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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-06-26 · 26 (26.6.1929) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
26 (26.6.1929)
Date
1929-06-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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s. Jahrgang Nummer 26 ■■■■■ Umschau Die Ausschreitungen iu Posen. Ueber die Ausschreituivgen in Posen, von denen wir bereits in der vorigen Woche kurz berichteten, meldet die Jüdische Telegraphen Agentur unter dem 11. Juni aus Warschau, daß die kostbaren alten bemalten Kunstglasfenster der Synagoge der Brüdergemeinschast in Stücke gehauen und am jüdischen Gemeindehaus 180 Scheiben, in der Neuen Synagoge wertvolle Scheiben zertrümmert wurden. Am Sonntag wurde die Synagoge abermals angegriffen und mit Schnaps- und Bierflaschen bombardiert. Tie Entrüstung der Juden, aber auch der intellektuellen Kreise Polens ist 'allgemein. Zahlreiche Fremde, die anläßlich der Landesausstellung in Posen weilten und die Pöbeleien mit ansahen, sind aus Entrüstung über die Vorfälle, abgcreist. Eine Meldung vom 10. Juni aus Warschau besagt, dass die Ausschreitungen sehr ernster Natur waren und fast den Charakter eines Pogroms angenommen haben. Am Sonnabend nachmittag hielten die nationaldemokratischen Studenten im Akademikerheim eine Versammlung ab, in der sich die Studentenschaft mit der streikenden Lemberger antisemitischen Studentenschaft solidarisch erklärte. Hieraus marschierten etwa 500 Studenten durch die Straßen und verbreiteten Hetzaufrufe gegen die Juden, in denen erklärt wurde, die Juden haben in Lemberg die katholische Religion verhöhnt und eine katholische Prozession angegriffen. Jüdische Passanten, die den Demonstranten entgegenkamen, wurden umzingelt, niedergeschlagen und mit Knüppeln und Fußtritten bearbeitet. In jüdischen Geschäftsläden wurden die Schaufensterscheiben eingeschlagen. Plötzlich, wie auf ein Signal, wandte sich die Menge der Studenten unter den Rufen „Tod den Juden", unterstützt von nichtstudentischen Huligans, gegen das meist von Juden bewohnte Stadtviertel. Es entstand eine ungeheure Panik. Wohnungen und Geschäftsläden der Juden wurden schnell geschlossen. Tie Menge stürmte das Haus der Jüdischen Gemeinde, schlug alle Fensterscheiben ein und zertrümmerte^ die Inneneinrichtung. Zwei große Synagogen wurden mit Steinen bombardiert, sodaß sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Zahlreiche jüdische Restaurants, darunter die „Bar Angelski" in der Saskowagasse 7, das Restaurant 'Lipinski, sowie sämtliche Restaurants in der „Zydowska-Kramarska" wurden demoliert. In zahlreichen jüdischen Geschäftsläden wurden Schaufenster und Türen zerstört. Tie Einrichtung der jüdischen Volksban?'wurde vollkommen zertrümmert. Auf der Landesausstellung Posens wurden der Kiosk der jüdischen Presse und Kioske jüdischer Geschäftshäuser zerstört. Ter Präsident der Warschauer jüdischen Gemeinde wandte sich nach Eintreffen der ernst lautenden Nachrichten aus Posen an das Innenministerium um Schutz für die Posener Juden. Es wurde versprochen, daß nach Posen Weisung ergehen wird, die schärfsten Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung durchzusühren. Es scheint, daß die aus Warschau in Posen eingetrossene Weisung ihre Wirkung getan hat. Tem verstärkten Einwirken der Polizei, die einen dreifachen Kordon um die von Juden bewohnten Gassen gezogen hat, ist es gelungen, die Demonstranten abzudrängen. Etwa 20 Huligans wurden verhaftet. Während des Sonntags waren die von Juden bewohnten Gassen stark von der Polizei besetzt. Neue Skajndalszenen an der Wiener Universität. An der Wiener