Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 23 (5.6.1929)
- Date
- 1929-06-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Streiflichter zur berliner Gemeindepolilit I. In dem Repräsentantenbericht, der hier in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, war bereits erwähnt, daß von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ein Betrag von 1000 Mark für das hebräische, zionistische Schulwerk „Tarbuth" in Polen als Subvention bewilligt worden ist. Es kann bezweifelt werden, ob es zulässig ist, jüdische Steuergelder für derartige Zwecke zu verwenden. Doch diese prinzipielle Frage, bei der unsere Stellung ja nicht zweifelhaft sein kann, bleibe hier unbeantwortet. Es gibt auch zu denken Anlaß, daß gerade in dem Zeitpunkt, in dem die Berliner Jüdische Gemeinde wesentliche Ersparnismaßnahmen in ihrem eigenen Schulwesen durchzuführen genötigt ist, eine Subvention für das Schulwesen in Polen bewilligt wird. Doch auch davon soll nicht gesprochen werden. Beantwortet werden muß aber die Frage, worauf denn die Geldnot des jüdischen Schulwesens in Polen zurückzuführen ist. Da kann als authentische Antwort gelten, was vor kurzem der Vorsitzende des jüdischen Sejmklubs in Polen, der bekannte Zionistenführer I. Grünbaum, in einem Artikel in der Jüdischen Rundschau (Nr. 34 vom 30. 4. 1929) schrieb. In diesem Artikel heißt es: Wir in Polen sparen uns fast vom Munde ab, um für deu Palästinaaufbau beizusteueru. Und me.n betrachte das nur nicht als eine Phrase. Es ist ja klar, daß es sich um den sozusagen allgemeinen „Mund" handelt. Mit einem Teile dieses Geldes hätten tvir viel auf dem Gebiete unserer Erziehungs- und Kultur-Arbeit machen können und tvir machen es nicht. Und wenn Zionisten dieser oder jener Stadt sich an uns mir der Bitte wenden, ihnen vom Gelde des Keren Hajessod eine Teilsumme zu überweisen, damit sie das Defizit ihrer Tarbuth Schule decken können, sagen »vir einfach nein! Und wenn sie uns dann überzeugend klar machen, daß sie nicht genug Geld für beide Zivecke aufbringcn können und bei Nichterfüllung ihrer Forderung mit Boykott der Sammlungen für den Keren Hajessod drohen, bleiben tvir „grausam", obwohl es uns klar genug ist, daß tvir bald Nachrichten über einen Lehrerstreik in der Tarbuth Schule erhalten werben, oder daß die ganz lichc Schließung der Schule in kurzem erfolgen ivird. Möge das obige Beispiel als Illustration unserer Lage, dienen. Mir scheint, daß tveder in Amerika noch in Deutschland der Fall möglich »väre, daß die dortigen Inden von der Schaffung einer lokalen Institution Abstand nehmen, um das Geld für Palästina zu spenden. Bei uns aber nimmt die Sammelarbeit für Palästina absolut den ersten Platz ein. Nach dieser Lektüre weiß man wenigstens, warum die Berliner Jüdische Gemeinde das zionistische Schulwerk in Polen unterstützen muß. II. Ter deutsche Verband zur Förderung der Uiliversität Jerusalem hat in der letzten Zeit eine Sondersammlung für die Universitätsbibliothek Jerusalem veranstaltet. Hierfür hat nach einer Meldung der Jüdischen Telegraphen- Agentur unter anderem auch der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden einen Betrag von 2000 Mark bewilligt. Erkmrdigt man sich, woher denn der Preußische Landesverband Geld für diesen Zweck besitzt, da doch in dem vom Verbandstag bewilligter» Etat kein