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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-07-17 · 29 (17.7.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
29 (17.7.1929)
Date
1929-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IMchMeraleZeilmg Organ -er Vereinigung für das liberale Iudentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ffijährkch M. 2.50 «ivzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung L Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitglledsbeitrage enthalten, »eraulwortl. Redakteur: Bruno Moyda. Oie „Jüdisch-liberale Zeitungerschein! jede« Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin Sw 4». wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin Rw 7. 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene RonoarMezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezelle 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Iüdisch-liberale Zeitung" Inferatenabteilung: Berlin SW 48. Wilhelmstrahe 147 (Bergmann: 3358-59), sowie fämtl. Annoncen-Expeditiou. Ar. 29 Berlin. 17. Juli 1929 9. Jahrgang Wmlsmus und Pessimismus Von Dr. Jener Ttzora-Abschnitt, der in der letzten Nummer des jüdischen Gemeindeblattes zum Abdruck gebracht ist — was wir übrigens als eine wertvolle Neuerung und Bereicherung dankbar begrüßen —, erzählt uns von der Aussendung der 12 Kundschafter in das heilige Land. Diese Männer, deren jeder einem der 12 Stämme angehörte, und zwar als „Nassi", d.. h. als Fürst und Oberhaupt, und darunter sich auch Josua vom Stamme Ephraim und Kaleb vom Stamme Juda befanden, sollten Land und Leute erkunden und dann dem Polke Bericht erstatten sowohl über die Beschaffenheit des Erdbodens, ob er fett und fruchtbar oder dstrr und dürftig, als auch über die Geartung der Bewohner, ob sie stark oder schwach, gering oder zahlreich. Und als sie wieder zu Mose, der sie ausgesandt, heimkehren, wie verschieden fällt da ihr Bericht aus! Während zehn der Kundschafter das Land schildern als ein solches, das seine Bewohner förmlich frißt, sind Josua und Kaleb der Zuversicht: „Unsere Speise ist das Land samt seinen Bewohnern", während jene verzagt ausrufen: „Wir können nicht gegen dieses Volk zu Felde ziehen, denn es ist stärker als wir", spricht Kaleb die siegesgewisse Hoffnung aus: „Wir werden hinaufziehen und das Land einnehmen, denn wir vermögen es." So verschieden, ja so entgegengesetzt lauten die Berichte der ausgesandten Männer über ein und denselben Gegenstand. Wir könnten, wenn wir dies ins Allgemeine wenden, sagen: Die zehn Kundschafter verkörpern uns hier den Pessimismus, Josua und Kaleb dagegen den Optimismus. Das sind zwei uralte Gegensätze in der Anschauung und Auffassungsweise der Menschen, die nicht nur in der Religion, sondern vor allem auch in dem realen Leben seW eine wichtige und bedeutsame Rolle spielen. Die eine malt alles grau in grau, faßt mit Vorliebe die Schattenseiten des menschlichen Lebens ins Auge: das Leid Und das Laster, bis sie zu einer unbedingten Verneinung und Verwerfung gelangt, zu jenem Standpunkt, dem die bekannte Behauptung Hegels, daß alles Seiende vernünftig sei, wie ein Hohn klingt, zu jener Meinung, daß alles, was entsteht oder besteht, wert sei, daß es zugrunde geht. Solche Anschauung aber bleibt nicht Theorie, sondern dringt in die Herzen der Menschen ein, schmälert ihre Hoffnung, ihren Glauben, ihre Tatkraft, bis sie zuweilen in der Willensabtötung, wie sie der Buddhismus predigt, oder gar