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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-06-12 · 24 (12.6.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
24 (12.6.1929)
Date
1929-06-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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•Ti 6. :>9 J WlschKberaleZeitM Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/»jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Aür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten, verantwortl. Redakteur: Bruno Woyda. Jlr. 24 Berlin, 12. Juni 1929 9. Jahrgang Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48. Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 33SS, 33SS Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: „Jüdisch - liberale Zeitung" Inseratenabteilung: Berlin SW 48. Wilhelmstrutze 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtl. Ännoncen-Lxpedition. Ruth Von Rabbiner Dr. Georg wilde, Magdeburg. In einer Hütte saßen vier Menschen, Mann, Frau und zwei halberwachsene Söhne. Finster starrten sie vor sich hin, schlaff hingen die Hände nieder. Draußen aus dem Felde lag das verdorrte Getreide. Seit Wochen brannte die Sonne mit versengendem Strahl. Seit Monaten harrte man vergeblich auf Regen. Da zog der Hunger durchs Land und klopfte an alle Türen. Das Brot war zu Ende, das letzte Stück Vieh geschlachtet. Was nun? Stumm saßen die vier. Sollten sie in die Fremde ziehen? Der Mann dachte: Wenn ich allein wäre, würde ich mich leicht ernähren. Ein Mann mit zwei kräftigen Armen findet noch immer sein Brot. Aber Frau und Kinder? Langsam krochen ihm häßliche Gedanken empor: Verlaß sie, allein wirst du leben, mit ihnen wirst du sterben! Tie Frau saß stumm und dachte: Im Hause meines Vaters könnte ich Unterschlupf finden. Dort wird man mich gern aufnehmen. Soll ich in die Fremde ziehen, um mich von Mann und Kindern nicht zu trennen? Ist es nicht besser, allein zu leben, als mit ihnen zu sterben? Tie Söhne starrten finster vor sich hin. Sie sahen auf Vater und Mutter: Waren die Eltern in diesen Tagen nicht alt und grau geworden? Ist es nicht besser, flüsterte in ihnen eine Stimme, wenn wir uns von ihnen trennen? Wir sind jung und stark und werden nicht zugrunde gehen. Wir können schnell ein ^anderes Land erreichen, dort Arbeit und Brot finden. Wenn wir mit den Eltern wandern, werden wir sie führen, für sie arbeiten müssen. Sie werden für uns nur eine.Last sein. Wenn wir uns trennen, werden wir wenigstens leben, wenn wir zusammenbleiben, werden wir mit den Eltern sterben! So saßen die vier in enger Hütte und fühlten, wie die bösen Gedanken in ihnen emporstiegen, wie die Selbstsucht in ihren Augen glimmte. Das Tier im brennenden Wald denkt nur daran, sich selbst zu retten. Keiner sprach, keiner sah den andern an. Aber ihre Gedanken wunderten dann den gleichen Weg. Sonst waren sie in diesen Tagen, wenn Gott die erste Ernte gesegnet hatte, nach Jerusalem hinaufgezogen, die ersten Früchte opferten sie, die Priester lasen aus der Thora von der Gesetzgebung am Berge Sinai. Sie dachten an die göttlichen Gebote und erschraken. Hatten sie nicht eben imGedanken die steinernen Tafeln zerbrochen? „Du sollst nicht ehebrechen!" Wollten sie nicht die Ehe brechen, einander im Stich lassen? „Ehre Vater und Mutter!" Wollten sie nicht Vater und Mutter umkommen lassen, um nur sich zu retten? In den Gesichtszügen der vier Menschen konnte man den Kampf lesen, den der natürliche Selbsterhaltungstrieb und die göttliche Liebe miteinander kämpften. Wer wird siegen? Was entscheidet den Kampf? Hat schon oft im Leben eines Menschen und im Leben seiner Vorfahren das göttliche Gebot gesiegt, danfz wird es wieder siegen. Wohnt es noch