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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-06-26 · 26 (26.6.1929) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
26 (26.6.1929)
Date
1929-06-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Stelle werden am Freitagabend Ansprachen für die Jugend gehalten, die aber auch nur dann besucht werden, wenn der Rabbiner seine Schüler vorher auf die Gottesdienste besonders aufmerksam macht. In anderen Synagogen liberaler Richtung bedarf es gedruckter Einladungen an die Synagogenbcsucher, um wenigstens 20—30 ihrer Kinder zum Besuch der Jugendgottesdicnste zu veranlassen. Nur die Jugendgottesdienste an den Hohen Feiertagen finden noch Zuspruch — weil diese für viele junge Juden die einzigen feierlichen Andachten sind, denen sie im Laufe des Jahres beiwohnen. Bon 22 im Jahre 1922 ist ihre Zahl jetzt auf 15 zurückgegangen j zwei werden von der Reformgemcindc, einer von der Liberalen Synagoge Norden veranstaltet. Die Prediger, ausnahmslos Religionslehrer, müssen ihre Ansprachen so cinstellen, daß sie alle Altersstufen — auch die anwesenden Erwachsenen! — erbauen, nicht trocken belehren. Abstrakte Redereien, Moralpredigten und andächtiges Schwärmen bleiben ganz wirkungslos! Eine talmudische Legende, ein Hinweis auf bedeutende Persönlichkeiten unserer Geschichte, eine Schilderung frommer jüdischer Bräuche, alles dies ist leicht faßlich und bleibt in der Erinnerung der Zuhörer hasten. Die Rede muß schwungvoll und begeistert vorgetragen werden, sonst kann sie keine Aufmerksamkeit, geschweige denn Begeisterung wecken. Man mache die Probe aufs Exempel: man frage ein Kind, was der Prediger gesagt hat? Kann es etwas aus der Predigt wiedergeben, so hat diese ihre Wirkung gezeitigt; wenn nicht, so war die Rede ein Wortschwall. Am besten werden die jugendlichen Zuhörer konkrete Forderungen wiedergeben können, die der Prediger als Nutzanwendung seines Textes erhoben hat: bittet eure Eltern, sie möchten euch die Freitagabende wiedergeben, — nehmt am Religionsunterricht bis in die obersten Klassen teil - lernt Hebräisch — leset Bücher jüdischen Inhalts usw. Politik bleibe verpönt, auch jüdische Parteipolitik, d. h. Schmähung andersdenkender jüdischer Brüder. Die Liberale Synagoge Norden hat sür ihre Jugendgottesdienste an den Jomim nauroim eine eigene Liturgie. Die Agende der großen Gemeinde ist durchaus nicht unzulänglich; sie ist nur verbesserungsbedürftig. Ihre einstigen Verfasser gingen von dem Gedanken aus, sie möglichst der Liturgie des Hauptgottesdienstes anzugleichen. Diese Tendenz muß beibehaltcn werden. Der 2. und 3. Abschnitt des „Sch'ma Jisroel" kann Wegfällen. Statt dessen ist au geeigneter Stelle „Unßanne Taukes" aufzunehmen, dessen Bedeutung und Geschichte (Rabbi Amnon!) jeder Religionstchrer in der Klasse bespricht. „W'jeeßoju" ist inhaltlich prachtvoll und leicht verständlich; die Melodie von Karl Zelter ist geradezu ein Juwel des Synagogcngefanges. Da der Jugendgottesdienst nicht länger als U,-. Stunden dauern darf, so muß die für diese etwa neu cinzuführenden Gebctstücke erforderliche Zeit durch den Fortfall von „Ahawoh rabbo" ustv. gewonnen werden. Indessen, ich will hier keine positiven Aenderungsversuche machen: diese bleiben einer hierfür einzusetzenden Kommission Vorbehalten. Empfehlenswert ist eine gclvissc Abwechselung in der Liturgie der beiden Tage. Wenn z. B. die jugendliche Gemeinde zusammen mit dem Prediger am 1. Tage des Neujahrsfestes — deutsch — den Psalm 23 spräche, mag sie am 2. Tage Psalm 121 im