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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-06-19 · 25 (19.6.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
25 (19.6.1929)
Date
1929-06-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MjschKberaleZeMng Cm* kr Bereinl-tmfür -as liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die GefchüfissteUe »/.jährkch Al. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 jöt die Mitglieder der Bereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeittage enthalten. Berantwortl. Redakteur: Bruno Woyda. Die »Jüdisch-liberale Aei»««,- erscheint jede« Mittwoch. »edaMon und Geschüstsskelle: Serlin SW 4S. WUHetmstr. 147 Anzeigenpreise: Die 12gespaltene AonparaMezeile 0.45 Goldmark, die Rettamezeile 3.00 Goldmark. bei Wiederholungen Rabatt. Fernruf: Bergmann 33S8. 33SS Postscheckkonto: Berlin 7tW 7. 137069 Nachdruck sämtlicher OriglualBeiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenannahme: «Jüdisch-liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin SW 48. Wilhelmstrotze 147 (Bergmann: 335S-5S), sowie fämtl. Annoncen-Expeditio«. Nr. 25 Berlin. IS. Zum 1S2S S. Jahrgang Ae l des WWen Frauenbundes Feierliche Eröffnung. Eine unübersehbare Menge froher, erwartungvoll gestimmter Frauen füllte schon lange vor dem festgesetzten Beginn um 11.15 Uhr den schönen Saal der Hochschule für Musik in der Fasanenstraße. Das mit Hortensienbüschen üppig geschmückte Podium trug die Stuhlreihen, auf denen der Vorstand des Indischen Fraumbundes und die Telegiertm des Auslandes Platz genommen hatten Im Hintergründe ragten die Silberpfeifen der Orgel auf, ein Symbol des Strebens zum Höheren und zum Höchsten, davor die festlich gewandetm Mitglieder derVereinigungBerliner Synagogenchöre. Als in Schuberts gläubiger Tonsprache der 23. Psalm verhallt war, als der Frauenchor verstummt war, nahm Rabbiner Dr. Baeck zu seiner Weiherede das Wort. Für jeden Menschen gelte es, so begann er, aus dem, was sein Dasein ist, das zu gestalten, was dies Dasein sein sollte. Für jeden Menschen gilt es so, vom Schicksal zur Freiheit zu gelangen. Besonders aber für die Frau, denn mit ihrem Wesen sei ein besonderes Schicksal verknüpft. Es liegt ein Empfangendes, Tragendes, Lebendes in ihrem Leben. Mit diesem Schicksal zu ringen, diese Aufgabe der Freiheit gegenüber dem Schicksal ist bei der Frau Lebenserfüllung, ist Lebensheroismus. Dazu kommt das besondere durch das den Lauf der Jahrhunderte überdauernde Dogma, daß die Frau nur durch, dem Mann etwas gelte und nur in seinem Hause Wert und Inhalt ihres Lebens hätte. Als Objekt des Mannes, der Sitte und dieses Dogmas, an das sie schließlich selber glaubten, erführen die Frauen ihr zwiefaches Schicksal. Gegen dieses Schicksal, dieses Dogma, haben sich im vergangenen Jahrhundert die Frauen erhoben. Nichts kennzeichnet den Wandel unserer Zeit so klar, wie die neue Stellung der Frau. Ter politische, kulturpolitische Kampf um die Gleichheit des Berufs und hes Rechts der Frau ist im wesentlichen heute erfolgreich beendet. Er stand noch durchaus im Zeichen des Mannes, der einst entscheidende Gedanke der Gleichheit ist jetzt überwunden. Vom Gedanken der Ungleichheit des Eigenen der Frau aus hat insbesondere die jüdische Frauenbewegung erst ihren Sinn und ihren Platz erhalten. Mit der Beendigung der Emanzipation war die Zeit gekommen, wo man sich auf seine Eigenwerte besann. Nach einem Vergleich mit der Emanzipation der Juden, die auch ein