Universität kam es, wie die Jüdische Tetegraphen- Agcntur berichtet, zu neuen Skandalszenen. Um 1 11 Uhr drangen während der Vorlesungen Gruppen völkischer Studenten in die Säle ein, erzwangen eine Unterbrechung der Kollegs und forderten die Hörer zur Teilnahme an einer Protestversammlung in der Aula gegen die Ausschließung von drei völkischen Studenten, die die Hauptschuldigen in den schweren Ueberfällen auf die jüdischen Universitätshörer gewesen waren, aus. Bon der Straße her eilten gleichzeitig mehrere Gruppen von akademischen und nichtakademischen Hitlerlcutcn aus die Universität zu und überwältigten die Pedelle dec Universität, die an den Eingängen Wache hielten. Tie Polizei säuberte die Rampe der Universität imb braruj auch, als innen Fensterscheiben zertrümmert wurden, in die Aula ein. Rektor Prof. Jnnitzer erschien in der aufgeregten Studentenversammlung in der Aula und versuchte, die Tobenden zu beruhigen, er wurde aber mit Psui-Rufen überschrren. Tie Völkischen nahmen gegen ihn eine drohende Haltung ein, sodaß die wenigen Anwesenden katholischen, sozialistischen und demokratischen Hochschüler ihn schützen mußten. Tie Studenten schickten ein Ultimatum in die Rektoratskanzlei, in dem dec Rücktritt des Kanzlei-Tirektors, die Zurücknahme der Relegierungen und die Uebergabe des Ordnungsdienstes an die Funktionäre der Teutschen Studentenschaft gefordert wurden. Beantwortung sollte in einer halben Stunde geschehen. Der Rektor berief eine Konferenz der Dekane ein, aber auch diese wurde von den Studenten gestört, die Dekane mußten durch freiheitlich gesinnte Studenten vor den Rowdies geschützt werden. Ter Rektor ordnete eine Sitzung des Senats füc Freitag an. Polizei schaffte Ordnung. Ter Rektor der Wiener Universität Prof. Jnnitzer ist dem Terrorismus der völkischen Studentenschaft nicht gewichen. Ter akademische Senat hat die Forderungen der Studentenschaft abgelehnt, dem Rektor und Kanzleidirektor das vollste Vertrauen ausgesprochen und die Ausschreitungen schärfstens mißbilligt. Das Disziplinarverfahren nimmt seinen ordnungsmäßrgen Gang, doch wurde in Aussicht gestellt, daß im Falle der Wahl ordnungsmäßiger Vertreter das gegen einige Studierende erlassene Hausverbot noch in diesem Semester aufgehoben werden wird. Schächtverbot in Norwegen. Ter norwegische Odelting (untere Parlamentskammer) hat mit 88 gegen 21 Stimmen einem Gesetzantrag ^gestimmt, laut welchem in Norwegen das Schächten nach jüdischem Ritus verboten fei. Das Gesetz soll am 1. Januar 1930 in Kraft treten. — Ter Lagsting (die obere Kammer des norwegischen Parlaments^ hat mrt allen gegen eine Stimme das im Odelting (untere Kammer )angenommene Gesetz über das Verbot des Schächtens nach Mischern Ritus bestätigt. IWchÄemleZeibmg * l Aus den Gemeinden f * Berlin. (3 0 Jahre israelitisches Lehrerinnenh e i m.) Das israelitische Lehrerinncnheim feierte am 17. Juni das Fest seines dreißigjährigen Bestehens. Zahlreiche Gäste vereinten sich im Lichterfelde Hause, von Frau Alma Tzialoscynski: empfangen, und hörten dort Ansprachen des Vorsitzenden Dr. Seligsohn-Nettcr und der Rabbiner Dr. Weiße und Dr. Salomonski. Von den Insassinnen nahm auch Fräulein Pauline Münchhausen das Wort, die als geistige Urheberin des Heimes bezeichnet werden kann. Der Festakt wurde von Musik, Gesang und Deklamation umrahmt und hinterließ bei allen die Ueberzeugung, daß hier ein der weitesten Unterstützung würdiges, vorbildliches Werk geschaffen worden ist. Berlin. (Prozessor Levy-Dorn gestorbc n.) Ter weltbekannte Berliner Röntgenologe Professor Dr. Max Levy-Dorn, Ehrenvorsitzender des deutschen Landesverbandes der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden „Ose", ist wenige Wochen vor der Vollendung seines 66. Lebensjahres gestorben. Erst vor vier Monaten wurde der berühmte Gelehrte, der nach Ueberschreitung der Altersgrenze in den Ruhestand getreten war, geehrt durch die feierliche Aufstellung seiner Büste in den Räumen des Röntgeninstituts im Virchow-Krankcnhaus. Kurz nach der Entdeckung der Röntgcnstrahlen 1896 hat Levy- Dorn bereits das erste Berliner Privatröntgeninstitut eröffnet. Fachmännischer Berater beim Bau des Rudolf Virchow-Krankcnhauses wurde er sofort nach dessen Eröffnung mit der Leitung der Röntgenabteilung betraut. Volle 22 Jahre hat er diesem Institut vorgestanden, wobei er sich internationalen Rus erwarb. Er war Vorsitzender der Berliner Röntgengesellschaft und Ehrenmitglied mehrerer Gesellschaften des In- und Auslandes. Durch die Wirkung der Röntgenstrahlcn wurde der Gelehrte gesundheitlich so schwer geschädigt, daß er im Lause der Jahrzehnte die Finger einbüßte und in seinem letzten Lebensjahr sich sogar einer Amputation der .Hände unterwerfen mußte. Er war es aber auch, der wirksame Schutzmaßnahmen gegen die Röntgenstrahlen erfand und es auf diese Weise seinen Nachfolgern erleichterte, der Röntgensorschung, die ihm selbst verhängnisvoll wurde, zu obliegen. Er war nicht nur ein Forscher von höchstem Rang, nicht nur. einer der größten Fachgelehrten der Welt, dem man im Weltkriege die wichtigste Röntgenstellc anvertrautc, er ivar auch ein Mensch von beispielloser Güte, der sein körperliches Leiden, das er sich im Dienste für die Menschheit zugczogen hatte, mit Geduld und Heiterkeit der Seele trug. Mit Hingebung lvidmete er sich auch dem Werke der Gesellschaft „Ose". Er war Mitbegründer und eifrigster Mitarbeiter des deutschen Landesverbandes „Ose", der ihn zu seinem Ehrenvorsitzenden wählte. (Jta.) Berlin. (G e s ch ä f t s j u b i l ä u m.) Am 1. Juli begeht die Firma S. Weiß, Werkstätten für Grabmalkunst, ihr 25 jähriges Geschäftsjubiläum. Wenn immer tvieder der Geschmack und die künstlerische Gestaltung der Grabdenkmäler und Erbbegräbnisse ans dem Jüdischen Friedhof in Weißensee gerühmt wird, so gebührt ein nicht unerheblicher Anteil an diesem Ruhm der Firma S. Weiß. Zahlreiche Grabdenkmäler sind nach Entwürfen dieser Firma gestaltet worden, so erst im Borjahre u. a. das Denkmal für .Hugo Sonnenfeld. Aber auch ans der Fülle der zahlreichen Denkmäler zeugen viele Steine von dem erstklassigen Rus der Firma S. Weiß.' Berlin. (Die Subvention »tätigt eit des Landesverbandes.) Am 8. Juni fand eine Sitzung des Subvcntionsausschusses des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden unter Vorsitz des Herrn R.-A. Dr. Klee statt. Sechs Gemeinden wurden zur Instandsetzung von Friedhöfen und Synagogen Beihilfen gewährt, vier anderen Gemeinden für gleiche Zwecke zinsfreie Darlehen. — Tie im Etat des Landesverbandes für das Rechnungsjahr 1929/30 vorgesehenen 6000 RM. für Sportbewegung wurden unter die einzelnen Spitzenverbände verteilt. — Einem Kantor im Ruhestand soivie einer Bcamtenwitwe konnten Pensionen zugesprocheu, in einem anderen Falte eine Pension erhöht worden. — Für zwei Lehrer- und einen Kantoreusortbildungskursus tvurden einmalige Bewilligungen ausgesprochen, ferner wurden zwei Gemeinden einmalige Unterstützungen zugcsagt. — Eine Reihe weiterer Gesuche mußte leider abgelehnt werden mit Rücksicht darauf, daß die dem Landesverband für Subventionen zur Verfügung stehenden Mittel außerordentlich knapp sind, und demzufolge nur in allerdringendstcn Fällen Hilfe geleistet werden kann. Der Landesverband wird — soweit die ablehnenden Beschlüsse nicht prinzipielle Gründe hatten — seinerseils den Versuch machen, den