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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-06-26 · 26 (26.6.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
26 (26.6.1929)
Date
1929-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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schuß von RM. 72 000,—, >vie in den Vorjahren, erhalten soll. Der jüdische Schulverein, der den Religionsunterricht auf liberaler Basis vermittelt und dem israelitischen Tempelverband nahe steht, erhält auch im kommenden Etatsjahr einen Zuschuß von RM. 11 000,-. Nachdem der Etat genehmigt war, folgte noch eine geheime Sitzung, in welcher über einen Antrag auf Bewilligung von RM. 100 000,— zwecks Vornahme von Umbauten auf einem Friedhose zu entscheiden war. Der Antrag des Gemeindevorstandes tvurde genehmigt. Hannover. (Konferenz des Vereins jüdischer Lehr e r.) In der am 16. Juni in Hannover stattgesundenen Konferenz des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover wurde, wie die Jta mitteilt, folgende Entschließung einstimmig angenommen: „Der Verein jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover spricht die Erwartung aus, daß Bezirkslehrerstellen in der Provinz Hannover, wie auch in anderen Provinzen, seitens des Landesverbandes und der Provinzialverbändc erst dann eingerichtet tverden, wenn di« Mittel dazu vorhanden sind, die Inhaber auch nach staatlichen Grundsätzen — den Anstellungsverhältnissen der Vollsschullehrer gleich — ($• Zt. Gruppe IV b der Reichsbcsoldungsordnung) zu besolden und ihre Zukunft, Alters- und Hinterbliebencnversorgung, nach den gleichen staatlichen Grundsätzen sicherzustellen. Der Verein erachtet die beabsichtigte und anderweitig durchgeführte Besoldung nach der alten Gehaltsgruppe VII für die Existenz eines Lehrers als völlig ungenügend und die mangelnde Sicherstellung seiner Zukunft als unvereinbar mit den sozialen Grundsätzen der Gegenwart und den ethischen Forderungen des Judentums. Er richtet an alle Kollegen die dringende Mahnung, keine solche Stelle anzunehmen, solange diesen berechtigten Lehrerforderungcn nicht Genüge geschieht und lehnt jede Stellungnahme zugunsten von Kollegen, die dennoch eine solche Bezirkslehrerstclle annehmen, ein für allemal ab." Herne. (Persönliche s.) Ter Vorsteher unseres Repräsentanten-Kollegiums, Herr Simon Kaufmann, wurde auf der Reise plötzlich vom Tode ereilt. Die Gemeinde betrauert den Heimgang ihres hilfsbereiten und liebenstvürdigen Vertreters, der seine Kenntnisse und Erfahrungen seit einem Vicrteljahrhundert dem Gemeindawohl widmete und allen, die sein charaktervolles Wesen schätzten, unvergessen bleiben wird. Kassel. (Traucrseier für Tr. Katzen st ei n.) Montag nachmittag wurde die von Berlin hierher übersührte sterbliche Hülle des Rechtsanwalts Dr. Katzenstein auf dem Bettenhäuser Friedhof unter außergewöhnlich starker Beteiligung von Freunden des jäh aus dem Leben Gerissenen beigesetzt. Im Trauergefolge bemerkte man Polizeipräsident Dr. Hohenstein, Vertreter des Gerichts und der Rechtsanwaltschaft und viele Mitglieder hiesiger Gemeinde oder benachbarter Orte, die dein Entschlafenen die letzte Ehre erweisen wollten. Landrabbiner Dr. Walter ließ in seiner Trauerrede Leben und Werdegang des Verstorbenen, seine markanten Eigenschaften und sein vielseitiges soziales Wirken nochmals vor dein geistigen Auge der Zuhörer erstehen. Rechtsanivalt Dalberg ries namens des Aeltesten-Kollcgiums dem toten Führer Worte des Dankes für sein der Erhaltung des Friedens und der Einigkeit in der Gemeinde bestimmtes Wirken nach. Im Auftrag der Großloge des Ordens Bne Briß und der Verbände des engeren Bezirks sprach Rabbiner Dr. Lazarus, Wiesbaden, dem ehemaligen Präsidenten der Kasseler Loge den Dank für seine zielbewußte Arbeit im Dienste der Humanität aus. Der Hauptvorstand des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte