Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 24 (12.6.1929)
- Date
- 1929-06-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ken Würde. Tie unbedingt notwendige Reorganisation des Berufslebens gewinnt durch ihre Tätigkeit starke Unterstützung. Frau Tr. Zadik-Hamburg ergänzte diese Ausführungen aus ihren deutschen Erfahrungen im gleichen Sinne. Ter Mangel an Ein- und Unterordnung erschwere die Berufsberatung und brächte häufig Enttäuschungen und Berufswechsel. Frau Life Leibholz betonte die außerordentliche W'chtlgkcit des Referats. Tie Vorurteile müßten durch den Kamp) gegen den Antisemitismus, durch Berussumschichtuug und Fühlung mit führenden Wirtschaftskreisen geführt werden. Nationale und internationale Verbindungen müßten dieser Sache dienstbar gemacht we.den und Auik ärung darüber in die breiten Massen aller Konfessionen getragen werden. Tr. Marg. Turnowsky erklärt das übertriebene Geltungsbedürfnis der jüdischen Jugend aus der besonderen sozialen Lage. Nur in Palästina sei der Jude als Jude \m und gelte etwas als Mensch. Tr. Tukas, Wien will die Idee der Produt'tivierung der jüdischen Jugend für die Waijenerzichung fruchtbar gemacht sehen und wirbt für das angeblich ohne Zusammenhang mit der zionistischen Organisation stehende Kinderdorf ,,'Ben Schemen" Hierauf wandte man sich der Besprechung internationaler Angelegenheiten zu. Frau Wijsenbeerk- F ran ken (Holland) sprach über die Bedeutung des Völkerbundes, das P a l ä st i n a m a n d a t, das noch nicht alle Wünsche erfülle und den Schutz der nationalen Minderheiten. T.r Völkerbund sei die Institution, welche „das jüdische Volk" seinem Ziel, der Gleichberechtigung in allen Ländern cntgegensühre. lieber die Tätigkeit des Bundes in der Sache des Frauen- und Kinderschutzes berichtet Mr. S. Cohen, London, Vertreter der „Jenish Association for rhe Protection os girls and women" über die bisher geleistete Arbeit. Dieselbe bewegte sich hauptsächlich in der Richtung aus Zentralisation des Kampfes gegen den M ä d ch c n - h a n d e l, A u s d c h n u n g verwandter Privatorganisationen auf fast alle Länder der Erde, Besserung der Schutzgesetzc für Minderjährige und der Stellung der unehelichen Kinder. Wie vorauszusehen war, stießen bei dem Thema des lebten Nachmittags „di e Bedeutung der Kulturarbeit in Palästina für die Francn" die Geister heftig aufeinander. Wenn Anitta Müller-Cohen, Wien, mit flammender, sas! fanatischer Begeisterung und blendender Rhetorik ein leuchtendes Bild des „magischen Zentrums des Judentums", der Stätte einer neuen Menschen und Volkstums, eines neuen Idealismus malte, so ries diese Apologie des Zionismus trotz der „goldenen Zunge" mit der sie vorgetragen wurde und trotz der etwas konkreteren Unterstützung durch Helene Hanna Thons Korreferat über die mühselige Kulturarbeit der Frauen des neuen Palästina, so ries Mrs. Lindh ein:'s Werben für die I e w i s h A g e n c h doch dm entschiedenen Widerspruch der Frauen hervor, die ihre „nationale Heimstätte", die das Zentrum ihrer Kultur im eigenen Lande erblicken. Tie Wortführerinnen dieser Frauen waren Grete B i a l - Breslau, die für das Recht dieser ihrer Ueberzeugung cintrat und Paula Ollendorff, die sich gerade vom ^Standpunkt des geistigeir und religiösen Judentums aus gegen die politische und nationale Einengung wehrte. Trotzdem es eineu Augenblick schien, als wolle der Gegensatz der Weltanschauung zwischen diesen durch gemeinsames Ziel, gemeinsame Arbeit eng und freundschaftlich verbundenen Frauen eine persönliche Spitze erhalten, so bedurfte es kaum noch der klugen, ruhigen Vermittlung der Versammlungsleiterin, um im Hinblick aus die große Aufgabe der Weltkonferenz Herzen und Hände einander wiedersinden zu lassen. „Meinungen trennen — Gesinnungen verbinden! — Im Sinne dieser Worte Paula Ollendorffs, die wie stets, so auch in diesen Tagen und besonders bei dieser Gelegenheit sich als Vorbild edelster Menschlichkeit und wahrhaft großen Frauentums bewährte, wurde am nächsten Morgen die Gründung des Weltbundes prinzipiell beschlossen. Tie wundervollen Worte der Mrs. Kohut, die in diesem Augenblick die Verdienste der Wegbereiterinnen des Weltbundes, vor allen: Bertha Pappenheims würdigte und allen Mitarbeiterinnen und Helferinnen herzlich dankte, riesen tiefe Bewegung hervor. Rebekäh Kohut ist natürlich die Präsidentin des Weltbundes und behält als ausführende Sekretärin Estelle Sternbecger zur Seite. Ihre Stellvertreterin ist Paula Ollendorff. Tie Satzungen sollen noch redigiert werden. Tie Resolutionen, die dann zur Abstimmung gelangten, fordern in erster Linie die Unterstützung der Friedensidee und die Erziehung der Jugend in diesem Sinne, die Mithilfe besonders der amerikanischen Verbände aus der Erhaltung der alten Schulen, Seminare und Lehranstalten, das Studium der bevölkerungspolitischen Probleme der Juden, einen gründlicher: U nt e rr i ch t im Hebräischen und in der Literatur des Judentums, die Gleichberechtigung und die Stärkung des Einflusses der jüdischen Frau in der Gemeinde, besonders auf die Erziehung der Jugend, die Unterstützung de: Schomre Schabbos, der Jugendorganisationen, des Palästina-Aufbaus und des Mädchenschutzes. Trat auch besonders in der Frage der Ehegesetze und der Jcwish Agency ein starkes Gefahrenmoment zutage, so endete die arbeitsreiche Tagung in Freude und Befriedigung. Im Geiste des Wortes: Im Wesentlichen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe! wurde sie geführt, so soll, so muß auch der Weltbund wirken zum Segen der jüdischen Frauen, des Judentums und der ganzen Menschheit. Hanna C o h n - T o r n. Neuer Synagogen-Dausitt? Der Jdeemvettbewerb für die Synagoge Klopstockftraße. Bon Architekt S. Fried lande r. Im März dieses Jahres wurde von der Berliner Jüdischen Gemeinde unter den jüdischen Architekten, soweit sie Mitglieder der Gemeinde sind, ein Jdeenwettbewerb für den Neubau der Synagoge Klopftockstraße 58 ausgeschrieben. Es sollte ein Gotteshaus einer strenggläubigen Gemeinde sein, sollte 500 Sitzplätze für Männer, 500 für Frauen, eine Wochentagssynagoge und alle für ein jüdisches Gotteshaus erforderlichen Nebenräume enthalten. Etwa 300 Blätter waren als Ergebnis dieses Wettbewerbes in der Aula der Jüdischen Knabenschule ausgestellt. Man sah diese Zeugen mühevoller Arbeit, wie immer, manches Schöne neben Wertlosem. Dieser Wettbewerb ist der erste größere Synagogew- Wettbewerb nach der politischen Umwälzung und auch der erste größere, der ans jüdische Architekten beschränkt blieb. Es fehlte nicht an Stimmen, die ein für alle deutschen Architekten offenes Verfahren befürworteten, im Gegensatz zu den Gemeinden anderer Konfessionen, die ihre Wettbewerbe auf ihre christlichen Mitglieder beschränken und recht daran tun. Denn der stärkste Impuls für die Gestaltung eines Gotteshauses kommt aus dem Gefühl, aus dem gläubig christlichen oder gläubig jüdischen und der beste Baumeister eines Gotteshauses wird immer der sein, der mit dem frommen Gottesglauben im Herzen eine schöpferische Begabung und eine sehr genaue Kenntnis der rituellen Vorschriften verbindet. Tie Frage nun, ob wir in der Berliner jüdischen Architektenschaft solche Begabungen haben, erscheint so müßig, daß ihre Bejahung fast überflüssig wird. Die Frage aber, ob die eingereichten Entwürfe die Erwartungen der Gemeinde erfüllt haben, ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Das angerufene Preisgericht bejaht sie, indem es empfiehlt, einen der Preisträger für die weitere Entwurfsbearbeitung