im Tode seW ihre letzte Zuflucht suchen und finden. „O könnten wir in dieser Wüste sterben!", so rief das durch die hoffnungslos klingenden Berichte der zehn Kundschafter niedergeschlagene Volk aus, und so ruft mancher aus, dem das Leben seW als eine Wüste erscheint, oder wie der philosophische Begründer und beredteste Verkünder des Pessimismus es schiwert: „Die Welt an allen Enden bankrott und das Leben ein Geschäft, das nicht die Kosten deckt." Ja Schopenhauer meint, es trage mit seinen stündlichen kleinen und großen Widerwärtigkeiten und Unfällen so deutliche das Gepräge von etwas, das uns verleidet werden soll, und das Glück liege stets in der Zukunft oder auch in der Vergangenheit, und die Gegenwart, so malt er es in einem wundervollen Biwe aus, ist einer kleinen dunklen Wolke zu vergleichen, welche der Wind über die besonnte Fläche treibt, vor ihr und hinter ihr ist alles hell, aber sie selbst wirft stets einen Schatten. Im Gegensatz dazu steht die Weltanschauung unserer heiligen Schrift, die zwar weit entfernt, die Nebel zu leugnen, doch auch diese im Lichte Gottes betrachtet und eben darum eine andere Stellung zur Welt gewinnt, ja sich bis zu dem Preise erhebt, daß alles, was Gott geschaffen, sehr gut, d. h. doch also, daß alles Uebel nur aus der menschlichen Natur und Freiheit und mehr noch aus ihrer Bosheit stamme, daß hie Welt vollkommen überall, wo der Mensch nicht sein Reich der Qual ausbreitet. Aber mit Recht legen unsere Weisen den Nachdruck auf das Wörtchm: „alles", weil in der Tat nur das All, nur das Ganze, das Universum in seinem ewigen Zusammenhang dm Stempel der Vollendung tragen kann, während alles Einzelne naturnotwendig an und unter den Schranken seiner Endlichkeit zu leiden hat, so daß seW ein Leibniz, der die wirkliche Welt für die beste aller möglichen erklärt hat, doch hinzufügt, daß damit nicht gesagt sein 'soll, daß sie die absolut vollkommene und gute sei. Wer uun bei dm Unvollkommmheitm im Bereich der endlichen Dinge und Wesen stehen hleibt und sich nicht darüber zur Harmonie des Ganzen zu erheben vermag, der wird leicht zum Skepttker, wie der Verfasser des Buches Ko h elet. Jelski. Dieses Buch ist in den biblischen Kanon ausgenommen worden, trotzdem es dem vorherrschenden Optimismus der jüdischen Lehre so stark widerstreitet; aber Diejmigen, die es ausgenommen, hatten ihren guten Grund und Zweck, sie wußten, daß der Kontrast nicht nur ästhetisch, sondern auch ethisch wirkt. Ueberdies erscheint es mir als Irrtum, in Kohelet einen bloßen Pessimisten zu erblicken. Das Charatteristische seines Buches ist vielmehr das, was die menschliche ,Seele überhaupt kennzeichnet und wovon sie eigentlich niemals loskommt: Ein Schwanken nämlich zwischen beiden Richtungen, wie schon ein Hermann Lotze so feinsinnig bemertt hat: „Der natürliche Zustand der Menschheit ist das Schwanken zwischen dem Glauben an einen ewigen Weltberuf und der immer wieder aufqueilenden Angst, gleichgültige und aussichtslose Geschöpfe des allgemeinen Naturlaufs zu sein, beides gemildert durch den Leichtsinn der Gedankenlosigkei t." Neben dem Ausruf: „Eitelkeit der Eitelkeiten!", dazu Kohelet das ganze menschliche Leben und Streben herabdrückt, finden sich bei ihnen Sätze, darin er auftust zur Freude, zum Lebensgenuß, zu taffroher Arbeit. Und gerade dieses Auf- und Abwogen der Gedanken und Gefühle verleiht dem Buche seinen eigenartigen Reiz und Wert. Auch in einem anderm Werke der Heiligen Schrift klingt der