Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 23 (5.6.1929)
- Date
- 1929-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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^MMOerM3e8mg Ohm Ne Vereürt-vn» sür das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich 2tt. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Milgliedsbellroge enthalten. Verantwortl. Redakteur: Bruno Woyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SM 4S. Withelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin ND 7. 13706S (Vereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezelle 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: jüdisch-liberale Zeitung* Inseratenabteilung: Berlin SW 40, Wilhelmstratze 147 (Bergmann: 3350-59). sowie fämtl. Annoncen-Expedition. Nr. 23 Berlin. 5. Juni 1929 9. Jahrgang Mit Rücksicht aus zahlreiche Wünsche aus unserem Leserkreis erscheint unsere Zeitung in Zukunft bereits um Mittwoch jeder Woche. Manuskripte müssen jeweils spätestens am Montag früh in unserem Besitz sein, Jnseralenterte spätestens am Montag nachmittag. Im HinbUck aus die Umstellung must in dieser Woche die Zeitung in Verringertem Amsang erscheinen. Verlag und Schriftleitung der Jüdisch-liberalen Zeitung. Freiheit und Gesetz Eine Betrachtung zwischen den Festen. Von Hedwig Ries. Wiederum, wie seit Jahrtausenden, hat Israel aus der ganzen Erde das Fest der Befreiung gefeiert, an glänzender Tafel und am Tische des Armen, hat einen Sederabend bereitet den Heimatlosen, den Verstreuten, den Vereinsamten, hat seine alten Lieder gesungen und einen Becher hingestellt für den Propheten Elia, den ersehnten Erlöser Israels und der Menschheit. Und nun leben wir in den Wochen des „Zählens" bis zum Feste der Offenbarung. Diese Wochen sollen aber nicht nur gezählt, sondern auch gewertet werden. Wir sollten darüber Nachdenken, welch einen tiefen Sinn, welch überreichen geschichtlichen Inhalt sie uns darstellen. Es ist der Werdegang eines befreiten Volkes, seine ersten Schritte zur Kultur, die Erziehung eines Volkes, das zur Menschenführer»- schast bestimmt werden sollte, geführt durch seinen großen Befreier und Gesetzgeber, den größten Mann aller Zeiten: Mose. Was geschah in jenen Zeiten, als Israel durch die Wüste w änderte? Ein Sklavenvolk zieht ans, Männer, Weiber, Kinder und allerlei Anhang, beladen mit einem bunten Gewirr von Herden und Gütern. Wohl ist ein kleiner Rest vom geistigen Erbe der Väter in den fast erloschenen Seelen Israels geblieben, aber Mizrajims Sitten und harte Frohn haben es zu erdrücken versucht. Doch ein Hirt führt seine Herde, der starkgeistig und von starker Hand ist. Auch dieser Gigant war mehr als einmal an der Grenze seines Könnens angelangt, verzagte an der hohen Aufgabe, die Gott ihm gestellt, an dem Ziel, das ihm gesteckt war, verlor den Glauben an sich selbst und seine Kraft. Er hatte sein Volk befreit, aus Frohn und Armseligkeit gerettet, zugleich aber auch hatte er es herausgerissen aus festem Wohnsitz, in ein ungewisses Schicksal, in unwirtliches Gebiet, in unzählige Gefahren, in ein Leben voller Entbehrungen und Unbequemlichkeiten hinausgeschleudert. Konnte dieses Heer von Menschen von der Freiheit allein leben? Die unzähligen Erfordernisse des Lebens standen bergehoch vor dem verantwortlichen Führer; alle Laster und Unsitten des Landes, in dem sie gewohnt hatten, zogen mit, und alle menschlichen Leidenschaften und Bosheiten standen gegen den Führer auf. Kleinmut und Sehnsucht nach dem Kerker seines früheren Lebens befiel das Volk, Abfall, Aufruhr, Hungersnot, das waren die Schrecken dieser Jahre. Jedoch die Kraft