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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-06-12 · 24 (12.6.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
24 (12.6.1929)
Date
1929-06-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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schützend über die vom Schicksal Benachteiligten hält, darum fährt David fort: „Tie Worte des Ewigen, sind lautere Worte, ...siebenfach sind sie geläutert." Nein, Haß und Abneigung gegen die Religion, Feindseligkeit und Erbitterung gegen sie haben im Judentum wahrlich keinen Platz und keine Berechtigung. Freilich darf es keineswegs sein Bewenden dabei haben, daß wir die Religion nicht hassen. So ungerecht es wäre, sie zu hassen, so unangebracht wäre es auchihr auch nur mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Wenn uns die Religion den Weg weisen will zu deu Höhen der Menschheit — und das ist doch ihr Zweck —, dann darf es ihr gegenüber nur ein Gefütp geben: das Gefühl unbegrenzter Siebe. Nicht vergeblich wollen wir auch in diesem Jahr wieder am Fest der Offenbarung die Grundlage unseres Judentums vernehmen, die sinaitischen zehn Worte des Bundes. Sie mögen es uns von neuem zum Bewußtsein bringen, daß unsere Thora, daß unser Judentum, wie David cs ausgesprochen hat, die Seelen erquickt, die Unwissenden belehrt, die Herzen erfreut, die Augen erleuchtet. Der Tag des Buches Von I. W o l f s s o h n, Breslau. I. Unter dieser Bezeichnung hat vor weniger Zeit eine Veranstaltung stattgesunden, die die Erweckung oder richtiger gesagt die Wiedererweckung eines größeren Interesses für das gute deutsche Buch bezweckte. — Das religiiöse Judentum feiert jedes Jahr einen „Tag des Buches", denn auch so kann man das Schebuothfest bezeichnen, weil man vor Jahrtausenden schon dem ursprünglichen Fest der Weizenernte ru Kanaan das Offenbarnngsfest der Bibel, des Buches der Bücher, unterlegt hat. — Aber (so könnte man fragen wird nun bei den Juden durch diesen, ihren „Tag des Buches" ein so wesentlich lebendigeres und wärmeres Interesse für die Bibel erweckt? Wird dieser „Tag des Buches" vom Judentum so gefeiert, daß er sich gerade in dieser Hinsicht abhebt von den anderen Festen? Auch von „Simchat Thorah"? Von jedem Sabbath, von jedem Montag und Donnerstag, an denen doch ein Stück aus der Thora verlesen wird, an denen die Gemeinde aus dem Murrde der zur Thora Aufgerusenen drc Segenssprüche verniimmt? Und schlieUich ist nicht für den orthodoxen Juden jeder Morgen, an dem er seine Frühandacht verrichtet und den 8. und 9. Vers des „jigdal elohim" sagt, eine Erinnerung an das Buch der Lehre? Man muß doch wohl am Ofsenbarungsfeste noch andere Gesichtspunkte hervorheben, wenn man die Erinnerung an das Gewichtige gerade dieses Tages so recht herausheben will. Dieser Forderung wird auch Rechnung getragen durch den Thoraabschnitt des ersten Schebuothtages und in liberalen Gottesdiensten durch die Einfügung textlich passender deutscher Gemeindelieder. Vor allem aber entspricht meist der Inhalt der Festpredigten dem Sonderzweck dieser Tage.. In diesen Predigten hören wir nun sehr oft den Midrasch zitiieren, nach welchem am Osfenbarungsfest' jede Generation vor dem Sinai steht, wert an diesem Tage jeder Jude gewissenmaßen dieses Jahrtausende alte Ereignis von neuem durchlebt. Alle Kanzelredner aller Richtungen des Judentums haben wohl einmal dieses Midrasch Erwähnung getan. Tie Orthodoxest der alten und der neueren Riichtung, die Liberalen jeder Schattierung; ja, ein junger Rabbinatskan- Ldidat glaubte einmal in einer gemeindepolitischen Versammlung diesen schönen alten Satz jüdischer Weisheit bei der Diskussion für seine zionistische Anschauung ins Tressen führen zu können. Und doch, wie verschieden müssen die Auffassungen über deu Sinn dieses Midrasch sein! Ter Orthodoxe wird die Art der Offenbarung wörtlich aufgefaßt wissen und jedes Gebot in seiner