Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 26 (26.6.1929)
- Date
- 1929-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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» fi WSlhÄMteZrii« Orga» -er Vereinigung für das liberale Ludenium e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/ffährNch IN. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freiet Zusendung i. Inland 0.25 'sür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten, v^ra.» wort l. Redakteur: Bruno Woyda. Die „Jfittifdj-liberale Seifnng“ erschein» jetten Mittwoch. Bettatlion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48. WNHeimstr. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin BW 7. 137069 (Vereinigung für dar liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronvaraillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goidmark. bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin SW 48, Wilhelmstratze 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtl. Annoncen-Expeditton. Rr. 26 Berlin. 26. Zuni 1929 9. Jahrgang Neue Mische Emwanderungslönder in Laleinamerlla Die Juden in Brasilien» Argentinien» Uruguay und Mexiko Tie neueste Einwanderungsgesetzgebung in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, welche bekanntlich die Immigration aus Europa, namentlich aus den Ländern Süd- und Osteuropas, scharf beschränkte, ja tatsächlich beinah vollständig unmöglich gemacht hat, hatte selbstverständlich auch für die so stark auf die Auswanderung angewiesenen osteuropäischen Juden eine außerordentlich einschneidende Bedeutung. Dadurch wurde in immer steigenderem Maße die Aufmerksamkeit der jüdischen Auswanderer auf Lateinamerika, d. h. die Länder Süd- und Mittelamerikas, gelenkt, in denen man nun Ersatz für die ungastlich gewordene nordamerikanusche große Republik zu finden sucht. Von diesen Ländern fand vor dem Weltkrieg eine beträchtliche jüdische Einwanderung nur nach Argentinien statt, wo bekanntlich vor zirka 35 Jahren die „Jca" mit dem Gelde des Baron Hirsch die Schaffung von jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien begann. Nach den übrigen Ländern Süd- und Mittelamerikas kamen vor dem WelÜrieg nur ganz unbedeutende Gruppen von jüdischen Einwarchereru, den bei weitem allergrößten Teil der jüdischen Auswanderer aus Osteuropa verschlang damals der nordamerikanische „melting Pot". Erst nachdem in den Nachkriegsjahren dieser Schmelztiegel seine frühere soziale Funktion zu erfüllen aufgehört hat, begann bei den jüdischen Auswanderern das Interesse für die übrigen Staaten zu wachsen. Einige jetzt von der „Hias-Jca-Emigdirect"-Organisation in Berlin herausgegebene Broschüren und die von derselben Organisation veröffentlichte Monatsschrift „Die jüdische Emigration" bringen lehrreiches Material, sowohl über den Umfang, den die jüdische Einwanderung nach Süd- und Mittelamerika in den letzten Jahren angenommen hat, als auch über die Aussichten für die Einwanderung in diese Länder.*) Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß die jüdische Einwanderung in Brasilien schon eine verhältnismäßig sehr alte ist. Schon in den ersten Jahrzehnten nach der Entdeckung Amerikas findet man portugiesische Juden im Land und es scheint festzustehen, daß die spanischen Juden die ersten waren, welche das Zuckerrohr von Madeira nach Brasilien gebracht und auf diese Weise die Grundlage zur jetzigen Zuckerindustrie des Landes gelegt haben. Es flüchteten sich zahlreiche Marranen nach Brasilien; namentlich stieg die Zahl der Juden