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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-05-24 · 21 (24.5.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
21 (24.5.1929)
Date
1929-05-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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* Aus den Gemeinden f * Abterode. (W e d e n k t a fe l w e i h c.) Xcu nenn im Weltkriege gefallenen Mitgliedern unserer Gemeinde ist nun auch eine Gedenktafel errichtet morden. Ter Eullvurf stammt von Reg. Baumeister a. T. und Architekt Sichel, Kassel, die Ausführung lag in den .Händen der Gebrüder Hallo, Kassel. Bei der Einweihungsfeier, die von Gefangen der Lehrer Spier, Abterode, und Bachrach, Eschivegc, umrahmt war, hielt .Kreisrabbiner Tr. Baßfreund, Eschwege, die Gedenkrede, die das Heldentum der auch als Märtyrer im Dienste des Vaterlandes Gefallenen pries. Auch Lehrer Spier richtete mahnende Worte an die Zuhörer, im Geiste der .Helden zu leben, ihr Andenken zu ehren und sie gegen verleumderische Borwürse zu verteidigen. Berlin. (Tie religiöse Rot in den nördlichen Berliner Vororte n.) Von dem Vorsitzenden des Religionsoereins für die nördlichen Vororte, Herrn David Heimann, geheir uns nach stehende Zeilen zu: Es ist erfreulich, festftellen zu können, daß sich neuerdings innerhalb der maßgebenden behördlichen Stellen der Jüdischeu Gemeinde Berlin 'das Bestreben bemerkbar macht, die heran wachsende Jugend auch in den Außenbezirken Groß Berlins näher heraus zuziehen. Es soll die Möglichkeit geschaffen werden» daß sich die Heranwachsende jüdische Generation in eigens hierfür zu schaffenden Räumen fortbildct und sich durch Sport und Turnen körperlich ertüchtigt. Tie jüdische Gemeinde ist bereit, trotz der geiviß nicht günstigen Finanzlage die hierzu erforderlichen Mittel aufzuivenden, weil man der durchaus richtigen Ansicht ist, daß eine derartige Kapitalsanlage unserer Zukunft dient. Zum Zweck der Vorbereitung der praktischen Durchführung der vorgenannten Absicht hatte sich der äußerst rührige Dezernent des Hauptwohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde, Herr Eugen Caspary, am 15. April in .Hermsdorf eiiigefunden, um sich an Ort und Stelle zu informieren und die erforderlichen Unterlagen zu schaffen. ES handelte sich hierbei auch um eine Besichtigung des jüdischen MaiseuhcimS des Israelitischen Fraucn-- vereinS in Hermsdors. Tiefes Haus befindet sich in gemieteten Räumen und soll mit Beihilfe edler Spender angekauft »verden. Die Kinder dieses Waisenhauses geben der durch den Jüdischen Rcligionsvercin der nördlichen Vororte gegründeten Religionsschule in HermSdors das eigentliche Relief. TaS Waisenhaus selbst hat bei der nahe bevorstehenden Entscheidung über die endliche Eingemeindung eine ganz besondere Bedeutung. Tie mit dem Jüdischen Religionsvercin verknüpfte Religionsschule soll sozusagen der Zentralpunkt werden, für die Bildung eines neuen Synagogenbezirkes Hermsdors. Vor kurzem haben sich die Leiter der Religionsschule Hermsdors, Tegel und Reinickendorf zusammengesuiiden und haben eine jüdische Jugendgruppe begründet, die sich selbst verivalten soll und tvelche für die Heranziehung der in den nördlichen Vororten ansässigen Jugend männlichen und weiblichen Geschlechts Sorge tragen