Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 28 (10.7.1929)
- Date
- 1929-07-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Düsseldorf. (I ü r die E i n h e i t s g c m c i n d c.) Ter Rheinisch-Westfälische Rabbincrvcrband hat bei seiner hier abgehobenen Tagung die folgende Erklärung beschlossen: Im Bewußtsein der Verantwortung gegenüber dem Judenium, die ihr Amt ihnen auferlegt, erklären die am 30. Juni 1020 in Düsseldorf versammelten rheinisch-westfälischen Rabbiner: Während in den großen Fragen des jüdischen Lebens die Getrennten heute sichtlich zueinander streben, beobachten wir mit Sorge die zunehmende Schärfe der jüdisch-politischen Gegensätze innerhalb vieler Einzelgemeinden. Der Augenblick ist gekommen, wo diese Gegensätze manche Gemeinden zu sprengen drohen. Und doch ist die Erhaltung des Judentums untrennbar verknüpft mit dem Bestand der Gemeinde. Die Erfüllung seiner altehrwürdigcn, aber auch seiner neuen Ausgaben wird unmöglich, ivcnn die Gemeinden zerfallen. Unsere jüdischen Gemeinden in Deutschland »vollen Einheitsgc mcinden sein. Sie erheben den stolzen Anspruch, daß jeder Jude, der auf ihrem Gebiete wohnt, ohne ivciteres ihr angehöre. Dieser Anspruch legt Gemeindeverwaltungen, ivie Gemeindemitgliederu hohe Pflichten aus. Die Gemeindeverwaltung muß, ungeachtet zufälliger Majoritätsverhältnijse, jeder jüdisch religiösen oder jüdisch politischen Richtung in ihrer Mitte die volle Möglichkeit des Lebens und der Betätigung ans dem Boden der Gemeinde geben. Bon den Gemeindemitgliederu darf gefordert iverden, daß sic bei aller Wahrung ihrer Ucberzeugung mit Andersgesinnten im Rahmen der gleichen Gemeinde sich zusammcusindcn und im Bewußtsein, daß wir alle Glieder der einen, großen jüdischen Gemeinschaft sind, in verantwortungsbeivußter gegenseitiger Duldsamkeit die Gemeinde aufrecht erhalten und an ihren Ausgaben teilnchmcn. Austritt aus der Gemeinde aus ivelchen Gründen immer ist unter den heutigen Berhältnisjen Versündigung am Judentum und, wo vollzogen, rückgängig zu machen. Tic Kraft der brüderlichen Gesinnung muß uns den Weg zurück zur Einigkeit finden lassen. Friedberg. (Todesfall.) Das langjährige Vorstandsmitglied des Friedberger Israelitischen FrauenvcreinS Frau Witwe S. Reumann, die Gattin des ehemaligen Religionslehrcrs, ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Die Entschlafene hat sich um die Wohlfahrtspflege große Verdienste erworben und erfreute sich in allen Kreisen der Gemeinde großer Beliebtheit. Lehrer Seelig sprach an ihrer Bahre herzliche Abschiedsworte. Halle (Saale). (Jubiläum.) Ter hiesige Israelitische Frauenverein konnte kürzlich sein 50 jähriges Bestehen festlich begehen. Bei der Jubiläumsfeier richtete die erste Vorsitzende, Frau Flora Schlesinger, Bcgrüßungswortc an die Festtcilnchmer. Rabbiner Tr. Kahlberg hielt eine eindrucksvolle Jubiläumsrcde. Vertreter der Gemeinde und einzelner Organisationen brachten ihre Glückwünsche dar; als Vertreterin des Bundes Hallcscher Frauenvereine gratulierte die Leiterin des städtischen Lyzeums und der Frauenschule, Frau Ober studiendirektor Dr. Maycr-Kulenkampf. Tie würdige Feier war von musikalischen Darbietungen und Vorträgen eines Damengesangsquar teils umrahmt. Heidelberg. (T o d e S s a l l.) Die kleine jüdische Gemeinde im benachbarten Sandhausen beklagt den Heimgang ihres betagten Lehrers B. Wunsch, der 36 Jahre seiner ein halbes Jahrhundert umfassenden Amtstätigkeit in der Gemeinde verbrachte. Ter Verstorbene erfreute sich bei der gesamten Ortsbevölkerung dank seines freundlichen