dort in der Zeit, in der Bahia und Pernambuco sich in der Hand der Holländer befanden, d. h. 1630—1654. Als die Portugiesen diese ihre Besitzungen in Brasilien zurückerobert hatten, befanden sich zirka 5000 Juden in Brasilien, die sich darauf, vor den religiösen Verfolgungen weichend, teilweise nach Holland, teilweise nach Neu-Amsterdam (dem jetzigen New-Uork) flüchteten. Ein Teil blieb allerdings im Lande, im geheimen die Treue zum Judentum bewahrend, und von Zeit zu Zeit wurden Marranen der Inquisition überliefert. So kam z. B. 1739 der in Rio de Janeiro geborene bekannte portugiesische Dichter Antonio Jose de Silva, nachdem er der Zugehörigkeit zum Judewtum überführt worden war, auf einem anto da fe um. Seither kamen nur sehr wenig Juden nach Brasilien, abgesehen von vereinzelten Einwanderern, die im letzten Jahrhundert gekommen sind, meistens aus Deutschland, Holland oder dem Elsaß, zum Teil auch aus Marokko. Die jüdische Einwanderung aus dem ehemaligen Rußland begann erst vor zirka 20 Jahren und war ebenfalls anfangs ganz unbedeutend. Erst nach dem Weltkrieg setzte eine bedeutendere Einwanderung osteuropäischer Juden mit ihren Familien ein, man schätzt jetzt die ganze jüdische Bevölkerung Brasiliens schon auf^ zirka 35 000 Menschen, sie sind über das ganze Land zerstreut. Von ihnen befanden sich vor dem Welt»- kriege im Lande kaum V<;, die übrigen 5/0 kamen schon nach dem Krieg. Man kann über das Tempo der Einwanderung in den letzten Jahren aus folgenden Zahlen schließen: 1925 sind 2624 Juden eingewandert, davon Emigranten — 2507; 1926 — 3906 Juden (3154 Emigranten); 1927 — 5167 (3175); 1928 — 4055 (3502), zusammen also 15 752, davon 12 338 Emigranten. Davon kamen (in Prozenten) aus Polen — 35; Rußland — 18; Rumänien — 9; Litauen — 4; Deutschland — 4; Syrien — 4, die übrigen verteilen sich auf 35 verschiedene Länder. Die jüdische Rückwanderung aus. Brasilien ist sehr unbedeutend, übersteigt selten 100 Personen im Jahr, die meisten Rückwanderer verlassen das Land, weil sie sich an das Klima nicht gewöhnen können. *) Wl. $r ein in: Die Einlvanderungsmöglichkeiten nach Südamerika und die dortigen jüdischen Ansicdlungcn (Argentinien, Brasilien, Uruguay), Berlin 1928; I. Rasalowitsch: Brasilien, ein Zukunftsland für jüdische Immigration, Berlin 1928 (beide, wie auch die Zeitschrift „Die jüdische Emigration", in „yiddisch"). Die meisten Einwanderer, namentlich solche, die ein bestimmtes Handwerk beherrschen, befinden sich in durchaus befriedigender materieller Lage. Es ist anzunehmen, daß das riesige Land, welches außerordentlich schwach besiedelt ist — es leben jetzt etwas mehr als 30 Millionen Menschen in Brasilien, während es bei einer Bevölkerungsdichte seines früheren Mutterlands, Portugal, etwa 500 Millionen Menschen ernähren könnte, nach der Weiterentwicklung seiner Industrie und Landwirtschaft noch weit größere Einwanderermengen wird aufnehmen können. Allerdings wird sestgestellt, daß es „ein großer Fehler sei, daß alle Neuan>- gekommenen sich bemühen, in Rio de Janeiro zu bleiben und nicht nach den Provinzen mit ihren riesigen Möglichkeiten ziehen". In Argentinien sind nach der offiziellen Statistik in den Jahren 1920 bis 1927 54 848 jüdische Emigranten eingewandert. Die größte Zahl weist das Jahr 1923 mit zirka 13 700 Einwanderern auf. In ganz Argentinim wird jetzt die Zahl der Juden auf zirka 200000 geschätzt, von denen ungefähr die Hälfte in Buenos Aires leben. Das materielle Niveau der argentinischen Juden ist ein ziemlich hohes, jüdische