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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-07-10 · 28 (10.7.1929) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
28 (10.7.1929)
Date
1929-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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zu erfüllen ist, ist die Wandlung in der Einstellung zum Vorbestraften. Alle Erziehungserfolge der Strafzeit werden illusorisch, alle noch so sorgfältigen Vorbereitungen der Entlassung durch Fürsorgestelle und Arbeitsnachweis müssen erfolglos bleiben, wenn es nicht gelingt, den entlassenen Strafgefangenen in den Wirtschastsprozeß einzugliedern. In der ablehnenden Haltung der jüdischen Gesellschaft liegt die Ursache vieler Rückfälle. Im Interesse der entlassenen jüdischen Gefangenen liegt es auch, daß die jüdische Arbeiterkolonie recht bald ihre Tore aufmacht, daß die Zahl der Zufluchts- und Uebergangsheime vermehrt wird und daß. möglichst für jeden entlassenen Gefangenen - sei es, daß ihm vorübergehend durch die Wohlfahrtsämter eine Wohnung vermittelt wird, oder daß er gleich nach der Entlassung zu seiner Familie zurückkehren kann — ein Helfer gesunden wird, damit der Uebergang m die Freiheit nicht allzu schroff ist. Die Gefangenenfürsorge ist durch ihre Verkettung mit Weltanschauungsfragen, mit der Einstellung zur Staatsautorität, mit soziologischen Voraussetzungen, sozialen und individuellen Ursachen und Motiven das schwierigste, unzugänglichste und verworrenste Gebiet sozialer Erkenntnis und sozialer Hilfe. Gottesdienste Berlin-Norden. Berltn-Kestend. Berlin-Wilmersdorf. Die Gottesdienste der vorstehenden drei Liberalen Synagogen fallen im Monat Juli aus. Erster Gottesdienst nach den Ferien, Anfang August. Berlin. Jüdische Reformgemeinde, Johannisstraße 16. __ Sonntag, den 14. Juli, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Jelski. Und doch vereinfacht sich das Problem in dem Augenblick, in dem wir den Sinn des modernen Strafwesens erfassen und uns bemühen, den Rechtsbrecher als krankes, abwegiges Glied unserer Gemeinschaft zu betrachten, dem ein ideeller und materieller Lebenszusammenhang zu verschaffen ist. Ein Mr Schweigen Am 13. Juli 1928 veröffentlichte ich in der Jüdifchtliberalen Zeitung den nachstehenden „Offenen Brief" an Herrn Dr. Oskar Cohn. In dem Jahr, das seitdem vergangen ist, hat Herr Dr. Oskar Cohn mir mehrfach eine Erwiderung in Aussicht gestellt. Tatsächlich hat er, obwohl sich wiederholt Gelegenheit hierzu bot, z. B. bei der Schul- -ebatte in der Berliner Repräsentantenversammlung, auf die Ausführungen bisher eine Antwort nicht erteilt. Auffailend ift auch, daß die zionistische Presse, die im allgemeinen Pole^ miken mit besonderem Eifer behandelt, in diesem Fall ein Jahr Schweigen vorgezogen hat. Lediglich ein „neutrales" Blatt brachte eine nichtssagende Entgegnung. Die folgenden Ausführungen haben meines Erachtens an Aktualität nichts eingebüßt, sie können mit Rücksicht auf die andauernden zionistischen Wünsche zur Errichtung jüdischer Schulen durch jüdische Gemeinden noch die gleiche Aufmerksamkeit beanspruchen wie vor einem Jahr. Ich hoffe, daß der nochmalige Abdruck des vorjährigen Artikels zionistische Sozialisten veranlassen wird, das unverständliche Schweigen in dieser Frage zu brechen. Bruno Woyda. Offener Brief an Herrn Dr. Oskar Cohn. Berlin, 12. Juli 1928. Sehr geehrter Herr Dr. Cohn! Seit mehreren Jahren find Sie aus den parlamentarischen Körperschaften des Deutschen Reiches etc. ausgeschieden, in denen Sie — ich denke da vor allem