des Genies überwand die Schrecken und zeichnete mit unabweisbarer Logik den Weg vor, der zu gehen war: den Weg von der Freiheit zum Gesetz! Und die Kraft des Genies leuchtete auf wie Sonnenglut an: Mittag! Nicht langsam, vorsichtig, allmählich führte Mose das befreite Volk zum Gesetz, zu der Macht, die es hEen, schützen und erheben sollte, sondern mit dem letzten, höchsten Gedanken begann er, stellte den gebtenbeteu Augen, bm erschütterten und eingeschüchterten Seelen ein Gebilde Glanzes, solcher Größe auf, daß alles Kleine zerstob, c-^^^rspruch verstummte, Bereitschaft und Gefolgschaft gesichert schien. Mose gab ihnen, vor all den lebensregelnden Gesetzen, zuerst das Ideal, gab ihnen ihren Gott, den Herrscher über Welt und Menschen, über Leben und Tod, den Gestalter und Zerstörer, den großen Bezwinger und das Ut> bud alles Guten, der Barmherzigkeit und All-Liebe. Erst er dieses Bild vor den Augen des Volkes aufgerichtet hatte, begann er den Ausbau der Gesetze, ließ er eine Gesetzgebung erstehen, die alle Gebiete menschlichen Lebens ere. Obenan, von der Gotteshöhe beginnend, von der alle Lehren Mose's ausgingen, die Grundgesetze göttlicher t^rkenntms und aus ihr geboren, die Moralgesetze, die das Mensch zu Mensch in großem Stil regeln: Olt JLU Vs)CöOtC. dann bis in die kleinsten Einzelheiten die ^er die Heilighaltung und Verehrung des gött- PÄJJ1 Samens, den Bau und die Ausgestaltung der Stiftstot;' * v Spnsegesetze, Reinlichkeitsvorschriften, Gesetze und Verbote, den Verkehr der Geschlechter regelnd, und immer wrederkehrend die Ermahnung, Gottes Gebote zu beachten, mcht Abfall und Unzucht zu treiben, die Heiligung der Seele und des Körpers zu pflegen, damit ein großes, Wervlew mtt Mussolini Die Juden in Italien Rom, 1. Juni. (J.T.A.) Der italienische Regierungschef Benito Mussolini empfing den Direktor der Jüdischen Telegraphen-Agentur, Herrn Jacob Landau, zu einem Interview über die staatsrechtliche Lage der italienischen Juden nach Abschluß des Konkordates. Er autorisierte Herrn Landau, seine Erklärungen der Öffentlichkeit zu übergeben. Das Konkordat, sagte der Premierminister, hat die Position der jüdischen Gemeinschaft in Italien verbessert, soweit sie überhaupt verbesserungsbedürftig war. Die jüdischen und protestantischen Kirchen sind dom Staate als offizielle Glaubensgemeinschaften anerkannt und genießen die gleichen Rechte wie die katholische Kirche. Dem Rabbiner steht das Recht, Eheschließungen vorzunehmen, in dem gleichen Maße zu, wie das Konkordat es dem katholischen Priester gewährt. Einer Zivilehe zwischen Jude und Christ steht kein Hindernd im Wege. Ich wiederhole, daß das Konkordat, weit davon entfernt, den Rechten der jüdischen Gemeinde Abbruch zu tun, im Gegenteil ihre Position verbessert und gestärkt hat, indem es die Beziehungen dieser Gemeinde zum Staate nach den gleichen Grundsätzen und dem gleichen Standard regelt, wie die der katholischen Kirche im Staate. Tie Vertreter der protestantischen und der jüdischen Kirchen haben denn auch ihrer Zufriedenheit mit der neuen Regelung, die eine zwangsläufige Folge des Konkordats ist, Ausdruck gegeben. Der Priester oder der Rabbiner sind zur Vornahme von Eheschließungs-Zeremonien befugt, dabei hat jeder Bürger das Recht, eine rein zivile Zeremonie zu wählen. Das Konkordat war sehr mißverstanden worden. Wie in den Vereinigten Staaten von Amerika bleiben auch in Italien Staat und Kirche voneinander getrennt; das jedem Italiener eingeräumte Recht, eine religiöse oder eine zivile Eheschließung zu wählen, ist ein Merkmal dafür, daß das Konkordat die Sachlage in dieser Beziehung nicht geändert