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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-06-12 · 24 (12.6.1929) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
24 (12.6.1929)
Date
1929-06-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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s. Jahrgang Nummer 24 IWchÄMikZülmg Beilage 12. Juni 1929 Weltlonserem jüdischer Frauen Wir veröffentlichen nachstehend einen Bericht von Frau Cohn-Dorn, Hannover, über die Hamburger Tagung jüdischer Frauen. Ueber die Berliner Tagung des Jüdischen Frauenbundes berichten wir in der nächsten Nummer. Die Red. Das historische Ereignis dieser Tagung gehört der Vergangenheit an. Am Donnerstag gab die Konferenz sterbend einem Kinde das Leben, das allen Krämpfen der Geburt und den nur zu vielfältigen und nicht selten entgegengesetzten Bemühungen IbetJ Helferinnen zum Trotz blühen, wachsen und gedeihen möge! Ter Weltbund jüdischer Frauen ist da! Wie notwendig es war, daß, er entstandbewiesen die Verhandlungen, die die schönen Begrüßungstrorte der Präsidentin Mrs. Nebekah'K ohut (New Aork), the language cs' her heart, that speaks to the heart" trahrmachten. Von der jüdischen Schwesterschaft hatte die wundervolle Frau gesprochen, von dem geheimnisvollen Bande geistiger Einheit zwischen Jude und Jude, aber auch zwischen Mensch und Mensch, welcher Rasse und Farbe, welchen Glaubens und welcher Nation er auch sei. Ihrem Glauben hatte sie begeisterten Ausdruck gegeben, ,daß die Zeit gekommen sei, da die Frauen der Welt ihre Männer lehren sollten, einander kennen und lieben zu lernen". Und in der Tat, mehr als die Bewunderung für die geleistete Arbeit aus allen Gebieten, wo die jüdische Not des Tages, die Sorge um die Zukunft der Juden und des Judentums Hilfe und fürsorgendc Tätigkeit erfordert, wo neue Wege gefunden oder geebnet werden müssen, mehr noch als Freude über den glänzenden Rahmen, den festliche Begrüßungsabende, ehrenvolle Empfänge, den Hamburgs großzügige, kultivierte und durchdachte Gastlichkeit der Tagung gaben, konnte ihr Verlauf "!Stolz und Befriedigung in dm Herzen aller Angehörigen unserer Gemeinschaft erwecken angesichts der einenden und alle Meinungsverschiedenheiten überwindenden Kraft der verantwortungsbewußten Hingabe an das allen gemeinsame Ziel. Diese Kraft ging von den großen Führerinnen aus und teilte sich allen Teilnehmerinnen mit. Der Geist wahrhaft mütterlicher Liebe, der Verpflichtung und der gegenseitigen Verantwortung zeigte seine sieghafte Kraft besonders in der Behandlung der Fragen, die im Grunde nur Bedeutung für ein bestimmtes Land, für einen begrenzten Kreis besahen. So sind die Nöte der Agunoth, der eheverlassmen, verwitweten oder nicht rechtsgültig geschiedenen Frauen, die mangels einer unanfechtbaren Todesbescheinigung des Mannes oder weil ihnen der „Get", der Scheidebrief vom Manne oder die „Chaliza" vom Schwager verweigert wird, nicht wieoer heiraten können, so sind die vielen traurigen Folgeerscheinungen veralteter rabbinischer Heirats- und Ehegefetze ein spezifisch ostjüdisches Problem. Und doch riefen die Ausführungen der Miß Lizzie Hands, Sekretärin des Council for the Amelioration of the Legal Position of the Jeweh eine allgemeine Erregung und den starken Willen, Wege der Hilfe zu finden, hervor. Tr. Ada R e i ch e n st e i n, Lemberg unterstrich und ergänzte den Bericht durch erfchütternde Tatsachen. Ihrer auf den Erklärungen der polnischen Rabbiner beruhenden Angabe, daß das Religionsgesetz es verbiete, auf das Zeugnis eines Andersgläubigen hin einen Mann für tot zu erklären, begegnete scharfer Widerspruch des Altonaer Oberrabbiners Tr. Carlebachl „das ist nicht tvafyv". Darauf Rabbiner Tr. Italiener „das ist doch wahr", eine Bestätigung, für die er später aus eigener Erfahrung