nicht tief genug im Blut, dann siegt die Selbstsucht. In der einsamen Hütte kämpften beide uralten Mächte in den Seelen der vier Menschen. Dann stand der Mann auf und sprach: „Wir wollen in die Fremde in das Moabiterland ziehen. Vielleicht finden wir dort Brot. Gott wird helfen." Und Frau und Söhne rüsteten also für die Wanderung. Drei Frauen saßen in einer Hütte still zusammen. Sie waren eben von Gräbern heimgekehrt. Eine alte Frau, die den Mann und beide Söhne zu Grabe getragen. Zwei junge Frauen, die ihre Männer verloren hatten. Drei Witwen. Eine alte, die nichts mehr vom Leben zu hoffen hatte, zwei junge Witwen, die noch das Recht hatten, am Grabe wieder die Hoffnung aufzupflanzen. Sie dachten an ihre Zukunft. Tie jungen dachten: Wir werden zu unserer Familie heimkehren, man wird uns wieder aufnehmen, man wird uns helfen, wieder ein Haus zu bauen. Aber die Mutter unserer verstorbenen Männer? Wird man uns nicht wegweisen, so lange uns die alte Frau zur Last liegt? Und der Gedanke stieg in ihnen auf: Möchte sie doch wieder in ihre Heimat ziehen, damit wir die Verantwortung nicht tragen. Die Mutter dachte stumm: Was wird aus mir in meinen alten Tagen? In meiner Heimat kennt mich Niemand mehr. Soll ich als Bettlerin dorthin ziehen, soll ich vom Mitleid der Menschen leben? Hier werden meine Schwiegertöchter für mich sorgen. Zwar werde ich eine Last für die beiden jungen Witwen sein, werde ihnen im Wege stehen, wenn sie wieder heiraten können. Aber zwingt mich nicht die Selbsterhaltung dazu? In ihren Augen glimmte etwas Hartes, Zorniges. Dann siegte die Liebe, die Rücksicht. Sie sprach: „Ich will in meine Heimat ziehen. Doch ihr seid juttg, ihr sollt hier bleiben, eure Angehörigen werden euch Männer verschaffen." Die Schwiegertöchter geleiteten die Frau zum Dorf hinaus. Wenig sprechen die drei. In den Schwiegertöchtern kämpft die Selbstsucht und die Liebe. Tie Selbstsucht spricht: „Laß sie ziehen". Die Liebe spricht: „Die alte Frau soll nicht allein bleiben". Da klangen aus dem Munde der Ruth die Worte: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen, wo du bleibst, bleibe ich auch, dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott, wo du stirbst, sterbe auch ich, dort will ich auch begraben sein." In einer Tenne schläft ein Atann. Zu seinen Füßen liegt ein junges Weib. Erschreckt fährt er auf. Das junge Weib spricht: „Du bist mein nächster Angehöriger. Löse mich, wie das Gesetz es befiehlt!" In Boas kämpft Gutes und Böses. Tie böse Stimme: „Sie ist eine schutzlose Magd, nimm sie, sie kann dein sein, ohne daß du ihr deinen Namen gibst. Ein näherer Verwandter ist noch da; er mag die arme Magd heiraten." Tie gute Stimme spricht: „Bleibe Herr über dich, mach sie in Ehren zu deinem Weib. Wer so für die alte Schwiegermutter sorgt, hat ein Herz, das mehr ist als Gold und Silber, kann dem Mann mehr geben, als das reichste Mädchen im Dorfe." In einer Hütte sitzen vier Menschen. Eine alte Frau, ein Mann und ein junges Weib, ein kleines Kind. Ihre Gesichter strahlen vor Lebensfreude, ihre Hände strecken sie nach dem Brote aus. Draußen leuchtet die Sonne über gesegnete Felder. Am Wochenfest, am Tag der Offenbarung, lesen wir das Buch Ruth, die Erzählung vom Sieg der Liebe über die Selbstsucht. „Religion ist Opium für das Volk" Zum Schowuaus-Fest. Von Rabbiner Tr. Norden, Elberfeld. In andachtsvoller Stimmung vernehmen wir am ersten Tage des Ofsenbarungssestes in den jüdischen Gotteshäusern die zehn Bundesworte, die einst am 'Sinai verkündet wurden als die Grundlage unseres Judentums, ja als die Grundlage aller menschlichen Gesittung, aller wahrhaften Religiosität. Das Fest der Offenbarung ist der sichtbare Ausdruck unserer Freude darüber, daß