derartiger Beitrag vorgesehen ist, so erfährt man, daß diese 2000 Mark die Jüdische Gemeinde zu Berlin aus einem ihr für diesen Zweck zur Verfügung stehenden Fonds dem Landesverband überweisen wird. Fragt man nun weiter, warum denn diese Zahlung der Berliner Jüdischen Gemeinde deir Umweg über den Preußischen Landesverband wandern muß, so wird eine Antwort nicht gegeben. Kein Wunder, daß die Vermutung ausgesprochen wird, der Umweg sei im Hinblick auf zionistische Propagandazwecke gewählt worden. Wünscht man schließlich noch zu wissen, welcher Fonds beim bei der Berliner Gemeinde derartigen Zwecken diene, so müssen sogar Repräsentanten dieser Gemeinde die Antwort schuldig bleiben, im günstigsten Fall verweisen sie auf den für derartige Zwecke ja wohl wirklich nicht geschaffenen Dispositionsfonds oder auf die Mittel, die für die Schaffung eines Lehrstuhls der Berliner Gemeinde an der Jerusalemer Universität bewilligt wurden. Wird die kommende Etat-Debatte in der Berliner Gemeinde eine Klärung dieser Verhältnisse bringen? III. Daß die Zionisten ihre Macht in der Berliner Gemeinde auch bei der Besetzung der Beamtenstellungen nutzen, soll ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Wie das aber geschieht, darüber muß gesprochen werden. Ein zionistischer Lehrer, der aus Palästina nach Deutschland zurückzusiedeln wünscht, wird angestellt. Die erforderliche Genehmigung der Repräsentantenversammlung einzuholen, tvird „wergessen". Schließlich stellt sich im Schulvorstand das Versehen heraus, als für den bereits erfolgten Umzug etwa zweieinhalbtausend Mark Umzugskosten bewilligt werden sollen. Ein anderer Herr, selbstverständlich ebenfalls Zionist, wird mit etwa 12 000 Mark Jahresgehalt in der Gemeinde beschäftigt, ohne daß jemals seine Beschäftigung von der Repräsentanten Versammlung beschlossen worden ist. Ein Prediger, natürlich ebenfalls Zionist, wird angestellt mit zehn gegen 10 Stimmen, als der konservative Repräsentant, der wie man weiß gegen die Anstellung ist, durch eine Reise an der Teilnahme an der Sitzung verhindert ist. Dabei gibt der zionistische Vorsitzende der Versammlung für die Anstellung den Ausschlag. Nun ist schon zweifelhaft, ob nicht für die Predigeranstellung ebenso wie für die Rabbineranstellung eine Zweidrittelmajorität erforderlich ist; eine liberale Interpellation sollte einmal klären, welche Unterschiede in der Berliner Gemeinde denn zwischen der Tätigkeit eines Predigers und eines Rabbiners bestehen. Daß aber hier neben diesen Bedenken noch eine höchst befremdliche Ausnutzung einer zufälligen Situation durch den zionistische»» Vorsitzenden der Versammlung erfolgte, das verdient besonders festgehalten zu werden. * * * Diese Streiflichter mögen vorerst genügen. Sollen wir unser Erstaunen über diese Zustände ausdrücken? ... In der Berliner Jüdischen Gemeinde herrscht doch Frieden. B.W. Die jüdische Bevölkerung Preußens Der bevölkerungspolitische Ausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hat auf eine Anregung von Dr. Felix A. Theilhaber im zweiten Halbjahr 1928 eine Enquete bei den dem Verbände angeschlossenen jüdischen Gemeinden veranstaltet, die sehr aufschlußreiches Material über den Aufbau der jüdischen Bevölkerung erbracht hat. Die Ergebnisse foüeu zur Unterlage von Maßnahmen der Bevölkerungspolitik dienen. Neben 23 größeren jüdischen