hat. Das Konkordat regelt Beziehungen zwischen Staat und Kirche, ohne der Kirche irgendeinen Einfluß oder eine Machtbefugnis in staatlichen Angelegenheiten einzuräumen. Nur in zwei Belangen begegnen sich Staat und Kirche in einer gemeinsamen Einfluß-Sphäre: im religiösen Schulunterricht und in der Vollziehung der Eheschließungsriten. In diesen beiden Belangen aber genießen, wie gesagt, alle Kirchen die gleichen Rechte und, was noch wichtiger ist: jedem Bürger steht es frei, die Dienste der Kirche in Anspruch zu nehmen oder sie abzulehnen. Tie jüdischen Eltern haben das Recht, ihre Kinder von der Teilnahme an dem religiösen Teil des Schulprogramms fernzuhalten. In Rom besuchen jüdische Schulen nur etwa 100 Kinder. Tie jüdische Bevölkerung in Italien ist verhältnismäßig gering. Es leben insgesamt 60000 Indien in Italien, davon 15000 in Rom, etwa 10000 in Mailand, 5000 in Triest und etwa 1000 in Neapel. Es erscheint deshalb kaum durchführbar, für die Juden, besonderes in den kleineren Städten, eigene Schulen zu errichten. Bezüglich der jüdischen Schule in Rom haben die Juden bisher keinerlei. Forderung an die Regierung gestellt. In einem Stadtteil von Rom ist eine Abteilung unserer Faschisten-Schulen, die „Balila", jüdisch. An Sabbath-Tagen besuchen etwa 600 Schüler dieser Schulen unter Führung ihrer Beamten und Leiter die Synagoge. Aus die Frage, ob er den Zionismus fördere, erwiderte der Regierungschef Mussolini: Hier in Italien ist der Jude ein freier Mann, ein gleichberechtigter Bürger, ein Italiener. Tie jüdische Gemeinschaft in Italien ist mehr als 2000 Jahre alt; oie älteste in Europa. Ter Jude weinte noch am Grabe Caesars und hat seither durch mehr als 20 Jahrhunderte an der Geschichte dieses Landes in allen ihren Wechselfällen teilgehabt. Auf die Frage, ob an den von Zeit zu Zeit in Zeitungen erscheinenden Mitteilungen, daß Italien irgendwelche Intentionen bezüglich Palästinas hege, etwas Wahres sei, erwiderte Mussolini: Ter Völkerbund hat das Mandat über Palästina Groß? britannien gegeben; Italien hat nicht den Wunsch, sich hier einzumischen. Italien hat nichts dagegen, daß Großbritannien das Mandat behält. gesundes und gottgefälliges Volk in das verheißene Land, das Land der Väter einziehe. Und wenn die verhängten Strafen uns grausam erscheinen, wer könnte sich der Einsicht verschließen, daß sie notwendig und da, wo sie als Kata^- strophen erscheinen, als Strafe Gottes, naturgeboten waren, wie zum Beispiel das Massensterben bei Uebertretung der hygienischen Gebote. Die Erkenntnis, daß die Erziehung eines verwahrlosten Volkes, seine Wehrhastmachung und Führung für eines Menschen Kraft zu schwer sei, veranlaßte eine gesunde Teilung der Arbeit, eine Verteilung der Aemter des Gottes-, Heeres- und Krankendienstes, sowie der Gerichtsbarkeit. Es wurde schon während der Wüstenwanderung das Fundament zum Bau des Staatswesens gelegt, die genaue Verteilung des Landes unter die Stämme Israels vorgenommen, die Gerechtsame bestimmt; es wurden vorbildliche Agrar- und Sozialgesetze gegeben. Diese Zeit zeigt uns das Bild eines werdenden Staatswesens, das überaus interessant, bewundernswürdig und lehrreich ist. Die Frage drängt sich auf: Hieß es nicht, die Erlösung und Freiheit des Volkes Israel zunichte machen durch so strenge und vielfältige Gesetze, Verbote und Strafen? War das unterdrückte Volk einer harten Knechtschaft entronnen, um in eine neue, unerbittliche Fessel eingezwängt zu werden? Wohl scheint es so, und es ist durchaus menschlich, daß das Volk diese Fesseln von Zeit zu Zeit zu sprengen versuchte. Konnte es doch die Motive, die Tragweite und Heilsamkeit