unsere Religion sich auf einer solch erhabenen Grundlage aufbaut. Tenn diese erhabene Grundlage ist uns Gewähr und Beweis für die Hoheit und Erhabenheit der Religion überhaupt. Man sollte nun füglich glauben, es könne m der ganzen Welt nur eine Stimme darüber herrschen, daß die Religion, welche auch immer, ein kostbares, unschätzbares Gut bedeutet. Ist doch Religion die Ehrerbietung vor einer höheren Macht, die Ehrerbietung vor dem Unerkennbaren, dem Unfaßbaren, dem Unerforschlichen. Tiefe ehrfurchtsvolle Gesinnung, sollte man meinen, müsse in dem Herzen eines jeden Menschen wohnen. In welcher Form die Religiosität sich äußern, in welchen Sitten und Handlungen sie sich betätigen soll, darüber mag es Verschiedenheit der Auffassungen geben; nicht aber, sollte man glauben, darüber, daß ehrfurchtsvolle, religiöse Gesinnung überhaupt zu den kostbarsten seelischen Gütern des Menschen zu zählen ist. Was soll man da aber zu Vorgängen sagen, wie man sie vor Jahresfrist in den Tagesblättern lesen konnte? Ta würden recht interessante Schilderungen gegeben von der Feier des christlichen Osterfestes in Rußland. Ungezählte Tausende strömten da in die Kirchen, um das heilige Osterfest zu begehen. In unmittelbarer Nähe der Gotteshäuser jedoch waren von behördlicher Seite Plakate angebracht mit der Aufschrift: „Religion ist Opium für das Volk". Religion Opium, Religion ein Betäubungsmittel? Mit anderen Worten: Religion eine Täuschung, ein Betrug? Und das behauptet eine staatliche Behörde? Behauptet es nicht nur, nein, verbreitet es sogar in öffentlichen Bekanntmachungen? Sollte die russische Staatsbehörde wirklich so verblendet sein, daß sie den unennepkichen Wert verkennt, den die Re-rgion schon in den ältesten Zeiten für die Gesittung der Menschheit besessen hat und den sie noch heute besitzt? S o konnte die Bekanntmachung doch wirklich nicht gemeint sein, und so war sie auch nicht gemeint. In Wirkliche feit war die Bekanntmachung nichts anderes als der A u s - druck) eines tiefen 'Mißtrauens, des Mißtrauens der weltlichen Behörde gegen die religiöse Behörde. Nicht das kostbare Gut der Religion sollte getroffen werden, sondern die Religions b e h ö r - de, die Kirche. Ihr, der Behörde, der Kirche, schenkt der Staat kein Vertrauen. Ihr, der Behörde, der Kirche, macht er den schweren Vorwurf, sie mißbrauche das heilige Gut der Religion zu weltlichen Zwecken, sie reiche dem Volk die Religion dar als eine Art Opium, als ein Betäubungsmittel, um es für ihre Zwecke gefügig zu machen. Durch die Religion soll das Volk über die Trostlosigkeit seiner Lage hinweggetäuscht werden; es soll sich nicht bewußt werden, zu welch eiender Lebenshaltung es verurteilt ist. Tie kirchliche Behörde wolle die Volksgenossen in Stumpfheit uno damit in Unterwürfigkeit erhalten. Einen ähnlichen Vorwurf konnte man vor einigen Jahrzehnten auch in Deutschland hören, als Kaiser Wilhelm I. den Ausspruch tat: „Dem Volk muß die Religion erhalten bleiben." Das Echo dieses Ausspruches war damals in weiten Kreisen ein unbegrenztes Mißtrauen. Nicht mit Unrecht glaubte man aus den Worten des Herrschers herauszuhören, daß der Religion die Rolle zugewiesen werden soll, dem Volk Sand in die Augen zu streuen und es hinwegzutänschen über Armut, Not und Elend, über Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit. Ter Vorwurf ist über alle Maßen schwer. Ob er auch berechtigt ist, das haben nicht wir Juden zu entscheiden; das ist eine innere Angelegenheit der Kirche. Wir haben nur dre Frage zu stellen: Hat man d resen oder einen Vorwurf schon jemals gegen die verantwortlichen Führer der Judenheit erheben können? Ist in jüdischen Kreisen schon jemals der Verdacht ausgekommen, die jüdischen Führer bedienten