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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-06-19 · 25 (19.6.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
25 (19.6.1929)
Date
1929-06-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Ausgehend von den Trägern des Bundes, der über \\) der erwachsenen weiblichen Inden Deutschlands umfaßt, stellte sie fest, daß dies zum allergrößten Teil Ehefrauen der sogenannten bürgerlichen Schichten seien, die Jugend sei relativ wenig vertreten. Tie Gründe dieser Erscheinung gälte es zu suchen und Vorschläge zur Abstellung des Mangels zu machen. Dies sei im wesentlichen eine Zeit- und eine Stoffrage. Verheiratete Frauen können ihre Abende, berufstätige ihre Abende nur schwer hergeben. Selten interessiert ein Thema beide Schichten. Jüngere Delegierte sollten entsandt werden. Gerade die Jugend lehne sich mit Recht auf gegen den Satz: „Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft", gegen die Ueberspannung des Geltenlassenwollens, die sich auch in der übertriebenen Diskussion über die sexuelle Not der Jugend äußert. In Fragen wie Lebensgestaltung der selbständigen Frau, Aufbau der Familie, sexuelle Jugendprvbleme sei die jüdische Frauenbewegung stark an die Tradition gebunden. Das Judentum kenne nicht das katholische Ideal der unverheirateten Frau, und die jüdische Frauenbewegung habe es daher viel schwerer, dieser trotz ihrer Ehelosigkeit ein erfülltes Leben zu geben. Die Diskussion über diese Fragen müsse erstens vom Frauenstandpunkt aus geführt werden, andererseits aber unter dem Gesichtspunkt nicht individueller Berechtigung, sondern sozialer Verpflichtung. Das Recht auf den eigenen Körper widerspricht dem jüdischen Gebot. In einer Auseinandersetzung mit einem Artikel von Elfriede Berget Gronemann in den Blättern des Jüdischen Frauenbundes über die Möglichkeiten, die Berufstätigen Frauen und die Jugend für die Arbeit des Bundes durch stärkere Vermenschlichung gegenüber der Versachlichung zu gewinnen, betonte Hannah Karminski, daß soziale Leistung und soziale Lebensgestallung nicht voneinander zu trennen sei. Die von Frau Berget- Gronemann geforderte Hingabefähigkcit sei noch vielfach vorhanden, doch fehle ihr noch ein Letztes: Die Ergänzung ans der Tiefe unserer eigenen Seele. Immer sucht man nach Anregung von draußen, nach neuer Betätigung und macht sich das Wort „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst", daß die interkonfessionelle Frauenbewegung als Motto der jüdischen Ethik entnommen habe, zu ergänzen durch ein Hillel-Wort von der täglichen Feierstunde, in der er den Besuch seiner eigenen göttlichen Seele empfange. Von den beamteten Kräften sei dieselbe Hingabe wie von den ehrenamtlich Tätigen, von diesen die gleiche sachliche Kenntnis zu fordern. Die Frauen seien den Männern in der sozialen Arbeit oft unbequem, sie würfen stets neue Probleme auf — und doch müßten sie sich verpflichtet fühlen, anspruchsvoll, kritisch, unbequem zu bleiben, die ewig Ungleichen. Ein Beispiel biete die Forderung, Frauen die Verantwortung in allen Heimen zu geben, der Kampf gegen lebenslange Anstellung der Leiter und gegen Ueberspannung des ZentralisationSgedankenS, die Neuregelung der Pensionsfrage und der Altersversicherung. Von weiteren kritischen Forderungen erwähnte die Rednerin die Abschaffung der Wohltätigkeitsfeste und die Reform der Anstaltserziehung. Sie glaubt persönlich, daß es sich hier weniger um Fragen der Erziehung schlechthin als um solche der Anstaltsmethode handelt. Die Anstalt müsse heraus aus der Isolierung, müsse einen stärkeren Kontakt mit dem Leben suchen. Kein Gebiet sei wichtiger und unserer Mitarbeit bedürftiger als die bevölkerungspolitische Arbeit. Der Geburtenrückgang stelle ein trauriges Fragezeichen vor die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft. Nicht nur das „Seid fruchtbar und mehret euch", sondern auch das Wort „Und Gott sah, daß