigen Gebetbuches — zutage getreten sind, die sich allmählich immer stärker auswirkten und Abhilfe forderten. Mit dieser Feststellung sollen selbstverständlich die Verdienste der damals führenden Männer um nichts verkürzt werden; andere Zeiten verlangen eben andere Formen und es liegt in der menschlichen Natur begründet, daß, wenn radikale Neuerungen in politischen oder religiösen, in wissenschaftlichen oder künstlerischen Fragen einsetzen, man leicht über das Ziel hinausschießt und in ein Extrem verfällt, das lange Zeit maßgebend bleibt, bis sich erst allmählich die Einsicht durchsetzt, daß das Pendel zu weit nach der einen Seite ausgeschlagen hat und deshalb nunmehr zwar nicht gleich nach der entgegengesetzten Richtung zurückzuschnellen braucht, aber sich doch einer gewissen mittleren Linie nähern muß. Tie Erkenntlris einer solchen Aenderungsbedürftigkeit unseres Gottesdienstes greift auch in Laienkreisen immer weiter um sich, wie sowohl aus gelegentlichen Aufsätzen in der jüdischen. Presse als auch aus Unterhaltungen mit interessierten Persönlichkeiten deutlich hervorgeht. Wir wollen suchest und dabei in der weiteren Erörterung die Richtigkeit dieser Erkenntnis prüfen, von der eben angedeuteten Dreiteilung ausgehen und 1. von der Auswahl der Gebete, 2. von der deutschen lieber setzung und 3. von der Musik im liberalen Gottesdienst sprechen, immer vom Standpunkt des Laien aus. Was die Auswahl der Gebete anlangt,, sowohl Streichungen als auch Neuaufnahmen, so haben die f. Z. mit der Ausarbeitung des neuen Gebetbuches betrauten Männer im allgemeinen das Richtige getroffen; ihre Schriftgelehrtheit, ihre Fachkenntnisse, ihr Beruf ließen das ja ohne weiteres erwarten. Freilich durften sie einen sehr wichtigen Punkt nicht übersehen: die Einstellung der gottesdienstlichen Funktionäre, des Rabbiners und des Vorbeters, zu den verschiedenen Gebeten ist eine andere als die des einzelnen Beters aus der Gemeinde, und der betende Laie steht diesen häufig mit ganz anderen Empfindungen gegenüber als der amtierende Fachgelehrte. Dieser sieht alles mit den Augen des Kenners, manches vielleicht auch mit dem Lächeln des Auguren, und hört u»rd liest vieles heraus, was jenem verborgen bleibt; jener dagegen läßt nur sein natürliches, naives Empfinden sprechen, das nicht durch wissenschaftliche Erwägungen beeinflußt, nicht durch Sachkenntnis getrübt ist. So erklärt es sich, daß der Geistliche in einer anregenden Schrifterklärung, in einer geistvollen Predigt oft ausgeht von einem Gebet oder Psalm oder Bibelvers, von einem darin enthaltenen Satz, von einer Redewendung, von einem Wort, die chm wegen der prachtvollen Sprache oder wegen des tiefgründigen Inhalts oder gar wegen des hohen sittlichen Ethos als besonders geeignet erscheinen, während der betende Laie ganz achtlos an ihnen vorübergeht. Umgekehrt aber machen zuweilen Gebete einen ungemein tiefen Eindruck auf den Einzelnen, die im öffentlichen Gottesdienst etwas nebensächlich behandelt werden, z. B. das Haschkivenu, das meines Wissens nur an den Vorabenden der höchsten Feiertage feierlich laut gebetet wird, am gewöhnlichen Freitagabend dagegen leise, und das doch von vielen zu den persönlichsten und eindrucksvollsten Gebeten gezählt wird, die es überhaupt gibt. Wie ist eine solche Verschiedenheit in der Bewertung zu erklären? Der Gottesdienst hat als Ziel religiöse Er- — bringt er u. a. Emil Lehmann als Schriftsteller zu Ehren, und zwar in Verbindung mit dessen Vorfahren Berend L. aus Dessau, der der Stammvater der Dresdner Gemeinde geworden ist. , Allgemeines Interesse darf die für einen Nichtjuden überraschend treffsichere Beurteilung der Strömungen beanspruchen, die — auch in Sachsen — nach vielen Zwischenfällen endlich eine gewisse Wertschätzung und Besserstellung des jüdischen Menschen hervorgebracht haben. Költzsch sagt da (wörtlich, aber abgekürzt wiedergegeben): „Das 18. Jahrhundert ist die Zeit vor Sonnenaufgang. Ich sehe drei