Pessimismus stark, ja erschütternd durch, ich meine das Buch Hiob, eine Perle der hebräischen Literatur, ja vielleicht die höchste religiöse Dichtung aller Zeiten und Völker. Aber selbst in diesem Buche ist der Weltschmerz nicht der Weisheit letzter Schluß. Aus dem Meere zweifelnder Gedanken und verzweifelnder Empfindungen erhebt sich am Ende doch wie ein Fels der Glaube an eine vernünftige Lösung und Ordnung. „Ich weiß, — so ruft der körperlich und seelisch so Gemarterte aus — daß mein Erlöser lebt, noch über meinem Staube wird er als Anwalt mir und Retter sich erheben!" Wie unterscheiden sich Beide von einander? Kohelet wird zum Pessimisten durch überreichen Segen und Genuß, Hiob durch übermächtiges Unglück, Kohelet ist das übersättigte, verwöhnte, blasierte Kind des Glückes, Hiob der schwergeprüfte, schmerzenreiche Dulder. Es ist bemerkenswert, daß auch hier wie so oft die entgegengesetzten Ursachen dieselbe Wirkung nach sich ziehen. Beide aber, dem Verzweifeln und Scheitern so nahe, klammern sich doch zuletzt vertrauensvoll und demütig an den Fels der göttlichen Gnade. Blicken wir von diesen Büchern zurück auf die Thoraerzählung, so finden wir auch hier, daß der Optimismus siegreich bleibt, denn nicht die Mehrheit der kleinmütig Gesinnten, sondern Josua und Kaleb behalten Recht. Die Israeliten erobern wirklich das Land und widerlegen durch diese Tat am besten die entmutigende Schilderung der ausgesandten Zehn. Aber nicht nur diese eine Tat der Eroberung, sondern unsere ganze Geschichte bis zur Gegenwart ist wie nichts anderes dazu gngetan, die Bedeutung und Berechtigung der jüdischen Weltanschauung darzutun. Israel ist, obschon es mehr denn irgend ein VolkGrund zumGe genteilhätte,berge borene Optimist. Unsere Lehre wie unser Leben legen Zeugnis davon ab. Ohne unsere lebensfrohe, gottfreudige, weltbejahende Weltanschauung, die darin im Gegensatz zu anderen Weltreligionen steht, und die zwar nie den Himmel und das Heil auf Erden schon verwirklicht sah, aber umso mehr an der echt messianischen Idee einer fortschreitenden Entwicklung zu einem „neuen Himmel und zu einer neuen Erde" allzeit festgehalten, auch in den schwersten Zeiten, ja, gerade in ihnen, ohne dieses glaubensmutige Dennoch wären wir längst untergegangen, hätten wir nicht die Kraft des Duldens und des Widerstandes in fo hohem Grade besessen, daß wir mit dem Psalmisten ausrufen konntm und können: „Sie haben mich gar arg bedrängt von meiner Jugend an und mich doch nicht Übermacht und überwältig." (129, 2.) Solche Anschauung aber entspringt aus zwiefacher Wurzel. Änd auch darüber kann unsere Thoraerzählung, wenn auch 'nur andeutungsweise, uns aufklären. Naturforscher und Philosophen stimmen darin überein, daß die Erscheinungen der Außenwelt von der Beschaffenheit der menschlichen Sinne abhänaen, daß z. B. Ton, Farbe, Duft nicht in den Dingen selber liegen, sondern vielmehr in unseren eigenen Sinnesorganen. Ohne unser Auge gäbe es kein Licht, ohne unser Ohr 'keinen Schall; in dieser Hinsicht ist die Welt wirklich nur unsere Vorstellung, und der Mensch, wie schon die alten Griechen lehrten, das Maß aller Dinge. „Wär' nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt' es nicht erblicken." Aehnlich nun wie mit den Sinnen verhält es sich mit der Seele. Die durch die Sinne bedingten Gegensätze sind Licht und Finsternis, Wohllaut und Mißklang und dergleichen mehr. Die durch die Seele erzeugten Gegensätze find Optimismus und Pessimismus, denn