Dr. Wiener, Berlin, entsandt, der mit Abschiedsgrüßen und herzlichen Dankeswortcn die Treue des Entschlafenen zum Judentum, seine Liebe zum Vaterland und zur Menschheit, sein mannhaftes Auftreten im Abwehrkampse und seinen versöhnlichen, der Erhaltung des Friedens mit allen Volksgenossen trefflich angepaßten Charakter rühmte. Nach diesen Ansprachen wurde unter Borantritt einer mit umflorter Fahne erschienenen Abordnung und Musikkapelle des Trainvereins, dessen langjähriges Mitglied Dr. Katzenstein gewesen war, der Sarg von Mitgliedern des Aeltesten-Kollegiums und des Vorsteheramts der Israeliten zur Gruft geleitet. Die stattliche Trauergemeinde folgte; Mit kurzem Gebet des Landrabbiners Dr. Walter und dem von der Kapelle als Abschiedsgruß gespielten Lied vom guten Kameraden endigte die Traüerfeier, die auf alle Teilnehmer einen tiefen und nachhaltigen Eindruck gemacht hatte. Köln. (R a b b i n e r w a h l.) Die Austrittsgemeinde Addas Jeschurun wählte zum Nachfolger des Heimgegangenen Rabbiners Dr. Emanucl Carlebach dessen ältesten Sohn Dr. David Carlebach zu ihrem geistlichen Oberhaupt«. ★ : Aus der Bewegung Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V) In Anbetracht der beginnenden Reise-Saison bitten wir unsere Mitglieder recht herzlich, vor ihrer Abreise die Beiträge für das 3. Quartal 1929 auf unser Postscheckkonto Berlin Nr. 11805 cinzuzahlen. Entgegen unseren sonstigen Gepflogenheiten versenden lvir diesmal die Aufforderungei», zur Beitragszahlung in den letzten Tagen des Monat Juni, damit eine Verzögerung der Zahlung nach Möglichkeit vermieden wird. Vereinsnachrichten Jüdischer Turnverein Berlin 1905. S o m m e r s p o r t p r o -- gramm: Leichtathletik: Donnerstag, ab 6 Uhr: Training auf dem Sportplatz Schönhauser Allee (Einsame Pappel). Leitung: Dipl.- Sportlehrcr Ed. Larisch. Sonntag: Spiel- und Sportplatz Treptow, Spielwiese 7, Umkleideraum Cafe am Park, Am Treptoiver Park 21, Ecke Moosdorfstraße. Treffpunkt jeden Sonntag, -'>^2 Uhr, Bahnhof Börse, Uhr. (Leitung: Alfred Löblotvitz.) Turnen und Halleutraining: Montag und Mittwoch, 8 bis 10 Uhr, Große Hamburger Straße 27 (Männer-Abteilung). Mittivoch, 8 bis 10 Uhr: Hinter der Garnisonlirche (Damen-Abteilung). Anfragen aller Art sind an die Geschäftsstelle James Silberstein (Tel. F. 5, Bergmann 3358/59, Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V., SW. 18, Wilhclmstraße 117) zu richten. Die Bezirke Nord, Ost, Süd, Zoo, Stadtpark, Charlottenburg und Moabit des Rrichsbundes jüdischer Frontsoldaten veranstalten am Sonntag, den 30. Juni 1929, in den Parkanlagen sowie Gesamtsäleu des Landesausstcllungsparkes, Alt-Moabit, ein großes Sommerfest. Konzert — Tanz im Freien — Würselbuden — Schießbuden — Feuerwerk — Fackclzug — Überraschungen. Um allen Mitgliedern die Teilnahme zu dem Fest zu ermöglichen, ist der Eintrittspreis incl. Tanz und Steuer auf Mk. 0,60 festgesetzt. — Gartenöffnung 2 Uhr, Eingang Alt-Moabit 4-10 und Jnvalidenstraße 63. Ortsgruppe Köln des Jüdischen Frauenbundes. Dienstag, den 2. Juli, 1.30 Uhr, Clubraum der Loge, findet die Berichterstattung über die Hamburger und Berliner Tagungen statt. (Referentinnen: Frau Klara Caro, Frau Julie Meyer-Feilchenfeld.) Diese Veranstaltung ist zugleich auch für die Mitglieder des .Israelitischen Fraucnvereins. Leser, die verreisen können sich die „Jüdisch-liberale Zeitung“ auf kurze oder längere Zeit ins Bad oder in die Sommerfrische nachsenden lassen Der Nachsendungsantrag ist bei dem zuständigen Postamt zu beantragen. Es ist dringend ratsam, die Ueberweisung möglichst acht Tage vor der Reise zu bestellen. Aus der Ai-Vervegung Verantworll.