Sprechchor beten. Auch ein stilles — deutsches — Gebet ist aufzunehmen. Ebenso herrsche bei der Einleitung in den Festgottesdienst etwas Abwechselung: wenn die jungen Beter am 1. Neujahrstage „Wie schön sind deine Zelte" singen, erschalle am 2. Tage „Adaun Aulom", am Versöhnungstage aber Psalm 130 nach der Kol Nidre-Melodie, am Nachmittage Psalm 121, „Hebe deine Augen auf", eine Motette, die allen Jugendlichen als Schullied geläufig ist. Unter allen Umständen muß die Wiederholung der Thorax- Vorlesung des 1. Tages unterbleiben. Ich habe — jedesmal im Einverständnis mit dem Synagogenvorsteher — am 2. Tage statt der deutschen Uebertragung des Thoraaoschnitts die Psalmen 23, 84 und 121 deutsch auswendig vorgetragen. Für den 2. Tag dürfte sich die Vorlesung der Offenbarung am Sinai eignen. Wünschenswert wäre die Vorlesung des Thoraabschnittcs durch einen Knaben; der Religionslehrer müßte diesen freilich vorher einüben. Ja, die Selbsttätigkeit der Kinder beim Gottesdienst! Die Reformgemeindc laßt bei den Jugendgottesdiensten und bei Einsegnungen den Thoraabschnitt hebräisch durch einen Knaben, deutsch durch ein Mädchen verlesen. Am Schluß des Versöhnungstages pflege ich die jugendliche Gemeinde aufzufordern, das Bekenntnis im Chor mit mir zu sprechen; sie tut es mit großer Begeisterung. Dann erst werden die drei Partien gesungen. Den Versuch, beim Fcstgottesdicnst einmal einen verständigen Jugendlichen, etwa einen Primaner, zu seinen Kameraden und Kameradinnen sprechen zu lassen, will die Berliner Gemeinde nicht unternehmen; sie fürchtet, er könne mißglücken: „Wir haben in dieser Hinsicht genug unliebsame Erfahrungen bei den Hauptgottesdicnstcn gemacht", schreibt sie. Vor dem Schofarblasen hat der Prediger aus die Bedeutung dieses heiligen Brauches hinzuwcisen. Dadurch wird verhütet, daß die Kinder, welche diese erschütternden Töne zum ersten Male hören, nicht den erforderlichen Ernst bewahren. Auch vor dem Kahdisch der Leidtragenden ist eine kurze Ansprache zu hatten; die jetzt übliche Eingangsformel „Ehe wir diese Stunde" genügt nicht. Noch eins: seit Jahren fehlt es an Gebetbüchern, die den Kindern beim Betreten des Betsaals cingehändigt werden können. Wer der Liturgie nicht folgt, ist leicht geneigt, mit dem Nachbar zu plaudern — es sind eben Kinder —, namentlich sind die halbwüchsigen, Burschen („höhere Schüler"!) Störenfriede, wenn sie sich nicht aktiv an der Andacht beteiligen können. Verringert wird die Störungsgefahr, wenn der Aufsichtsbcamte — oder besser: der Prediger — den Jungen ohne Buch die ersten Bankreihen anweist und sie zum Segcnsspruch über die Thora und anderen Mizwaus heranzicht. Daß die ehemaligen Absolventen der Berliner Religionsfchulen oft diesen Segensspruch nicht können und ihnen die wichtigsten Gebete fremd sind, ist ein Kapitel für sich (2,2 Millionen jährlich sind in den Etat für Religionsunterricht eingestellt!). Wichtiger als das Einheitsgebetbuch ist eine das Gemüt des jugendlichen Tempelbesuchccs von heute erhebende, ihn selber zur Mittätigkeit befähigende Agende für Israels letztes, allerwichtigstes Kleinod: die Jugend. Hoffentlich läßt eine solche nicht ebenso lange auf sich warlen wie die seit länger als zwei Jahrzehnten in Vorbereitung befindliche „Berliner Bibel"! , . E u g e n W o l b c. BUCHERSCHAU Oskar Jellinek: „Der Sohn“, Erzählung. Paul Zsolnay Verlag; Berlin, Wien, Leipzig 1928. (78 Seiten.) Auf dem Umschlag lesen wir als Ankündigung des Verlags: „Der Zwiespalt zwischen verzehrender Glaubensinbrunst und bohrender Zersetzung wird Richard Gabriel, dem Sohn eines Priesters und einer Jüdin, aus dessen Zügen ein zweites und drittes Antlitz, des Menschensohnes und des Jesus Barabbas, mystisch hervorleuchtet, zum verhängnisvollen Schicksal. Eine meisterliche Erzählung, in der religiöses Genie und dichterisches Wort mächtig erschütternden Rhythmus gewinnen.