soll. Das Haupt- Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde tvird also, sobald die Ein gcmcindungSsrage beschlossen ist, für die Durchführung der neuen Bestrebungen einen bereits vorbereiteten Boden haben. Tie praktische Durchführung stellt inan sich nach dem gestrigen Gedankenaustausch in der Weise vor, daß in .HcrmSdorf in geeigneter Lage besonderes Gelände durch die Jüdische Gemeinde ertvorben tvird, auf welchem sodann die erforderliche Synagoge mit den benötigten Räumen für Religionsunterricht und ein Saal für die notwendigen Beranstal tungen errichtet werden soll. Dieser Saal könnte dann auch für Arbeiten einer geplanten Außenloge des Ordens Bnei Briß verwendet werden. Für den letzteren Zweck dürfte die Groß Loge möglicherweise einen Teil der Mittel zur Verfügung stellen. Ta die Mitglieder der Repräsentantenversammlung in Berlin für die oben erwähnten Bestrebungen das größte Interesse haben, so darf man hoffen, daß der Vorstand der Jüdischen Gemeinde vereint mit der Repräseutantenvcrsammlung bei der praktischen Durchführung der obigen Bestrebungen tatkräftige Hilfe leistet. Bielefeld. (Westfälischer G e in e i n d e t a g.) Am 12. Mai fand in Dortmund in dem schönen neuen Gemeindehaus der Synagogengemeinde der 27. ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemei'iiden Westfalens statt. Voraus ging die Hauptversammlung des in Unna belegenen israelitischen Altersheims in Westfalen, die sich gleichzeitig zu einer kleinen Jubiläumsfeier gestaltete, da das Altersheim in diesem Jahre auf ein 25 jähriges Bestehen zurückblicken kann. Rach Erstattung des üblichen Geschäfts- und Kassenberichts hielt der Vorsitzende des Altersheims, Herr Justizrat Tr. Kempenich Dortmund, einen interessanten Vortrag: „25 Jahre Israelitisches Altersheim in Westfalen". Er schilderte die Schwierigkeiten der Gründung und der ersten Jahre, nur dann daraus hinzu weisen, tvie sich das Altersheim bald den Ruf einer Musteranstalt ertvorben habe, den es noch heute weit und breit besitze. Besondere DankcStvorte »vidmete der Vortragende am Schluß der verdienstvollen Leiterin des Altersheims, Oberin Henriette Karpes, der unter lieberreichung eines hübsch auSgestatteten EhrendivlomS die Ehrenmitglied fchaft im Gefamtvorstand des Altersheims verliehen wurde. Rach einer kurzen Pause eröfsnete der Berbandsvoriitzende Rechtsanivalt Tr. Katzenstein Bielefeld den westfälischen Gemeinderag. Er beglückivünschte zunächst die Gemeinde Dortinund zu ihrem prächtigen neuen .Heim, dessen Schaffung für den in Dortmund herrschenden Gemeiusinn ein schönes Zeugnis «biege. Sodann tvidmere er dein verstorbenen bisherigen ersten Vorsitzenden des Verbandes, Herrn Moritz Liebenseld- Bochum, und dem ebenfalls dahingegangenen Eh een Mitglied des Verwaltnngsausschnsses, Herrn Lehrer und Prediger i. R. Jakob Ostwald Berlin, früher in Witten, die beide vor 38 Jahren Mitbegründer des Gemeindeverbandes waren, ehrende Worte des Gedenkens. Alsdann erstattete er den Geschäftsbericht. Er zeigte darin, daß dem Provinziabverband auch trotz Bestehens deS preußischen Landesverbandes noch ein reiches Arbeitsfeld verblieben fei. Landesverband und Provinzial verband arbeiten Hand in Hand zum Besten der bedürftigen Gemeinden, aber der Provinzialverband muß manchmal