ursprünglichen Fassung gehalten haben wollen. Ter Zionist dieses übersinnlich geschilderte Ereignis auch heute noch vor allem als rein nationales erlebt haben wollen; für ihn kann und darf auch heute noch der Ewige sich nur „seine m" Volke offenbaren. Ganz andersartig muß die liberale Auffassung sein. Auch wir, die religiös Liberalen werden voll und ganz unter den, Eindruck der Schilderung stehen, wie sie im 2. B. Mose Cap. 19—21 gegeben ist. Aber wir werden in dem gewaltigen Drama, dessen Schauplatz der Sinai ist, das Wunder nicht nur in dem majestätischen Naturereignis erblicken, das sich nach der Bibel als Begleitung der Offenbarung dort abspielte. Uns wirb als wunderbar erscheinen, daß ein von göttlichem Geiste erfüllter Mensch schon vor Jahrtausenden die Grundsteine legte, auf denen auch heute noch die ethischen Gesetze der Kulturwelt aufgebaut sind. So fest und so stark, daß sie bisher allen Stürmen widerstanden. So immer wieder aufs neue bewährt, daß der Teil der Menschheit, der diese Grundfesten verworfen, doch wieder zu ihnen zurückkehren wird. Diese Bedeutung muß für uns das Ereignis der Offenbarung haben, gleichviel ob wir Zeit und Stunde, auf die cs die Bibel verlegt, nun als vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesichert ober als zweifelhaft anseyen. Gerade an diesem Tage muß hinter der Ethik aller andere Inhalt der Bibel für uns zurücktreten; alle Gesetze und Vorschriften, alle sonstigen Legenden und schönen Erzählungen. Mit Recht wird an diesem Tage von der Kanzel häufig daraus hingewiesen, daß für i h n nicht wie für andere Feste besondere RitualbEimmungen für Essen und Trinken und besondere Bräuche festgesetzt sind. Dieser Feiertag wirkt durch sich selbst, wenn man ihn nur recht versteht; er ist der Geburtstag der Ethik des Menschengeschlechtes. Wir Juden können ihn feiern als den „T a g des Buches der Büche r". Und wenn wir ihn als solchen immer wieder eieben wird unser Interesse für die Bibel immer reger und stärker werden. II. Doch es gibt im Leben des religiös empfindenden Juden (allerdings nur einmal im Leben jedes einzelnen) noch einen anderen Tag, den man als „Tag des Buches" bezeichnen darf. Es ist dies der Tag der Barmizwah. Zürn ersten Mal wird der dreizehnjährige Knabe als vollberechtigtes und vollverpflichtetes Mitglied der jüdischen Religionsgemeinschaft an das Buch der Bücher gerufen, zum ersten Male darf er den Segensspruch über die ans eine Pergamentrolle geschriebene Thora sprechen. Das ist doch wahrlich ein „Tag des Buch es", wie man ihn sich nicht feierlicher denken könnte. Wir müssen uns fragen: ist sich das;unge Menschenkind der Gewichtigkeit dieser Stunde bewußt? Geschieht genug dazu, daß er sich der ernsten Feierlichkeit dieses Augenblicks bewußt werden kann. Man wird uns Liberalen Vorhalten, daß gerade wir nicht genug dazu täten. Gewiß, wir begnügen uns meist damit, daß der Barmizwah die Broche aufsagt, und daß er nach der Einsegnungsrede des Rabbiners mit lauter Stimme des „schemah jisroel" spricht Sicher ist es oft eine Freude, in orthodoxen Gottesdiensten zu hören, wie da von Heller Knabenstimme ein Stück des Thoraabschnitts mit dem richtigen „Trop" geleient und Mastir mit dem altehrwürdigen Nigon gesagt wird. Sehr oft lassen liberale Mitglieder der Berliner Gemeinde ihre Söhne in kleineren orthodoxen Tempeln einsegnen, tveil sie das sichere, unbefangene Auftreten ihres Sprößlings mit Stolz erfüllt. Aber man frage solche Knaben einmal, ob sie auch nur eine Ahrrung von dem deutschen Text haben. Ter orthodoxe Lehrer meint zu diesem Punkte, das wäre auch gar nicht nötig und solle auch gar nicht sein. Und bei vielen Wochenabschnitten ist das auch berechtigt, denn für ihren Inhalt hat unsere Zeit überhaupt kein Verständnis mehr, kann auch keines haben, und ein dreizehnjähriger Knabe würde bei vielem gar nicht wissen, um was es sich da handele. Schon deshalb müßte mancher