Entwicklungen, in denen sich die Emanzipation ankündigt. Erstens verbreiten sich die Juden jetzt auch über die Gebiete, von denen sie bisher ausgeschlossen waren. Zweitens spinnen sich schüchtern erste Unterhaltungen xiber die Mauer hinweg an zwischen Judentum und christlicher Gesellschaft. Die großen jüdischen Geschäftsleute, die fast Finanzminister ihrer Schuldnerstaaten werden, können .gesellschaftlich nicht verachtet und geächtet bleiben und auch sie selber geben und fühlen sich nicht als 'Fremdlinge. Ebenso wichtig oder wichtiger ist, daß hier und da schon ein jüdischer Rabbiner über die talmudische Welt hinausschaut und mit vorbereitet, was sich in Mendelssohn vollendet. Und drittens fängt die Stimmung der Oesfentlichkeit cyn, umzuschlagen. Der verachtungsvolle Haß, in dem sich religiöse und wirtschaftliche Motive, sittliche und teilweise auch verständliche Entrüstung und blanker Egoismus zu einem außerordentlich soliden Geflecht verbinden, herrscht wohl noch in den breiten konservativen Schichten des Bürgertums. Aber Minister und Kavaliere, Studenten und junge Literaten machen sich von ihm frei und entdecken im Juden den Menschen. Von allen diesen Entwicklungen findet sich etwas auch in Sachsen. Es soll die Bedeutung Sachsens in dieser Beziehung nicht überschätzt werden. Was sind seine Hunderte gegen die Tausende Böhmens, die Zehntausende Polens! Auch cm. geistiger, innerjüdischer Bedeutung kann Sachsens Judenschaft mit der von Amsterdam oder Franksurt, Böhmen oder gar Polen nicht von ferne konkurrieren. Aber Sachsen hat die Leipziger Messe. Das bedeutet, daß ein sehr wichtiger Teil des jüdischen Gesamtlebens sich in seinen Grenzen abspielt, denn die Leipziger Messen sind zu dieser Zeit eine Art Passah, große Treff- und Austauschgelegenheit der Juden. Das bedeutet weiter, daß es die sächsischen Fürsten und Minister sehr bequem haben, mit den kapitalkräftigen Juden Verbindung anzuknüpfen. Aber auch auf seiner Seite hat das Sachsen dieser Zeit zwei Elemente, die zu einer neuen Bewertung des Judentums angelegt sind. Das eine ist der Hof und das K ab inet. Mag manchen dieser Höflinge nur Geldnot und Luxusbedürfnis zum Kunden dieser jüdischen Bankiers und Juweliere machen: bei August dem Starken und bei Brühl ist es das nicht allein. Sie stehen in einem gefühlsmäßigen Gegensatz zu den konservativen Führerschichten Altsachsens. Sie möchten — um ihre Politik einmal von der besten Seite darzustellen — kaufmännischen Geist in die Staatsverwaltung bringen, wie man heute sagen würde. Sie heißen die Juden wohl schon als einen Sauerteig für das Geschäftsleben des Landes willkommen. Das zweite dieser Elemente ist das junge Leipzig. Im Leipzig dieser Zeit wird Literatur- und Geistesgeschichte gemacht. Daß ein Leipziger (Gellert) als (soviel ich weiß) erster deutscher Dichter dem Juden Menschenrechte verleiht, noch zwei Jahre vor dem Jräenlustspiel des Berliners Lessing (der Äer auch aus Leipzig kommt), ist kein Zufall. So führt das Thema „Sachsen und die Juden" nicht in eine tote Seitengasse, sondern auf eine belebte Hauptstraße der Weltgeschichte des 18. Jahrhunderts." Dr. Richard Elb. Im Anschluß an diese Charakterisierung des Költzschen Buches, das für 5 Mark beim Israelitischen Gemeindeamt Dresden zu haben ist, folge noch ein das über Gellert Gesagte literarisch näher beleuchtendes Kapitel. Gellert und die Ostjuden auf der Messe Von Dr. Fritz Költzsch. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hält der Leipziger Meßjude, uiü> zwar besonders der östliche, seinen Einzug in die deutsche Literatur. 1747 erscheint Christian Fürchtegott Gellerts Roman „Leben der schwedischen Gräfin in G..." in zwei Teilen. Im zweiten Teil spielt ein polnischer Jude eine sehr wichtige und günstige Rolle, zusammen mit seinen Stammesgenossen. Zwar fällt kein Wort von Leipzig und der Messe. Aber wo sollte denn Gellert, der aus Sachsen kaum herausgekommen ist und 1747 seit 7 Jahren in Leipzig lebt, die