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Zugendvereine Deutschlands Vorsitzender: Dr. Hugo Hoffmann, Frankfurt a. Alain 44 HHtf Ulli nn * A tAAA AAA AAA A A t tAAAAAAA... . . . A . A . A t * A . - . . . - . .............................. Wo steht der Liberalismus? Von Dr. Hugo Hoffmann, Frankfurt a. M. Die Gründung des „Weltverbandes für religiös-liberales Judentum" und die beiden Konferenzen in London und Berlin haben gezeigt, daß der religiöse Liberalismus eine in sich gefestigte Macht idarstellt, die um positives Judentum ringt, die in der heutigen Lage des Judentums gar nicht hinrveggedacht werden kann, will man das Judentum selbst nicht in seinem Bestände gefährden. Zahlreiche Juden haben erkannt, daß sie nicht nur, als Juden geboren, sich hiermit abzufinden haben, sondern daß ihnen ihr Judentum inneren Wert und berechtigten Stolz verleiht, seitdem sie sich des Positiven ihrer liberalen Einstellung bewußt wurden. Wo aber bleibt die wirksame Verbreitung und Vertiefung unserer liberalen Ideen unter den zahlenmäßig vorhandenen Massen? Wir sind gewohnt, alle diejenigen zu uns zu zählen, die nicht orthodox und nicht zionistisch sind. Ist das Kennzeichen des Liberalismus nur dies Negative? Haben die Konferenzen und Tagungen, Veröffentlichungen und Aussprachen nicht eine Fülle positiver Tatsachen und fast noch mehr an positiv zu lösenden Aufgaben gestellt? Wo ist die Wirkung in der breiten Masse der uns eigentlich Zuge? hörigen? Wo die ziffernmäßig sestzustellende Zahl der bewußt Liberalen? Sind nicht die Mehrzahl der Liberalen auch heute noch negativ, wenn nicht gar indifferent? Und wo ist die Klarheit, der natürlich gegebene Rückhalt des überzeugt Liberalen in allen Fragen des Lebens, der Politik, der Einstellung zur jüdischen Gesamtheit? Mußte es dahin kommen, daß sich die jüdische Gesamtheit an der Frage des Zionismus zersplittert, daß der Liberalismus, geblendet von dem nur taktisch zu wertenden Gedanken des k'lal jisroel der Zionisten gegenüber dem reinen Einheitsgedanken der jüdischen Gemeinde, zu einem völlig verschwommenen GÄilde wurde? Daß ein Teil der nichtorthodoxen uitb nichtzionistischen Jugmd das Wesen des Judentums nicht mehr im Religiösen erblickt, sondern in irgend einem seelisch, geistig und körperlich Besonders artig e n, auf dessen Suche man sich „voraussetzungslos" begibt? Der Zionismus hätte bei weitem nicht den Zulauf gefunden, wäre der Liberalismus nicht so lange rein negativ und rationalistisch eingestellt gewesen. Die Abwendung mancher Liberalen vom „P a r t e i"standpunkt und der Glaube an eine Neubildung des Parteiwesens ist neben vielfach mitspielenden persönlichen Motiven auch darauf zurückzuführen, daß man die kulturellen Aufgciben der Gemeinde oft zu sehr hinter die verwaltungsmäßigen zurücktreten ließ. Und die Jugend würde ihr Judentum nicht auf neuen Wegen zu suchen brauchen, verstände man es, ihr den Kern des Judentums, den ewigen Wert der religiösen Gedanken, in neuen Formen und zeitgemäßer Wandlung näher zu bringen. Was hier seit langem versäumt, b e - darr umso stärkeren Nachhole ns. Nicht wollen wir uns vor der Wirklichkeit verschließen, nicht dem „Phantom" einer Ideologie nachstreben, wie manche vermeinen; aber die Wirklichkeit, diese Zeitspanne Gegenwart, darf uns den Blick für die zeitlose Idee, — die Auffassung eines Teils der jetzigen Juden heit die Erkenntnis des wahren Wesens des Judentums nicht verschleiern. Die große Mehrheit der Erwachsenen ist nicht mehr religiös, in jüdischem Sinne religiös; sie fühlt sich, wenn überhaupt, der jüdischen Gesamtheit nur noch der Geburt nach und, weil wesensverwandt, zugehörig. Kann und darf uns dies genügen? Ist damit cm Wesentliches des Juden t u m s gekennzeichnet? Oder sind diese Eigenschaften und diese Sonderart — mögen es auch gute und beste Züge sein —, nicht eine reine Begleiterscheinung des langen Zusammenlebens der Juden heit, insbesondere des Ghettolebens? Und sind die wirklich guten Eigenschaften dieser Menschengruppe Juden, wie etwa das ausgeprägt soziale Empfinden, nicht