zur Mitarbeit heranzuziehen und indem es an anderer Stelle das hohe künstlerische Niveau einiger Arbeiten anerkennt. Es verneint sie, indem es ausspricht, daß keiner der einge^- reichten Entwürfe ohne weiteres für die Ausführung geeignet sei. Eine solche Beurteilung, die scheinbar einer Verurteilung gleichkommt, darf nicht wundernehmen. Wir können ähnliches fast in allen Wettbewerbsfällen feststellen. Die Gründe hierfür sind einmal im Wesen eines Verfahrens zu suchen, das Magistratsbaurat Johannis G r o b l e r in der „Deutschen Bauzeitung" vom 5. Mai dieses Jahres beleuchtet. Er stellt in diesem beachtenswerten Artikel fest, daß der Auslober „nach dem Wettbewerb genau so klug dasteht, wie zuvor", weil die Bewerber sich über zwingende Bestimmungen des Programms oder der Bauordnung hinwegsetzen, einer schönen Idee zu Liebe, ohne Gefahr zu laufen, vom Preisgericht abgelehnt zu werden. Zum andern scheiterten viele Bewerber an den Schwierigkeiten, die die Grundrißlösung bot: die unglückselig orientierte Baustelle, die das Allerheiligste nach der Straßenseite verweist, dorthin also, wo naturgemäß Eingänge und Vorhalle liegen müssen, das umfangreiche Raumprogramm, das für eine einwandfreie Grundrißlösung fast zu groß erscheint. Und schließlich verursachte die Beantwortung der Frage, ob die Frauensitze auf einer oder zwei Emporen angeordnet werden sollen, dem planenden Architekten einiges Kopfzerbrechen. Man lasse sich nicht durch die brillant gezeichneten Schaubilder täuschen. Eine Empore wird das Erdgeschoß übermäßig zudecken und den Blick verbauen. Wird die Raumwirkung verkümmern und die ohnedies unzureichend durch Tageslicht erleuchteten Männersitze unter der Empore noch mehr verdunkeln. Auch gegen die Anlage von zwei Emporen lassen sich beabsichtigte Bedenken Vorbringen und so kann man es, alles in allem, beinahe verstehen, daß das Preisgericht mit dem Gesamtergebnis nicht ganz zufrieden war. Die Schuld freilich ist nicht allein bei den Bewerbern zu suchen. Betrachtet man nun die vom Preisgericht bevorzugten Entwürfe, so kann man die sehr interessante Feststellung machen, daß diese Entwürfe fast ausnahmslos jede Beziehung zur baugeschichtlichen Vergangenheit ablehnen und den Versuch wagen, die Weihe, die ein Gotteshaus umgeben soll, mit Mitteln zu erreichen, die ohne Vorbild sind. Ob dieses Experiment gelungen ist, ist sehr umstritten. Ist es richtig, daß Inhalt und Form im Leben wie in der Baukunst bei vollkommener Harmonie sich 'decken sollen, so erscheint die von den Preisträgern gewählte Ausdrucksform falsch. Der Gottesdienst einer strenggläubigen Gemeinde wird unter Formen beobachtet, deren Wurzeln in der Vergangenheit ruhen. Sie lehnen jede Veränderung ab und müßten ihrer geistigen Einstellung gemäß vielmehr die Formen der vergangenen Baukunst als die der heutigen bevorzugen. Die heutige Bewegung in der Baukunst, ihr Streben nach Einfachheit und Sachlichkeit sind aus der Zeit ihrer materiellen Not und einer begreiflichen Abneigung gegen jede überflüssige Repräsentation erklärt. Ob nun aber eine solche Gesinnung ein Gotteshaus zu der ihm eigenen sakralen Wirkung verhelfen kann, ist einigermaßen zweifelhaft. Es ist überhaupt fraglich, ob unsere Zeit und unser Geschlecht gerade für die Schaffung von Gotteshäusern die notwendige Eignung besitzt. Jede Zeit hat ihre Baumeister für die großen und zeitgemäßen Aufgaben. Heute, im Zeitalter der Technik, des Sports und der großen sozialen Umwälzungen, sind es Fragen des Industriebaues, der Sportanlagen und des Wohnungsbaues, die uns beschäftigen. Das Mittelalter war die Zeit des Kirchenbaues, deren Zeugen bis heute noch unerreichte Vorbilder einer glanzvollen kunstgeschichtlichen Vergangenheit sind, an die man sich ohne