an Ihre Tätigkeit als Abgeordneter der verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung von 1919 — eine von diesen begrüßte, von jenen bedauerte, allseitig als einflußreich empfundene Stellung innehatten. Nunmehr betätigen Sie sich intensiv im öffentlichen jüdischen Leben, gehören z. B. als Vertreter der Poale-Zion-Partei, dem Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde an. In beiden Gremien haben Sie die erste sich bietende Gelegenheit benutzt, um das treue Festhalten an Ihrer sozialistischen Ueberzeugung zu betonen. So haben Sie in der Berliner Reprcksentantenversammlung vom 20. Oktober 1927 ausgeführt: „Ich bin gewählt als jüdischer Sozialist und bin nicht in der Lage, außerhalb dieses Saales Sozialist zu sein und in diesem Saale nicht." Dieses im jüdischen Leben leider nicht selbstverständliche Bekenntnis zur Einheitlichkeit des Denkens und Handelns, gleichviel ob es sich dabei um die sozialistische oder eine andere Ueberzeugung handelt, gibt einem Gegner von Art und Inhalt Ihrer jüdischen Betätigung wohl aber auch das Recht, Ihr Verhalten unter dem besonderen Gesichtspunkt des Vorhandenseins der von Ihnen geforderten Uebereinstimmung zu überprüfen.^ Das soll hier für das Gebiet der jüdischen Schule versucht werden, veranlaßt durch Ihre entschiedene Stellungnahme für die jüdische Schule in der letzten Repräseniantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde. Die deutsche Sozialdemokratie hat frühzeitig die Bedeutung der Schulfrage für das Leben des Volkes erkannt. In dem 1875 zu Gotha beschlossenen Programm, durch das eine Einigung der marxistischen Richtung mit der lassalleschen vollzogen wurde, heißt es bereits: „Allgemeine und gleiche Volkserziehung durch den Staat. Allgemeine Schulpflicht. Unentgeltlichen Unterricht in allen Bildungsanstalteir. Erklärung der Religion zur Privatsache." In dem 1891 beschlossenen Erfurter Programm heißt es dann unter 6 und 7 ebenso: „6. Erklärung der Religion zur Privatsachc. Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirchlichen und religiösen Zwecken. Die kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sind als private Vereinigungen zu betrachten, welche ihre Angelegenheiten vollkommen selbständig ordnen. 7. Weltlichkeit der Schule. Obligatorischer Besuch der öffentlichen Volksschulen. Unentgeltlichkeit des Unterrichts, der Lehrmittel und der Verpflegung in den öffentlichen Volksschulen, sowie in den höheren Bildnngsanstalten für diejenigen Schüler und Schülerinnen, die kraft ihrer Fähigkeiten zur weiteren Ausbildung geeignet erachtet werden." Der Krieg spaltete die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Sie bekannten sich zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Deren Aktionsprogramm wurde auf dem Parteitag zu Leipzig 1919 beschlossen. Dort heißt es: „7. Vergesellschaftung aller öffentlichen Erziehungs- und Bildungseinrichtungen. Oeffentliche Einheitsschule mit weltlichem Charakter. Die Schule ist nach sozialistisch-pädagogischen Grundsätzen auszugestalten, die Erziehung mit der materiellen Produktion zu verbinden. 