letzten Endes Ausstrahlungen des religiösen Grundgehalts des Juden t u m s? Die bloße Tatsache der mangelnden Religiosität unserer Zeit darf uns nicht erschrecken. Sie darf aber noch weniger ein Anlaß sein, für die — wenn auch starke — Gruppe der nicht, religiösen Juden eine neue Formulierung des Juden t u m s zu suchen, wie Dr. Holländer es in seiner Schrift „Deutsch- Jüdische Probleme der Gegenwart" unternimmt. George Goetz hat die Mängel dieses Versuchs, insbesondere das bedenkliche Hinüberwechseln der Begriffe Juden heit und Juden tum in seiner Besprechung der Schrift*) klar gekennzeichnet. Der Auffassung Holländers, die Rechnung „Judentum gleich Glaubensbekenntnis" stimme nicht, müssen wir entschieden begegnen. Wenn sich die „religiösen" Gesichtspunkte mit solchen der „Stammesgemeinschaft", der „Schicksalsgemeinschaft" und anderen kulturellen Erscheinungen aus Grund des Ghettos und der Geschichte" vermischt haben, so betrifft dies die heutige Juden heit, niemals das nach unser aller Auffassung von jeglichem Zeitgeist unabhängige, vom Geist der Ewigkeit erfüllte Juden t u m. Die übergroße Mehrheit dieser scheinbar Unreligiösen ist im Grunde ihres Wesens doch religiös; sie erkennen ein überirdisches Wirken und Walten an; nur fehlt ihnen die Verbindung dieser ihrer gefühlsmäßigen Einstellung einmal mit ihrem Judentum, sodann mit dem allzu real dahinflutenden täglichen Leben. Hier liegt unser Arbeitsfeld, der Boden, der reiche Früchte trägt. Man sage nicht — wie es immer wieder geschieht — diese Kreise der Indifferenten seien nicht zu überzeugen! Es bedarf nur einer Fülle von Kleinarbeit und eines starken, aufrechten Willens, der sich nicht durch allgemeine Widrigkeiten hemmen oder gar ausschalten läßt. Keine Methode, die dem bisher Abseitsstehenden die innige Verbindung zwischen Religion, Judentum und alltäglichem Leben aufzuzeigen geeignet ist, darf uns zu gering erscheinen. Tie Ortsgruppenvorstände der Vereinigung sollten es für ihre Pflicht halten, die Wege und Mittel zu prüfen, die gerade für ihren Mitgliederkreis in Frage kommen. Sie sollten zunächst unter sich in engerem Gremium zusammentreten und, soweit erforderlich, durch gemeinsame Aussprache oder Referate hierzu Geeigneter sich selbst die *) Nr. 15 dieser Zeitung. Kenntnis verschaffen, die notwendig ist, um nunmehr über die rein verwaltungsmäßige Tätigkeit hinaus positiv wirken zu können. Persönliche Aussprachen mit Bekannten aus dem Kreise der Indifferenten über die Wirklichteitsnähe unserer religiösen Auffassung; Aufklärung darüber, daß das Judentum für uns nichts Aeußerliches bleibt, daß es gelebt und erlebt werden muß und dies in vollem Maße nur in der Gemeinschaft Gleichgesinnter möglich ist, daß aus diesem Grunde das gefühlsmäßige Schwanken vieler einer klaren und gefestigten liberalen Einstellung weichen muß, die in dem Orthodoxen oder Zionisten keinen zu bekämpfenden Gegner, sondern nur den anders empfindenden Inden sieht; vorbildliches Leben unseres liberalen Judentums im Kreise der Familie an den Freitagabenden und jüdischen Festen, in Fragen der Erziehung und Lebensführung. Zu diesem persönlichen Wirken der Einzelnen, insbesondere der Führer, treten die Veranstaltungen der Gesamtheit. Sie sollten stets zwei Richtungen im Auge behalten: den bereits religiös Empfindenden und mit der Tradition in mehr oder minder freier Auslegung Berburudenen ihre Institutionen zu stärken und zu erhaltet:; den Abseitsstehenden, Indifferenten, alle Brücken zu bauen, die nur irgend geeignet sind, ihnen den Kern ihres Wesens, das eigentliche Fundament ihres Daseins, ihr Judentum, wieder näherzuführen und erkenntlich zu machen; Vorträge prominenter Persönlichkeiten; künstlerische Veranstaltungen zur Ehrung hervorragender liberaler Führer mit kurzen, aber markanten Ansprachen; gesellige Abende, die in irgendeiner Form einen Hinweis auf