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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-07-10 · 28 (10.7.1929) · page 7

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, Macht Mitleid blind dem Arzt dre Augen, wird er als Operateur nichts taugen." „Ein Arzt, der unerreichbar, ist blindem Aug' vergleichbar. Erst heil' dich selber, kranker Mann, eh' du mir deine Kunst trägst an." Werd' Mediziner, rät die Zeit dem Toren, die Opfer, die du bringst, sind nicht verloren, «nd'ft weit und breit kein besser Arbeitsfeld, kannst Menschen töten sür ihr eigen Geld, und hast den Vorrang vor dem großen Würger, der gratis tötet alle Erdenbürger." Einige dieser Sprüche dürsten auch heute noch beachtenswert sein. Aber auch die Ratschläge für das Publikum sind teilweise auch jetzt noch gültig: „Nimmt nur der Schmerz erst seinen Lauf, suchst du von selbst den Arzt wohl auf." „Aerzte mußt du freundlich grüßen, möcht'st es als Patient sonst büßen." „Den Arzt nimm aus als lieben Gast, auch wenn du es nicht nötig hast." „Was man den Armen vorenthält, oft Aerztcn in die Hände fällt." Aus dem nachtalmudischen, dem gaonäischen Zeitalter, ist wenig über Aerzte überliefert. Erst im Mittelalter treten zahlreiche Aerzte auf, die Geschichte hat die Namen der bedeutendsten aufbcwahrt. In dieser Zeit waren die jüdischen Aerzte sehr gesucht, mit Recht, denn sie standen wissenschaftlich höher als andere, weil sie sprachkundiger waren und die Schriften des 5) i p p o k r a t e s und G a l e n s, die damals maßgebend waren, beherrschten. Auch waren in der Regel die Aerzte auch ehrenamtlich Rabbiner und hatten dadurch schon einen weiteren Gesichtskreis. Verschiedene Konzile fastten vergeblich Beschlüsse, durch die es den Christen »verboten wurde, sich von jüdischen Aerzten behandeln zu lassen. Kaiser und Könige, Päpste und Bischöfe, Fürsten und Barone hielten sich jüdische Leibärzte, ebenso auch die Sultane und Ehalifen. Im neunten und zehnten Jahrhundert wirkten bedeutende Aerzte in verschiedenen Ländern. Ter Chalis Harun a l Raschid hatte Rabbon Sahal al Ta hart als Leibarzt. Dieser bildete eine so große Zahl von Schülern aus, daß er seine Vorträge auf dem Marktplatz abhalten mußte, weil es keinen Raum gab, der die Menge der Schüler fasten konnte. Zu gleicher Zeit war Isaak ben Salomo Israeli (815—940) Leibarzt zweier Ehalifen in Ä a i r u a n, Nordafrika. In diesem Orte bestand Ml) Jahre lang eine jüdische medizinische Lehranstalt. Er hat acht medizinische Werke geschrieben, von denen sieben in lateinischer Uebersetzung jahrhundertelang an der Universität in Leyden zum Unterricht benutzt wurden. Z e d e k i a s aus Byzanz war Leibarzt der Kaiser Ludwig des Frommen und K a r l d e s Kahlen. In Italien lebte Sabbatai Tonnolo von 913—970 zuerst in Calabrien als Leibarzt des Vizekönigs, später in Mantua. Tie medizinische Wissenschaft war bis zum 10. Jahrhundert in Westeuropa unbekannt geblieben, während sie im byzantinischen Reiche schon lange gepflegt wurde. Von dort kam sie nach Persien und Aegypten, und nach der Eroberung des letzteren Landes durch die Araber zu diesem. Tie wissenschaftlichen Werke der Griechen, sowohl philosophische und mathematische, als auch medizinische, wurden ins Arabische übersetzt. Im 9. Jahrhundert verfaßte ein Gelehrter, Iakub ben Izhak et Kindt, höchstwahrscheinlich ein Jude, zweihundert medizinische Werke, teils aus dem Griechischen übersetzte, teils eigene. Im 10. und 11. Jahrhundert war die Blütezeit der arabischen medizinischen Wissenschaft, deren bedeutendster und fast das ganze Mittelalter beherrschende Vertreter A v i c e n n a war. An dem Aufblühen der arabischen medizinischen Wissenschaft hatten die jüdischen Aerzte großen Anteil. Schon im 10. Jahrhundert war der große Gelehrte und bedeutende Sprachforscher Chasdai ben Isaak ibn Schaprut (915—970) Leibarzt und Vezier des