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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-06-26 · 26 (26.6.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
26 (26.6.1929)
Date
1929-06-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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% Die amerikanische Ort-Akbeil Unerwartet große Erfolge. Eine halbe Milliarde Dollar für gebung im Berlin« Tie Zentralverwaltung des Verbandes „Ort" und die Gesellschaft „Ort", Mteilung Deutschland, veranstalteten am Donnerstag, den 20. Juni, im Hotel „Der Kaiserhof" aus Anlaß der gegenwärtig im Gange befindlichen „Ort"-Akt:onen in Amerika eine Kundgebung, die von den Führern der großen jüdischen Organisationen in Deutschland und Vertretern der Presse sehr zahlreich besucht war. Der Vorsitzende des deutschen „Ort", Herr Wilhelm Graetz, begrüßte die Vertreter der Organisationen und erörterte die Ziele» der gegenwärtigen Aktionen in Amerika. Es werden eine Kampagne zugunsten des eine Million Dollar-Fonds für Industrialisierung der jüdischen Deklassierten und eine Kampagne zur Aufbringung von einer Million Dollar für allgemeine Zwecke des „Ort" durchgeführt. Die erste sogenannte „Volkskampagne" wurde auf der Konferenz der Vertreter von 600 Organisationen New Jorks, die zweite Kampagne wurde unter Führung von Paul Felix Marburg und Howard Culman auf dem am 21. April im Hotel Bildmore veranstalteten Bankett, dem etwa 1000 prominente Persönlichkeiten des amerikanischen Judentums und zahlreiche Vertreter der amerikanischen Regierung und der Diplomatie beiwohnten, proklamiert. Präsident H o o v e r, der deutsche Botschafter von Prittwitz, Senator Borah, der Völkerbund, viele diplomatische Vertretungen und schließlich führende deutsch-jüdische Persönlichkeiten sandten telegraphische Grüße. Ansprachen wurden gehalten vom Vizegouverneur des Staates New Jork, Oberst Herbert Lehman, der Gattin des Gouverneurs Roosevelt, Vertretern der russischen, der polnischen, der rumänischen Regierung u. a. m. — Nach diesem Bericht verlas Herr Graetz ein Schreiben des amerikanischen Botschafters in Berlin Jacob G. Shurman an Tr. Lvovitch, in welchem der Botschafter bedauert, der Kundgebung des „Ort"-Verbandes im Hotel „Der Kaiser- Hof" nicht beiwohnen zu können, da er in Köln sein muß, und der mit den Worten schließt: „Ich möchte jedoch diese Gelegenheit benutzen, um meine jüdischen Mitbürger daheim zu dem Werke des industriellen und allgemeinen Wiederaufbaues des ökonomischen Lebens der notleidenden jüdischen Bevölkerung Osteuropas zu beglückwünschen und die Hoffnung auszudrücken, daß ihr Beispiel die europäischen Förderer dieser großen humanen Sache anspornen und ermutigen wird." Nachdem Pro,. Frankfurt die Kundgebung im Namen des Verbandes „Ort" begrüßt hatte, erstattete Herr Tr. D. Lvovitch Bericht über seine Amerika-Reise. Er wies zunächst daraus hin, daß allein durch das American Joint Distribution Committee in den letzten 15 Jahren etwa i00 Millionen Dollar für die vom Kriege, von Pogromen und Hungersnot betroffenen Juden, für Kinder- und Krankeniürsorge, sowie für konstruktive Hilfe ausgegeben wurden. Zusammen mit den Sammlungen für sonstige Zwecke und den jüdisches Aufbauwerk in Osteuropa. — Eine Sympathieiund- Hotel „Kaiferhof". individuellen Unterstützungen seitens amerikanischer Juden an ihre Verwandten in Osteuropa, die jährlich zirka 20 Millionen Dollar ausmacht, hat die Summe der Unterstützungen während dieser Periode etwa eine halbe Milliarde Dollar erreicht. Das Problem der Ueberführung der jüdischen städtischen Bevölkerung zu produktiver Arbeit tritt immer mehr in den Vordergrund. Die Lage der deklassierten jüdischen Bevölkerung wird mit jedem Tage unhaltbarer, Millionen entwurzelter Juden droht der Untergang. Ter