Gemeinden beantworteten, die Enquete weitere 40 Gemeinden mit 500—200 Juden, 80 mit 200—100 Juden und 460 mit weniger als 100 jüdischen Einwohnern, insgesamt 603 preussisch-jüdische Gemeinden. Dr. Felix A. Theilhaber hat die Ergebnisse der Enquete in einer Schrift verarbeitet, die in einem Sonderheft „Jüdische Bevölkerungspolitik", herausgegeben von der Zcntralwrhlfahrtsstelle der Deutschen Juden, nebst einem Referat, das Dr. Theilhaber auf der bevölkerungspolitischen Tagung des Preußischen Landesverbandes gehalten hat, erscheinen wird. Die Enquete sollte u. a. den Altersaufbau der preußischen Juden erfassen, und zwar in Orten unter 1000 Juden. Bei der Durchsicht aller 600 Gemeinden geht die schwächere Besetzung der jugendlichen Altersklassen bis 20 Jahre gegenüber den geschlechtsreifen deutlich hervor. Nur einige Orte bilden eine Ausnahme. In Ge»neinden bis 200 jüdischen Seelen gibt es gleich viele 20- bis 40 jährige, »vie 40- bis 60 jährige. Da ursprünglich vor 30 Jahren noch eine höhere Geburtenziffer auf dem Lande war, so ist der Ueberfluß durch die Abwanderung verloren gegangen. Der Zugang taucht bei den Großgemeinden aus. Trotz des Zuzuges dieser zeugungsfähigen Personen, trotz der Anhäufung der Eheschließungen Apologie der Zuden unter Christoph Wielands Namen Von Dr. Leopold H i r f ch b e r g. Vor anderthalb Jahrhunderten, in den Jahren 1775— 1778, erschien in „Frankfurth und Leipzig" (dem beliebten Deckort unrechtmäßiger Drucke) eine den Literarhistorikern wohlbekannte Kompilation unter dem merkwürdigen Titel „Des Herrn Wielands Allerley. Auf Kosten der Gesellschaft" in drei Bänden. In bunter Reihe weisen die reizend ausgestatteten Bändchen Gedichte und prosaische Aufsätze des großen Dichters und Einschmuggelungen anderer, im Dunkel der Anonymität sich haltender Verfasser auf. Sie zu ermitteln, wird niemals gelingen; auf Grund der umfassenden Ausgabe Grubers von 1826, der unter dem Titel „Miscellaneen" die kleinen und zerstreut gebliebenen Aussätze Wielands emsig zusammentrug, läßt sich lediglich (allerdings nicht völlig einwandfrei) feststcllen, was aus „Des .Herrn Wielands Allerley" nicht von ihm stammt. Zu diesem scheint auch das letzte Stück des letzten Bandes zu gehören, das die Ueberschrift „Gedanken über das Schicksal der Juden" trägt und in Anbetracht seines humanen und mit größtem Freimuth vorgetragenen Inhalts verdient, nach hundertfünfzigjährigem Schlummer neu erweckt zu werden. Der Verfasser knüpft an den Bericht eines französischen Officiers über die Leiden der Sklaven in Afrika an: Er hat ihre Rechte, als Menschen, mit so vielen Nachdrucke vertheidigt: er hat ihren Peinigern so kräftig, so rührend ans Herz geredt, daß er allen wahren Menschenfreunden unvergeßlich seyn, wird. Er hat uns seinen Namen verheelet. Dieß dedaure ich. Wie merkwürdig würde mir dieser Name seyn! Er ist geadelt — durch! eine That, die der Menschheit zur Ehre gereicht, und welcher Monarch auf Erden kann höher adeln? Schon diese Einleitung läßt erkennen, daß wir es mit einem für bte damalige Zeit nicht gewöhnlichen Schriftsteller zu tun haben. Dann fährt er fort: Eine freudenvolle Empfindung durchströmte mein Herz, als ich einen solchen Menschen erblickte. Zu bald aber wurde sie von einer schmerzlichen verdrungen. Gewohnt, Betrachtungen anzustellen über das, was ich