den vollen Beweis brachte. Auf die ruhige und durchdachte Erklärung von Rechtsanwalt Tr. Marg. Berent, man müsse hauptsächlich Mängel der Ausführung und falsche Anwendung der Vorschriften bekämpfen, mühte ihre Auslegung den Forderungen unserer Zeit anpassen, eine Sache, die in Ruhe und vor wirklichen Kennern der Materie besprochen werdm müsse, beschloß man, diese Diskussion abzubrechen und am Nachmittag in kleinem Kreise zu beraten. Tie hier gefaßte Resolution forderte eine allgemeine Versammlung orthodoxer Rabbiner, welche sich mit den Problemen der rechtlichen Stellung der Jüdinnen (Ehe- und Scheidungsgesetze) zu beschäftigen hätten, in Uebereinstimniung mit den Prinzipien des traditionellen Judentums. Das im Gegensatz zu diesen leichten für alle Kreise des Judentums besonders wichtige Problem der Erziehung behandelte Frau S. Wronjky in Verbindung mit bevölkerungspolitischen Fragm. Ta die Voraussetzung jeder Erziehung Erkenntnis der Entwicklungsgefche und der Umwelt der zu Erziehenden sei, so bedingt ihre Reform Umgestaltung der Lebensbedingungen und Lebensformen. Diejenigen, unter denen die jüdische Jugend heranwächst, sind durch die wirtschaftlichen und politischen Vechältnifse besonders ungünstige geworden. Sie verursachen eine übermäßige Abnutzung der Fähigkeiten, eine Verkümmerung der Lebenskräfte, eine Schwächung des Zeugungs- und Lebenswillens und eine Disharmonie der Lebensführung. Tie Ergebnisse zeigen sich 'in einem besonders großen Geburtenrückgang und in einer physischen und psychischen Gefährdung der Konstitution, die sich in einer erschreckenden Zunahme der Selbstmorde unter den Inden äußert. Um diese ungünstigen Lebensbedingungen für die jüdische Jugend zu bessern, müssen wir jüdischen Fraum als geschlossene Einheit für Mutterschutz, Jugendwohlfahrt, Wohnungsteform, politisch durch Einwirkung beim Völkerbund, für Minderheitenrechte und Stärkung der Volksgemeinschaft eintreten. In individueller Hinsicht sollen wir unter Verwertung der modernen psychologischen Erkenntnisse zu einer Stärkung der Lebensenergien der Jugendlichen beitragen. Solche Einwirkung scht einen Ausgleich der Generationen voraus. Tie vollständig uw gew andelte Alterschichtürig durch den Rückgang der Geburtenziffern und die verminderte Sterblichkeit höbe zu einer allgemeinen Ueberalterung geführt. Auch die erhebliche Zunahme des Frauenüberschusses wirke Ms die Einstellung der männlichen zur weiblichen jüdischen Jugend ein, die sich zum großen Teil von Eheglück und Mutterschaft ausgeschlossen sieht. Tie Mische Frühehe mit Kindersegen kämpft gegen die Kaweraofchaftsehe ohne Kinder. DaS Zusammenwirken der jüdischen Frauen aller Länder unter Mitwirkung der Jugend allein kann diesen Spannungen Lösung bringen. Turch die Betrachtung der Juden als Volkseinheit und Auswirkung dieser Idee auf die politischen Forderungen erhielt das ausgezeichnete Referat einen ausgesprochenen Parteicharakter, der seiner autoritativen Wirkung abträglich war. In der Diskussion setzte sich denn auch der Gründer und Leiter der Beth- Jacob-Bewegung, Tr. Teutschlaender und Frau Oberrabbiner Tr Schweiger, Tschechoslowakei für die orthodoxe jüdische Mädchenerziehung, Frau Tr. Hossmann, Wien für obligatorischen Unterricht in der hebräischen Sprache als Mittel zur Stärkung der Kontinuität und Solidaritiqt des Judentums ein. Mrs. Sternberger sprach über die Hillel-Bewegung zur religiösen Erziehung der amerikanischen Studenten und Schüler. Als Beweis wie nötig diese Stiftung der Bnei Brith-Logen sei, erzählte sie, daß ein Mädchen einen Tefillim legenden alten Mann seinen eigenen Blutdruck nehmen zu sehen glaubte. Paula Ollendorff entgegnete, wir könnten den Weg der Welt nicht aufhalten, aber wir könnten diesen Weg der Entwicklung gestalten nach unseren Idealen, den ewigen