helfend cinspringen, wo der Landesverband wegen feiner strengeren Anforderungen versagt, uitb ihm obliegt auch die „nachgehende" Sorge für schwache Gemeinden, die, ohne erst Anträge abzuwarten, überall in der Provinz nach dem Rechten siebt und Rottagen abzuhelfen sucht. Eine kürzlich gehalieue Rundfrage hat ergeben, daß in Westfalen kaum ein schulpflichtiges jüdisches Kind ohne Religionsunterricht ist. Soweit die Feststellungen reichen, liegt der Unterricht fast überall in den Händen von Lehrerir. die zum großen Teit auch als Kultus beamte tätig find, andere Funktionen, insbesondere die Schemita, aber nicht ausüben. Angesichts der Notlage so vieler Gemeinden mahnte der Redner zur Solidarität, zur Aufrechterhaltung und Stärkung der Organisationen, und rügte die vielfach beobachteten Saumseligfeilen in der Beitragszahlung und einige leider vorgekommene Anstrittscrklärungen westfälischer Gemeinden auS dem preußischen Landes verband. Mau muffe aber auch erwarten, daß der Landesverband daS Urteil des Provinzialverbandes über die Rotivendigkeit von Subventionen in noch höherem Maße als bisher gelten kaffe. Rach Erstattung des Kassenberichtes durch Herrn Rabbiner Tr. Kronheim folgten Ergänznngstvahlen zum BerwattungSauSfchuß. Wiedcrgewählt wurden die Herren Dr. Katzenstein-Bielefeld, Goldschmidt Soest, Koppcl- Bamberger-Hamm, Leescr-Tortmund, Jnstizrat Nassau Hagen. Ncugewählt wurden die Herren Konrektor Goldschmidt und Albert Heinemann- Dortmund, Hähnlcin-Bochum, Müller-Minden, Rosenberg-Wittcn. Sodann berichtete Herr Tr. Kronheim-Bieleseld über den gegenwärtigen Stand der Gebetsbuchfrage. Er teilte mit, daß der II. Band (hohe Feiertage) bereits fertig vorliege und der I. Band in den nächsten Wochen erscheinen werde. Ten Gemeinden könne die Einführung deS 1. Bandes unbedenklich empfohlen werden, lvährend die Frage der ignung des II. Bandes für die westfälischen Gemeinden noch nicht anz geklärt sei. Nun folgte ein von Herrn Konrektor Em. Goldschmidtwrtmund erstatteter Bericht über die 5. Tagung des preußischen andesverbandeS am 3. und 4. Februar ds. Js. Auch er mahnte die lemeinden eindringlich zur VerbandStreue und schilderte in anschaucher Weise den Verlaus der Tagung und die Behandlung einiger besonders tvichtiger Fragen, wie Haushaltsplan und Reichsverband, ln die Referate schloß sich nach einer längeren Mittagspause eine recht ebhast angeregte Aussprache, in der von vielen Seiten der Wunsch laut tvurde, daß der Provinzialverband sich noch weitere Gebiete der Betätigung erschließen möge. Breslau. (Sitzung der Gemeindevertretung.) Tie Sitzung der Gemeindevertretung am 15. Mai mußte wiederum nur einem Nachrufe für ein verstorbenes Vorstandsmitglied cingclcitet werden. Ter Vorsitzende, Justizrat Pciser, widmete dem an demselben Nachmittage zur ewigen Ruhe bestatteten Vorsteher Jnstizrat Felir .Hirschberg, welcher der konservativen Partei angchört hat. tief empfundene Gedenkworte. Er betonte, >vie der Verstorbene, der 9 Jahre in der Repräsentanz und ll Jahre im Vorstände gewirkt hat, über alles die Pflicht gesetzt habe und wie es immer schwieriger würde, Männer zu finden, die ihre ganze Kraft der Gemeinde widmen. Tas Gravpflegelegat Bankier Tr. Hugo Sontag und das Jaoczeitlegal Julie Philippsborn gelangten zur Annahme. Dem Gesannnrchiv der Deutschen Juden tvurde ein einmaliger Zuschuß von Mt. BoO,—, zu de» Drucktasten der Arbeit des Studiendirektors Tr. KlibauSkh über den „Judengeschichtlicheil Inhalt deS Breslauer Staatsarchivs" betvilligt. Die Beihilfe zu den Kosten der Ausstellung des Vereins „Jüdisches Museum, E. V.", wurde aus Mk. 1000, - erhöht. Eine längere Aussprache zeitigte die Vorlage des Vorstandes, für das Rechnungsjahr 1929 30 ein Ertra Ordinarium von M1. 