lese; gewohnt, die neuen Einsichten, die ich hierdurch erwerbe, auf dasjenige anzuwenden, was mir und meinen Mitbürgern wichtig seyn kann, leitet mich die Folge meiner Ge-! danken auf jenen fast unzählbaren Haufen, der mitten unter uns, I die wir Christen, das ist, wenn ich nicht irre, solche Leute seyn wollen, wenigstens sollen, die vor allen Dingen herzliches Erbarmen üben, im höchsten Unglück beben muß. Das Herz blutet^mir bey diesem Anblicke. Ein Volk von allem beraubt, was Trost des Herzens, was Ruhe der Seelen, tvas äußere Sicherheit, was aufmunternde Aussicht in die Zukunft kann genennt toecbcit, muß, als wäre es noch nicht bedauernswürdig genug, auch das Opfer unserer Verachtung, unserer Ungerechtigkeit, unserer Habsucht werden. Menschen! wo denkt ihr hin? Die Hand des Höchsten wird euch treffen. Leset die Aussprüche der ewigen Weisheit, des Allmächtigen, der nicht lüget. Mich dünkt, ich sehe sie schon zum Thcil in Erfüllung gehen. Die Vorboten davon sind bereits unter euch getreten. Der Schwindelgeist in dem, was unter den Christen das Unwandelbare seyn sollte, die Unreinigkeit in den Sitten, die Untreu untereinander, was sind sie anders? Ich kann die flammende Anklageschrift nicht in allen Einzelheiten wiedergeben, da sie zu umfangreich für diese Blätter würde. Es hat sich nichts gegen dainals geändert. Ein „christlicher" Pfarrer auf Borkum ist das Haupt der aus dem ganzen Reich dort zusammenströmenden Hetzer; „christliche" halbwüchsige Burschen, von Erwachsenen aufgestachelt, schänden jüdische Begräbnisstätten; „christliche" Studenten in Budapest vergreifen sich in feiger Uebermacht an eurer fast wehrlosen Minderzahl. Ein General beschuldigt Freimaurer und Juden als Anstifter des Weltkriegs und findet e»ne, wenn auch geringe, Schar Gläubiger. Der Prediger von 1777 gehörte nt bte Zeit von 1929: Wir hassen die Juden, weil sie eine andre Sprache, andre Sitten haben, als tvir? Wir drücken sic, um uns mit dem Ihrigen zu bereichern, stählerne Herzen! Unweise Knechte! sollt ihr so mit euern Mitknechten verfahren? Wo steht die Anweisung darzu? Kommt euch nicht das Heil, alle geistliche, ja selbst der größte Theil eurer bürgerlichen Glückseligkeit von ihnen? Was wäret ihr, che das Licht, welches unter ihnen aufgieng, euch erleuchtete? Hat Gott sie verworfen, so wisset, daß er sie wohl wiederum in den rechten Stamm einpsropsen kann, um bessere Früchte zu tragen als ihr: und glaubet, daß er es thun werde, denn er hat es gesagt. Sollte das merkwürdige Volk euch nicht zu einem Beyspiele, zu einer Warnung, zu einer Ermunterung dienen? Sollte die ewige Weisheit nicht hohe Absichten gehabt haben, da sie dieses Volk über den ganzen Erdboden zerstreuet? Denkt dem nach und »»erdet klug. Es ist »vahr, sie glauben nicht das was wir glauben. Aber sie sind doch dem treu, was sie glauben. Ihre Sprache lautet wunderlich, sie hat nicht die Zierlichkeit, nicht die Regelmäßigkeit der eurigen. Aber sie ist doch rein von »rach dem Krieg, sind in diesen Großgemeinden die Altersklassen von 0 bis 10 Jahren nur mit 75 o/0 der Zahl der 20- bis 30 jährigen besetzt. Bei einer Berechnung aller Gemeinden zeigt sich, daß die Jugendlichen von 0 bis 20 Jahren nur 81,4 o/o der Anzahl der Erwachsenen von 21 bis 40 Jahren ansmachen. Errechnet »nan die Mortalität im Durchschnitt der Jahre 0—20 und 20—40 mit