“ Die Lektüre ergibt ein erheblich anderes Urteil: die Einzelheiten sind blutleer und unwahr, das Ganze ohne Kraft und ohne Gedanken. Einzelheiten: Eine jüdische Schankwirtstochter, später selbst Inhaberin der Schankwirtschaft, hat einen unehelichen Sohn. Angeblich von einem katholischen Priester, doch niemand weiß das genau. Die Mutter bleibt Jüdin, der bei ihr in Erziehung verbleibende Sohn, eben jener Richard Maria Gabriel, wird im katholischen Glauben erzogen, und die Mutter selbst legt auf diese Erziehung größten Wert. Motivierung für diese lebensunmögliche Seltsamkeit fehlt vollkommen. Der Autor hat es so bestimmt, basta. Der Autor hat auch bestimmt, daß Gabriel immer einen Tag in „verzehrender Glaubensinbrunst“ — christlich-idealistisch — beten, den nächsten Tag in „bohrender Zersetzung“ — jüdischmaterialistisch — bibelkritisch dozieren muß. Auch hier wird eine psychologische Motivierung nicht gegeben; die „Blutmischung“ muß die geschilderte, die lebensunmögliche Schicksalskonstruktion rechtfertigen. Schließlich wird uns noch zugemutet, zu glaubeß oder doch mitanzuhören, — in die Erzählung ist als Schulaufsatz Gabriels die Szene Jesus vor Pilatus hineingearbeitet —, daß die Mutter des Jesus Barabbas in Jerusalem zur Zeit Christi g e j i'i d e 11 („Großmächtiger Statthalter, um Gottes willen, gib frei meinen Sohn! Was hat er getan, was hat er getan, weil er ist betrunken gewesen von dem Wein, den er hat getrunken bei mir in meinem Wirtshaus“ — drei Seiten lang so!), und daß Christus mit Pilatus lateinisch gesprochen habe! Was soll uns ein solches Buch? Von einem Judenabkömmling, der ja der Autor wohl ist, hätte man verlangen dürfen, daß er in seinem Helden, dem Mischling, Judentum und Christentum gegeneinander streiten ließe: die beiden Religionen Judentum und Christentum. Nichts davon ist in dem Buch. Die platteste und roheste Auffassung: Christentum allein sei Religion und Idealismus, Christen allein seien religiös; Judentum und Juden dagegen Materialismus und ungläubig. Wer so viel Wesens vom Christentum macht, darf nicht so gänzlich vom Wesen des Judentums schweigen. Auch nicht der Versuch wird gemacht, vom Judentum zu sprechen; und die einzige Stelle, wo der Autor denn doch davon zu sprechen sich anschickt, läßt uns in einen finsteren Abgrund völliger Ahnungslosigkeit sehen. Hier ist sie (S. 15 f.): „Sie (Gabriels jüdische Mutter) waltete anordnend am Schanktische und überließ die Bedienung der Gäste im allgemeinen einem Kellner. Bloß gelegentlich half sie aus und begab sich zu diesem und jenem, wobei sic allerdings auch mit Leuten von sichtlich niederer Herkunft nach Wirtsart vertraulich plauderte. Vielleicht war es dies, was mein Freund als herabwürdigend empfand, gequält von einem geheimen Erinnern an die einstige Auserwähltheit jenes Volkes, dessen Muttermilch er getrunken hatte.