es gut war", der hohe Optimismus, der im Kinderreichtum ein wirkliches Gut und einen Segen erblickt, stellt die jüdische Auffassung dieser Frage dar. Die Gleichgültigkeit der Männer gegenüber der jüdischen Frauenbewegung habe aufgehört. Die Einordnung der Frau in das Gemeindeleben habe sie den führenden Männern nähergebracht. Die Tatsache, daß der beste Teil unserer Frauen heute im Parteileben steht, habe die Bewegung nicht vor der Gefahr bewahrt, einander nicht mehr zu verstehen. Hannah Karminski bekennt sich zur parteilosen aktiven Sympathie für Palästina. Die Idee der Parteilosigkeit habe in der Jugend einen starken Bundesgenossen gefunden. Die geistige Verbindung zwischen Judentum und Frauenbewegung sei sehr eng, schon darum, weil man erkannt habe, daß ihre Führerinnen jüdisch im besten Sinne sind. Durch eigene Kraft ein erfülltes Leben sich errungen zu haben, unabhängig vom Schicksal, das sei Glück. Die Mütter waren Prophetinnen in Israel, mögen die Enkelinnen die heilige Fackel weiterreichen durch die Zeilen. Diskussion. Ju der Diskussion bedauert Frau Dr. Vögelst e i n - Breslau das Versäumnis, daß die vorschulpflichtige Jugend bisher nicht von der Erholungssürsorge erfaßt worden sei und bittet den Vorstand, dahin zu wirken, daß jedes Waisenheim, jede Anstalt sich auch der Schulentlassenen annehme. Fräulein Dr. Kronheimer, die Referentin der Zentralwohlfahrtsstelle, setzt sich ebenfalls mit der Problematik der ehrenamtlichen sozialen Arbeit auseinander und wendet sich gegen die Auffassung, als ob der Gesichtspunkt der eigenen Veredlung und Bereicherung maßgebend sein dürfe. Im Zentrum der sozialen Arbeit muß stets der Hilfsbedürftige selber stehen. Frau Fried spricht über die Werbung der berufstätigen Frau für den Frauenbund und regt an, die soziale Arbeit auch auf diese auszudehnen. Frau W r o n s k y unterstreicht die Ausführungen von Fräulein Dr. Kronheimer und ergänzt sie durch grundsätzliche Ausführungen nach der Seite hin, daß der Frauenbund um das wesentliche Kriterium einer Bewegung, des Ringens um ihr Wesen, bisher herumgekommen ist. Frau Life Leib holz dankt Fräulein Karminski für das „Referat ihrer Generation". Tie Jugend wolle keine Schlagworte, keine Formulierungen, keine Synthesen, sie fordere praktische Arbeit. Sie fordere Anerkennung und Achtung für lebe Weltanschauung. Frau Dr. Höxter setzt sich für einen Kindergarten für jüdische Taubstumme ein, Frau Wagner-Tauber bedauert, daß es an richtigem Nachwuchs für die jüdischen Krankenschwestern fehle. Frau Bertha E s ch e l b a ch e r Düsseldorf bedauert die Strömung der Versachlichung in unserer Wohlfahrtspflege. Ohne ehrenamtliche Mitarbeit sei überhaupt keine jüdische Wohlfahrtspflege zu denken. Die Mutterschaft sei der soziale Beruf der Frau. Frau Tr. Etta F e d e r n - K o h l h a a s glaubt, daß sowohl bei der Wahl der beamteten wie der freiwilligen Fürsorgerinnen, die „heimlichen Heiligen" herausgefunden werden müssen. Frau Ernestine Eschelbacher betont, daß freiwillige Wohlfahrtsarbeit nichts anderes sei als jüdische Sittlichkeit. Fräulein Ellern würde es in dieser Zeit der Not unverantwortlich finden, auch die geringste Mitarbeit zurückzuweisen. Man solle nicht von ehrenamtlicher, sondern von Berufs- oder nebenamtlicher sozialer Arbeit sprechen. Ehren» amt und Ehrensache müsse sie für jede jüdische Frau sein. Die Lebensbedingungen der arbeitenden Frauen müssen besser erkannt, es sich ihrer mehr angenommen werben, und zwar ohne Unterschied der verheirateten und der unverheirateten Frauen. Frau S ch ö n e w a l d - Bochum spricht über die Stellung der Jugend zur jüdischen Frauenbewegung und umgekehrt. Sie bedauert, daß der Jüdische Frauenbund versäumt habe, seine Stellung in dieser Frage der Oesfentlichkeit darzulegen und dazu die Meinungsbildende Macht der Presse zu benutzen. Das Verantwortungsbewußtsein der Jugend müsse an den Anforderungen der Zeit gestärkt werden. Man