etwa 10 o/0 so dürften die Altersklassen 0—20 der erfaßten 600 jüdischen Gemeinden im Durchschnitt mit etwa 25—30 o/„ zu gering besetzt fein. Für Berlin läßt sich der jüdische Bevölkerungsanfbau vielleicht bald aus der amtlichen Statistik errechrren. Eine Beobachtung bietet auch für die Fachleute eine große Ueberraschung: nicht nur in der Stadt, sondern gerade auf dem Lande und in der Kleinstadt, ja gerade hier,' wird erst spät geheiratet. Diese späte Eheschließung betrifft nicht nur die Männer, sondern auch in hohem Maße die Mädchen. Bor dem 25. Jahr gibt es überhaupt fast keine Männer und nur in wenigen Ausnahmen Jüdinnen, die heiraten. Im Alter von 25 bis 30 Jahren waren von jüdischen Männern 72,5 <v«>, also etwa "/i, unverheiratet (auf dem Lande: 75,6 «o), mit 30 bis 35 Jahren noch 42 o/0 (in den Kleingemeinden bis 200 Juden: 41 <>/<>). Verwitwete und Geschiedene wurden den Verheirateten zugerechnet. Einige Beispiele: In Butzweiler ist von 14 Mädchen im Alter von 32 bis 35 Jahren kein einziges verheiratet, von den acht Männern einer. In Gelsenkirchen unter 25 nur 2. In Rhaunen (Rheinprovinz) ist von 19 Juden und Jüdinnen im Alter von 20 bis 35 Iährten kein einziger verheiratet. Die Beispiele lassen sich vervielfachen. In Wittlich wurden unter 37 Personen von 20 bis 35 Jahren keine einzige verheiratet angetroffen. Bon allen 63 weiblichen Personen über 20 Jahren waren 36 ledig. Die Auswirkung der verspäteten Eheschließung muß noch in Erscheinung treten. Neben einer allgemeine»» Spätehe des Mannes stellt sich auch die bei der Jüdin ein. 46 »p, also fast die Hälfte der gezählten Jüdinnen ink Alter von 25 bis 30 Jahren, waren noch ledig, wobei gerade hier die Großstädte einen etlvas niedrigere»» Prozentsatz aufweisen; in den Kleingemeinden waren genau 47 o/0 der Altersklassen 35—30 Jahre unvcrmählt. Damit ist die Hälfte der Jüdinnen erst nach de»n 27. Lebensjahr verheiratet. 50 <y„ der weidlichen jüdischen Personen si»»d also von der Mutterschaft im ersten Jahrzehnt ihrer Gebärreife ausgeschlossen und gelangen erst i»» der zweiten Hälfte ihrer Fruchtbarkeitsperiode zur Ehe. Aber auch von den 30- bis 35 jährigen sind noch 27,5 0 o unvcrmählt, von den 35- bis 40 jährigen weitere 16 «ö. Die Auszählung nach geschiedenen Perso»»en hat für die Kleingemeindei» keine nennenswerten Ziffern ergeben, »nännliche Personen sind fast gar nicht vertrete»», »vas auf eine stärkere Wiederverheiratung der geschiedenen Männer deutet. Wichtig ist für die Bevölkerungsentwicklung die ständige Wanderbetvegung der deutschen Juden. Für die kleineren Orte bedeutet die Wa»»derbewegung vornehmlich eine Abwanderung, die stellenweise zur langsamen oder schnelleren Auflösung führt. So bemerkt z. B. die Gemei»»de Gronau in .Hannover, daß sie noch vor 30 Jahren 100 Seelen u»»d jetzt nur noch 17 zählt, von denen lediglich 4 erwachsene Männer sind. Solcher Beispiele gibt es viele. In der Gemei»»de Fraustadt wohnte»» 1839 noch 565 Juden. Heute nach fast einem Jahrh»mdert zählt die Gemeinde trotz Zuzugs aus Posen und Oberschlesien »»ur V-, dieser Zahl. Ter Rückgang der Bevölkerung »virkt sich natirrgernäß für das kulturelle Leben der 'Gemeinde aus. Die *Veranstaltnng von Gottesdienste»» wird vielfach recht schwierig, die Schulen können kaum inehr unterhalten werden. Von den 600 ausgezählten Gemeinden haben nur