Idealen des Judentums. Mrs. Lindyeim forderte die Erziehung der Erzieher, besonders der Eltern, um den Kindern selbst die religiöse Unterweisung geben zu können, die in den Sonntagsschulen in absolut äußerlicher und ungenügender Weise erteilt werde. Einen wundervollen Weg der Erlösung aus den am Morgen aufgezeigten Jugendnöten zeigte am Nachmittag. Mrs. Basil Q. Henriques mit dem Bericht über das von ihr und ihrem Gatten geleitete Jewish Settlement im Londoner Arbeiterviertel. Nur dadurch, daß er ihr Leben teilt, unter ihnen wohnt und jederzeit für ihre Sorgen und Nöte Verständnis, Rat und, wenn irgend möglich, Hilfe hat, gewinnt der soziale Arbeiter das Vertrauen und die Sympathie der Slumsbewoyner. Nur, wenn er mit ihnen ihr Brot in Tränen ißt, kann er diesen Aermsten der Armen das Verständnis für eine höhere Lebensweise beibringen, das ärgste Uebel ausrotten. Und dann berichtete Rosie Henriques Einzelheiten aus dieser segenbringenden Aufbauarbeit, die ste au, allgemeinen Wunsch in einer Sonderberatung über dies aus dem Prinzip der Verantwortung und der gegenseitigen Hilfe, des „Service", aufgebauten Erziehungs- und Bildungswerk ergänzte. Tie ganze Nachbarschaft wird betreut. Säuglings-, Kranken- und Schulkinderpflege, sowie Berufsberatung sind konfessionslos, d. h. die religiöse Einstellung bleibt dem Einzelnen überlassen, während die Clubarbeiten auf religiöser Basis stehen muß. Die Clubs der verschiedenen Konfessionen verkehren freundschaftlich! untereinander. In der Aussprache wandte sich Frau Fritz Marburg „ketzerisch" aus den Erfahrungen ihrer sozialen Kindergärtnerinnenarbeit heraus gegen die Einkapselung in konfessionellen Kindergärten und trat für die soziale und finanzielle Besserstellung der Sozialarbeiter ein. Tann berichtete Hanna Helene Thon von dem eigengearteten palästinensischen Versuch einer Settlementsbewegung und von der Wiederbelebung einer bodenständigen jüdischen Volkskunst, die den Frauen Befriedigung und Verdienst gäbe. Frau Tr. Rapperport--Oesterreich bat eindringlich Jugendorganisationen zu schützen, auf die heute die jüdischerzieherische Aufgabe der Familie und der Religion zu einem großen Teil übergegangen sei. Nicht hebräischen Kurse allein, sondern von innen heraus organisches Werden der jüdischen Gemeinschaft! — Nach einer ebenso angenehmen wie erhebenden Unterbrechung durch einen feierlichen Empfang durch den Senat im Hamburger Rathause, bei dem Bürgermeister Tr. P e t e r s e n mit den Senatoren Cohn und Mendel und dem Präsidenten der Bürgerschaft Leuteritz die Gäste empfingen — auf eine warmempfundene Rede des Bürgermeisters der Freien und Hansestadt antwortete Mrs. Kohut mit herrlichen Worten über den Begriff der wahren Freiheit, den Mose zuerst der Welt gegeben — und einem äußerst anregenden, durch künstlerische und rednerische Darbietungen belebten Festabend, den die Gemeinde im Hotel Esplanade veranstaltete, begannen am Mittwoch die Verhandlungen über soziale und Gemeindefragen. Unsere Paula Ollendorff fand wieder wundervolle Worte, um ihren zusammenfassenden Bericht über die soziale Frauenarbeit in dm verschiedenen Ländern unter den großen Gedanken der sozialen menschlichen Verpflichtung zu stellen. In diesem Sinne gelte es zu wirken anstatt im alten Geiste „Wohltätigkeit "zu üben. Ter Wunsch und Wille der Jugmd, an der sozialen Weltarbeit der jüdischen Frauen mitzuarbeiten, müßte unbedingt Berücksichtigung finden. Möglichkeiten der Selbsthilfe gelte es zu schaffm, damit das Gespenst der Wohltätigkeit nicht zurückkehrte. Demnach müßte gesorgt werden für menschenwürdige Wohnungen, da die Wohnungsnot Wurzel körperlichen, seelischen und sittlichen Elends sei, für die h aus Wirt sch a ftlich e Ausbildung der Mädchen vor dem Eintritt ins Berufsleben, bessere Berufsschulung und