betreffenden Antragstellern von anderer Seite Unterstützungen zu beschaffen. Tie Frage der Bewilligung von Kur- und Erholungsbeihilfen wurde eingehend erörtert. So sehr man darin übereinstimmte, daß hier eine Hilfe nötig wäre, mußte die Bewilligung derartiger Gesuche aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt werden. Dagegen wird der Landesverband noch mehr als bisher darauf dringen, daß überall dort, wo die gesetzlichen, Grundlagen dafür gegeben sind, die Beamten den zuständigen Krankenkassen und Angestelltenversicherungen angehören, damit ihnen von diesen Stellen bei Erkrankungen ärztliche Hilfe und Kuraufenthalt gewährt werden. Breslau. (Beate G u t t m a n n - H e i m.) Am Sonntag, den 23. Juni, 11 Uhr, fand die feierliche Grundsteinlegung zum Bau des „B e a t e G u t t m a n n - H e i m s" statt, der eine größere Anzahl geladener Gäste beiwohnte. Gemeinderabbincr Dr. Vogelst e i n hielt die Weiherede. Er ging aus vom Schriftwort des Wochcnabschnitts „Sie sollen ihren Namen legen auf die Kinder Israels und sie segnen..verbreitete sich dann über Zweck und Ziel der Anstalt (alten jüdischen Frauen eine Heimstätte verbunden mit einer jüdischen Haushaltungsschule für jüdische Mädchen) und schloß mit segnenden Psalmworten. Ein dreifaches solle das neue Heim geben: „Dem Alter Frieden, der Jugend Schulung und denen, die das Alter betreuen und die Jugend lehren, S e g e n." Dann ergriff das Wort im Namen der hiesigen Ortsgruppe des Indischen Frauenbundes Frau Grete B i a l, Breslau. Sie dankte allen staatlichen und städtischen Behörden, den Gemeindekorporationen (die das Baugelände unentgeltlich hergegeben), dem Kuratorium der „Beate Guttmann"-Stiftung, sowie allen, die an deren Zustandekommen mitgeholsen, auch den Kuratorien der Stiftungen, die in der neuen Stiftung aufgehen sollen. Bor allem aber der Namensgeberin, die seit zwei Menschenaltern sich unermüdlich aus dem Gebiete werktätiger Menschenliebe betätigt und darin allen ihren Mitschwestern ein leuchtendes Vorbild geworden sei. Anschaulich schilderte Frau B i a l, wie gerade die Zeit nach dem Weltkrieg eine solche Anstalt zur Notwendigkeit gemacht habe. Sie legte in den Grundstein eine Metallhülse, die eine auf Pergament geschriebene Geschichte der Breslauer Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes und die Unterschriften der Kuratoriumsmitglieder enthielt und vollzog die ersten drei Hammerschläge. Ihr folgte Frau Beate G u t t m a n n , die in ihrer rührend schlichten Art tief bewegte und die Anwesenden tief bewegende Worte des Dankes sprach. Im Namen des Vorstandes des „Jüdischen Frauenbundes" nahm dann Frau Brenner das Wort zu einer längeren Aussprache. Es folgten dann noch die drei Hammcrschläge von den Vertretern der städtischen und Gemeindekorpormtionen sowie der Architekten und des Maurermeisters. Unter deren Sprüchen wollen wir für uns die Worte wählen, die der Gemeindeälteste Herr W a l d st e i n sprach: „Beate Guttmann zur Ehr, der Jugend zur Lehr, dem Alter zur Wehr!" Beilage 26. Juni 1929 In diesen Worten sind auch unsere Wünsche für diesen „T empel des praktischen Judentums" enthalten, zu ivelchem heute der Grundstein gelegt wurde. Dessau. (Mendelssohn-Feier.) In Dessau, wo Moses Mendelssohn am 6. September 1729 geboren wurde, werden Staat und Sradt gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde eine Feier veranstalten. U. a. wird eine Ausstellung stattfinden, an der sich auch die Nachkommen des Philosophen, darunter der Berliner Handelskammcrpräsident Franz von Mendelssohn, mit Stücken aus ihrem Besitz beteiligen iverden. Da die Veranstaltungen der Toleranz-- bewegung des 18. Jahrhunderts überhaupt