Wochenabschnitt völlig aus dem Turnus gestrichen werden. Wenn nun der Rabbiner in seiner Rede nicht einen besonderen Hinweis auf den Abschnitt des Barmizwah-Sabbaths machen kann, geht von der Sonderwirkung des Tages für den Knaben etwas sehr wertvolles verloren. Nein, die Hauptsache liegt in dem vorbereitenden Konfirmandenunterricht. In diesem muh schon dem noch kindlichen Gemüt klar gemacht werden, wus das wichtigste vom Inhalt der Bibel, was das Ethische in diesem Buche ist. Tann wird auch der Abschluß dieser Seelen und Glaubensvorbereitung, dann wird der Sabbath der Barmizwah eine wirkliche Glaubensweihe werden. — Noch in anderer Beziehung ist die Barmizwah ein Tag des Buches. Allerdings kommt diese nur noch für das orthodoxe Judentum in Betracht. An diesem Tage wird der Knabe retigiös volljährig d. h. sein Vater hat in religionsgesetzlicher Hinsicht nun nicht mehr die Verantwortung für ihn und soll sogar deshalb einen besonderen Segensspruch sprechen. Ter Barnsizwah erhält also gewissermaßen ein eigenes religionsgesetzliches Schuldbuch. Das muß in dem jungen Gemüt die Auffassung Hervorrusen und bestärken, die allerwichtigste Pflicht für den Juden sei die peinlich genaue Ausübung der Gesetzesvorschriften und Rituatgebote. Wir wollen und dürfen vom liberalen Standpunkt aus nicht beklagen, daß sich in unseren Kreisen diese Auffassung gewandelt hat. Tie Wertschätzung des ethischen Inhaltes der Bibel bei der Jugend kann durch das Znrücktreten der ausgesprochen rituellen Vorschriften nur gesteigert werden. Natürlich bedeutet dies nicht, daß jebe besonders jüdische Form und Zeremonie beseitigt werden soll. — Und noch ein drittes gibt es, weshalb der Tag der jüdischen Glaubensweihe ein „Tag des Buches" genannt werden darf. Man sehe sich den Gabentisch der Konfirmanden an: diese Fülle von allem, was Literatur heißt. Allerdings leider nur selten Bücher, die jüdische Dinge behandeln, die sofort oder später bei dem jungen Menschen das Interesse für sein Judentum wecken oder stärken können. In dieser Beziehung haben wir alle gesündigt und sündigen noch immer. Verwandte und Freunde der Familie, in der eine Barmizwah stattfindet, sollten vorher miteinander beraten, was sie dem Konfirmanden spenden wollen. Gewiß müssen Klassiker und Bücher, die Lieblingssächer des Knaben behandeln, vorhanden sein. Aber eine gute Geschichte des Judentums usw. darf nicht fehlen. Und wann wird die wirklich gute deutsche Bibelübersetzung kommen, die geeignet ist, bei der reiferen Jugend wirklich warmes Interesse für das Judentum zu wecken? Wenn sich das deutsche Judentum mit diesen Fragen wahrhaft ernst beschäftigt, dann wird der Barmizwah als Erwachsener jedes Jahr das Schebuothfest wirklich nnd wahrhaft feiern können als „Tag des Buches!" Zehn Jahre Akademie für die Wissenschaft des Judentums Am Sonntag, den 2. Juni, fand im Logenhaus zu Berlin die stark besuchte 10. Jahresversammlung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums statt. An Stelle des unpäßlichen ersten Vorsitzenden Herne Aron Hirsch eröffnete der zweite Vorsitzende Herr Oskar Wassermann die Versammlung. Er begrüßte die Erschienenen, insbesondere die auswärtigen Mitglieder, die Vertreter der Organisationen und der allgemeinen und jüdischen Presse. Nach kurzen Worten des Gedenkens für den im Berichtsjahre Heimgegangenen Gründer der Akademie Dr. Gustav Bradt machte er Mitteilung von der Zuwahl des Herrn Professor Dr. Carl Lewin zum ersten Schriftführer des Verwaltungsvorstandes. Hierauf erstattete Herr Professor Dr. Julius Guttmann den Bericht des Forschungs-Instituts. — Ein Jahrzehnt ist kein Zcitablauf im Leben einer wissenschaftlichen Institution, der zum Feiern berechtigte. Indes, die junge Schöpfung von vor zehn Jahren ist zu der angesehenen heutigen Akademie geworden. Früher mußte die jüdische Wissenschaft um die Oefsentlichkeit werben; vor zehn Jahren zum ersten Male rief das deutsche Judentum