Konsumgenossenschaften und Volksbanken sind zahlreich und machen große Umsätze, in Buenos Aires gibt es ein jüdisches Krankenhaus und jüdische Waisenhäuser, die in keiner Beziehung hinter denen großer europäischer Städte zurückstehen. Sowohl in den Städten als in den jüdischen Kolonien gibt es zahlreiche wohltätige und kulturelle Einrichtungen. So sind z. B. in Mosesville 2 Bibliotheken mit je 6053 und 4600 Bänden, in der Provinz Entre Rias 20 Bibliotheken mit 18 410 Bänden, in der Kolonie „Narcisse Levi" eine Bibliothek mit 2550 Bänden, usw. Mit Landwirtschaft beschäftigten sich anfangs 1927 3597 jüdische Familien (20142 Menschen), außerdem leben in den Kolonien als Handwerker, Angestellte, Lehrer, Beamte usw. 2251 Familien (12982 Personen). Von den Landwirten haben zirka 30 °/o alle ihre Schulden an die „Jca" für die erhaltenen Vorschüsse bezahlt und sind jetzt Eigentümer des Landes geworden. Eine negative Erscheinung ist die Tatsache, daß in der Kolonie „Maurici" die jüdischen Kolonisten ihr Land an Nichtjuden verkauft haben. Der Referent über Argentinien gelangt zum Schlüsse, daß dieses Land noch zahlreiche jüdische Einwanderer aufnehmen kann, daß dort namentlich für Handwerker und physische Arbeiter günstige Bedingungen vorhanden sind, nicht aber für intellektuelle und freie Berufe. Körperliche Arbeit wird im allgemeinen ausreichend bezahlt, sogar ein unqnalifizierter Arbeiter verdient 3h2—4 Papierpesos (1 Papierpeso gleich zirka 1,70 Mk.) pro Tag, gelernte Arbeiter verdienen natürlich besser, Konfektionsschneider z. B. 6—8 Pesos in der Saison, 3—4 Pesos nach der Saison, usw. Das Existenzminimum beträgt für eine einzelne Person zirka 115 Pesos im Monat in Buenos Aires und 80 Pesos in der Provinz, für eine dreigliedrige Familie zirka 185 Pesos in Buenos Aires und 140 Pesos in der Provinz. Aus den Angaben über Uruguay geht hervor, daß dort gegenwärtig zirka 100 bis 125 Juden monatlich eintreffen. Im ganzen wird die Zahl der Juden in Uruguay auf 4—5000 geschätzt, von denen ungefähr :i'( erst in den letzten 3 Jahren angelangt sind. Die Lage ist im allgemeinen in Uruguay und namentlich in der Hauptstadt Montevideo schwerer als in Argentinien oder Brasilien. Unter den allgemeinen Schlußfolgerungen wird besonders betont, daß eine der wichtigsten Bedingungen für das Wohlergehen der Einwanderer darin besteht, daß die neuen Immigranten sich nicht in den Hauptstädten sestsetzen, sondern sich nach der Provinz wenden sollen, wo die Arbeitsbedingungen oft weit günstiger sind. In Brasilien ist das auch aus klimatischen Gründen zu empfehlen, da das Klima von Rio de Janeiro viel zu heiß ist, während Süd-Brasilien in klimatischer Beziehung dem europäischen durchaus ähnlich ist. Es sei noch schließlich auf die Angaben über Mexiko aufmerksam gemacht, die im Juniheft 1929 der Monatsschrift „Die jüdische Emmigration" veröffentlicht werden. Danach war noch vor zirka 10 Jahren die Zahl der Juden in Mexiko ganz unbedeutend, es war das hauptsächlich ein kleines Häuflein jüdischer Kaufleute aus den Vereinigten Staaten. Jetzt wurden in Mexiko Ende 1928 zirka 7310 Juden gezählt, davon ungefähr 5000 in der Stadt Mexiko. Eine Zeit lang schien es, daß die Einwanderung verhältnismäßig sehr stark werden wird, so kamen z. B. 1924 durchschnittlich 500 jüdische Einwanderer monatlich nach Mexiko. Die meisten von ihnen hofften, über Mexiko leichter nach den Bereinigten Staaten kommen zu können. Diese Hoffnung hat sich ccker als falsch erwiesen, der Strom der Einwanderer, die durHaus nur nach