lasse ihr das Recht der eigenen Meinung, denn „höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlrchkeit". Für die Erwachsenen und Alteit brach Paula Olle n d o r f f, berechtigt durch ihre Erfahrung, eine Lanze. Sie empfindet den Vorwurf der Jugend schwer, daß man ihre sexuelle Not usw. zuviel diskutiert hätte und bedauert das Unglück der Prozesse, gewisser Bücher und der sensationellen Zeitungsberichte. Derartiges dürfte nicht in die Hände der Jugendlichen kommen. Wer wie sie einen Religionsunterricht „erlitten" habe, ersehne die Ergänzung der modernen Gedanken durch die jüdische Erziehung. „Wir müssen jüdischer werden durch Wissen, Lernen und Können." Auch sie besitzt volles Verständnis für die Lebensnöte der Sozialbeamtinnen und fordert materielle Erleichterung für sie. Auch sie tritt für Einigkeit ein, und zwar nicht im Sinne der Eintönigkeit, sondern einer Harmonie aus den verschiedensten Stimmen. „Meinungen trennen, Gesinnungen verbinden", llns verbindet die Gesinnung als Juden, als Frauen und als Bund. Frau Tr. K l a f t e n - Leinberg, die schon am selben Tage abreisen mußte und daher nicht im Rahmen der öffentlichen Kundgebung ihren Bericht erstatten konnte, teilte außerordentlich interessante Einzelheiten über die soziale und berufliche Umschichtung im neuen Kleinpolen (Galizien) mit. Sie hob das positive Streben der Jugend zu Arbeit und Selbständigkeit, zu Wissen und Bildung hervor. Tie große Beteiligung der Mädchen an dieser Bewegung sei besonders bemerkenswert. Das Hauptinstrument der Berufsbildung ist der Verband zur Förderung der Fachbildung unter den Juden in Kleinpolen, der ein Budget von 60 000 Dollar jährlich verwalte, das zu 50 bis 60 Prozent von den Ortsgruppen getragen wird. In 14 Anstalten wird Berufsschulung, allgemeine und jüdische Bildung vermittelt. Aus der jüdischen Frau soll ein vollgültiges Individuum geschaffen und mit ihrer Hilfe das Antlitz Galiziens geändert und erhellt werden. Soziale Arbeit. Am Dienstag vormittag leitete die 2. Vorsitzende des Bundes Frau Paula O l l e n d o r f f die Tagung. Zunächst begrüßt Frau M i n i st e r i a l r a t H i r s ch f e l d im 'Namen des Reichsarbeitsministers, der den Berichten über die Arbeit und den sonstigen Verhandlungen mit Interesse en'tgcgcnseh« und ihnen. den besten Erfolg wünsche. Frau Bertha Eschelbacher schickte ihren Ausführungen iibwV die soziale Arbeit der jüdischen Frauenvereine einen kurzen historischen Rückblick voraus. Tie jüdischen Frauenvereine, die alle Frauen der Gemeinde umfaßten, bilden keine Organisation, sondern ein lebendiges Wesen, einen Organismus, wurzelnd im Erdreich der Kehitlah. Ihrer Entstehung liegt der alte Chewra-Gedanke zugrunde. Heute sind die Frauenvereine überall verschieden nach Größe, Struktur und kultureller Entwicklung. Ein Franenverein kann trotz religiöser Grundlage modern organisiert sein, kann sich spezialisieren nach den Erscheinungsformen jüdischer Hilfsbedürstigkeit. „Wir wollen tun und hören", dieses Wort Bertha Pappenheims steht über der Arbeit der jüdischen Frauenvercine. „Wir hören mit dem ungeschulten Ohr der ungelehrten Frauen aber auch mit dem seingeschulten oer Jüdin." Jeder Art von Not und Verlassenheit, Schutz und Ratlosigkeit wollen sie Vorbeugen und abhelfen. Tie Form der Arbeit ist die Familien fürsorge, die zur Zusammenarbeit mit der Männer-Chewra, mit der Gemeinde, mit der Stadt führt. Vielfach tragen die Frauenvereine in kleineren, größeren und mittleren Gemeinden die offene Fürsorge. Wenn auch die führenden Persönlichkeiten und die Arbeit nur im Kreise ihrer Gemeinde bekannt ist, so hairdelt es sich nicht nur um eine lokale Arbeit, sondern nur der Schauplatz ist lokal. Tie Verpflichtung zur Hilfe ist dagegen etwas allgemein Jüdisches. Dem Jüdischen Frauenbund ist es zu danken, daß die soziale Arbeit tticolo Peccavi Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit! Frankreich war das Land, das die