Gewissensskrupeln halten darf, wenn man nichts besseres an ihre Stelle zu setzen vermag. Nicht in dem Sinne etwa, daß man nun orientalische Synagogen nach Europa verpflanzt oder daß man romanische 'oder gotische Vorbilder getreulich kopiert. Man würde dann, wie Gottfried Semper schon im Jahre 1845 über den Kirchenbau schrieb, „ein Plagiat an der Vergangenheit begehen und die Zukunft belügen. Man würde der Gegenwart die Existenz absprechen und sie der monumentalen Urkunden berauben". Aber der große räumliche Gedanke, der uns an den sakralen Bauwerken der Vergangenheit gefangen nimmt, die weihevolle Monumentalität dürfen wir übernehmen und sie in Einklang mit unserer Zeit und unseren Wünschen bringen. Von den eingereichten Entwürfen ist es nur der des Architekten Nachtlicht, der diesem Ziele nachkommt. Er überragt, wie das Preisgericht hervorhebt, vielleicht gerade deshalb, die anderen erheblich. In dieselbe Reihe darf auch der abgelehnte Entwurf mit dem Kennwort „Klagemauer" gestellt werden, dessen Verfasser mir nicht bekannt ist, der durch seine fromme, schlichte, bewußt unrepräsentative Auffassung der Einfachheit eines strenggläubigen Gottesdienstes den formalen architektonischen Ausdruck verleiht. Wenn man dagegen die übrigen vom Preisgericht ausgezeichneten Entwürfe sich ohne den Davidsstern vorzustellcn sucht, so würde man in arge Verlegenheit kommen, sollte man den Bestimmungszweck angeben. Der erste Preis ist eine Talent verratende Arbeit. Hinter einer Architektur von verblüffender Einfachheit birgt sich bedauerlicherweise grundrißlich und räumlich Unmögliches. Man betritt das Gotteshaus nicht etwa im Rücken der Andächtigen, sondern in andachtstörender Weise an beiden Seiten der Estrade. Der Gottesraum ist quer gelagert und hat vermutlich große akustische Gefahren. Man sieht beim Betreten nicht das Allerheiligste, sondern das Auge stößt sich an einer zu nahe herangerückten Emporenbrüstung und Querwand. Dann muß man unter den Blicken der aufgestörten Andächtigen seinen Platz suchen. Der 2. Preis besticht durch einen mühelos entwickelten Grundriß. Er ist symmetrisch und in der Funktion halbiert. Die Zugänge liegen an den beiden Längsseiten und werden durch Flure vermittelt, die dem Betraum unter der Empore jedes Tageslicht nehmen. Der Verfasser hat diesen Mangel erkannt und sucht ihm zu begegnen, indem er an der Stirnseite nach der Straße eine gewaltige Glaswand aufrichtet, die den Gotteshaus-Charakter vollkommen auslöscht. Das Fazit für die Jüdische Gemeinde ist: das eingesandte und vielfältige Material hat das Thema von allen Seiten beleuchtet, hat die Möglichkeiten uiü) die Wege gezeigt, au: der:en die Lösung zu suchen ist, und hat die Irrwege markiert. Elalberalmg in der berliner Wischen Gemeinde In der Berliner Repräsentanten-Versammlung wird gegenwärtig der Etat der Berliner Jüdischen Gemeinde beraten. In der Sitzung, die am vergangenen Donnerstag stattfand, berichtete der liberale Repräseniant Moritz Rosenthal für den Haushalt ausschuß und verglich in eingehenden. Darlegungen die Zahlen des jetzigen Etats mit denen früherer Jahre. Nach ihm entwickelte der Gemeindevorsitzende Kareski in einer wegen ihrer Sachlichkeit allseitig Anerkennung findenden Rede das gegenwärtige Programm der Gemeindearbeit. Eingangs betonte er, daß die Befriedung im Kampfe der jüdischen Gemeindeparteiei: die Vorstandsarbeit befruchtet hat. Es herrscht wieder allenthalben Vertrauen zur Solidarität der Gemeinde- Verhältnisse, wie ::. a. die neuen großzügigen Stiftungen beweisen. An positiven Leistungen sind zu buchen: Bau der beiden neuen Synagogen und des Altersheims, Uebernahme des Friedens- und des Grunewaldtempels sowie von Tempeln der Vorortgemeinden, Berufung bedeutender Rabbiner und