Erholungssürsorge auch für die Gesunden und Erwachsenen, damit in einer schöpferischen Pause neue Kraft zur Arbeit gewonnen werde, damit die gereizte Spannüng zwischen den Generationm besserem Verstehen weiche. Tann werde es wieder ein Familienleben geben, dann werde Freude anstelle des Vergnügens treten. Von der sozialen Arbeit der verschiedenen Länder entwarf Frau Ollendorff eine großzügige Zeichnung. In Amerika sorgen die Temple-Sisterhoods, die Gemeinschaft der weiblichen Gemeindemitglieder dafür, daß kein erreichbares jüdisches Kind ohne Religionsunterricht aufwachse. Ter N a - t i o n a I Council of Jewish Women, die große allgemeine Frauenvereinigung arbeite glänzend nach jeder Richtung, besonders durch Errichtung von Jugendheimen und Jugendsiedlungen. Auch in Europa habe er seine Niederlagen, um die Auswandererberatung zu unterstützen. Für den Kontinent am wichtigsten seim die „Cmtres" und „Settlements", die nach amerikanischem Muster auch in England entstanden und starke Wasten gegen die Mischehe darstellen. Tie Unions of Jewish Women verschaffen den Waisenhäusern Bibliotheken. Holland organisiert Clubs für berufstätige jüdische Mädchen, die auch für die christliche Arbeit gewonnen sind. Frankreich erleichterte das Studium von Kunst und Wissenschaft und unterstützte die Witwen von Künstlern. Tie Schweiz ist das Land der Gesundheits- und Erholungsfürsorge. Teutschland pflegt u. a. die Krankenhausfürsorge, das neue Gebiet der sozialen Gerichts Hilfe und die Gesährdetenfürforge. Ter Jüdische Frauenbund geht immer wieder zurück auf die ursprünglichen Ideen seiner Gründerin Bertha Pappenyeim. Ihr Kampf gegen den Mädchenhandel, der „keine jüdische Frage sei, aber auch eine jüdische Frage werde, wenn nur ein einziges jüdisches Mädchen dadurch in Schande und Not gerät," wird auch in Wien weitergesührt, wo Anitta Müller-Cohen die große Idee der sozialen Kinderhilfe durch des „Zentrum" und das „Elisabeth-Haus" tatkräftig vertritt. Hier, wo jetzt ein Zentrum ostjüdischer Not entstanden ist, wird mit der Waffe der Aufllärung gegen Unwissenheit und Not gekämpft. Im Namen der israelitischen Frauenvereine der Schweiz klagte Frau Guggenheim über die schweren Lasten, die ihnen durch unbemittelte und zu gering von ihren Heimatländern unterstützte Tuberkulosekranke erwüchsen, Mrs. Eichholz berichtete von der Gleichberechtigung der englischen Jüdin im religiösen Leben, von Berufsberatung und -ausbildung. Frau Tr. Klaften meint, daß sie in Polen viel arbeiteten, und wenig darüber schrieben. In den letzten 10 Jahren habe der Centratverband 29 Waisenhäuser errichtet, der Verband für Fachbildung bilde 1700 jüdische Kinder in Handwerk und Landwirtschaft aus. Frau Rosenblüth, Palästina sprach von den Schwierigkeiten, die sich der sozialen Arbeit in der Gewöhnung an milde Gaben entgegenstellten. Ter „neue Jischuwl" wolle mit dieser Verantwortungslosigkeit aufhören (Die Botschaft hört ich wohl...). Daraus richtete Frau Life Leibholz die Aufmerksamkeit auf die fruchtbringende Arbeit des „Ort", der sich die Lösung der sozialen Not der Juden in ihren Heimatländern zur Aufgabe stellt und ihre Berussumschichtung im Sinne einer Produktivierung unterstützt. Am ersten Nachmittag der Tagung hatte in einem kurzen, aber sehr aufschlußreichen Referat Frau Tr. Welt- Strauß, Jerusalem, einen Querschnitt durch die politische und legale Stellung der Frau in Palästina gegeben und bewiesen, wie wenig das Stimmrecht mit der legalen Gleichberechtigung zu tun hat. Sie wies auf die vielen Mißstände in Palästina hin, (Kinderehen, Verheiratung kleiner Mädchen an Greise usw.), die zu beseitigen sich alle Frauen vereinigen müßien. Tiefe Zustände erfahren dadurch eine Erschwerung, daß die executive Gewalt bei den konfessionellen Gerichthösen liegt. Nach jüdischem Recht ttrnn