“ — Einer stärkeren Verkennung unseres Auserwählungsgedankens sind wir Juden wohl in der gesamten Literatur wohl noch nicht begegnet, und wir dürfen Einspruch dagegen erheben, daß über uns geschrieben wird von Solchen, die nichts von uns wissen und nichts über uns gelernt haben. Daß diese Auffassung von der Auserwähltheit Israels auch zu des Autors eigener Schilderung dieses Volkes nicht paßt — man denke wiederum an die jiidelnden Juden vor Pilatus —, dieser Widerspruch ist schließlich des Verfassers Privatsache. Das Ganze — es ist dort verschiedentlich, da die Erzählung auf der Schule spielt, vom Lehrfach Mathematik die Rede. Erinnern wir uns also jenes mathematischen Axioms, das auch wir alle gelernt haben: Das Ganze ist die Summe seiner Teile. George Goetz. Werbt neue Mitglieder! REISEBÜRO Berliner IageblaN am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 154/55 im Hause des Kabarett der Komiker ist eröffnet Besorgung von Fahrkarten Platzkarten Sdiiafwagenkarten Flug- und Schiffskarten zu Originalpreisen Ausarbeitung und Zusammenstellung von Reiseplänen Gesellschaftsreisen Kurorteu. Bäder-Reisedienst des BERLINER TAGEBLATT Reisebüro des Berliner Tageblatt Kabarett ÜÜderKemlker Jüdische Gemeinde Berlin Unsere verehrlichen Gemeindemitglieder weisen wir auf die Bekanntmachung betr. hin. Diese Bekanntmachung ist im „Gemeindeblatt der Jfid. Gemeinde zu Berlin abgedruckt u. in den Gemeindesynagogen wie auch in den unter Gemeindeaufsicht stehenden Geschäften ausgehängt. Berlin, im Juli 1929. Vorstand der Jüdischen Gemeinde Religionslehrer gesucht. Akademisch und möglichst auch vabbinisch gebildeter Religionslehrer, der für den Unterricht in den obersten Klassen höherer Lehranstalten befähigt ist, zu Beginn r. des Winterhalbjahres gesucht. LE— Besoldung nach Gruppe 2c (mit Aufrückung nach 2a) der Reichsbeamten.jj Umgehende Meldung mit Zeugnisabschriften an unsere "Verwaltung Fahrgasse 146, Frankfurt a. Main. Vorstand der israelitischen Gemeinde. Die Stelle des Rabbiners der synagogen-eemeinde Barmen soll neu besetzt werden. Gehalt nach staatlich. Sätzen, Pensionsu. Hinterbliebenen Versicherung. Bewerbungen jüngerer, gut empfohlener Herren an den Unterzeichneten Vorsitzenden des Vorstandes erbeten. Dr. Ollendorff. Für die hohen Feiertage ein Prediger rs gesucht. — Meldungen an den Vorstand der Synagegen-fiemeinfle Barmen. Vormittags-Abendschule Private Vorbereitungsanstalt. Direktor Danziger Berlin, Alte Jakobstraße 125 Liberale Bliiitr Frankfurter Organ für jüdisch-liberale Interessen Aus dem Inhalt der letzten Nummer: Rabb. Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Dr. A. Lilienthal: Zar Agency Frage Die Anlänge des liberalen Judentums Herausgeber: „JH“, Frankfurt am Main. Das Heft ist zu beziehen z. Preise v. M. 0.50 durch d. Schriftleitung Frankfurt a. M. Untermainanlage 7 111 Julius Simon Kunstu. Bauglaserei Bilder-Einrahmungen C harlottenburg Eosander Strasse 8 Wilhelm 8157 «die Erste iueitMerenz iineraier Juden Reden, Diskussion, Beschlüsse Gründungsversammlung der World Union for Progressive Judnism London, 10.-12. Juli 1926 ¥ Preis im Buchhandel 1.80 dl. Für Mitglieder der Vereinigung, die direkt bei uns bestellen 1 M. Vereinigung tllr das liberale JUdentUm Berlin SW 48 Wilhelmstr. 147 Yerein für Feuerbestattung tu Berlin von 1874, e. V. venu, kostenlose Feuerbestattung: Annahme W 35, Lfltzowstraße 44, Telephon: i.ützow 960-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154a Ecke Fasanenstraße, Telephon: Steinplati 1835 WERKSTÄTTEN FÜR GRABMALKUNST S. WEISS GRABDENKMÄLER U. ERBBEGRÄBNISSE BERL1N-WEISSENSEE LOTHRINGERSTR. 8 - TELEPHON: WEISSENSEE 407 Verlag: Vereinigung für das liberale Judentum e. «., Berlin SW. 48. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Ing. Bruno Woyda, Berlin SW. 29. — Druck: Hermann Wegner 6- Co., Berlin-Mariendorf. 5445 5767280137

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