Wesens hoher Wertschätzung. Bezirksrabbiner Tr. Pinkuß und Lehrer Hahn aus Walldors tvidmeten dem Heimgegangenen tief empfundene Gedenkworte. Königsberg Pr. (Aus der Repräsentanz.) In der letzten Zeit fanden zwei Repräscntantcnsitzungen statt. In der ersten dieser Sitzungen wurde die Konstituierung des Gemcindevorstandes bekannt gegeben, der sich wie folgt zusammensetzt: Vorsitzender: Geheimer Medizinalrat Professor Tr. Falken heim, erster Stellvertreter: Kaufmann Arthur Cohn, zweiter Stellvertreter und Schriftführer: Bankier Hermann Marx, stellvertretender Schriftführer: Kaufmann Albert Eichelbaum, Synagogenvorstcher: Hermann Lieber - mann, stellvertretender Synagogcnvorsteher: Rechtsanwalt Dr. Jacoby II, Kassenpfleger: Elias Hirsch, stellvertretender Kasscnpfleger: Bankier .Hermann Marx. Weiterhin wurde bekanntgegeben, daß Religionslehrer Hermann W o l k o w s k i am 1. April dieses Jahres in den Ruhestand getreten ist. Hierauf folgte die Wahl des Büros und der Ausschüsse der Repräscntantenversammlung. Das Büro der Versammlung setzt sich wie bisher zusammen aus Universitätsprofessor Dr. Rudolf Cohn als Vorsitzenden, Justizrat Dr. Lichten st ein als stellvertretenden Vorsitzenden, Kaufmann Max Fe in st ein als Schriftführer und Kaufmann Emil R o s e n t h a l als stellvertretenden Schriftführer. Für die Gemeinde wurde eine neue Kasscnordnung angenommen und beschlossen, 200 Gebetbücher neu drucken zu lassen. Tie Erhebung der Gemeindebciträgc soll durch einen fachmännisch ausgcbildeten Beamten erfolgen. Nachträglich wurde für die Versorgung notleidender russischer Juden mit Mazzoth ein Betrag von Mk. 200, bewilligt. Einer Beihilfe für das Büro für Statistik der Juden tvurde zugestimmt. Der mit dem Inspektor des neuen Friedhofes geschlossene Vertrag wurde genehmigt. In der zweiten Sitzung wurde die Vorlage des Vorstandes, eine Anleihe von Mk. 150 000,— zur Deckung demnächst fälliger Gcmeindeausgaben auszunehmen, in gemeinschaftlicher Sitzung durch beide Gemeindekörperschasten angenommen. Königsberg. (Bestrafter nationalsozialistischer Hetzer.) Der Gauleiter der nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei für Ostpreußen, Eiscnbahnassistent a. D. Erich Koch (früher Elberfeld), hatte den Syndikus des Landesverbandes Ostpreußen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, unseren Mitarbeiter Kurt S a b a tz k y, der auch in der Frontbundbcwegung an führender Stelle steht, beleidigt. Koch hatte in einer öffentlichen Versammlung auf Grund eines von Sabatzky verfaßten und in der C. -V-Zeitung veröffentlichten Artikels vor Tausenden von Menschen erklärt: „Wenn ich den »jüdischen Dreckspatz Sabatzky aus der Straße treffe, werde ich ihn mit der Peitsche züchtigen." Nachdem Sabatzky gegen ihn Strafantrag gestellt hatte, erklärte Koch in einer weiteren Versammlung: „Der Jude Sabatzky, der Führer des C.-V., hat gegen mich Strafantrag gestellt und tvill meine Verhaftung. Es ist bezeichnend, daß ein Sabatzky, der ztvei Millionen Frontsoldaten beschmutzt und besudelt hat, das Recht hat, Strafanträge zu stellen, während er selbst nicht belangt werden kann." Das Königsbcrgcr Schöffengericht hatte zwar Koch zu einer Geldstrafe von Mk. 150,— verurteilt, hatte aber in der mündlichen Urteilsbegründung gesagt, der als Nebenkläger zugelassene Syndikus Sabatzky habe das Andenken der Opfer des Weltkrieges in gewisser Weise verunglimpft, als er eine nationalsozialistische Hcldengcdenkseier als unwürdig bczeichncte, zu der in folgenden Plakaten eingeladcn worden war: „Nationalsozia^ listen! Antisemiten! Zum zehnten Male jährt sich der Tag des Bolksvcrrats, an dem durch die Judenrevolte vom 9. November das Blut von zwei Millionen Frontsoldaten nutzlos geopfert wurde." Dann folgt die Einladung. Weiter heißt cs noch: „Das Blut wurde in Gold umgemünzt, das heute die Tresors der Wallstreet füllt. Juden ist der Zutritt verboten!" Gegen dieses Erkenntnis hatten sotvohl der Nebenkläger als auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt, die jetzt vor der Königsberger Strafkammer unter Vorsitz des Landgcrichtsrat Dietrich verhandelt wurde. Koch versuchte sich darauf hinauszureden, daß er den Nebenkläger nicht habe beleidigen wollen. Der Vertreter der Anklagebchörde Erster Staatsanwalt William sowohl als auch der Vertreter des Nebenklägers Rechtsanwalt Dr. Walter Lepehne setzten sich in sehr energischer Weise für eine erhebliche Bestrafung des Angeklagten und eine Revidierung der Urteilsbegründung ein. Insbesondere verlangten sie, daß das Gericht auch wegen übler Nachrede verurteile. Das Gericht folgte diesen Ausführungen und verurteilte den Angeklagten für jeden Fall der Beleidigung zu einer Geldstrafe von Mk. 100,—, ersatzweise zu insgesamt 20 Tagen Gefängnis, und erklärte im Gegensatz zum ersten Urteil, daß die Worte des Angeklagten, der Nebenkläger habe das Andenken von 2 Millionen Frontsoldaten beschmutzt und besudelt, den Tatbestand der üblen Nachrede enthalten und eine schwere Ehrenkränkung des Nebenklägers darstellcn. Deswegen müsse sie genau so schwer wie die erste Beleidigung bestraft werden. Die bisherige Unbescholtenheit und die Erregung über den Artikel hätten den Angeklagten vor einer Gefängnisstrafe bewahrt. Bad Nauheim. (Persönliche s.) Lehrer H. Oppenheimer, der fast fünf Jahrzehnte den Erzieherberuf ausübte, ist kürzlich in den wohlverdienten Ruhestand getreten.- Die Nauheimcr Israelitische Religionsgemeindc übersandte dem um die religiöse Belehrung von Generationen verdienten Beamten ein Dankschreiben. Bad Reichenhall. (7 0. Geburtstag.) Am l. Juli feierte der Wiener Schriftsteller Heinrich 4) o r f - 3 t c i n c i in Bad Reichenhall, im Kreise seiner Familie, seinen 70. Geburtstag. L)ork- Steiner begründete seinen Ruf als Novellist mit seiner Erzählung „Der Talmud-Bauer", die die Probleme der Palästina-Kolonisation am Ende des vorigen Jahrhunderts fcsthält. 4)orf-Steiner war zu Lebzeiten Theodor Herzls einer der eifrigsten publizistischen Verfechter des modernen Zionismus. Nach Herzls Tode zog er sich von der engeren Parteiarbeit zurück und schrieb eine Anzahl Dramen und Novellen. Viel Beachtung fand sein vor kurzem erschienenes Werk „Minderheit verpflichtet". Bad Reinerz. (Jubiläum.) Herr Emil Marcuse, Berlin, Tempelhofer User 3, hat 50 mal hintereinander den Badeort Reinerz ausgesucht und jedesmal in demselben LogicrhauS gewohnt. BÜ CHERSCHAU ★ Schalom Asch: Lederers Rückkehr. R. Löwit-Verlag, Wien. Verschiedene ostjüdische Dichter, die in Russisch-Polen aufgewachsen sind und in ihrer Jugend Meisterwerke schufen, als die Wurzeln ihres Schaffens noch vom Heimatboden und seinem Milieu genährt wurden, sind in reifem Mannesalter nach Amerika übergesiedelt. Hier versuchen sie, soziologische Probleme der neuen Welt und amerikanisch-jüdisches Leben zu gestalten; aber es zeigt sich, aller zionistischer Doktrin zum Trotz, daß es in künstlerischer Hinsicht kein „Judentum an sich“ gibt, sondern, daß die Bücher dieses entheimateten Dichters immer etwas merkwürdig Blutleeres und Konstruiertes an sich haben. Das gilt vor allem für Pereisohn (Ossip Dymow), aber auch in