Ehalifen Abdul Raman III. in Cordoba. Er ist auch durch seinen Brief an den König der Chazaren bekannt. Von Spanien aus verbreitete sich dann die arabische medizinische Wissenschaft auch nach Südfrankreich. Im Anfang des 11. Jahrhunderts wurde in Montpellier eine medizinische Lehranstalt gegründet, an der fast ausschließlich jüdische Aerzte lehrten. Unter dem Dekanat Profiats (s. sp.) erreichte sie ihre höchste Blüte. In Cordoba, später in Saragossa, lebte der bedeutende Gelehrte Jona ibn Ganach (995—1059), der Werke über Medizin, Bibelsorschung und hebräische Grammatik schrieb. Er war ein genialer Sprachforscher, Schöpfer der hebräischen Syntax und Verfasser eines hebräisch-arabischen Lexikons. Gleichzeitig mit ihm lebte in Toledo der Grammatiker und Bibclkritiker I i z ch a k i (982—1057) als Leibarzt mehrerer Fürsten. .Das folgende Jahrhundert, die Blütezeit der jüdischen Wissenschaft und Dichtkunst in Spanien, zählte eine große Zahl von hervorragenden Aerzten zu seinen Zeitgenossen. Es beginnt mit dem Arzt und größten jüdischen $icf)tcr Aie&uba (ben Samuel) Halevi (1086—1142) in Toledo, der auch als Religionsphilosoph berühmt ist, und schloß unt dem bedeutendsteiljüdischen Religionsphilosophen M o s e s den M aim c n (Maimonides) Ram bau) (1135- 1204). Dieser war Leibarzt bei den Sultanen Sa ladin und desserl Sohn und Nachfolger Alkamel. Er schrieb religiös-philosophische und kommentarische Werke sowie auch medizinische Bücher, daneben war er Rabbiner in Kairo und Oberrabbiner von Aegypten. In seinen verschiedenen medizinischen^ Werken betonte er seine entschiedene Gegnerschaft gegen Wunderkuren und Kurpfuscherei, wie überhaupt gegen!„? Aberglauben und astrologische Spielereien; ein Arzt dürfe sich vou nichts anderem leiten lassen, als von seiner gefunden Vernunft. Sein Buch über „Gifte und deren Herlung" wurde Jahrhunderte lang in lateinischer Uebersetzung von den Aerzten benutzt. Sein Sohn Abraham ben Moses Maimonides (1185—1254) folgte ihm nn Beruf und Amte, sein Lieblingsschüler Joseph ben Yehuda ibn Akin (1160—1226) war Leibarzt des SiU- Azzahir von Damaskus. Als Jehuda Halevy nach Palästina auswanderte, fand er drei Monate gastliche Aus- Wf.Abu Mansur Samuel, dem Leibarzt des ägyptischen Ehalifen. . Abraham ben Meir ibn Esra der große Re- Ugionsphilchoph, Bibelerklärer und Dichter, lebte 1088—1167. Cr war bis gegen sein fünfzigstes Jahr Arzt in Toledo, dann beganii er seine Weltwanderung. Ter Arzt Jehuda ben Saul ibn Tibbon wanderte von Granada nach der Provence aus und ließ sich in Lunel nieder. Er war Uebersetzer der Werke Bachjas, Gabirolch Jehuda Halevys, Ibn Ganachs und Saadias. Seine Söhne und Enkel haben solche Tätigkeit fortgesetzt und auch Maimonides Werke übersetzt. Er lebte 1120—1190, sem Sohn Samuel war ebenfalls Arzt (1160—1230). Kurz vor Beginn des 13. Jahrhunderts erblickte Moses ben Nach man Gerundi (Ramban) das Licht der Welt (1195—1270). Auch dieser war Arzt, Rabbmer, Talmuderklärer und Religionsphilosoph. Er gehörte zu den Gegnern des Maimonides, war aber einer der gemäßigteren. Dagegen war sein Zeitgenosse Jehuda b e n I o s e p h Aisacher, (ca. 1220) Leibarzt des Königs Ferdinand von Kastilien in Toledo der schärfste Widersacher der Schriften Maimonides. Aus der pyrenäischen Halbinsel wirkten in diesem Jahrhundert viele Juden als Leibärzte bei den Königen von Arragonien, Kastilien und Portugal. Um 1250 wurde Abraham, Augenarzt in Arragonien, von Ludwig I X. nach Paris berufen, um dessen Bruder Alfonso von einem schweren Augenleiden zu befreien. Tie Heilung gelang. Ter Dank war aber, daß der bigotte König vier Jahre daraus alle Juden aus seinen Ländern auswies. Nach neun Jahren wurden sie aber zurückgerufen, da sie als Steuerquelle benötigt waren. In Rom lebten viele Aerzte, am bekanntesten ift^ wohl der Arzt und Dichter Immanuel ben Salomo R o m i (Manoella Giudeo, 1265 