sich der Religion, um die Menge in Unwissenheit und damit in Abhängigkeit iind Unterwürfigkeit zu erhalten, sie bedienten sich der Thora als eines Betäubungsmittels, um das Volk ruhig und zufrieden zu machen, wenn cs auch begründete Ursache hätte, unruhig und unzufrieden zu sein? Als Antwort auf diese Frage brauchen wir nur auf die wunderbaren Worte Davids im 19. Psalm hinzuweisen, Worte, die dem Fest der Offenbarung als Motto dienen können: „Tie Lehre des Ewigen ist vollkommen, sie erquickt die Seele; Tas Zeugnis des Ewigen ist bewährt, es macht die Einfältigen weise; Tie Satzungen des Ewigen sind gerade, sie erfreuen das Herz; Das Gebot des Ewigen ist lauter, es etleuchtet die Augen." Tiefe Psalmworte reden eine Sprache, die nicht mißverstanden werden kann. Sie sagen: Tie Religion ist wicht dazu da, unsere Sinne abzustumpfen, sondern sie zu wecken. Dre Religion ist nicht dazu da, zu verdummen, sondern aufzuklären. Die Religion ist nicht dazu da, über Mißstände hinwegzutäuschen, sondern sie aufzudecken. Die Religion ist nicht dazu da, unseren geistigen Gesichtskreis einzuengen, sondern ihn zu erweitern. Diese hohe Auffassung des Psatmdichters von dem Zweck der Thora, von dem Zweck der Religion, diese seine Auffassung, daß die Religion die Aufgabe hat, uns zu belehren und unsere Augen zu erleuchten, sie hat das Judentum davor bewahrt, zu ungerechten, parteipolitischen Zwecken mißbraucht zu werden. Tie Auffassung des Psalmdichters ist stets eine eindringliche Warnung an die religiösen Führer gewesen, das Jüdenutm jemals als ein Machtmittel zu betrachten und anzuwenden, es jemals als ein Betäubungsmittel zu gebrauchen für die Armen und Bedrückten, um die Unzufriedenheit mit ihrem Geschick künstlich! zu ersticken. Nie hätten jüdische Führer svtches gewagt, und nie hätte die Judenheit solches schweigend hingenommen. „Tie Lehre, die uns Mose geboten ist ein Erbteil der Gemeinde Jakobs." Das Judentum gehört der gesamten Judenheit. Keine einzelne Schicht darf sich anmaßen, es für sich allein in Anspruch zu nehmen, um mit ihm nach ihren Sonderwünschen und Sonderinteressen zu schalten und zu walten. Das Judentum gehört allen, den Armen und den Reichen, den Alten und den Jungen, den Beharrenden und den Fortschreitenden; ihnen allen gehört es, allen in gleichem Maße. Und weil cs allen gehört, weil es niemals von den Besitzenden mißbraucht wird als Betäubungsmittel für die Besitzlosen: darum kennt man in jüdischen Kreisen keinen Haß gegen die Religion, lerne Feindseligkeit gegen sie und keine Erbitterung. Und wenn in den letzten Jahren wiederholt aus Rußland berichtet wurde, daß jugendliche jüdische Kreise dort eine feindselige Gesinnung gegen die Religion an den Tag gelegt hätten, indem sie die Feier des Peßachsestes und die des Jaum Kippur zu stören versuchten, so ist dies aus einem tief bedauerlichen Irrtum geschehen. Jene jugendlichen Kreise werden sich hoffentlich davon überzeugen lassen, daß die verantwortlichen Führer des Judentums sich nie dazu hergegeben haben, die Religion zu mißbrauchen, um den Besitzenden Vorrechte einzuräumen und die Besitzlosen einzuschüchtern und zu unterdrücken. Jene verblendeten Kreise werden sich hoffentlich! davon überzeugen lassen, daß die jüdischen Führer die Gotteslehre immer gerade darum gerühmt und ihren Vorzug gerade darin erblickt haben, daß sie sich mit inniger Liebe Lerer annimmt, die vom Geschick stiefmütterlich behandelt werden. „Wegen der Unterdrückung der Armen", singt David im 12. Psalm, „wegen des Stöhnens der Bedürfttgen will ich mich nun erheben, spricht der Ewige, will Hilfe senden dem, der nach ihr verlangt." Und weil die Religion ihre Hand liebevoll

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