großen Worte vom Menschentum in Europa als erstes auf seine Fahnen schrieb. Frankreich war auch eines der ersten Länder, das den Juden eine gesetzlich verbriefte menschenwürdige Stellung einräumte. Verwaltung und Militär bieten ihnen hohe Posten. Ter Jude Cremieux leitet das Justizministerium, er erhöht den demokratischen Ruf Frankreichs durch Aushebung der Negersklaverei in den französischen Kolonien. Ten Judenhaß kennt das moderne Frankreich, das Frankreich des 19. Jahrhunderts schon, kaum. Und ist er dennoch vorhanden, so steht nur in vereinzelten Fällen politische Bewegung dahinter. Trotz allem lodert zu Ende des 19. Säkülums das Feuer des Hasses aus, kommt es zur Hetze und Kampf, spaltet sich die französische Bürgerschaft in unzählige Lager für und wider den jüdischen Bruder, für und wider seine Gleichberechtigung, für und wider und das war Ausgangspunkt der Wellenbewegung - den französischen Offizier, den Juden, der des Hochverrats angeklagt ist und dessen Unschuld der wahrhaft Gerechte nicht bezweifelt. Treyftis wird frei, und Frankreichs Judenhasser kämpfen seither nur schwach in den allerletzten Reihen des antisemitischen Kampfplatzes, wenn sie sich nicht schon gänzlich vom Schlachtfeld zurückgezogen haben im Gedanken der Gleichheit aller Religionsbekenntnisse. Tie Treysusaffäre, viel genannt und viel Staub aufwirbelnd, sic bildet den politischen Hintergrund eines neuen Werkes des Heinebundes.*) Bis in die kleinsten Provinzstädte dringt die Erregung, bis zu den kleinsten Plätzen Welschlands gelangt die aufsehenerregende Botschaft, bringt das leicht entzündliche Blut des Romanen zur Wallung. Und vor diesem großen historischen Spiegel spielt sich eine kleine Episode ab, ein Drama vielleicht auchein wenig ins Komödienhafte, mehr aber ins Tragische hinübergleitend, die Leidenschaften, die das große Weltgeschehen Hervorrust, im Kleinen reflektierend. Carpentras ist der provencalische Schauplatz des Ereignisses. Tie ansässigen Juden haben viel zu leiden unter den Anwürsen der Treyfusgegner, unter den Beschimpfungen einer Rotte, deren Anführer der bischöfliche Schneider Augustin Nicolo Peccavi ist, Antisemit aus Tyrdition, aus Geltungsbedürfnis möglicherweise auch. Es kommt der Tag der Verurteilung Treyfus'; und da geschieht das kaum Faßbare: Peccavi erscheint im Hause des jüdischen Nachbarn, ihm sein Mitgefühl auszüdrücken, ihm — und das ist mehr — seinen Glauben an des jüdischen Offiziers Unschuld erkennen zu lassen. In aller Heimlichkeit geschieht *) Der Heinebund, Berlin 1929: Armand Lunel: Nicolo Peccavi ider Weltgeschichte in Carpentras. das natürlich, und so beginnt die fragwürdige Doppelrolle eines Mannes, der nach außen den Schein wahren tvill, in dessen Innern aber Blut ist vom Blüte jener, die er jetzt bekämpft, vom Blute eines Ghettoahnen, der Phantast und Irrer fast, sein Judentum aufgegeben hatte, den Bannfluch über sich hatte ergehen lassen müssen. Jetzt, angesichts der Leiden der Juden steigt dem Nachkommen das Jüdische aus dem Unterbewußtsein, reißt es und zerrt es an ihm, macht ihn zum Spielball seines eigenen Gewissens. Zum Gespött wird er Juden und Christen, Ehre und Namen sind ihm besudelt, der Lächerlichkeit ist er preisgegeben, ein an das Lorenzo-Jessikaspiel erinnerndes Schalksstück spielt hinein und bringt ihn um das letzte Restcheu seines Verstandes. Ein armer Schwachsinniger - das ist das Ende des großen Antisemitenführers in Carpentras. Hier soll nur ein Geschick angedeutet werden mehr bringen hieße dem Leser etwas vörwegnehmen. Aber zum Gang der Ereignisse tritt die Schilderung des südfranzösischen Ghettolebens des 18. Jahrhunderts, kommen dse Einblicke in Brauch und Sitte, der sich selbst verspottend^ jüdische Galgenhumor, das Wirken des Klerikalismus im päpstlichen Südfrankreich, komische Episoden, all das in lebhafter Farbe, mit französischem Temperament dargestellt. Der Uebersetzerin ist es wohl gelungen, Armand Lunels