beschränkterem Maße für Schalom Asch. Dieser ist immerhin ein wirklicher Dichter, der stets zu interessieren vermag. Sein neuestes Buch „Lederers Rückkehr“ ist als jüdische Milieu- Studie, als episches Kunstwerk unbedeutend, als Ideendichtung hingegen ungemein fesselnd und von einer bitterbösen Aktualität. Die „Handlung“ ist fast nur Einkleidung eines tiefernsten Gedankens, der an die brennenden, ewig-gültigen Fragen der Glückseligkeitslehre rührt. Chaim Lederer hat sich mit größter Energie aus tiefster Armut emporgearbeitet. Aus dem kleinen ostjüdischen Shop-Arbeiter ist der reiche Groß-Industrielle geworden, der doch einst alle seine Ideen gestalten, all sein wahres geistiges Sein leben wollte, wenn er erst von der Not des Alltags befreit wäre. Nun er es erreicht hat, ein Sechziger geworden ist, sich vom Geschäft zurückziehen kann, dieses seinem ihm völlig entfremdeten Sohn übergeben hat, findet er den Weg zu seinem besseren, wahren geistigen Ich nicht mehr wieder. Seine Seele ist verkrüppelt worden, sein überarbeiteter Körper kann keine andere Sehnsucht mehr aufbringen, als zu der sinnlosen entgeistigten Tagesfrohn zurückzukehren. Ein neuer, modernisierter Ahasver, eine Allegorie unseres Maschinenzeitalters, ein Stück unserer eigenen Kollektivität, tappt trostlos und müde seinen Leidensweg ins Dunkel. „Und hättest Du alle Schätze der Erde gewonnen, aber Dich selbst dabei verloren, was wäre Dir dies nütze?“ So ungefähr sprach einmal der Jude, der den sichtbarsten Schatten in die Weltgeschichte geworfen hat. Asch’s Lederer hat symbolische Bedeutung für unser mechanisiertes Jahrhundert; der Dichter hält unserer Epoche den Spiegel vor. Es ist kein Zufall, daß ein Jude dieses Buch schrieb, daß der jüdische Dichter Jakob Julius David vor 30 Jahren in seiner leisen, zarten Novelle „Der Herr Regierungsrat1“ an dasselbe Thema rührte, das Georg Hirschfeld in seinem „Wirt von Veladuz“ über das gleiche Problem schwermütig grübelte. Das gute Judentum gleicht einer Art ethischen Glocke, die vernehmlich läutet, wenn die Schäden der Zeit das Beste im Menschen bedrohen ... Wir müssen Schalom Asch für sein Werk, das leider Gottes keine Aussicht hat, unmodern zu werden, herzlich danken!... Dr. Ludwig D a v i d s o h n - Berlin. Aus der Ai-Bewegung Verankworll.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands Vorsitzender: Dr. Hugo Hoffmann, Frankfurt a. Main H ★ I Das Ili Programm.j * j Berlin. Gruppe Pankow-Osten: Donnerstag, den 11. Juli, bei Alice Wrefchinski, RO. 55, Elbinger Straße 46. 8 Uhr abends. Breslau. Mittwoch, den 17. Juli, 20.15 Uhr, im kleinen Zimmer des Kurgartens: Jnstrultionsabend. „Grundlagen und Ziele des religiösliberalen Judentums". < Frankfurt a. M. Samstag, den 13. Juli 1929, 17 Uhr: „Faust", Dr. Hofsmann, Untermainanlage 7. Dienstag, den 16. Juli 1929, 20.30 Uhr: Eartenabend bei Flörsheimer, Neumannstraße 153. — Zeitungsschau. ♦ 4 4 4 444»»4 44 4 4 44»4»4»4»4»»»-4444444444»444»»»++4»4+44444+4-4»+ ii * | Aus der Ili-Arbeit jj * j| Große Tagung der schlesischen Jlis in Breslau. Am 7. Juli kam iu Breslau eine große Anzahl von Vertretern der jüdisch-liberalen Jugeudvereiue Schlesiens zusammen. Für die Besprechungen waren uns freundlicherweise die Räumlichkeiten des K.C.