20 000,-- zu bilden. Man stimmte der Vorlage des Vorstandes mit der Ab ändern,ig zu. das Ertra Ordinarium nicht aus Anleihemittelu, sondern aus den Mitteln des Berriebsfonds zu bilden. Ferner übernahm die Gemeinde für die jüdische Mittelstandshilsc die selbstschuldnerische Bürgschaft für einen Kredit bis zum Höchstbetrage von Mt. 20 000,— bei der Tarmstädter und Nationalbank und erklärte sich zur Zahlung der Zriiseudissereuz bis zum Höchstbetrage von Mk. 1000, - au§ bem WohksahrlSkonto bereit. Ter „Sozialen Gruppe Breslau für erwerbstätige jüdische Frauen und Mädchen" wurde eine einmalige Beihilfe von Mk. 500, aus den Mehreinnahmen des Wohlfahrtsamtes im Haushaltsjahr 1928 29 gelvährt. Dem jüdischen Wohl-- fahrtSverband für Riederschlesieu wurden aus den gleichen Mitteln Mk. 1500, zur Persüguug gestellt. — In der sich anschließenden geheimen Sitzung wurde für das im -Februar d. I. verstorbeuc Vorstandsmitglied Hancke Justizrat Kalisch (liberal) in den Vorstand gewählt, die Ersatzwahl für daS durch Wegzug ausgeschiedene Vorstandsmitglied Haendler vertagt. Tie Versammlung gab alsdann ihre Zustimmung zum Erwerb eines Grundstückes zur Einrichtung eines Vereins-- und Jugendhauses, daS voraussichtlich zum Oktober dieses Jahres teilweise beziehbar tvird. Schließlich ermächtigte sie den Vorstand zum Abschlüsse eines Allleihevertrages mir der Vcrsorgungskafse der Aerzte Niederschlesiens und Oberschlesiens E. B. in Bresla . Dortmund. (Morgenfeier in der Synagoge am Muttertag.) Anläßlich des Muttertags am 12. Mai veranstaltete die Synagogeugemeinde eine Morgenfeier. Tie Festpredigt hielt Raü biner Tr. Appel unter Hiniveis auf die besondere Bedeutung des Tages. ilmrahmr ivar dieselbe von Orgelvorirägen des Herrn Horn und Gesangsvorträgen von Frau Schild. Tie Morgenseier wies einen außerordentlich starken Besuch aus und hinlerließ in ihrer ergreifenden Schlichtheit einen tiefen Eindruck. Frieddcrg. (Persönliches.) Im 71. Lebensjahr verschied daS Langjährige Mitglied des Gemeindevorstands, der Rechner T. Goldschmidt. Lehrer Seetig ivürdigte am Grabe die Verdienste des Entsch'.aftme» »nährend seiner zwanzigjährigen Tätigkeit im Tienste der Gemeinde. Im Namen der Gemeinde sprach Tr. Rosenthal den Tank für daS pflichttreue Wirken aus, durch das der Heimgegangene sich ein dauerndes Gedenken bei allen Gemeindemitgliedern Gießen. (L e h r e r v e r s a m in 1 u u g.l An: 9. Mai tagte hier die Landeskonferenz der jüdischen Lehrer des AolksftaateS Hessen. Ter zweite Vorsitzende deS Reichsverbandes jüdischer Lehrer, Ttein--- hardt, Magdeburg, sprach am Vorabend in einer von alten jüdischen Vereinigungen Gießens einberufenen öffentlichen Versammlung über „Tic Krisis in der deutschen Judenheit". Tas Verschwinden des jüdischen Mittelstandes infolge der zunehmenden Landflucht, der