Ringen um Gleichheit in Recht und Beruf war und jetzt einer stärkeren Betonung der jüdischen Besonderheit im Gefühl ihres Eigenwertes gewichen sei, gedachte Tr. Baeck der geistigen Mütter des jüdischen Frauenbundes, dieses Bundes, der stets eine Zusammenfassung von Einzelnen, von Individuen gewesen sei, wodurch seiner Arbeit Wert, Eigenart und Kraft erhalten worden sei. Von den Lebenden nannte er Bertha Pappenheim uw» Sidonie Werner. Ehrende Worte widmete er dem Gedenken der Frauen Martha Frankl, Henriette May und Rosa Vogelstein. Wenn große Persönlichkeiten am Beginn einer Bewegung gestanden haben, dann werde sie weiter wirken. Die Erziehungsaufgaben des Bundes seien bestimmt gewesen vom schöpferischen Geiste der Frauen. „Singet dem Herrn ein neues Lied." Die jüdischen Frauen dürfen ein neues Lied singen, denn sie haben eine neue Wahrheit gefunden. Nach zwei Arien von Händel, dre Frau Rose Wallers klarer schwebender Sopran in wundervoller Bewegtheit gestaltete, erfolgten Ansprachen der Vertreterinnen des Bundes deutscher Frauenvereine, Fräulein Tr. Erna Corte, des Kammergerichtsrats Wolfs für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, des Leiters der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Tr. Ollendorff und der geschäftssührenden Sekretärin des Council of ^ewrsh Women of America, Estelle Sternberger, die auch die Geschäfte des neugegründeten Weltbundes jüdisHer »rauen führen wird. Zahlreiche weitere Behörden, ludrsche und mchtiüdische Organisationen, deren Namen die Vorsitzende des jüdischen Frauenbundes, Frau Bettina Brenner, in. ihrer Tankrede nannte, hatten ihre Glückwünsche schriftlich ausgesprochen, u. a. das Reichsministerium des Innern, das Reichsarbeitsministerium, das Polizeipräsidium, der Magistrat Berlin und viele andere. Tie Vereinigung für das liberale Judentum war durch ihren Generalsekretär George Goetz und die jüdische Reformgemeinde durch Frau HEburger vertreten Mit dem erhebenden Klang des Chors -^Hüwr schlaft und schlummert nicht" aus Men- S Ä bcn der gemischte Chor unter der 'fein- ^IEabfuAmng fernes Leckers, Alexander Weinbaum, mt, kaAster Abtönung tn der Anwendung seines glän- Stimmenmateriats zu Gehör brachte, endete die schöne r.?!!!.,die Vorsitzende des Verbandes Berlin, Frau Bertha Falkenberg, die Delegierten und auswärtigen Gäste im Logenhaus, Kleiststraße 10. Ein heiter-schönes Festmahl vereinte diese mit ihren.Berliner Gastgebern. Ern wohlgelungenes Kabarett, bei dem die charmante Frau Oppenheimer in geistreichen, feinpointiert vorgetragenen Versen die Ansagerin machte und bei dem es musikalische Geiiüsse aller Art, künstlerische Tänze, ausgeführt von Fräulein Ruth Hirsch und ihrem Partner, sowie Darbietungen einer jugendlichen Tanzgruppe zu bewundern gab und Dr. S. Hildesheimer die jüdischen Feste in Klang und Wort vorüberziehen ließ, — ein Beginnen, das von vielen Seiten als Profanierung empfunden wurde, — bildete den künstlerischen Abschluß. Am Montag nachmittag lernten die Teilnehmer in den Häusern von Frau Berthold Israel, Frau 'Erna Elsner-Zehlendorf, Frau Molly Berger, Frau Tr. Landsberg, Frau Chan-Wannsee, Frau Zaiidy-Nikolassee, Frau Nndemann-Westend, Frau Moritz Tobrin, Frau Theodor Kallmann-Grunewald, Berliner Gastfreundschaft aufs beste kennen. ' Das segensreiche Wirken des Frauenbundes. Tie erste Abendsitzung am Montag wurde von Frau Brenner mit einem kurzen Ueberblick über die Idee und den Aufgabenkreis des Frauenbundes und seine Entwicklung in