-Verbindungshauses zur Verfügung gestellt lvorden. Tic Sitzung bot ein überaus erfreuliches Bild von der Geschlossenheit und dem Arbeitswillen der schlesischen Jlis. Soweit die Verhandlungen über den internen Rahmen hinaus Interesse beanspruchen, seien sic hier in großen Zügen skizziert. Die Besprechungen wurden vom 1. Vorsitzenden des Breslauer Jlis, Herrn Rcligionslchrer Davidsohn, geleitet. Die Vormittagssitzung, an der auch Herr Gcmeinderabbincr Dr. Vogelstein und der 1. Vorsitzende des Liberalen Hauptvereins teitnahmcn, fand in einem engeren Kreise statt. Zunächst wurde die endgültige Konstituierung des Arbeitsausschusses schlesischer Jlis vorgenommen. Der Vorsitz des Ausschusses wurde Breslau übertragen. Die Aussprache über die Innen- und Außcnarbeit der Jlis nahm einen erfreulichen Verlauf. Die Auswirkungen der Aussprache dürsten sich in Kürze in Schlesien bemerkbar machen. Ein Propagandasond schlesischer Jlis wurde geschaffen. In weitgehendem Maße lverdeu die jungen liberalen Kreise Schlesiens durch unsere Arbeit ersaßt werden. Eingehend tvurde der Weg besprochen, der hierbei beschrittcn werden soll. Der in der Sitzung durch die persönliche Fühlungnahme erfolgte Austausch der Arbeitsmethoden der einzelnen Ortsgruppen wird innerhalb der Jli-Winterarbcit von großem Nutzen sein. Mehrfach wurde auch verlangt, daß tvir von den älteren Liberalen mehr als bisher unterstützt werden müssen. Nach einem gemeinsamen Mittagessen im Restaurant Schaal als Gäste des Breslauer Jlis wurden die Besprechungen fortgesetzt. In der für alle Jlimitglicder öffentlichen Nachmittagssitzung hatte sich eine große Zahl von Mitgliedern eingefunden. Wertvolle Anregungen wurden uns von allen Seiten zuteil. Abschließend können wir mit Bestimmtheit sagen, daß diese Tagung für alle Teilnehmer einen großen Wert und einen erfolgreichen Schritt tveiter in unserer Jliarbeit bedeutet. Erich Vulkan. Frankfurt a. M. Unseren .Heimabend am 18. Juni konnten wir auf Einladung unseres Freundes Jack Flörsheimer draußen vor den Toren der Stadt unter freiem Himmel im herrlich gelegenen Garten der Familie Flörsheimer abhalten. Wir haben alle Ursache, Familie Flörsheimer dafür zu danken, daß sie uns für die Sommermonate die Möglichkeit gibt, unsere Abende im Freien zn veranstalten. Bei dem schönen Wetter war cs denn auch kein Wunder, daß der Abend recht gut besucht war und Herr Rabbiner D r. G o 11 s ch a l k, der neue Bücher besprach, eine zahlreiche Hörerschaft fand. Dr. Gottschalk gab uns zunächst Proben aus einem aus dem Englischen übersetzten Buch: „Der ewige Jude", in welchem der Jude durch die Geschichte der Jahrhunderte hindurch in Beziehung zu den Ereignissen der entsprechenden Zeit gestellt wird. — Wir lernten ferner eine Anzahl von gehaltvollen Gedichten aus „Neuer Arbeiterdichtung" kennen, in tvelchen einfache Arbeiter ihre Empfindungen bei der Arbeit und ihre Stellung zu ihrem Werk in mehr oder weniger religiöser Form zum Ausdruck bringen. Eine Woche später gab uns Marianne Steinberg, die wir an diesem Abend nach einer viermonatlichen Amerikareise wieder in unserem Kreis begrüßen durften, einen ausführlichen und eindrucksvollen Bericht von ihren Eindrücken und Erlebnissen der Reise und des Aufenthalts in New-Aork. Es würde zu tveit führen, auf die vielseitigen Ausführungen hier im Einzelnen näher einzugehen. Es sei jedoch erwähnt, daß Fräulein Steinberg im Verlauf ihres Referats auch ausführlicher über die verschiedenen Gottesdienste, die sie drüben besucht hat, berichtete. Besonderen Eindruck machte aus sie ein Sonntag-Gottesdienst in einem Raum, der mehrere 1000 Personen saßt, und der bis auf den letzten Platz gefüllt war. Bis zu später Stunde lauschten wir den interessanten Schilderungen und wir hoffen, von Fräulein Steinberg bei späterer Gelegenheit noch weitere Einzelheiten zu hören. — Zu Beginn des Abends hatte D