Redner berichtete über den mit der Sowjetregierung wegen zollfreier Einfuhr von Maschinen und Rohstoffen abgeschlossenen Vertrag und teilte mit, daß von Oktober 1928 bis März 1929, also in einem halben Jahre, amerikanische und europäische Verwandte russischer Juden Aufträge wegen Lieferung von Maschinen in Höhe von 1500000 Dollar gegeben haben. Auch die deklassierten jüdischen Massen in Polen, Rumänien, Litauen und Lettland wollen der produktiven Arbeit zugeführt werden. (Auch in Deutschland! — und der „Ort"-Verband würde seine Popularität in Deutschland heben, wenn er unser Vaterland nicht n u r zu Sammlungszwecken benutzen, sondern auch hier jüdische Aufbauarbeit leisten wollte. Tie Red.) Es ist zu hoffen, daß auch die Regierungen anderer Länder in dieser Beziehung dem „Ort" entgegenkommen werden, damit das Programm der Kolonisierung, Fach-Ausbildung und Jndustriealisierung der deklassierten Massen weitgehendst durchgesührt werden kann. Herr Tr. Bernhard Kahn beglückwünschte im Namen des American Joint Distribution Committee den „Ort" zu seinen Aktionen und führte aus, die Verwirklichung der Idee der Kolonisierung und Jndustriealisierung der jüdischen Massen, die Zuführung derselben zur Produktion bedeute die zweite Emanzipation der Juden; erst wenn dieses Werk gelingen wird, wiyd die Emanzipation vollkommen sein. Gelingen wild aber dieses Werk nur, wenn auch die europäischen Juden demselben ihre volle Unterstützung leihen. Es folgten Ansprachen von Führern der großen jüdischen Organisationen Deutschlands, die dem Werke des „Ort" ihre Unterstützung zusagten. Für die „Vereinigung für das liberale Judentum" sprach deren Generalsekretär, Herr George Go etz, der die „Ort"-Arbeit ebenfalls unter dem Gesichtspunkt der Emanzipation betrachtete, im übrigen aber anerkannte, daß der „Ort", im Gegensatz zum Palästina-Werk, seine Arbeit nicht in den Dienst eines einseitigen Parteiprogramms stellt, so daß hier wirklich alle jüdischen Parteien Mitarbeiten können, ohne zu unwürdigen Wortinterpretationen („National Home") genötigt zu sein. — Zum Schluß gelangte eine von Herrn Dr. Michael Traub eingebrachte Resolution zur Annahme, der zufolge den Trägern der amerikanischen „Ort"-Aktionen Tank, Sympathie und Glückwünsche in einem ausführlichen Telegramm zum Ausdruck gebracht werden sollen. :: r und Religion (Drei Bücher, ein Vortrag und ein Nachwort.) Von Rabbiner Dr. Gottschalt, Frankfurt a. M. Im folgenden soll zuerst über drei neuere Bücher berichtet I werden, die das obengenannte alte Thema Lieder emmal beleuchten, dann von einem Vortrag, den Buber soeben in Frankfurt über „Philosophie und Religion" gehalten hat, und schließlich soll in einem Nachwort die Bedeutung aller mitgeteilten Ausführungen für unsere Auffassung, die wir als liberale Juden von Religion haben, gewürdigt werden. 1. R. Kroner. Selbst Verwirklichung des Geist e s. 1928. 225 Seiten. Das Buch will zeigen, daß glle Einzelgebiete der Kultur nur philosophisch begriffen werden können. Es kann hier nicht dargelegt werden, was der Verfasser ausführt, bis er zur Erörterung der Religion kommt. Er spricht bis dahin etwa von „Bewußtsein und Selbstbewußtsein", „Theoretischem und praktischem Ich", „Bewußtsein der Kultur", kommt ichließlich zur „Gliederung der Kultur" und damit auch zur Religion. Wissenschaft und Politik, Kunst und Religion sind nach ihm die eigentlichen Gebiete der Kultur. In ihnen strebt sich der Geist zu verwirklichen. In der Sphäre der Unmittelbarkeit haben Kunst und Religion als ästhetisches und religiöses Erleben ihren subjektiven Ursprung. Das moralische Gesetz ist inhaltlos, gebietet nichts, ist nur leere Form; die Totalität der Vernunft wird durch dieses Gesetz mit der „Konkretheit der Individualität" in keiner Weise vereinigt. In Kunst und Religion