1330), der Freund Dantes. In Frankreich wirkte Jakob ben Machir Tibbon (Don Prosiat), Arzt, Mathematiker und Astronom (1215—1315); er war auch Dekan der medizinischen Fakultät in .Montpellier. Das 14. Jahrhundert war ein leidensreiches für die Juden; immerhin werden aus demselben eine Anzahl bedeutender Aerzte genannt. In der ersten Hälfte lebte Levi ben G c r s o n (Gersonides) (1288—1345) in Perpignan und Avignon. Er war Arzt, Mathematiker, Astronom, Philosoph, Bibelerklärer und Talmudist. Als Arzt führte er den Namen M a e st r o L e o n d e B a g n a l s. In diesem Jahrhundert nahm die medizinische Wissenschaft einen erheblichen Aufschwung, namentlich die Anatomie. Bis dahin lag der Schwerpunkt der medizinischen Lehre in Italien in der im Jahre 1150 gegründeten Universität in Salerno. Diese Lehrstätte wurde aber nun von _ der Universität in Bologna dadurch in den Schatten gestellt, daß dort zum ersten Male Sezierungen, die bis dahin kirchlich streng verboten waren, vorgenommen und dadurch die Wissenschaft der Anatomie begründet wurde. Damit schritt die medizinische Lehre auch bald weit über die Araber hinaus. Zahlreiche jüdische Aerzte waren in Spanien und Portugal tätig, viele als Leibärzte der Könige. Am bekanntesten ist wohl aus dieser Zeit Isaak ben Mose (Prosiat Turan) aus Cordova. Als Schriftsteller nannte er sich Efodi. Er war Arzt, Geschichtsforscher, Grammatiker und Astronom, als solcher wird er auch von Kopernikus zitiert. Aber am bedeutendsten war er als unermüdlicher Verteidiger des Judentums und Beschützer seiner Glaubensgenossen. Aus dem letzten Jahrhundert des Mittelalters sind bedeutende Aetzte aus Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland und dem Orient bekannt. Im Anfang dieses Zeitraums lebte Ton Vidal Ben-Benvenifte als Arzt und Dichter in Saragossa. Ferner der berühmte Religionsphilosoph und Arzt Joseph Albo (1380—1444) aus Monreal. In der zweiten Jahrhunderthälfte operierte der Arzt Abiaber den König Ton Juan II. von Arragonien bei einer schweren Äugenerkrankung. Eine Reihe von Namen wird als Leibärzte genannt: Abraham ben S ch e m Tob Bibago (1446—1489) bei König Juan II. von Arragonien: "er war auch Grammatiker und Schriftsteller; Jakob A b e n - N u n e z bei Heinrich I V. von Kastilien; Gedalja ibn Jach ja (1436—1487) bei König Afsonso V. von Portugal; Jiaak Hamon bei einem der letzten arabischen Könige von Granada; Joseph Becinho, um 1492 bei König Joao II. von Portugal. Becinho war auch Astronom und hat ein Instrument zur Bestimmung der Sternhöhe konstruiert, das dem B a s c o de Gama für seine Seefahrten diente. Aus Italien sind zu nennen: Guglielmo di Portalconc aus Mantua, Leibarzt des Königs Ferdinand von Neapel; Jehuda ben I e ch i e l (Messer Leon) (1450—1190), Rabbiner, Arzt, Philosoph und Schriftsteller in Mantua und Padua; Bonas de Lates, Leibarzt des Papstes Leo X., und Abraham d e B al m as, Verfasser einer hebräischen Grammatik und Leibarzt des Kardinals T o m e n i c o G r i m a n i. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts lebte der französische Arzt Pierre de N o st r a d a m u s, der Urgroßvater des Astronomen Nostradamus, in Marseille. In Deutschland hatten sich selbst in den Zeilen der schlimmsten Verfolgungen die jüdischen Aerzte geachtete Stellungen bewahrt. In Würzburg lebte die sehr angesehene Aerztin Sara, in Frankfurt a. M. praktizierte Jakob von Straß bürg; in Tirol war der Rabbiner Reuben ein beliebter Arzt, und der Trienter Arzt Tobias (1472—1492) ist ans dem Ritualmordprozest wegen des Knaben Simon bekannt. Ritter Jakob ben Jechiel Loa ns war Leibarzt bei den Kaisern Friedrich III. und Maximilian I.; letzterer ernannte ihn zum Großrabbiner für Deutschland. Er war der erste Lehrer R e u ch l i n s in der hebräischen Sprache. Auf einem internationalen Aerztekongreß hat V i r ch o w in einer Rede über mittelalterliche