r. H o s s m a n n anläßlich des Todestages von Walther Rathenau auf die Bedeutung dieses so tragisch ums Leben gekommenen Politikers hingewiesen. A. I. Ratlbor. Am M i t t tv o ch, den 12. Juni, fanden sich unsere Mitglieder zu einem Vcreinsabcnd in den Logenräumen zusammen. Nachdem unser erster Vorsitzender) Herr Dr. Jeimann, die Sitzung eröffnet hatte, gab Anni Frankel einen Bericht über die Oppelner Tagung. Es wurden noch einige diesbezügliche Fragen erörtert und beantwortet; daun besprach Herr Dr. Heimann zahlreiche Jta-Tclegramme, von denen viele zu einer regen Diskussion Anlaß gaben. So u. a. das wüste Treiben der jüdischen Kommunisten in Rußland, das sächsische Wahlergebnis, die Stellungnahme der Tierschutzverbände zum Schächten während der Wiener Tagung und die Rcichszuwendung an die jüdischen Gemeinden. Den zweiten Teil des Abends, der im Zeichen des nahen Wochensestes stand, leitete Anni Fränkel mit folgenden Worten ein: „Sie alle wissen, daß wir Freitag und Sonnabend Schowuaus, das Fest der Offenbarung, feiern. Jener Offenbarung, an welcher das Fundament des Zehnworts gelegt wurde, auf welchem sich die Lehre Israels aufbaut. Ob, nach orthodoxer Auffassung, Gott selbst es war, der sich offenbarte, oder nach liberaler Auffassung der göttliche Geist aus Mose sprach, das Ereignis bleibt gleich einzigartig und erhaben in seiner Größe und Bedeutung." Des weiteren führte sie aus, daß wir uns im Hinblick auf das Fest an diesem Abend ztvar nicht mit der Lehre selbst, »vohl aber „mit einem unserer größten und zugleich unglücklichsten Bannerträger dieser Lehre, dem Propheten Jeremia, befassen wollen. Groß in seinem Eifer für Gott und seine Gebote, trotz Spott, Elend und Schande, denen er ausgesetzt tvär. Und unglücklich, weil gerade er, der sein Volk und Land so sehr liebte, von der Wucht der göttlichen Stimme in ihm getrieben, beiden Krieg und Verwüstung künden mußte. Erst spät wurde ihm jene Verheißung von der besseren Zukunft Israels zuteil." Nach einer kurzen Ueberleitung folgte eine Einführung in Stefan Zweigs dramatisches Gedicht „Jeremias", dessen erstes Bild „Die Erweckung des Propheten" anschließend von Peter Berliner (Jeremias) und Anni Fränk e l (Mutter) rezitiert wurde. Mit dieser Darbietung fand der Abend seinen Abschluß. Er verfehlte nicht die bezweckte Wirkung auf die Zuhörer. Für Mittwoch, den 2 6. Juni, luden wir unsere Mitglieder zu einem „Lustigen Aden d" ein. Leider mußte dieser wegen ungünstiger Witterung im geschlossenen Raume stattfinden. Bevor mit dem eigentlichen Programm begonnen wurde, gedachte Herr Tr. Heimann des in jüngster Zeit so früh verstorbenen Prof. Julius Gold st ei u und würdigte sein Leben und Wirken. Es wurden die letzten Jta-Telegramme verlesen, und nun begann der humorvolle Teil des Abends, der fast ausschließlich dem jüdischen Witz gewidmet war, mit dem Vortragen des drolligen Gedichtes „Der freche Spatz" vou Jakobsohn. Es folgten die „Militärgestellung" von Scholem Alechem, zahlreiche kleine jüdische Anekdoten und ein Kapitel aus „Moritzchens Tagebuch" von Karl Ettlingcr. ES wurde viel und herzlich gelacht. Auch dieser Abend hat seinen Zweck erfüllt; um seine Ausgestaltung hatten sich Herr Dr. Heimann, Anni Fränkel, Peter Berliner und Ernst Glaser bemüht. Anni Fränkel. Kalendarium s. die Zeit v. 10. 7. b. 17.7. 29 Ju» k 1929 Tammus 5689 Mittwoch 10 Donnerstag 11 Freitag 12 Sonnabend 13 Sonntag 11 Montag 15 Dienstag 16 Mittwoch 17 2 3 4 5 Wochenabschnitt: Kaurach Haftarah: 1. Buch Samuel, Kap. 11, 14-15; 12, 1-22 Sabbat-Ausgang: 9.23 Uhr 6 7 8 9