erreicht der Geist eine höhere Stufe seiner Selbstverwirklichung. Er „versöhnt" sich als intuitiver Geist im ästhetisch-religiösen Erleben und Handeln. Er wird sich - in der Religion — Gottes als des universellen Individuums bewußt, „das jedes individuelle Ichbewußtsein in sich versöhnt". Aber darf Religion mit Wissenschaft in einem Atem genannt werden? Ist Religion nicht göttliche Offenbarung uird damit dem Menschenwerk gegenüber gestellt? Indem der Geist das erkennt, erhebt er sich auf die Stufe der Philosophie. Versöhnen kann ihn weder die „Gott-Natur", auch nicht „Gott, der Herr", sondern nur das Erkennen seiner selbst als Allgeistes. So gehört er mit Recht zur Kulturphilosophie. Nach Betrachtungen über die Technik nnd den Staat behauptet Kroner weiter, daß die Religion den Staat an Versöhnungsgehalt überragt. Sie beruht aus Offenbarung, sie verändert sich nicht. „Meine Worte werden nicht vergchew." Die religiösen Neuerer sind nur „Reiniger, Znrückbringer des Ursprünglichen, Re-sormatoren. Die Religion ist universal, ist die absolute Religion. Sie will das „rational Unmögliche möglich machen". Politische Ordnung gewährt Sicherheit, göttliche Seligkeit. Der Staat sorgt für das Wohl, die Religion für das Heil. Der tSaatsmann vertritt den Willen des Staates, der Prophet verschmilzt mit seinem Gott. Nach Unterbrechung durch eine Betrachtung über die Kunst (Gott kann nicht künstlerisch verbildlicht werden, er wird dann ästhetisch vergegenständlicht und damit „entsetbstet") fährt der Verfasser fort: der Staat steht aus der rationalen, Gott auf der intuitiven Stufe der Selbstverwirklichung. In Gott wird der Geist übersinnlich-sinnliche, univerlalkontrete Persönlichkeit. Er ist kein rationalabstrakter Vernunftwille nie der Staat. Er sieht ins „Herz". Voll entfaltet er sich in den Psalmen — als ,^erzensprüfer". „Nicht als Angehöriger des israelitischen Staatswesens, nicht als Staatsbürger ist der »Einzelne Gott als dem Könige untertan und verpflichtet, sondern als Seele, die sich nach Errettung sehnt, die den Frieden sucht aus dem sittlichen Kampfe mit sich selbst und die in Gott diese Errettung und diesen Frieden findet." Gott ist nicht auf die Wirklichkeit von Jchsubjekten angewiesen, er ist ihr Schöpfer. Die Politik wird religiösutopisch, wenn sie die politische Ordnung religiös gestalten will, die Religion ist dazu berufen, das politisch Unmögliche möglich zu machen. In Gott ist die Idee des Jdealstaats verwirklicht. In ihm offenbart sich höhere Gerechtigkeit als im Staat. Er gibt keine Gesetze, er will Nachfolge. Die Wirklichkeit Gottes ist eine objektiv-absolute, ein Jenseits, ein „absolut-anderes". Die Politik verwirklicht einen geringeren Versöhnungsgehalt als die Religion. Diese macht die Menschen wesenhaft. Ihr eigenes Wesen wird in der Gotteskindschast Lebensgehalt. Sie werden eine „sinnliche«- füge Liebesgemeinschast". Und Gott bedarf dieser Seelen, um nicht einsam und tatlos zu sein. Wohl ist das in dev Religion verwirklichte Bewußtsein „kulturfremd", aber es ist doch wieder keine Seelenregung aus dem göttlichen Reich ausgeschlossen. Gott ist auch Schöpfer der Welt. Das göttliche Selbst ist zugleich das Selbst des Ich und des Selbstbewußtseins. Gottes „Erschaffen" kann nur das religiöse Bewußtsein erfassen. Das religiöse Aussprechen ist ein Akt der „Selbstoffenbarung" Gottes. „Gottes Tätigkeit läßt sich philosophisch nur begreifen, mdem sich das religiöse Bewußtsein denkend auf sich selbst bestimmt und den Sinn seiner selbst zu begreiflich-philosophischem Ausdruck und damit reflexiv zum Bewußtsein seiner selbst bringt." Gott entzweit sich in sich und die Welt. In Gott wiiA sich der obiekttoe Geist als des Willens bewußt, der den Gegenstand erzeugt, Welt. Aus ihr strahlt uns der Geist Gottes entgegen. Erst durch den Menschen aber, des Ebenbild Gottes wird dessen Selbstversöhnung vollendet. Im Menschen aber bleibt Entzweiung, denn er ist Gott nicht gleiche 2. M. Scheler. Die Stellung des Menschen im Kosmos. 