Medizin u. a. gesagt, „daß es erst jetzt ersichtlich wird, welche großen Dienste die jüdischen Aerzte der Erhaltung und Pflege dieser Wissenschaft erwiesen haben uird daß die ererbte Befähigung für diesen Beruf auf diese Zeit zurückzuführen sei". Tie Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 beendete das Mittelaller. Im selben Jahre wurden aber auch sämtliche Juden aus Spanien und vier Jahre später auch aus Portugal vertrieben. Aus dem 16. Jahrhundert kann daher von spanisch-portugiesisch jüdischen Aerzten nichts mehr berichtet werden; sie waren nach Italien, Nordafrika und dem Orient ausgewandert. Erst gegen Ende des Jahrhunderts entflohen zwangsgetaufte Spanier und Portugiesen nach Holland und Hamburg und kehrten dort zum Judentum zurück. Tie Erfindung der Buchdruckerkunst und die Reformation bewirkten einen allgemeinen Aufschwung der Wissenschaft. Auch für die Medizin brach eine neue Zeit an, namentlich durch die Lehren des Paracelsus. In diesem Jahrhundert lebten einige bekannte Aerzte in Deutschland. In Frankfurt a. M. hatte die Augenärztin Z e s l i n einen großen Ruf; Abraham ben Samuel Levi (gestorben 1581) war dort Arzt und Rabbiner. Er war ein sehr gelehrter Mann, Mathematiker und Astronom, sprach und schrieb deutsch, hebräisch, arabisch, spanischfranzösisch, griechisch und lateinisch. Rabbi Beifuß aus Wiesenau war Leibarzt des Erzbischofs Uriel von Gemm in gen in Mainz. Lippold, der Leibarzt und Münzmeister oes Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg, wurde nach dessen Tode fälschlich beschuldigt, seinen Herrn vergiftet zu haben. Ter neue Kurfürst, Johann Georg, ließ ihn hinrichten und vertrieb sämtliche Juden aus seinem Lande. Nach einigen Jahren stellte sich Lippolds Unschuld heraus, aber Brandenburg blieb hundert Jahre lang judenrein, bis der Große Kurfürst eine beschränkte Zahl wieder aufnahm. In Italien lebten in diesem Jahrhundert viele namhafte jüdische Aerzte. Rabbi Obadja ben Jakob S f o r n o in Cesena, später in Bologna (1475—1550), war Arzt und Schriftsteller, auch er war ein Lehrer Reuchlins. Viele Juden waren Leibärzte der Päpste. Salomo Aschkenasi (1520—1604) war zuerst Leibarzt des Königs Sigismus August von Polen. Tann ging er nach der Türkei und wurde dort Leibarzt beim Sultan. Bald erlangte er eine besondere Vertrauensstellung bei demselben, da er ein geschickter Diplomat war, und wurde sogar mit der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten betraut. Besonders tat er sich in den Verhandlungen mit der Republik Venedig hervor, obwohl er zuerst infolge der dort herrschenden judenfeindlichen Stimmung auf starken Widerstand stieß. Er erreichte auch einen Beschluß, daß die Republik die Juden nie wieder vertreiben würde. Auch in der Türkei wirkten viele jüdischen Aerzte, u. a. Salomo ben Jach i a, der, ein sehr für Wissenschaft interessierter und auch reicher Mann, den Pentateuch mit persischer, chaldäischer und arabischer Uebersetzung drucken und an viele Gemeinden gratis verteilen ließ. ... Das 17. Jahrhundert war infolge des dreißigjährigen Krieges und anderer schwerer Wirren eine Zeit des tiefsten geistigen Standes der Juden, besonders in Deutschland, Nur wenige aus Spanien stammende Aerzte wurden genannt. In Hamburg lebte Benedictus de Castro (1598— 1684). Er war Vorsteher der dortigen spanisch-portugiesischen Gemeinde und Verfasser einer guten Verteidigungsschrift des Judentums. Er war auch lange Zeit Leibarzt der Königin Christine von Schweden. Ein anderer Spanier lebte in Amsterdam als Arzt und medizinischer Schriftsteller, Abraham Zacuta (1575—1642). Ein weiterer Amsterdamer Arzt war Isaak O r o b i v, der zuerst in Sevilla gelebt hatte und von dort nach Toulouse entflohen!war. Hier weilte er eine Zeitlang als Professor an der medizinischen Hochschule. Dann gelang es ihm, nach Amsterdam zu entkommen, wo er, schon ein älterer