Werk in seinem Sinne wiederzugeben. Es fehlt nicht an Erheiterndem, aber im Ganzen überwiegt das tragische Geschick des Helden, der an seinem Doppelspiel, an der Stimme des Blutes zugrunde geht. Cilli Marx. Es fehlt eine wirkliche Kinderbibel! Bücher mit biblischen Erzählungen gibt es die Menge. Beste Absicht, tiefgründiges Wissen und emsiger Fleiß mag an ihnen verwendet worden sein. Und dennoch fehlt es an einem neuen Büchlein für unsere Jugend. An einem Büchlein, das die altehrwürdigen biblischen Geschichten unseren Kindern in modernem Gei st e vermittelt. Es liegt mir fern, die Männer und Frauen vom Fach tadeln zu wollen, die in altgewohnter, bisher durchaus bewährter Weise ihr bestes hergaben. Aber als Vater, dem die Ausgabe zufällt, seine Kinder bei den Schularbeiten zu beaufsichtigen, sie religiös zu beeinflussen, glaube ich sagen zu dürfen, was ich in diesen bisher eingeführten Büchern vermisse: Es fehlt ihnen das tiefere Eingehen in das (kindliche Gemüt, in das kindliche Verständnis, in die kindliche Phantasie. Der Text lehnt sich zu wörtlich an den Urtext an, ist träge, schwülstig und vielfach ohne mündliche „Uebersetzung" kaum zu enträtseln. Hier nur einige flüchtig herausgegriffene Beispiele. Gott redete zu Abraham und sprach. — Gott gab sie in die Hand der Philister. — Wandle vor mir. — Hebe deine Augen auf. — Und der Geist des Herrn kam über ihn. — Sie laten, was böse war in den Augen des Herrn. Usw. usw. Warum, so frage ich, muß sich ein Buch, das zu Kindern spricht, unbedingt und in so sklavischer Weise an den Urtext der Bibel halten?! Wer kennt nicht die Schätze der deutschen Märchen und Sagen und anderen Kindergeschichten, die das Kinderherz erfreuen, die Augen vor höchster Spannung erglänzen lassen, wer nicht all' die schönen farbenprächtigen Bücher, aus denen Mutter und Großmutter oft und immer wieder vorliest in trautem Familienkreise? Es gibt jüdische Schriftsteller in reicher Zahl. Nur eine Anregung: und ein Wettbewerb entsteht, um die herrlichen Geschichten unserer Bibel schlicht und einfach in die Kindersprache zu übertragen. Jammerschade um die Zukunft unseres Volkes wäre es, wenn unser junger Nachwuchs nicht so behandelt und gepflegt würde, wie es zarten Pflanzen zukommt. >, Das Schlagwort Kinder sind keine kleinen Erwachsenen ist so verbreitet, daß es hier eigentlich nicht noch einmal hergesagt zu werden brauchte. Aber wir sollten es bei allen möglichen Gelegenheiten auch beherzigen. Beim I Religionsunterricht mit der gleichen Energie und Ausdauer beherzigen, die man der Förderung modernen Profanunterrichts angedeihen läßt. Die moderne Kinderbibel sollte mit vielen möglichst bunten Bildern versehen sein, die natürlich gleichfalls dem kindlichen Verständnis und Geschmack anzupassen wären. Als Stütze des Wortes, als gern beschautes und bewundertes, herzerfreuendes Beiwerk. Für die Kleinsten, die noch nicht oder nicht gut lesen könnten, als ein Hauptbestandteil des Geschichtsunterrichts, als Bilderbuch schlechtweg. Die moderne Kinderbibel erläutere kurz die jüdischen Feste, und zwar im Anschluß an den bezüglichen Text, entweder unmittelbar eingeschaltet oder als Fußnoten. Wer uns solche Kinderbibel schenken soll, braucht kein ausgesprochener Wissenschaftler zu sein. Es „genügt", daß er das Kinderherz versteht und die Kindessprache beherrscht. Der Wissenschaftler könnte allenfalls das Buch, bevor es gedruckt wird, auf seine wissenrschastliche Seite hin überprüfen, ohne aber ihm mit Gslehrtendeutsch seinen kindlichen Ton nehmen zu dürfen. Die moderne Kindevbibel wäre für die jüdische Jugerrd bis zum etwa 12. Lebensjahre ein dringendes Bedürfnis, für Lehrer und Haus eine vorzügliche Entlastung, für das jüdische Heim außerdem das Hausbuch, es wäre der Stolz des Judentums, die klare Quelle, ans der sich neue Ströme jüdischer Begeisterung entwickeln können. Willy Rosenth al.

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