1928. 112 Seiten. Tie vorliegende Schrift des so jäh verschiedenen Denkers ist der Abdruck eines Vortrages, den Scheler 1927 in Tarmstadt gehalten hat. Er bietet eine Zusammenfassung seiner Anschauungen über einige Punkte seiner „Philosophischen Anthropologie". Ter Mensch, so beginnt er, ist bisher naturwissenschaftlich — von Darwin — philosophisch — von den Griechen — und theologisch — vom jüdisch^-christlichen Kreis — aufgefaßt worden. „Eine einheitliche Idee vom Menschen aber besitz«: wir nicht." Was bedeutet nun das Wort „Mensch"? Einmal, morphologisch, weist es auf Sondermerkmale hin, die er als Untergruppe der Wirbel- und Säugetiere besitzt; sodann meint es das „Wesen" des Menschen, das mit jedem andern „Wesen" unvergleichbar ist. Ist dieser zweite Begriff berechtigt? Scheler geht zunächst auf dm Aufbau der „biopsychischen" Welt ein, erläutert die Stufenfolge der psychischen Kräfte und Fähigkeiten nach dem Stande der Wissenschaft, spricht von Pflanze und Tier, und fragt dann: Hat der Mensch mehr? mehr als „Wahl" und „Intelligenz"? Er hat mehr, hat ein allem Leben entgegengesetztes Prinzip, hat Geist. Durch Geist ist er „weltoffen", hat er „Welt". Das Tier hat keine „Gegenstände", lebt in seine Umwelt hinein, der Mmsch hat Selbstbewußtsein. Er vermag sich über sich — „als Lebewesen" — emporzuschwingen. Geist ist gegenstandsunfähig, ist nur Aktualität, ein „Ordnungsgefüge von Aktm". Im Vollziehen dieser Akte „ist" er. Ideen denken heißt — sie mithervorbringen. Die Fähigkeit dazu, Vernunft, geht allem vorher, aller Vorstellung, aller Wahrnehmung. Der Mensch ist so der „Neinsagenkönner", „Protestant gegen alle bloße Wirklichkeit". Der Geist schlechthin ist ohne Kraft und Macht und Tätigkeit, er muß mit Energie „beliefert" werden. Falsch ist die klassische Theorie von der „Selbstmacht der Idee", von den mächtigeren, weil höheren „Seinsweisen", von dem Geist — Gott und darum allmächtigen Gott. Die höhere Seinsform ist nicht aus niedrigeren entsprungm, die höhere ist nicht Ursache der niedrigeren. Scheler spricht von dem „haltlosen Unsinn einer sogenannten teleologischen Weltanschauung". Das Sein, das nur durch sich selbst ist, hat keine ursprüngliche Macht. Diese Macht hat die natura naturaus. Ter Gedanke einer „Weltschöpfung aus nichts" zerfällt vor dieser Folgerung. Nicht Leib und Seele stehen hmte noch im Gegensatz — das psychophysische Leben ist eins — sondern Lebm und Geist. Der Geist „ideiert" das Leben, das Leben setzt den Geist in'Tätigkeit. Auf diesem Weg aber kommt der Mensch zu einmr überweltlichen, unendlichm, absoluten Sein. „Wo stehe ich selbst?" „Wieso bin „ich" überhaupt?" — das sind die Fragen des Menschen, nachdem er sich aus der Natur heraus gestellt hat. Die Sphäre des absoluten Seins gehört konstitutiv zum Menschen. „Welt-, Selbst- und Gottesbewnßtsein bildm eine unzerreißbare Struktureinheit". Die Vorstellungen von einem Bund mit Gott, von Gott dem Vater, Gott dem Herrn haben hier keinen Platz. Der Weltgrund erfaßt sich im Menschen unmittelbar, „das Urseiende wird sich im Menschen seiner selbst inne". „Das menschliche Selbst und das menschliche Herz" sind der „einzige Ort der Gottlverdung, der uns zugänglich ist". Mensch- und Gottwerdung sind aufeinander angewiesen. Gegen Anbetung und Bittgebet fetzt Scheler den „elementaren Akt des persönlich.«: Einsatzes des Menschen für die Gottheit". Das „absolute Sein" ist kein „Gegenstand zur Stützung". Das „ab- „stützen" haben wir uns „auf das gesamte Werk der Wertverwirklichung der bisherigen Weltgeschichte, soweit es das Werden der Gottheit zu einem Gotte bereits gefördert hat." * 3. G. Tschirn. Religion auch für Religionsverächter. 