8. Erklärung der Religion zur Privatsache. Völlige Trennung von Staat und Kirche. Erklärung der kirchlichen und religiösen Gemeinschaften zu privaten Bereinigungen, die ihre Angelegenheiten selbständig ordnen." Und nun gilt für die wiedervereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands das 1925 beschlossene Heidelberger Programm, das in dem Abschnitt „Kultur und Schulpolitik" u. a. besagt. - *’ „Erziehung, Schulung und Forschung sind öffentliche Angelegenheiten; ihre Durchführung ist durch öffentliche Mittel und Einrichtungen sicherzustellen. Unentgeltlichkeit des Unterrichts, Unentgeltlichkeit der Lehr- und Lernmittel, wirtschaftliche Versorgung der Lernenden. Die öffentlichen Einrichtungen für Erziehung, Schulung, Bildung und Forschung sind weltlich. Jede öffentlich-rechtliche Einflußnahme von Kirche, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften auf diese Einrichtungen ist zu bekämpfen, Trennung von Staat und Kirche, Trennung von Schule und Kirche, iveltliche Volks-, Bcrufs- und Hochschulen. Keine Aufwendung aus öffentlichen Mitteln für kirchliche und religiöse Zwecke." So vertritt die Sozialdemokratische Partei Deutschlands seit ihrer Entstehung bis auf den heutigen Tag den Grundsatz der öffentlichen und weltlichen Erziehung. Ihre Gedankengänge haben in der Weimarer Reichsversassung Berücksichtigung gesunden. Freilich entsprechend den politischen Koalitionsverhältnissen nur in der Form von Kompromißlösungen. I Immerhin ist auch hier der Wille der Sozialdemokratie llar »«! Sto&wercK f Billig. > iDohiSchmQckcru£. k nahrhaft. erkennbar. Heinrich Schulz, der Schulsachmann der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion und damalige zuständige Unterstaatssekretär im Reichsministerium des Innern, hat in seinem Buch „Der Leidensweg des Reichsschulgesetzes" die Kämpfe, die zum Weimarer Schulkompromiß führten, eingchend geschildert. Er hat in der verfassunggebenden Nationalversammlung als Sprecher der sozialdemokratischen Fraktion feststellen können: „Wir haben die Weltlichkeit der Schule grundsätzlich erreicht, und das ist für uns entscheidend und ermöglicht uns die Zustimmung." Auch Sie, sehr geehrter Herr Dr. Cohn, haben bei der Schaffung der Weimarer Reichsverfassung mitgewirkt, selbstverständlich in dem Sinne, der aus den hier wiedergegebenen sozialdemokratischen Grundsätzen hervorgeht. In dem achten Ausschuß der versassunggÄenden Deutschen Nationalversammlung, der über den Entwurf einer Verfassung des Deutschen Reiches zu beraten hatte, haben Sie beispielsweise in der Sitzung vom 4. April 1919 ausgeführt: „Bei allen Anträgen vermisse ich die erforderliche Klarheit. Es kommt nur darauf an, ob man die Schule und die Religion entkirchlichen will oder nicht. Wenn ich auch nicht leugne, daß der Religiviisunterricht für die Schule gewisse Werte in sich birgt, so muß dennoch meines Erachtens die Schule von der Kirche befreit werden. Dies ist besonders im Interesse der Lehrer notwendig, damit sie ihre Erziehungsaufgabe restlos durchführen können, wie es der Kirche nicht geglückt ist. Die Antriebe und Werte, die in metaphysischen Bedürfnissen und transzendenten Vorstellungen für den. Aufbau und die Ausbildung der Persönlichkeit liegen, darf sich der Erzieher und die Schule nicht entgehen lassen; aber eben die Schule — ohne die Kirche — muß religiöse Vorstellungen und Bedürfnisse fürdie Erziehung der Persönlichkeit verwerten, muß die entkirchlichte Religion lehren. Während die katholische Kirche sich bisher als -Herrin des Staates fühlte, hielt sich die evangelische für seine erste- Dienerin. Beide Kirchen und die von ihnen vertretene Religion haben nach der Ueberzeugung weitester Volkskreise gegenüber dem Kriege versagt und das Recht verloren, der Jugenderziehung die Grundlage zu geben und, wie bisher, sie zu beherrschen. Die Schule — und der Staat als ihr oberster Leiter — müssen gegenüber der Jugend auch die ethischen und transzendenten Werte verwalten; hierbei denke ich z. B. an einen religiösen Moral!