die Frau weder Vormund ihrer vaterlosen Kinder sein, noch darf sie ihren Mann beerben, auch steht ihr kein Recht an dem Ertrag ihrer eigenen Arbeit zu. Vergeblich hatte Frau Müller-Cohen versucht, den großen Eindruck dieser Mitteilungen dadurch abzuschwächen, daß sie sagte, in Palästina fände jeder das Klima und die Zeit, die er sucht, auch im Westen wäre die Entwicklung nicht überall gleich weit vorgeschritten. Tie Wahrheit schien recht unbequem. Wir berichten über dieses Thema an dieser Stelle, weil der nun folgende Vortrag von Ottilie Schönewald, Bochum über die Gleichberechtigung und Mitarbeit der Grau in der jüdischen Gemeinde in diesem Zusammenhänge von besonderem Interesse ist. Nach einem historischen Rückblick auf die Frauen der Bibel, die wohl die Forderungen ihrer Zeit erfüllt hätten, deren Leben aber kein Gradmesser sei für die Forderungen, die nufere Zeit an dre Frau stellt, wies die ausgezeichnete Rednerin nach, daß der Widerstand von Gewohnheit und Ueberlieferung einer richtigen Erfassung und Turchführung dieser neuen Lebensaufgaben entgegenstehe. Sie brachte rabbinische Gutachten bei, die die Stellung der verschiedenen religiösen Richtungen zum Frauenstimmrecht in der Gemeinde spiegelten. Bon strikter Ablehnung über das nur aktive Wahlrecht oder das in nur privaten Gemeinden bis zur völligen Gleichberechtigung zeigten sie, daß von einer einheitlichen Auffassung keine Rede sein kann. Eins aber fet klar, daß in der Thora sich nirgends ein Verbot fände, daß dieses nur aus der Ausdeutung anderer Bestimmungen abgeleitet sei. Und überall trete uns der rein männliche Standpunkt entgegen. Ten „Zaun um das Gesetz" sollten die Fraum zu einer Mühenden, lebendigm Hecke umgestalten. Ihre gleichberechtigte Mitarbeit in der Gemeinde, die leider bis auf Amerika und England meist nur Utopie sei — die beigebrachtm Angaben und Zahlen bewiesm dies, — habe zum Ziel dm Ausgleich der Gegensätze in religiösm und politischm Anschauungen, die Höherentwicklung, die Erhaltung des Judentums in seiner ursprünglichen Kraft und Reinheit. „Ter Mann ist nichts ohne das Weib, das Weib nicht ohne den Mann und beide nichts ohne Gottes Herrlichkeit!" Oberrabbiner Tr. Earlebach versuchte vergebens, seine orthodoxe Auffassung „gegen eine Welt von Feindinnen" durchzusetzen. Es sei ein besonderer Gottesdienst für Frauen, bei dem sie alle Funktionen übernähmen, möglich. Aber beim gemeinsamen Gottesdienst gehe der höher verpflichtete Mann vor. Wenn das Stimmrecht eingeführt werde, müsse er seiner Frau ein halbes Jahr Urlaub geben, da es sich nicht mit den Pflichten der jüdischen Frau und Mutter vereinigen lasse. Seine Forderung nach „Mehr Gerechtigkeit!" löste ironischen Beifall aus. Tie Beispiele aus dem praktischen Lebm, die der liberale Rabbiner und Jugenderzieher Tr. Italiener für die Richtigkeit des von der Referentin Gesagten ansührte, stützte dagegen den von der überwiegenden Mehrheit vertretenen fortschrittlichen und friedlichen Standpunkt „Es geht nicht an, daß der Buchstabe triumphiert über den Geist". Im Kampf um das FrauenWahlrecht müßten Männer und Frauen Bundesgenossen sein. Ter Bortrag der Führerin der amerikanischen Berufsberatung (vocational guidance), Mrs. Ines C. Pollak behandelte in sachlichen und auf ein reiches Material gestützten Ausführungen die Vorurteile, gegen die die junge Jüdin im Berus zu kämpfen hat- und gab deren teilweise Berechtigung unumwunden zu. Eine völlige fo^iale und erzieherische Umstellung tue not, um diese Mißstände, die auf psychologischen und Umweltsverhältnissen beruhen, zu beseitigen. Ter jüdischen Berufsveraterin biete sich, eirw dankbare Aufgabe, da man ihr auch in der Familie des Schützling Vertrauen und ihrm Gründen und Vorschlägen Gehör scheu-

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