den letzten Jahren eröffnet. Auch nach 25 Jahren wolle der Bund keine Vorschußlorbeeren ernten, sondern sich ehrlich Rechenschaft oblegen, sachliche Kritik üben an dem, was er in dieser Zeitspanne erstrebt und erreicht habe. ^Mft Ehrlichkeit und Selbsterkenntnis wolle man prüfen, ob die Methoden richtig gewesen und und wo Aenderung nottue. Schon vor 25 Jahren habe Bertha Pappenheim als besten Teil des Bundes seine innere Mission bezeichnet, durch die allein auch heute noch seine Probleme erfaßt werden können. Damals galt es noch nicht als modern, gehörte, noch nicht zum guten Ton, sich jüdisch zu bekennen, sich jüdisch zu betätigen, sich jüdisch zu organisieren. Trotz der veränderten soziologischen Verhältnisse gab es noch eine kompakte Masse von Juden, die sich unlebendig verhielt. Wenn es uns gelänge, diese Masse jüdisch zu wecken und zu interessieren, so brauchten wir Taufen und Mischehen nicht zu fürchten. Wir haben heute die Ehrenpflicht, uns unserer neuen Rechte würdig zu erweisen. Mit Verstand, Schulung und Wissen gelte es auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege zu arbeiten, stets geleitet vom Frauenhaften, vom Mütterlichen, vom Gefühlsmäßigen. Nicht auf die Zahl der Arbeiter komme es an, sondern auf Förderung des qualitativen Niveaus der Arbeit. Von der Familie über die Organisation zur Allgemeinheit müsse die Bundesmission getragen werden. Nach der menschlichen, der überparteilichen Seite hin müsse man sich orientieren, die- Männer-Gremien in dein Sinne beeinflussen, Parteigegensätze zu überbrücken, und den Blick auf das Große, Ganze zu lenken, und die Masse der Indolenten zu mobilisieren. Ter Wille zur Ueberparteilichkeit war gewiß in all den Frauen, die in den kommenden Verhandlungstagen zu Worte kamen, vorhanden. Doch sprach aus jedem der Referate, zum Teil vielleicht ganz unbewußt, eine bestimmte weltanschauliche Bindung, die selbstverständlich bei Andersgerichteten trotz aller Bewunderung inneren, zum Teil auch äußeren Widerspruch Hervorrufen mußte. Ten Rückblick über die Entwicklung und Arbeit des Jüdischen Frauenbundes gab in kurzen beschwingten Worten Paula Ollendorsf. Zu manchen Zeiten wird der Drang nach neuer Gestaltung in genialen Menschen zum Bilde. Bor 25 Jahren sei in Bertha Pappenheim Idee und Bild des Jüdischen Frauenbundes entstanden. Ausgangspunkt war der Kampf gegen die sittliche Gefahr, die durch Mädchenhandel und Prostitution im Ostm das jüdische Antlitz entstelle und die Reinheit der jüdischen Frau beflecke. Eine Zeugin dieser inspirierten Stunde, die unter uns weile, Sidonie Werner, hat diese Inspiration ausgenommen und in praktischer Arbeit verwirklicht. Tann gedachte auch diese Rednerin der verstorbenen. Mitbegründerinnen des Frauenbundes, der nach einem Jahre 70 Vereine, nach zehn Jahren bereits -200 Vereine umfaßt habe, neben denen die Ortsgruppen, deren es heute 35 gibt, die organisatorische Arbeit des Bundes tragen. Heute sei der Frauenbund mit seinen 35 Ortsgruppen, 11 Landesverbänden und 400 angeschlossenen Vereinen, die insgesamt 52000 Mitglieder darstellen, ein sehr beachtenswerter Faktor im Frauenleben Deutschlands. Sie sicht die Stärke des Bundes darin, daß er in alter jüdischer Ethik und Tradition wurzelnde Arbeit in einer neuen Form, im Geiste modernen Fmuenempfindens fortführe. Im Sinne des Gemeinschaftsgedankens und getragen von der Verantwortung für die Zukunft gründete man viele Jugend- und Kinderhäme, Werkstätten, Erziehungsanstalten für gefährdete