Kantoren, Ausgestaltung des Gemeindeblattes, Schulhausneubau, Ausgestaltung der jüdischen Volksschule, der Bibliotheken und besonders der jetzt immer mehr bekannt werdenden Kunstsammlung, Gründung des statistischen Büros, Reorganisation des Kaschruth-Wesens, Errichtung des Beth- Tin, Um- und Ausgestaltung des Wohlfahrts- und Jugendamtes, Gründung eines Ledigenheimes, Uebernahme der Arbeiten und Ausgaben zahlreicher Privatorganisationen und günstige Grundstücks kaufe. Tie Röntgeneinrichtung im Krankenhaus entspricht jetzt dem neuesten Stande der Röntgenologie. Die Besoldungsverhältnisse der Gemeindeangestellten sind jetzt in zufriedenstellender, großzügiger Weise geregelt. Tie Gemeinde unterstützt die Jugendbewegung in ihren geistigen und sportlichen Bestrebungen. Sie ist die Hauptträgeriu der Landesverbands- und der kommenden Reichsvecbandsarbeit, und über Deutschlands Grenzen hinaus bekundet die Gemeinde bei jeder Gelegenheit ihre brüderliche Solidarität mit allen Judengemeinden und jüdischen Interessen in der Welt. Dabei wird sparsam gewirtschaftet und eine Erhöhung der Steuerquote (10 Prozent) wird nicht in Betracht gezogen. Motto der Gemeindearbeit ist: Sparsamkeit in der Verwaltung, Vermeidung unproduktiver Ausgaben, aber Einsetzung aller Kräfte für die Aufbauarbeit am Judentum! Zu lösen bleibt das schwere Problem der religiösen Indifferenz von etwa 50 Prozent der Berliner Inden, die Behebung der jüdischen Bildungsmängel der Jugend, die Errichtung eines Tuberkulosenheims, Schulbauten, Synagogenrenovierungen, Bau eines Gemeindehauses und eines zweiten Hospitals. Der Kreis der Mitarbeiter im Ehrendienst der Gemeinde muff wachsen. Das Ziel aller Arbeit bleibt: Tie Lösung der jüdischen Aufgaben unserer Generation! In der folgenden Generaldebatte wurden annähernd sämtliche jüdischen Probleme der Gegenwart berührt, ohne daß von einer Seite neue Gesichtspunkte geltend gemacht wurden.^ Tie Jüdische Volkspartei fordert die „Schaffung des jüdischen Milieu", deshalb ein Netz jüdischer Schulen, Gemeindehäuser als Zentrum jüdischen Lebens in dm verschiedener: Bezirken Berlins, ein jüdisches Entbindungsheim usw. Von liberaler Seite wird insbesondere der Forderung nach höheren jüdischen Schulen für Berlin widersprochen und betont, daß die zionistischen Forderungen geeignet sind, die Kluft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen zu vertiefen und besonders die Stellung jüdischer Schüler und jüdischer Lehrer an allgemeinen Schulen zu erschüttern. Tie Spezialdebatte zum Etat wird am Mittwoch dieser Woche stattfinden. Ter Etat für das Jahr 1928 sah eine Gesamtausgabe von 9,9 Millionen vor, tatsächlich ausgegeben wurden annähernd 10\ j Millionen. Der Etat der Berliner Jüdischen Gemeinde veranschlagt die Eeiamtausgabe für das Jahr 1929 aus über 11 Millionen, genau 11 026 432 RM. Von der etatmäßigen Mehrausgabe von ca. 1 117 000 RM. gegenüber dem Vorjahr entfallm 719 000 RM. auf Mehrausgaben für Gehälter und 398 000 RM. auf Steigerung sonstiger Ausgaben. Der Steuerbedars für 1929 beträgt etwa 6,6 Millionen. Ter Steuersatz soll unter allen Umständen mit 10 Prozent der Reichseinkommensteuer beibehalten werden, man hofft, bei dieser Quote die an Steuern erforderlichen Einnahmen von 6 589162 RM. hereinzubekommen; eine gewisse Skepsis, ob diese Voraussetzung des gesamten Etats zutreffen wird, ist allerdings geboten. Wie sich die Ausgaben auf die einzelnen Ressorts verteilen, zeigt folgende Tabelle: Veranschlagte Erforderlicher Ausgabe Steuerzuschuß Kultus. 3 198 287 1 200 537 Schulwesen .... 1394799 1037579 Wohlfahrt .... 3 264110 1 468 810 Allgemeine jüdische Angelegenheiten . . . 405000 405 000 Vermögensverwaltung . 967 531 680 531 Allgemeine Verwaltung . 1793 705_1796 705 11026 432 6 589 162