- unterricht wie in Frankreich. Auch die amerikanischen Verhältnisse geben zu denken; manche nordamerikanischen Staaten, in denen bekanntlich reges religiöses Leben herrscht, verbieten in der Schule sogar die Lektüre der Bibel. Die Anträge Nr. ... find für mich unannehmbar," da sie die Beibehaltung des Religionsunterrichts als Lehrfach voraussetzen.... Gegen private Volksschulen muß ich mich ausdrücklich aussprechen..." Heute gehören Sie nun dem Reichstag nicht mehr an. Wirken Sie als Repräsentant in der Berliner Jüdischen Gemeinde und fordern Sie dort — die Errichtung und den Ausbau jüdischer Schulen. Trotzdem die Sozialdemokratische Partei, der anzugehörm auch jetzt noch stolz zu betonen Sie nicht müde werden, sich nun auch in der Praxis fortgesetzt für die Gründung weltlicher Schulen einsetzt. Ich will nicht davon sprechen, welche Gedanken in einem christlichen Deutschen entstehen müssen, wenn er Ihre Stellung zur jüdischer und zur christlichen Schule überprüft. Ich will auch nicht das vorstehend wiedergegebene Zitat oder gar Ihre gesamte Tätigkeit in der Nationalversammlung kritisch betrachten. Da ist vieles eine Frage des Geschmacks, über den sich ja bekanntlich nicht streiten läßt. Und schließlich liegt es mir fern, in diesem Brief das gesamte Problem der jüdischen Schule aufzurotten. Ich bin Gegner der Schaffung jüdischer Schulen, die nach meiner Ueberzeugung ein Rückwärts auf dem Wege bedeuten, den wir als Juden, als Deutsche, als Menschen zw gehen haben, die ich zudem für die Erhaltung des Judentums, offenbar im Gegensatz zu Ihnen, keineswegs als erforderlich ansehe. Nur an Ihr Wort will ich Sie erinnern: „Ich bin nicht in der Lage, außerhalb dieses Saales Sozialist zu sein und in diesem Saale nicht." A „Der zweite," so erzählt Stilling weiter, „war ein jüdischer Rabbi, in der Judengasse zu Frankfurt wohnhaft; er war schon lange an beiden Augen blind und ließ Stilling, ersuchen, zu ihm zu kommen; dieser ging hm und fand einen Greis von achtundsechzig Jahren mit einem schneeweißen bis auf den Gürtel herabhängenden Barl. Sowie ec Hörle, daß der Arzt da wäre, stolperte er vom Stuhl auf, strebte ihm entgegen und sagte: ,Herr Doktor! gucke Se mer ähmo». in die Aaage!" — dann machte er ein grinzig Gesicht und riß beide Augen sperrangelweit auf; mittlerweile drängten sich eine Menge Judengesichter von allerhand Gattung herbei und hier und da erscholl erne Stimme: ,Horcht —! was wird er sagä!" Stilling besah die Augen und erklärte, daß er ihm nächst Gott würde helfen können. „Gotts Wunner" von allen Seiten, „der Herr soll hunuert Jahr läbä!" Nun sing der Rabbi an: „Pscht — horchen Sie ähmol, Herr Doktor! aber nur a Aag! nur ahns! — denn wenns nu nicht geriet — nur ahns!" „Gut!" antwortete Stilling, „ich komme übermorgen; also nur eins." Des anderen Tages operierte Stilling im Judenhospital eine arme Frau und den folgenden Tag den Rabbi. An oiesem Tage wurde er einsmals in des Herrn von Leesners Wohnung herab an die Haustüre gerufen, hier fand er einen armen Betteljuden von etwa sechzig Jahren, er war an beiden Augen stockblmd und suchte also Hilfe. Sein Sohn, ein feiner Jüngling von sechzehn Jahren, führte ihn. Dieser arme Mann weinte und sagte: „Ach, lieber Herr Doktor! ich und meine Frau haben zehn lebendige Kinder, ich war ein flei* Mger Mann, Hab über Land und Sand gelaufen und sie ehrlich ernährt; aber nun, lieber Gott! ich bettet und alles bettelt, und Sie wissen wohl, wie das mit uns Juden ist." Strlling wurde innig gerührt; mit Tränen in den Augen ergriff er seine beiden Hände, drückte