dieser Gesetze nicht ermessen, das große Ziel nicht erkennen. Freie Bewohner und Bebauer eines eigenen, gesegneten Landes sollten sie werden, Träger der Gottesidee, ein gefestigtes Bekennervolk inmitten heidnischer Völker, geheiligte, reine Menschen inmitten der Laster der antiken Welt, Gotteskinder und Gottesverkünder. Dazwischen aber lag der Kampf mit den feindlichen Bewohnern der Länder auf ihrem Wege und Kampf mit beit eigenen Lastern. Es mußte eine eiserne Faust, ein starker, überragender Wille sein, der in den Gesetzen und Strafen zum Ausdruck kam und durchgesetzt werden mußte. Wie ergreifend sind die Befürchtungen des sterbenden Mose, seine letzten Roden an das Volk, dem sein großes Herz gehört, und dessen Einzug in das verheißene Land er nach so schweren Jahren nicht miterleben durfte. Aber den berufenen Führer und Nachfolger hatte er in Josua erkannt und ihm das Volk anvertraut. Der Weg von Freiheit zum Gesetz, der in dieser grundlegenden Geschichtsepoche des Volkes Israel bestritten wurde, ist eine geschichtliche Lehre ohnegleichen. Es ist der Weg, den alle Völker gehen müssen, den auch jeder denkende Mensch gehen muß: Aus Enge zur Freiheit, aus FreiheitznrOrdnung und Unterordnung, a u s O r d - nun g zu einer h ö h er en Fr eih ei t auf der Stufenleiter des Fortschritts. Unsere Zeit bedarf dieser Erwägungen wieder mehr als frühere Zeitspannen. Nach den Erschütterungen des Weltkrieges, nach seinen verheerenden Folgen im Völker- und Wirtschaftsleben ringt die Zeit um Neues. Die Selbstbefreiung einzelner Völker hat den Sinn für die Notwendigkeit neuer Staats- und Daseinsformen ausgeschlossen, hat aber als Reaktion aut die Fehler alter Formen neue eiserne Fesseln oder allzu krassen Bruch mit Gewesenem herbeigeführt. Es war ein Werk gesunden Sinnes in Deutschland, dem Chaos durch eine schnell geschaffene, wenn auch verbesserungsbedürftige Verfassung zu steuern. Aber innerhalb der verschiedenen Bovölkerungsgruppen und in den Köpfen vieler Individuen ist die Erkenntnis, daß neue Freiheit neue Gesetze, aber nicht Gesetzlosigkeit verlangt, noch nicht aufgegangen. In allen Gebilden menschlicher Gemeinschaft, in Staat, Ehe, Familie, im Verkehr mit einander sind alte Formen überlebt und neue noch nicht gefunden. Alles steht noch im Kampf, und da es eben Kamps ist, wird Geheiligtes zerschlagen, Glück wird zertreten, enttäuschte Generationen gehen zu Grunde, nie wieder gut zu machende Fchler werden begangen. Das Laster, das so alt. ist, wie die Menschheit selbst, hüllt sich in neue Formen und brüstet sich mit dieser Modernität. Freiheit wird mit Zügellosigkeit verwechselt. Wer wollte leugnen, daß auch die jüdische Welt davon ergriffen wurde? Wir sehen mit Betrübnis einen Teil unserer Jugend diesen Weg gehen, altjüdische Kulturideale zerschlagen. Wir suchen die Neugestaltung der jüdischen Familie auf Gruiü» der Stellung der befreiten, gleichberechtigten Frau und der Rechte der erwachsenen Kinder; wir suchen die neue Form für unser jüdisches Leben, eine Form, die der jüdischen Ethik und unserer Mission entspricht. Und wenn es uns schwer fällt, sie zu finden, so mögen wir die Bücher der Wüstenwanderung Israels lesen und daraus begreifen lernen, auf welche Weise es ein Gottesvolk, ein Volk der Gesittung werden konnte. Und sollte das Buch der Bücher noch nicht deutlich genug sprechen, so möge das Wunder des Frühlings und des Firmaments uns das Letzte sagen, dieses Wunder, das sich immer und immer wieder, nach unverrückbaren, ehernen Gesetzen vor unfern Augen vollzieht, ewig und in Schönheit. Denn keine höhere Schönheit ist, als „frei sein in Gebundenheit"!