gelten sollen, wird eine Abteilung der Ausstellung dem Berlin der Aufklärungsarbeit gewidmet sein, eine andere Erinnerungen an den aufklärerischen Fürsten Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau enthalten, unter dem das Philantropin und der Wörlitzer Park geschaffen wurde. Dieburg. (Synagogen-Ein Weihung.) Am Sonntag, 9. Juni, wurde die neue Synagoge zu Dieburg in Hessen eingeweiht. Dieses Fest gestaltete sich zu einer großen Kundgebung des konfessionellen Friedens. Vom Rednerpult der Synagoge herab sprachen der protestantische, der katholische Pfarrer, der Darmstädter Rabbiner, der Kreisdirektor, Bürgermeister und Schulrat vor einer ergriffenen Menge aller Konfessionen Worte des Friedens und der Zusammengehörigkeit, wie man sie selten zu hören bekommt. Die Ergriffenheit des Publikums war derartig, daß trotz der Weihe des Ortes spontanes Händeklatschen nicht entweihend wirkte. Der Bau wurde in 11 Monaten ausgesührt und ist ein Werk des Wiesbadener Architekten Dipl.-Ing. Rudolf Joseph. Hier ist wohl erstmals der Versuch gemacht und zur Durchführung gebracht, trotz strengster Einhaltung der religiösen Vorschriften sachlich und zeitgemäß zu bauen, und Abkehr zu suchen von allen Auswüchsen der Synagogenbaukunst der letzten Jahrzehnte. Ter eigentliche Betraum mit seinen etwa 200 Plätzen ist von unten bis zur Balkoudecke in Tekton-Jsolicrung mit Kicsernsperrholz (ungebeizt) verkleidet, was sich bei der günstigen Akustik des Saales vorteilhaft. bemerkbar machte. Die Fenster sind aus bunten Anlikgläsern, leicht getupft, Beleuchtungskörper einfache Röhrenlampen aus Ältsilber. Tie Ehrung der Gefallenen wird durch ebensolche Glimmlampen bewirkt. In dem Bau befinden sich noch eine Wochentagssynagoge sowie ein rituales Frauenbad. Am Eröffnungstage mögen 4—500 Menschen dem Festakt beigewohnt haben. Gießen. (Todesfall.) In Frankfurt a. M. ist das frühere langjährige Mitglied der israelitischen Gemeinde, Herr Liebmann Bär, verstorben. _ Als Vorsitzender des Vorstandes hat der Entschlafene seine Arbeitskraft in edler, pflichtbewußter und schafscnsfroher Bereitwilligkeit in den Dienst des Allgemeinwohls gestellt und alle religiösen Einrichtungen nicht nur zu erhalten, sondern auch zu fördern und zu befestigen verstanden. Die Gemeinde schuldet dem Heimgegangenen aufrichtigen Dank für sein selbstloses Wirken im Dienste der Humanität und der Wohltätigkeit. Sie wird seinen Namen dauernd in hohen Ehren halten. Hamburg. (Sitzung des Repräsentantcn-Koileg i u m s.) Am 17. Juni 1929 fand eine höchst bedeutsame Sitzung des Repräsentanten-Kollegiums statt. Im Mittelpunkt der Beratungen stand eine Vorlage, die die Beteiligung der Gemeinde an dem geplanten Neubau eines Gotteshauses des israelitischen Tcmpelverbandes betras. Der Tempclverband ist, ebenso wie die beiden weiteren in Hamburg bestehenden Kultus-Verbände, ein zwar innerhalb der Gemeinde stehender, aber völlig selbständiger Verband. Er hat seit Jahren die Notwendigkeit erkannt, ein neues Gotteshaus zu errichten und sich vor geraumer Zeit an die Gemeinde gewandt mit der Bitte, mit ihm in Verhandlungen über die Ausbringung der erforderlichen Mittel einzutrcten. Die vorbereitenden Besprechungen haben zu einem Anträge des Tempelverbandes an die Gemeinde geführt, diesem für den Neubau, für welchen ein Platz vom hamburgischen Staat erworben werden soll, einen Betrag von RM. 250 000,— zur Verfügung zu stellen. Außerdem aber sind für zwei Darlehen, welche der Tempclverband in Höhe von je RM. 150 000,— aufnehmen muß, die Bürgschaft zu übernehmen. Für diese beiden Darlehen bestehen Sicherheiten im Vermögen des Tempelverbandes. Dem Repräsentanten-Kollegium wurde