sie drücken weit mehr die Beschaffenheit und Stimmung der menschlichen Seele als die Natur der Dinge aus. „Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt und in sein Herz die Welt zurückeschlingt", oder wie einmal ganz konkret Hamlet in der berühmten Tragödie von sich sagt: „Es sieht mit maineck Gemütsstimmung so bettübt aus, daß mir dies herrliche Gebäude der Erde nur wie ein kahles Vorgebirge erscheint." Absolute Objektivität kommt nur dem absoluten Wesen zu, weil es allein frei ist von wechselnden Gefühlen und Empfindungen. Ter Mensch dagegen wird stets anthropromorph und subjektiv seine eigenen Gemütszustände, seine Freude und seine Trauer, seine Liebe und feinen Haß, feiny Lust und sein Weh mit den Dingen selbst, mehr oder weniger,, bewußt oder unbewußt, verweben und verquicken oder auch verwechseln. Bon Kaleb sagt Gott selber in unserer Erzählung: „Weil ein anderer Geist in ihm lebte", darum sah er Land und Leute in einem anderm Lichte, „und weil er mir (der Gottheit) folgte". Dieser zweite Grund führt uns zur zweiten Quelle der Lebensfreudigkeit, die ihre Hauptnahrung zieht aus dem Glauben an Gott und dem Vertrauen auf sein Wirken und Walten, das seW noch am Grabe die Hoffnung aufpflanzt. Kaleb war ein Optimist, weil er wie Abraham nicht einen Moment an seinem Schöpfer zweifelte und irre ward, während der Unglaube leicht zu jenem Kleinmut fühtt, der sich! nichts zutraut, der uns niederdrückt wie die zehn Kundschafter! in dem ftencken Lande, daß sie sich vorkamen „wie Heuschrecken unter Riesen". Ter größte Dmker, dm das dmffche Volk hervorgebracht, sagt darum mit Recht: „Es ist von der größten Mchtigfkeit, mit der Vorsehung zuftiedm zu sein, ob sie uns gleich auf unserer Erdenwelt eine so mühsame Bahn vorgezeichnet hat, teils um unter den Mühseligkeiten immer noch Mut zu fassm, teils um, indem wir die Schuld davon aufs Schicksal schieben, nicht unsere eigene, die vielleicht d-e einzige Ursache aller dieser Uebel sein mag, darüber aus dem Auge zu setzen und in der Selbstbesserung die Hilfe dagegm zu versäumen" (vgl. Kant: Ausgewählte kleine Schriften, herausgegeben von Tr. Hegmwald 1914, S. 74 ft) oder wie es einmal in einem jüdischen Blatte ein christlicher Theologe (Eduard König) gerade mit Bezug auf das Problem der Theodic.een im Buche Hiob so schön unb treffend ausgedrückt hat: „Nach den Gottesreden im Büche Hiob ist das Leidm als ein T eil der Welteinrichtung zu betrachten, die nach ihrem offenbaren Gebiete (Natur) so viele Spuren der Weisheit und Güte zeigt, daß wir ihrem Urheber auch für die kleine Dosis von Nebeln und Leiden, die der Weltbeschaffenheit und Weltgeschichte beigemischt sind, eine weisheitsvolle und menschenfreundliche Absicht zutrauen, allen Anlaß haben." Und in der Tat, wäre die Welt absolut vollkommen, dann würde jede menschliche Arbeit, jede geschichtliche Bewegung über- Regen auf der Reise und ein schlechtes Gewissen dazu werden Sie haben, wenn Sie nicht, bevor Sie in Urlaub gehen, an Ihre Organisation denken und für den „Hilfsfonds des liberalen Judentums“ M. 10.— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V." Berlin Nr. 137069 überweisen. Die Namen der Spender werden in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" bekanntgegeben. Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle« der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! Vereiniging IBr das liberale Jadeßtsn E. V.

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