Proletarisieruilg deS Geschäftsmannes und die Verelendung der Landgemeinden mit den bedauerlichen sozialen Schäden der Gegenwart bildeten Einzelheiten des von den vielen Anwesenden beifällig ausge^ nommenen VorkragS. Bei der eigentlichen Lehrerversammkung tvurde u. a. der Anschluß deS Vereins jüdischer Lehrer im Freistaat .Hessen aii den Reichsverband jüdischer Lehrervereine einmütig beschlossen. Tie beiden jüdischen Gemeinden GießeiiS, die Reiigioiisgemcinde und die Religionsgesellschast, hatten die Teilnehmer der Tagung zu einem Festessen eingeladen. Gleiwih O.-S. (To des sali.) Tie jüdische Gemeinde und mit ihr die weiteste Oesfentlichkeit beklagt den Perlust des bekannten Rechtsanwaltes Engen Lustig, der im 74. Lebensjahre am 20. Mai verstarb. Ter Verewigte war durch 34 Jahre Stadtverordneter der Stadtgemeinde Gleiivitz, dann Abgeordneter m dem schlesischen Provinziallandtag und Ehrenbürger der Stadt Gleiivitz. Ter Kriegerverein, die „Liedertafel", der vaterländische Frauenverein zählt ihn unter seinen Vorstandsmitgliedern. Besondere Verdienste aber hat sich der Verstorbene um den „Deutschen und österr. Alpenverein" in der Sektion Gleiivitz erworben. Er hat diese wichtige Sektion ge gründet, war lange Jahre ihr Vorstandsmitglied und der wichtigste Faktor in dieser alpinen Organisation. Tein Judentume tvar er treu ergeben und hat in seiner reichen Tätigkeit auch hier Gutes geschasien. Fast die ganze Zeit seines Wirkens war er auch Vor standsmitglied der Synagogeugemeinde Gjciwitz. Ter lebendige und beliebte Mann tvird in Gleiivitz sehr schien und der Trauer der jüdischen Gemeinde schließt sich auch die ganze Stadt an. Tie Stadtgemeinde Gleiivitz und auch der „Deutsch österr. Alpen - verein" veröffentlichen lvarmc Nachrufe. Beide sind wichtig für uns, lvenn tvir daS Treiben der Antisemiten entgegenbalten, die immer ivieder vom Neuen die Verdienste der Inden um die Oeffeutlichkeit leugnen wollen. Tie Stadtgemeinde hebt hervor: „Am 30. Oktober 1917 tvurde ihm das Ehrcnbürgerrechj in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um 'die Stadt Gteiwitz verliehen, die höchste Auszeichnung, tvelche eine Stadtverivaltung zu vergeben vermag. Gemeinnützigkeit teniizeichnete fein ganzes öffentliches Wir ken, Wissen und Geschick sicherte ihm den Erfolg und Charakterfestigkeit, gepaart mit ausgleichendem Wesen, verschaffte ihm Achtung und Liebe seiner Mitbürger. Als einer unserer Besten tvird der Verstorbene in der Geschichte unserer Stadt sortlcven!" Was der „Tentsch österr. Alpenvereiu" von den: Verstorbenen rühmen muß. mag angesichts des iingeheiiimten Antisemitismus dieser Vereinigung i:i Deutschland und des Bestrebens die Juden aus dem Verein herauszutreiben, a!S brennende Schmach sestgenagelt werden: Tie Sektion Gleiivitz des „Deutschen uiid österr. Atpeiivereiiis" betont von Lustig in ihrem Nachrufe: . er har die Sektion - deren Gründer er ivar - - auch trotz der schweren .Kriegsjahre und der Wirt schaftlicbeii Nöte der Nachkriegszeit nicht nur in ihrem Bestände erhalten, sondern sie auch zu nn geahnter Blüte eiitivickelt. Tie Sektion uiid der Alpenvereiu danken ihm den Bau der „Gleiwitzcr Hütte" am Hochlenn und die sachkundige Ablage, Erweiterung und Erhaltung eines ausgezeichneten Wegenetzes in unserem Arbeitsgebiete