die zehn größten soviele Kinder, daß bei einer Einschulung aller jeder Schuljahrgang über 20 Ki»»der zählen »vürde; bet »»ur ztvei Orten kamen über 40 Kir»der auf den ei»»zelnLN Jahrgang. Auch bei einer Reihe von Gemeinde»» über 500 jüdischer Seelen ergab sich eine Zahl von 3 bis 5 Kindern pro Jahrgang. Die Zahl der Jugendliche»» »vird stellenweise nur durch die Zuwanderung ausländischer Jude»» einigermaßen groß erhalten. So erwähnt Raüb. Dr. Posner von Kottbns, das zu den Orten mit genügendem Nachwuchs zählt, ausdrücklich den Kinderretcht»»m der Ostjuden. Unter den 45 bis 55 jüdischen Müttern waren 5 Eingewa»»derte, die 34 Ki»»der hatten, während die übrigen 18 deutschen Mütter »»icht »vie diese je l Ausdrücken, von Bildern, für deren wahren Bedeutung die Tugend erröthen muß, von Wendungen, worin ihr in der eurigen die schaamlosesten Dinge zu verhüllen ivisset. Ein wesentliches Verdienst, dünkt mich, um so viel ivescntlicher, meines Erachtens, als es keinen andern Ursprung als in der Reinigkeit ihrer Sitten haben kann. Und sollten wir etwa anderm als dieser die Einigkeit, worin sie unter sich leben, beymessen können? Sind sie »veniger gute Eltern, weniger gute Hausväter, weniger getreue Ehegatten, als wir? Ich fürchte, tvir verliehren bey dieser Vergleichung. Und könnten wir diese Tugenden an ihnen gewahr werden, ohne überzeugt zu seyn, daß der Keim aller andern bürgerlichen Tugenden bey ihnen verborgen liegt, und nur auf Gelegenheit zu dem glücklichsten Ausbruche warte? Aber wie? sie bereichern sich auf unsere Unkosten? — Wer unter euch ohne Fehl ist, der werfe den ersten Stein auf sie, ihr christliche Wucherer! Und ihr seyd Glaubensgenossen, Schaafe einer Heerde. Ihr drückt diese Unglücklichen, um euch von ihrem Fette zu nähren. Seyd Menschen, so tverdet ihr Ehre und das Vaterland Gewinn haben. Wir »volle»» und dürfen nicht so blind sei»», nn» aus all diesem nur eine Glorifizierung des Judentums herauszulesen. Es gibt genug „weniger" gute Hausväter, „weniger" getreue Ehegatten — unter Juden und Christen. Was wir zu verlangen habe»», ist lediglich Unparteilichkeit in der Charakterbenrteilnng, Gleichstellung in jeder Hinsicht. Und darin gipfeln auch die Schlußsätze unseres Predigers: Nun wohlan! so lasset uns denn barmherzig seyn gegen sie, gegen das Vaterland, gegen uns selbst! Laßt sie uns ausnehmen als Brüder! Laßt uns ihnen die Vorrechte einräumen, wodurch sie nützliche Mitglieder des Staats tverden können! Laßt uns ihnen die Thüren zu allen nützlichen Getverben öfnen! Laßt uns ihnen die Hoffnung zeigen, daß sie auf diesem Wege auch Ehre erlangen können. Bcrstattet ihnen Freyheit, und bindet sie durch eure Gesetze! Thut an ihnen, tvas ihr wollet, daß man euch thäte! Und welche That kann edler seyn als die, wodurch Menschen geholfen, dem Vaterlande gedienet, Gott geehret, und wir selbst mit Ruhm und göttlichem Wohlgefallen bekrönet werden? Leidet hat uns der Verfasser, wie jener französische Offizier, „seinen Rainen verheelet". Denn er wäre auch „geadelt durch eine That, die der Menschheit zur Ehre gereicht". Es ist keineswegs ausgeschlossen, daß Wieland selbst dies schrieb; die Würde und Lauterkeit seiner Gesinnung spräche dafür. Den „Allerley" aber gereichen diese „Gedanken über das Schicksal der Juden" nicht zur Unehre, selbst wenn sie nicht von Wieland stammen.