Mann, zum Judentum zurückkehrte. Ter tüchtige Arzt starb im Jahre 1687 in Amsterdam. Rabbiner und Arzt in Amsterdam war M a - nasse ben Israel (1604 -1657), ein weltberühmter .Mann, Lehrer des B a r u ch Spinoza. Er war sehr sprachkundig, sprach mindestens zehn Sprachen. Sein Wirken bei Cromwell für die Wiederzulassung der Juden in England scheiterte offiziell am Widerstande des Parlaments, aber inoffiziell durften sich spanisch-portugiesische Juden in London niederlassen, auch Gottesdienste abhalten und einen Friedhof anlegen. Manasse weilte längere Zeit in England und erwarb sich den philosophischen und medizinischen Doktortitel an der Oxforder Universität. Auf der Rückreise von England starb er in Middelburg. Tie Londoner Gemeinde wuchs rasch, einer ihrer Rabbiner war der Arzt David Nieto (1650—1728) aus Venedig. ,; * Zweihundert Jahre hört matt nichts von deutschen jüdischen Aerzten. Nur von einem jungen Mann aus Polen wird berichtet, der trotz heftigen Sträubens der Fakultät 1678 vom Großen Kurfürsten die Erlaubnis erhielt, an der Universität Frankfurt a. O. Medizin zu studieren. Aber zu einem Abschlußexamen wurde er nicht zugelassen. Er ging deshalb nach Padua und erlangte dort den Doktorgrad. Tr. Tobia Kohen Rose (1653—1729) wohnte dann in Konstantinopel und wurde Leibarzt des Sultans. Sabbatai Vital Marin i war in der Mitte des Jahrhunderts Arzt und Rabbiner in Padua; er übersetzte Ovids Metamorphosen ins Hebräische. Mardochai Gumpel L e v i s o h n war Professor der Medizin an der Universität in Upsala, er starb 1717. Der erste Berliner jüdische Arzt war Markus Herz (1747—1803). Er war auch ein hervorragender Physiker und Mathematiker; seine wissenschaftlichen Vorlesungen wurden von den höchsten Kreisen besucht. Er war ein Verehrer Mendelssohns. Seine Frau war die berühmte Henriette Herz. Mit der Mendelssohnschen Periode beginnt die Neuzeit der Judenheit, endete ihr Mittelalter. Nur von diesem sollte hier die Rede sein. Aus den Gemeinden Berlin. (3 0 Jahre israelitisches Lehrerinnen-- h e r m.) Gegenüber dein von uns veröffentlichten Bericht werden wir um folgenden Hinweis gebeten, daß Fräulein Münchhausen nicht Insassin des Heims ist. Sie ist die geistige Urheberin des Vereins, denn von, ihr ging der Gedanke der Gründung aus und sie propagierte die,en Gedanken solange, bis er Wirklichkeit wurde. Dessau. (Persönliches.) Im besten Mannesalter von fast 49 Jahren ist hier Lehrer Heumann verschieden. Der Entschlafene, der auch dem Vorstand des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands angehörte, stand bei alten, die sein pflichttreues Wirken, seine persönlichen Vorzüge schätzten, in hohem Ansehen. Sein frühzeitiger Tod hal tiefe Teilnahme geweckt. Dortmund. (R a b b i ne r w a hl.) Als Nachfolger von Herrn Rabbiner Dr. Jacob hat Dr. Kurt Wilhelm, der bisher als Landesrabbiner in Braunschweig wirkte, eine Berufung an die Dortmunder Synagogengemeinde erhalten und angenommen. Der Termin seines Amtsantritts steht noch nicht fest. Dresden. (6 0. Geburtstag.) Obwohl Herr Leopold N e u st a d t, Begründer und Inhaber der bekannten Dresdner Schuhhäuser gleichen Namens, seinen Ehrentag fern von Dresden beging, fehlte es ihm doch nicht an zahlreichen Beweisen von Achtung und Liebe. Weit über Dresden hmausreichende Berufskreise schätzen in ihm den gediegenen vorwärtsblickenben Kaufmann, dessen Unternehmen in ständigem Aufschwung begriffen ist; doch nicht minder rühmen, die ihn kennen, seinen warmherzigen jüdischen Sinn, seine stets bewiesene Gebefreudigkeit zur Linderung sozialer Not. Auch wir wünschen dem verehrten Freunde unserer Sache noch viele frohe Jahre im Kreise seiner Familie, Erfüllt von Gesundheit und gekrönt von geschäftlichen Erfolgen als dem sichtbaren Ausdruck der unermüdlichen Schaffenskraft, die Leopold Neustadt beseelt.

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