in den .Hohen Tauern. — Von Jugend auf für die hehre Alpenwelt begeistert, hat er eS verstanden, bergsteigeriichen Geist und alpines Streben in Oberschlcsieil zu erwecken und eine große Schar Gleichgesinnter um sich zu schare». — Tiefes Wirken in der Sektion, nicht minder aber seine HerzenSgüie und stete .Hilfsbereitschaft »verden allen, die ihn kannten, unvergeßlich bleiben!" Es sei hervorgehoben, das; alle diese Verdienste um den Alpenverein, den niedrigen Antisemitismus der Leitung in Berlin nur noch schärfer brandmarken! Hvhensalza. (50 jähriges Jubiläum.) Ter in weiten Kreisen in Deutschland in der früheren Ostmark tveit über die Grenzen der Provinz Posen hinaus bekannte und 'beliebte Herr Geheime SanitätSrat Tr. W. Warschauer feierte kürzlich sein 50 sähriqeS Jubiläum in seiner beruflichen Tätigkeit als Arzt. Ter Jubilar, der am 15. Januar 1855 in Posen geboren ist, hat jahrzehntelang in hervorragender Weise eifrig für daS Judentum gewirkt. Rach Beendigung feines BcrufSstudiumS auf der Universität in Berlin und Leipzig praktizierte er kurze Zeit in Berlin und Tremessen und siedelte sodann nach Jnowroclaiv über, >vo er bis zum heutigen Tage deir Beruf a!S Arzt ausübt. Er ist Mitbegründer des früheren kujawischen Aerzlevereius, dessen Vorsitzender er viele Jahre gewesen ist, ebenso ivar er lange Zeit hindurch zweiter Vorsitzender des früheren Aerzrevereins deS Regierungsbezirkes Bromberg. Auch als Vorstandsmitglied der im Jahre 1887 begründeten Aerzlekammcr für die Provinz Posen hat er bis zum Jahre 1919 der Allgeureinheit schätzenswerte Dienste geleistet. Im Jahre 1889 gründete Geheimrat Tr. Warschauer die im damaligen deutschen Osten erste und einzige Heilanstalt, die ul weitesten^ Kreisen aus dem Reiche und auch von der Reichsversicherungsaustalt und Behörden beschickt wurde. Aber nicht nur um BcrusSfragen hat der Jubilar sein großes Julercssc geividmet, sondern er hat auch seine besondere Liebe und Arbeitskraft in musterhaster, hervorragender Weise seine reichen Erfahrungen dem jüdischen Bereinsleben innerhalb der Synagogeugemeinde Hohensalza. Seit Jahrzehnte» gehörte er dem Vorstände der Synagogcngemcinde als stellvertretender Vorsitzender an. Seine besondere Liebe und Arbeitskraft wandte er als Vorsitzender dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur, ferner als Kommiftioiismitglied dem Verein für Krankenpflege und Leichenbestatiung innerhalb der jüdischen Gemeinde zu. An seinem Jubiläumstage wurden .Herrn Geheimrat Tr. Warschauer von nah und fern lvohlverdiente Ehrungen zuteil. Kasse!. (Zwei Fünfzigjährige.) Zlvei im Tienste gemeinnütziger Interessen stehende Mitglieder unserer Gemeinde haben in diesen Tagen ihr fünfzigstes Lebensjahr vollendet. Bankier Albert -Heß bekleidet feU mehreren Jahren das Amt deS Finanzdezerneilterr im Gemeindcältesten Kollegium. Wie sein Baier Moritz .Heß, der mehr als drei Jahrzehnte dem Gemeindevorstand angehörte, hat auch Albert .Heß Zeit und Arbeitskraft gern und freudig in den Dienst der Allgemeinheit gestellt und seine Aufgaben mit oft betvährler Sachkenntnis und Umsicht gelöst. Daß auch bei der Wahl des Vorstandes sein Name mit an erster Stelle genannt wurde, ist der deutlichste Beweis für die Sympathien, deren er sich in allen Schichten der Gemeinde