nach ihr. Der Akademie wurde das Ziel gesetzt, die jüdische Wissenschaft und zugleich den jüdischen Gelehrtenstand zu verjüngen. Bis dahin waren die Auf Bergen Von Rabbiner Tr. G o t t sch a l k, Frankfurt a. M. Zum Wochenfest. „Ich nahe mich dir, ernster, heiliger Schalle! Einer der ältesten Gesetzgeber und Wohltäter des menschlichen Geschlechts! Tein Antlitz glänze nicht zu sehr, daß ich deine Züge erkenne und sie meinem Freunde mit Licht und Wahrheit, die du dem Fürsten deines Volkes als Heiligtum aus die Brust legtest, zeige!" Do eröffnet Herder seine Betrachtungen über Mose, und so sind wir jedesmal von neuem ergriffen, wenn uns das Wochenseft immer wieder an den „ernsten, heiligen Schatten" gemahnt. An ihn, der nach dem Urteil Heines ein „Künstler mit Künstlergeist war, aber auf das Kolossale gerichtet. Er baute Menschenpyramiden, er meißelte Menschenobelisken, er schuf ein großes, ewiges, heiliges Volk, das der ganzen Menschheit als Vorbild dienen konnte." Muß es so nicht auch Michelangelo empfunden haben, als er jene Mosefigur meißelte, die in jedem Zug das Gewaltige, das Uebermenschliche dieses Mannes ausprägte. Aber woher kam denn dieses Kolossale und Heilige? Nur daher, daß Mose dauernd -- aus Bergen lebte, dauernd, nicht bloß einmal bei der Gesetzgebung und während der „40 Tage", dauernd, symbolisch also gemeint. Auf Bergen — in seinen Gedanken und Plänen, in seinem Wollen und seiner Gesinnung. Wohl hatte er Vater, Mutter, Geschwister, hatte Weib und Kind, wohl war er der Führer von 600000 und lebte mit allen, aber fein eigentliches Leben war ein Leben auf Bergen, von denen aus er alles unter sich sah. Und wollte alle aus Berge führen. Er verließ ja Vater und Mutter und Weib und Kinder, einzig, um auf Bergen leben zu können. Undank erlitt er, Verzweiflung packte ihn, Verleumdung heftet? sich an ihn — doch nichts davon konnte ihn wirklich erschüttern. „Aus den Bergen ist Freiheit, der Hauch der Grüfte steigt nicht hinaus' in die reinen Lüfte."' Ja wer wie Moje aus Bergen lebt, er friert zuweilen, doch die Luft ist so rein, er schluchzt wohl oft und ist doch so glüMch, er muß kämpfen und kämpfen, um ausharren zu können, aber er gibt seinen Platz nicht auf. Er fühlt sich so hoch, so hoch über allen, hoch über ihrer irdischen Kleinheit, hoch über ihrem irdischen Tun. Was fragt er dort oben nach ihrem Urteil, niemals können sie ihn auf den Bergen erreichen. Nur anschau m können sie ihn vielleicht. Zweimal bestätigt uns das die Bibel. Als Mose hoch oben vom Berge herab das heilige Zehnwort verkündete, stand das Volk demütig am Fuße des Berges. Und als Mose 40 Tage aus dem Berge gewesen war und dann zum Volke zurückkehrte, da strahlte sein Antlitzdas Volk aber fürchtete sich. „Wie kann der Irdische begreifen der Sonne weltentrückte Bahn, in Himmelsräumen will sie schweifen, will andere Sonnen nur umsahn.7 Und ein tiefer Sinn liegt darum in der Erzählung, daß Mose durch 40 Tage hindurch nicht Speise noch Trank genossen hat. Die Menschen der Berge, sie brauchen das, sic brauchen von Zeit zu Zeit diese Abkehr von der Erde, diese Einkehr nur bei sich selbst, diese Zwiesprache mit ihrem Gott. Und dann kommen sie nicht geschwächt zurück, nein ein „Glanz" strahlt von ihrem Antlitz aus, und der Mensch der Erde, fühlt es so deutlich. Daß trotzdem ein solches Leben auf Bergen nicht zum Stolz verführt und zur eisigen Kälte, wer zeigt uns das besser als wieder Moje? Dieser bescheidenste „aller Menschen", er, der für sirn Volk sterben wollte, für dieses Volk, das ihn nie verstand, dieses Volk, das ihm das Leben vergällte. Als er merkt, daß sie seinen „Glanz" nicht ertragen konnten, zog er „eine Decke über sein Antlitz. Wundervoll wird es hier angedeutet: nur seine Gedanken weilten auf Bergen, sein Herz aber zog ihn zur Erde hin, sein Geist entführte ihn hoch in den Himmel, seine Liebe hielt ihn hier unten fest; Wie Gott „hoch und erhaben