und gefährdende Jugendliche. Das soziale und gemeindliche Arbeitsgebiet wird nach modernen Gesichtspunkten durch Erwerbssürsorge für Frauen und Mädchen, Erholungsfürsorge für Leidende und Gesunde, soziale Gerichtshilfe, Arbeitsbeschaffung, Berufsberatung und -Hilfe, Ausbildung zu produktiver Arbeit u. a. m. bearbeitet. In Deutschland sei nichts auf dem Gebiete der Jugend- und Gefährdetenfürsorge ohne Anregung und Mitwirkung des Jüdischen Frauenbundes geschehen. Die Zentralstelle für Adopnonswesen und Pflegestellen beruhe auf dem Gefühl der Verantwortung für das Unrecht gegenüber dm unehelichen Kindern. Zwei Erziehungskonferenzen haben sich mit diesm Fragen beschäftigt. Tie Arbeit an den schwer Erziehbarm, die Bahnhofshilfe und andere Teilgebiete der Fürsorge seien noch nicht entwickelt, es sei noch viel zu tun. Tie Gründung kleiner Turchgangsheime für mtlassene Gefangene, Durchreisende und Gefährdete ist das jüngste Kind der sozialm Arbeitsvermittlung. Tie Sammlung der jungm Erwerbstätigen in Gmreinde-Jugmdheimen, eine Idee, die aus England und Amerika zu uns gekommen ist, beugt ebenfalls der Gefährdung vor. Durch die Gemeinschaft, zu der Mädchm und Knabm in jüdischem Geiste sich dort zusammmsindm, wird praktische Bevölkerungspolitik getrieben. Hier wird in der Zeit der Raumnot versucht, der Jugmd das, was die zerstörten Elternhäuser ihr nicht mehr bieten können, zu geben: jüdisches Leben. Tie völlige Gleichberechtigung, die eine neue Zeit der jüdischm Frau teils gegeben habe, teils geben müsse, werde ihr in der altm jüdischm Ethik wurzelndes Sein steigern. Ter Bund.sei eine glückliche Synthese von Tun und Sein. Er führe vom Dienst am Einzelnen znm Dienst an der Gemeinschaft und zum Dimst an Gott! Alle Formm der Arbeit sind im wesentlichen von diesem großm Gedanken getragen worden. Ein neuer Beitrag ist die Früh-Ehekasse des jüdischm Fraumbundes, ein wichtiges Glied in der bevölkerungspolitischen Arbeit des Bundes. In immer stärkerem Maße sei es der Mitarbeit der Frauen gelungen, die Gemeinde ans Verwaltungskörperschaften zu Stättm der sozialm Arbeit zu gestalten, von der bisherigen Praxis der Unterstützung zur produktiven Hilfe und Selbsthilfe zu gelangen. Arbeitsstätten, Arbeitsnachweise, Nähstuben u. a. m. dienen diesem Ziel. Daß die Frauen gleichberechtigt mitraten, mitgestaltm, mitverwaltm wollen, ist nicht Egoismus oder übertriebener Geltungstrieb, sondern Erfüllung der kulturellen Forderung des Bundes, daß sie, die mitverantwortlich find, auch in dieser Verantwortung wirkm müssen. In dem Namen „Jüdischer Frauenbund" sind bereits die drei Grundgedanken seiner Tätigkeit enthalten. Die zwei erstm, bewußt jüdisch, und bewußt, Frau zu sein, sind uns von Gott zu treuen Händen übergäien. Der dritte, bewußt als Bund zn wirken, ist von uns selbst geschaffen und ist in unserer Arbeit in Verbindung mit den beiden anderen durchzuführm. Nun hielt die Geschäftsführerin des Bundes, Hannah Karminski, ein umfassendes, in Form und Inhalt hochstehendes Referat, in dem sie einen Ausblick auf fernere Entwicklung unb dm Ausbau des Bundes gab. vor Antritt der Sommerreise sollte jeder wahre Freund unserer Bewegung seinen Beitrag zum „Hilfsfonds des liberalen Judentums1« in Höhe von Mk. 10.— auf das Postscheck - Konto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V." Berlin Nr. 137069 überwiesen haben. Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnellI 4104411

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