sie und sagte: „Mit Gott sollt Ihr Euer Gesicht wieder haben!" Ter Jude und sein Sohn weinten laut, sie wollten auf die Knie fallen, allein Stilling litt das nicht und führ fort: „Wo wollt Ihr Quartier und Aufenthalt bekommen? ich nehme nichts von Euch, aber Ihr müßt doch vierzehn Tage hierbleiben." — „Ja, lieber Gott!" antwottete er, „das wird Not haben, es wohnen so viele reiche Juden hier, aber sie nehmen keinen Fremden aus." Stilling versetzte: „Kommt morgen um neun Uhr ins Jüdenspital, dort will ich mit den Vorstehern sprechen." Dies geschah; denn als Stilling dort die arme Frau verband, so kam der Blinde mit seinem Sohn herangestiegen, die ganze Stube war voller Juden, vornehme und genüge durcheinander. Hier trug nun der arme Blinde seine Not kläglich vor, allein er fand kein Gehör, dies hartherzige Volk hatte kein Gefühl für das große Elend seines Bruders. Stilting schwieg so lange still, bis er merkte, daß Bitten und Flehen nicht half; jetzt aber fing er an ernstlich zu reden, er verwies ihre Unbarmherzigkeit derb und bezeugte vor dem lebendigen Gotte, daß er den Rabbi und die gegenwärtige Patientin au, der Stelle verlassen und keine Hand mehr an sie legen würde, bis der arme Mann auf "vierzehn Tage ordentlich und bequem einlogiert wäre und den gehörigen Unterhalt hätte. Das wirkte; denn in weniger wie zwei Stunden hatte der arme Jude in einem Wirtshause nahe an der Judengasse alles, was er brauchte. Nun besuchte ihn Stilling: der Jude war vergnügt, allein er bezeigte eine sehr ungewöhnliche Angst für die Operation, so daß Stilling fürchtete, sie möchte unglückliche Folgen für die Kur haben: er nahm daher andere Maßregeln und sagte: ,Hött! ich will dir Operation Noch ein paar Tage ausschieben, morgen aber muß ich die Augen etwas reiben und aufklären, das tut nun nicht weh, hernach wollen wir sehen, wie wirs machen; damit war der gute Mann sehr zufrieden. Des folgenden Morgens nahm er also den Wundarzt und einige Freunde mit, der Jude war guten Muts, setzte sich und sperrte bte Augen weit auf; Stilling nahm das Messer und operierte ihm ein Auge. Sowie die Starlinse heraus war, ries der Jude: „Ich glaab der Herr hat mich keoppetriertV — O Gott! ich seh! ich seh alles! — Joel! Joel!, so hieß der Sohn, geh küß äm de Füß — küß am de Füß!" - Joel schrie laut, siel nieder und wolle küssen, allein es wurde nicht gelitten. „Na! Na!," fuhr der Jude fort, „ich wollte ich hätte Millionen Aage; vor ä halbe Koppstück ließ ich mir immer ahns apperiere." Kurz, der Jude wurde vollkommen sehend, und als er wegreiste, lief er mit ausgesireckten Armen durch die Fahrgasse und über die Sachsenhäuser Brücke hin uns ries unaufhörlich: „O, ihr Leut, bankt Gott für mich, ich war blind und bin sehend geworden! Gott laß den Doktor lange leben, damit er noch vielen Blinden helfen könne!" Stilling operierte, außer den Herrn von Leesner, noch sieben Personen, und alle wurden sehend, indesien konnte ihm keiner etwas zahlen, als der Herr Doktor Hut, der ihm seine Mühe reichlich belohnte. — Aber nun fing auf einmal Stillings schrecklichste Lebensperiode an, die über sieben Jahre ununterbrochen sortgedauert hat: der Herr von Leesner wurde, aller Mühe ungeachtet, nicht sehend.... Jetzt glaubte Stilling, er müßte vergehen, er rang mit Gott um Hilfe, aber alles vergebens .... So erzählt der edle Mann von seiner Arbeit und von seinen Juden! Man beachte wohl wie treu und dankbar er die Juden malt und wie sein gutes Herz keinen UnterschiÄ kennt! Ein guter Arzt....

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