thront" und doch sich auch zu den „Gebeugten" neigt. Das ist kein Gegensatz, nein es gehört zusammen; wer selber immer auf Bergen lebt, in seinen Gedanken und seinen Gefühlen, vor allem aber rn seinem Glück, der möchte dem Allerärmsten noch ein Plätzchen aus seinem Berge gönnen. Er weiß ja nicht, der Empfangende, und braucht es nicht zu wissen, wie der Spender trotz allem - einsam bleibt. Tenn einsam leben, das ist das tragisch-schöne Vorrecht der Menschen der Berge. Und man könnte das die Moseeinsamkeit nennen. Sie ist schwer, aber berauschend für den, der sie trägt, denn es ist die Gotteseinsamkeit, die ihn trägt, jene, von der die „Väter" behaupten: „Tie Herrlichkeit Gottes weilt selbst schon bei einem Menschen. Tenn von ihm gilt jenes Bibelwort' Ueberäll, wo man meinen Namen erwähnt, komme ich zu dir (dem Einzelnen also schon, dem Einsamen) und segne dich." Von ihr aber gilt auch das Wort Jeremias': „Gut ist es für den Menschen, wenn er einsam leben kann, weil E r es ihm auferlegt hat." Es ist die Einsamkeit endlichin der das Wort unseres Dichters klingt: ,Mas ich gewonnen, gräbt man mit mir ein, keiner kann keinem ein Erbe hier sein." ' „Gräbt man mit mir ein" — dem Leben Moses entsprach sein Tod. Man bezeichnet es immer als die Mosetcagik, daß er das neue Land nicht gesehen hat. Man beruft sich dabei aus Moses Bitte in der Bibel: „Ich möchte doch hinüberziehn" und erst recht aus die Legende, die geradezu oon einem verzweijelten, erschütternden Ringen spricht, das sich zwischen Gott und Mose abgespielt hat, denn er wollte nicht sterben, bevor er das Land gesehen. Und doch, ob diese Legende Mose gerecht wird? Ob sie den immerhin begreiflichen einmaligen Wunsch: „Ich möchte hinüber" nicht viel zu sehr veräußerlicht hat zu bloßer Lebendliebe, ob nicht Moje hier jede Fähigkeit, den Tod durch den Geist zu über« winden, abgesprochen wird? Nein, die Legende begreift Mose erst da, wo er dem Volk einen Nachfolger gibt — wie in der Bibel -- wo er es segnet, wo er ihm aus die Frage: -,Wie wird es uns Zehen, wenn du nicht mehr bei uns bist" in rührender Bescheidenheit antwortet: „Glaubt doch nicht, daß Gott alles, was er getan, meinetwegen getan. Nein, euretwegen geschah es, aus Gnade und aus Erbarmen." Das ist der Mose der Berge wieder: um den Mann „des Geistes" ist er besorgt, und die Gemeinschaft muß weiterleben, selbst über einen Mose hinaus. Denn in seinem Ster- "ben erlebt er nur die Einsamkeit, die auch der geeinigste mit ihm gemein hat: man schafft und müht sich, und einmal heißt es dann — einsam werden, einsam von Welt und Zukunft und ihren Kindern. Tenn das Leben ist ihrer. Doch dieses äußere Einsamwerden ist umsoweniger bedeutungsvoll, je mehr das Leben von der Moseeinsamkeit erfüllt war, der Einsamkeit der Berge. Denn s i e triumphiert über jene, sie trägt den Keim der Ewigkeit in sich. Das ist der großartige Widerspruch, in dem das Tiefste solcher Menschen zu ihrer Wirkung steht. Aus tiefster Einsamkeit heraus wirken sie — in die Menschheit hinein. Eine Seele spricht, Mrllionen nähren sich von ihr, eine Seele weint ihre Tränen in ihr Werk, jauchzt ihren Jubel in ihr Schaffen, und millionenfach ist das Echo — Widerspruch und doch so ermutigend, anspornend, beteuernd. Ja, es „lohnt" sich — sich selbst nämlich lohnt es, diese Einsamkeit bis zu Ende zu tragen, lachend jene Lauten, Lärmenden, sich aufblähenden Tagesweisen, die morgen wieder vergessen sind, zu betrachten und ihnen keinen Erfolg zu neiden. „Auf den Bergen ist Freiheit", Freiheit und Ewigkeit. Nachdem sich Moje vom Volk getrennt, geht er, wie er ja immer gegangen, 120 Jahre hindurch, einsam - aus einen Berg hinaus. Und nun steht er oben, alt und doch jung, ein Greis an Jahren, ein Jüngling an Kraft, strahlenden Auges, heiterer Seele. Skeht oben und sieht das Land seiner Sehnsucht vor sich, Kanaan. Und da, so berichtet die

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