den Vereinigten Staaten wollen, hat nachgelassen, 1928 kamenn schon bloß 1641 im ganzen Jahr. Diejenigen, die jetzt eintreffen, tuen das schon in der Absicht, im Lande zu bleiben und sich dort den Bedingungen anzupassen. Diese sind allerdings im allgemeinen nicht sehr günstig. In einer in Mexiko erscheinenden jüdischen Zeüschrift „Unser Leben" heißt es, daß „75 o/0 der Juden in Mexiko kaum so viel verdienen, als zum Leben notwendig ist". An einer anderen Stelle wird gesagt, es sei „ein Wunder, wie die Handwerker, die 14—16 Stunden täglich arbeiten, auskommen". Die jüdische Einwanderung scheint in Mexiko übrigens eine antisemitische Reaktion hervorgerufen zu haben. Noch im Oktober 1924 erklärte der damalige Präsident Calles durch die „Jta" in New-Aork, daß er „Juden, die sich als loyale Bürger an das mexikanische Volk anschließen, sich an dem Aufbau der nationalen Industrie und Landwirtschaft beteiligen würden", freundlichst nach Mexiko einlade, und daß die Mexikaner Regierung, soweit es ihr möglich sei, den Immigranten behilflich sein werde. In der letzten Zeit erschienen aber in der mexikanischen Presse heftige Artikel gegen die jüdische Einwanderung. In diesem Jahre erließ der Innenminister ein Verbot der Einwandeirung *bon ausländischen Arbeitern vom 1. Mai ab, weil sie den eingeborenen Arbeitern Konkurrenz machen. Dieses Verbot richtet sich allerdings nicht gegen Juden allein, sondern gegen alle fremden Arbeiter ohne Unterschied der Nationalität, trifft aber selbstverständlich auch die Juden. Die mexikanischen Konsulate in Osteuropa haben die Ausstellung von Einreiseerlaubnissen nach Mexiko eingestellt. Ob diese Maßnahmen nur eine vorläufige, durch die inneren Wirren und die gegenwärtige Arbeitslosigkeit in Mexiko bedingte, ist, ist aus den vorliegenden Angaben nicht zu ersehen. Betrachtet man nun diese neue Wendung der jüdischen Auswanderung nach den Ländern Lateinamerikas, so drängt sich der Gedanke auf, wie merkwürdig gewunden doch die Wege der Geschichte sind. Es gab eine Zeit, in der Spanien und Portugal das größte Zentrum des jüdischen Volkes bildeten. Durch die Verfolgungen der Juden wurden diese Länder und ihre Besitzungen in Amerika im allgemeinen „judenrein", das Gros der Juden sammelte sich allmählich in Osteuropa an, zum größten jüdischen Zentrum der Welt, der Zahl der jüdischen Einwohner nach, wurde das Vorkriegsrußland. Nun begann Ende des vorigen Jahrhunderts, ebenfalls als Folge von Verfolgungen, eine starke Auswanderung aus Rußland von Juden nach Nordamerika, und die Vereinigten Staaten wurden auf diese Weise jetzt zu einem Land mit der absolut größten Zahl von jüdischen Bürgern der Welt (zirka 4 Millionen). Nach dem Zusammenbruch Rußlands nun erhebt sich eine neue Welle der Auswanderung nach den früher spanischen und portugiesischen Besitzungen in Amerika, die allem Anscheine nach immer stärker und den Ansatz zur Bildung neuer bedeutender Zentren des Judentums bilden werden. So durchwandert die Geschichte ihren „labyrinthisch irren Lauf". Dr. I. Lewin. Sie können nickt verreisen jedenfalls nicht mit gutem Gewissen, wenn Sie nicht, bevor Sie selbst in Urlaub gehen, an Ihre Organisation gedacht, und für den „Hilfsfonds des liberalen JudentURlS*1 M. 10.— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V." Berlin Nr. 137069 überwiesen haben. Die Namen der Spender werden in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ bekanntgegeben. Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnellI fereipg liir das liberale J&denti E. f.