unsere liberalen Ziele und Erfolge bringen und nicht an letzter Stelle Verbreitung entsprechender Lektüre. Unser Hauptaugenmerk gilt jedoch der Förderung und Unterstützung der Jugend. Es ist ein trauriges Kennzeichen unserer Zeit, daß auch die Jugend ohne wirkliches Verständnis für religiöse Fragen und Werte dahinlebt. Ein Teil der nichtorthodoxen und nichtzionistischen, damit noch keineswegs als wirklich liberal anzusprechenden Jugend glaubt, — soweit sie sich überhaupt mit ihrem Judentum besaßt — mangels eigener religiöser Einstellung den Kern des Judentums in anderem suchen zu müssen, als rein Religiösem. Die bloße Tatsache der mangelnden Empfänglichkeit für religiöse Dinge — einer natürlichen Folge unreligiöser, auf rein praktische Ziele eingestellt gewesener Erziehung — läßt diese Jugend in „jugendbewegter" vermeintlicher Berechtigung zu solchem „Urteil" die mehrtausendjährige Geschichte und die noch heute geltende Sendung des Judentums kurzerhand außer Acht lassen und nach einer den Mangel an Religiosität nicht empfindenden neuen Wesensgrundlage des Judentums suchen. Hierin liegt ein außerordentlich bedenklicher Schritt, der nicht zum Wesen des Judentums hin, sondern von diesem weg führt. Die jüdisch-liberalen Jugendvereine (I l i' s) gehen den andern, natürlicheren Weg. Sie sehen vielfach die gleiche mangelnde Religiosität in der Wirklichkeit, erkennen aber den ewig-unveränderlichen, .rein religiösen Kern des Judentums und bauen auf diesem auf; die im Zeitalter des Rationalismus und der Materialisierung verloren gegangene oder nur verschüttet gewesene Religiosität versuchen sie Schritt für Schritt zurückzugöwinnen. Diese Jli-Bewegung bedarf stärkster Unterstützung sämtlicher Ortsgruppen und Einzelmitglieder der Liberalen Vereinigung. Vor allem darf die Tatsache, daß am betreffenden Orte bereits Jugendgruppen bestehen, kein Anlaß sein, in dieser Frage nichts zu tun mrd sich mit dem Vorhandenen zu begnügen. Eine ausgesprochen liberale Arbeit (erschöpfende Betätigung in liberalen Fragen, liberale Gottesdienste und Feiern) ist weder in den neutralen Vereinen, noch bei den Kameraden und deutsch-jüdischen Jugendvereincn möglich. Tie Arbeit der bestehenden Vereine soll keineswegs gehemmt oder gar bekämpft werden. Das, was trotz aller bestehenden Organisationen aber not tut, ist die Stärkung des Religiös- Liberalen bei den Mitgliedern dieser Organisationen, die zu unseren Kreisen zählen. Und deren sind viele. Sie in irgend einer loseren oder festeren Form zu vereinigen, ohne sie deshalb von ihrer bisherigen Gemeinschaft zu trennen, ist mit eine Hauptaufgabe der Ortsgruppen der Vereinigung. Durch Vermittlung der Ortsgruppen in Verbindung mit der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands (Adresse: Frankfurt a. M., Untermainanlage 7III) wird jeder Einzelne und jede sich bildende Gruppe Ansporn, Rückhalt und Förderung in stärkstem Maße erhalten. Unsere Zeit mangelnder Religiosität, überwiegender Anerkennung materieller Erfolge und Vorteile und allzu starker Huldigung vor dem Sportgeist zieht uns immer mehr vom Kern unseres Wesens als Juden, von der über das Zeitliche hinweg in die Ewigkeit weisenden religiösen Bedeutung des Judentums fort. Erkennt der Liberalismus nicht seine Aufgaben als religiöser Bewegung, begnügt er sich mit einer mehr oder minder gefestigten Zusammenfassung der nichtorthodoxen und nichtzionistischen Juden, so wird er seine Mission alsbald verkannt, seinem Dasein selbst den Lebenssaden durchschnitten haben. Videant consules! Kalendarium f. die Zeit v. 26. 6. d. 3.7. 29 Ju«i 1929 Siwan 5689 Mittwoch 26 Donneesmg 27 Frei:ag 28 Sonnabend 29 Sonntag 39 Montag 1 Dienstag 2 Mittwoch 3 19 20 13 21 Wochenrbschnitt: B'haaloß'cho Hastarah: Zacharias 2, 11—17; 3, 1—10; 4, 1—7 Sabbat-Ausgang: 9.34 Uhr 22 23 24 25

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