gleichzeitig mit dem Anträge auf Bewilligung dieser Leistungen ein Entwurf des zwischen Gemeinde und Tempelverband abzuschließenden Vertrags vorgelegt. Bei der Beratung ergab sich eine Ucbereinstimmung aller Parteien bezüglich der Uebernahme der gewünschten Leistungen. Auch von Seiten der streng orthodoxen Richtung wurde die grundsätzliche Zustimmung erklärt; cs wurde jedoch der Wunsch ausgesprochen, daß noch näher geprüft werde, in welcher Form die Gewährung der Leistungen durch die Gemeinde erfolgen solle, damit die Vertreter dieser Richtung nicht mit ihrem religiösen Standpunkt in Konflikt geraten. — Ta der vorgelegte Vertrag ohnedies einer Nachprüfung bedurfte, wurde vom Kollegium beschlossen, daß die gewünschten Leistungen grundsätzlich von der Gemeinde zu übernehmen seien, daß die Abschließung eines Vertrages mit dem Tempclverband durch eine Kommission erfolgen solle, in welcher das Repräsentanten-Kollegium durch 4 Herren vertreten sein soll. — Es ist nicht daran zu zweifeln, daß hiernach mit der Errichtung des neuen Gotteshauses demnächst wird begonnen werden können. Die Errichtung des neuen Tempels ist vom Standpunkt des liberalen Judentums außerordentlich zu begrüßen. Es wurde alsdann die Frage einer Abänderung des Wahlalters für das aktive Wahlrecht zum Repräsentanten-Kollegium auf Grund eines Antrages erörtert, der die Festsetzung des Wahlalters auf 21 Jahre verlangt. Eine gleiche Vorlage war vor kurzem abgelehnt. Aus Befürwortung von Herrn Dr. Fränkel (lib.) und Herrn Alexander Levy (konserv.) stimmte das Kollegium dem Anträge zu. Dagegen wurde ein von Herrn Offenburg (kons.) gestellter Antrag abgelehnt, der eine Beschränkung der Stimmenhäufung innerhalb der Wahlliste zum Gegenstand hatte. Nachdem sodann einige Nachtragsbewilligungen erfolgt waren, darunter eine solche von RM. 2000,— für den Neubau der Knabenfürsorge-Erziehungsanstalt des deutsch-israelitischen Gemeindebundes, und ein Antrag des Gemeindevorstandes betreffend den Beitritt zum Verbände der jüdischen Gemeinden Schleswig-Holsteins und der Hansestädte genehmigt ivar, wurde in die Beratung des Voranschlags für das mit dem 1. Juli 1929 beginnende Rechnungsjahr eingetreten. Ter Etat war bereits durch eine Budget-Kommission auf das sorgfältigste geprüft worden. Er wurde nach Maßgabe der Vorschläge dieser Kommission mit einigen unwesentlichen Aenderungen angenommen. Der Etat gibt ein Spiegelbild der sich immer umfangreicher gestaltenden Tätigkeit der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg, insbesondere auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge und des Unterrichtswesens. Diesen Verwaltungsausgaben gegenüber sind die Zuschüsse, welche die Gemeinde an die Kultusverbände bezahlt, sehr gering. Die Kultus-Verbän-de haben ihre eigene Finanz-Verwaltung und erhalten von der Gemeinde lediglich 10 o/0 der Steuercingänge ihrer Berbandsmi,tglieder. Das Budget weist auf der Einnahmc- und Ausgabe-Seite eine Summe von RM. 1305 205,— auf. Die Zuschüsse an die Kultusverbände machen hiervon lediglich RM. 72 000,— aus. Für allgemeine Wohlfahrtszwecke ist ein Betrag von RM. 140 000,— ausgewiesen; außerdem aber erhalten eine Reihe von sozialen Instituten, die teils von der Gemeinde unterhalten, teils von ihr unterstützt werden, erhebliche Zuwendung««, insbesondere die Mittelstandshilfe, das Altenhaus, das Pflegeheim und das Kindererholungsheim. Erhebliche Aufwendungen verlangt die Unterhaltung der der Gemeinde gehörenden israelitischen Mädchenschule, für welche eine Ausgabe von mehr als RM. 180 000,— bereitzustellen ist, während die Talmud Thora-Schule einen Zu-

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