1929. 42 Seiten. Der Verfasser geht davon aus, daß die religiöse Welle der Kriegszeit verebbt ist. Man bemerke wieder Religionsmüdigkeit. Ihr will er durch „wissenschaftliche Erörterung des Religionsbegriffs auf rein natürlicher Grundlage" begegnen. Er glaubt umso eher auf Gehör rechnen zu können, als er in der freireligiösen Bewegung führend ist. Er lehnt es ab, Religion von religare --- festbinden abzuleiten und führt es — mit Cicero — auf religere zurück. Dann heißt es: „Gründliche Betrachtung, gewissenhafte Forschung". Diese Betrachtung aber ist aus zwei Gründen immer wieder nötig: einmal steht der Begriff „Religion" durchaus noch nicht fest, sodann ist die Ausdeutung des Begriffs, aber auch die Abwehr der „Religion" überhaupt durchaus christlich beeinflußt oder erfolgt nur im Hinblick auf christliche Vorstellungen. Ein Beispiel ist Freud. Wo der Begriff Religion aber allgemein und natürlich gefaßt wird, ist man sich darüber klar, daß viel mehr Menschen, ja gerade die „Religion" heben, bei denen man sie nicht vermutet. Büchner (Kraft und Stoff), Tuboc (Leben ohne Gott), Wendel (Die Kirche in der Karikatur), de Man (Zur Psychologie des Sozialismus) beweisen das. Wie kann es anders sein. Hängt doch nach Ratzel (Völkerkunde) — Religion in ihrer tiefsten Wurzel mit der Wissenschaft zusammen. Auch sie sucht Ursache und Urheber. Oder nach David Fr. Strauß: Religion erwächst aus Vernunfttrieb und Einbildungskraft. Dazu kommt der Trieb nach Wohlbefinden. Das Jch-Empfrnden des Menschen hängt mit seinem Weltempsinden zusammen. Im „Warum" geht der Keim der Spekulation auf. Furcht meldet sich. Mer auch der Wunsch nach Gegenaktion steigt auf. Unsere ganze Passivität und Aktivität lebt in der Beziehung zwischen Ich und All. War früher durch die Religion die Phantasie geweckt worden, so eröffnet uns jetzt die Wissenschaft — durch- Phantasie — weite Ausblicke. Mit „reiner Vernunft" vergehen wir. Unß so ergänzen sich beide wieder. Auch das Unbewußte, das „Es", wird immer mehr erkannt und zeigt die Grenzen des „Ich", des Denkens. Goethe hat recht, wenn er „Wissenschaft und Kunst" als „Religion" bezeichnet. Und doch nicht ganz recht. Es fehlt die Moral. Nun kann es sich ja für die Wissenschaft nicht mehr um die in „Religion" gegründete Ethik handeln. Aber erhebt sich nicht auch aus neuem Weltbewußtsein sofort ein neues Menschheits- und Selbstbewußtsein? Und ist das nicht — Religion? So wie Wissenschaft und Kunst? Häng«: Kunsttrieb und Moralttieb nicht mit dem Tenktrieb zusammen? Sind sie also nicht alle drei verbunden? Mer auch die Phantasie gehört hierher. Ohne sie kann man sich nicht in die Seele des andern — versetzen, also nicht ganz ethisch sein. Ohne sie fehlt der feurige Schwung der Moral. Sie ersetzt aber auch die Mlder des Jenseits durch neue, edlere Phantasie, bilder einer neu erlösten Menschheit. Sie schasst auch ein neues „Heilig", eine neue „Weihe". Man kann „Religion" in „wissenschaftliche Weltanschauung, sittliche Lebens gestaltung und ästhetische Daseinsdeutung" gliedern — aber „das eine kleine Wort Religion ist unersetzbar". Durch solche Anschauung wird auch das Verhältnis von Gott und Mmsch ein anderes. Bisher mußte man sagen: „Je höher Gott, je niedriger der Mensch". Nun melden sich „Jnnenrecht und Jnnenstärke", die Persönlichkeit des Menschen wird erhöht, Religion wird tatsächlich Privatsache, d. h. persönliche Religion. Da diese aber ein neues Weltgesühl mit sich bringt, läßt sie auch ein neues Gemeinschaftsgefühl werdm, Sozialismus, Altruismus. Ter ans Jenseits Denkende ist Egoist, der nur Diesseitsmensch nur Altruist. Das Ich gibt s:ch an die Gemeinschaft. Entstammt

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