erfreut. Tie besten Wünsche für das eigene Wohl und die ersprießliche Mitarbeit im Gemcindeinteresse begleiten ihn in die künftigen Jahrzehnte. Als Vorsitzender der Ortsgruppe Kassel des EeutralvereinS deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat Rechtsanwalt Tr. Theodor Tellerie, der auch in das sechste Jahrzehnt! eintritt, gemeinnützige Arbeit zur Wahrung jüdischer Interessen häufig mit Erfolg geleistet. Genaue Kenntnis der hessischen und speziell der hessisch jüdischen Verhältnisse hat sich iu seinen Vorträgen und in der literarischen Mitarbeit ost bestens bewährt. Seine Freunde wünschen auch ihm. daß er noch lange seine Ideale pflegen möge. | ★ | Aus der Bewegung § *: ...f„..t Brrslau. (I ü d i f ch l i b e r a l e r I u g c n d v e r e i n „A b r a- Ham Geiger".) Ter Monat Mai brachte den Beginn unserer Sommerarbeil, die gegenüber der sonstigen Arbeit naturgemäß einen eitvas veränderten Charakter trägt. So fand in der Hauptgruppe am Sonntag, den 5. Mai, unsere erste .offizielle Sommenvanderung statt, die die Teilnehmer bei herrlichstem Wetter und entsprechender Stimmung vo» Tyhernsurth nach Obernigk führte. Man vergaß nicht, in ' Tyhernsurth unter der sachverständigen Leitung unseres 1. Vorsitzenden den berühmten alten jüdische» Friedhof zu besichtigen, tvelcher dereinst zwangsweise die Begräbnisstätte der Breslauer Juden bildete. Am 8. Mai fand im Kurgarten ein nettes gemütliches Beisammensein stait. Einen vielversprechenden Anfang bot am 15. Mai unser erster Jnftruktionsabend „Grundlagen und Ziele deS religiösliberalen Judentums". An Hand des gleichnamigen Nordenschen Büchleins uns mit .Hilfe einer neuartigen Methode war eS bereits am 1. Abend möglich, eine größere Anzahl der Kursusteilnehmer zu einwandfreier, selbständiger Erklärung des Gelesenen heranzuziehen. Auf diese Weise tverden alle Teilnehmer auch ivirklich aktiv an der Arbeit beteiligt. Tie Behandlung des Kapitels: „Ter jüdisch-religiöse Liberalismus eine Notwendigkeit für die Erhaltung der jüdischen Religion" bot mit der sich an die Erklärungcii anschließenden Aussprache die Einleitung für die kommenden Abende. An diesen wird der Inhalt der weiteren Kapitel systematisch durchgearbeitet werden. Allen JliS, die näheres über die Handhabung dieser neuartigen JnstruttionSabende erfahren ivollen, geben tvir gern Auskunft. Unsere Jüngeren-Gruppe, deren Mitgliederzahl inzwischen weiter angcwachsen ist, hatte am 7. Mai bei Dr. Lohn einen Lesenachmittag, der durch Rezitationen von Alice Cohn (Jüngercu-Gruppe) auSgesüllr war und moderne Dichtungen behandelte. Am 10. Mai fand bei Bartnitzki ein musikalischer Nachmittag (heitere Musik) statt, der sehr gemütlich Halle a. d. Saale. (V e r e i n i g n n g für das liberale I u d e n l n m.) .Herr Staatsrat a. T. Justizrat Tr. Eohn aus Dessau sprach am 8. Mai d. I. über das Thema: „Welche Kreise umfaßt daS liberale Judentum". Tie Ortsgruppe hatte insbesondere uuiere ostjüdischen Glaubensgenossen zu dem Vortragsabend eingeladen. Während eine sehr große Anzahl unserer Mitglieder trotz des sommerlichen Wetters erschien, folgten die ostjüdischen Glaubensgenossen nur in geringer Anzahl der Einladung. Tie-s ist bedauerlich, tveil ber Vortrag gerade ihre Interessen besonders berührte. Wie man sagt, sollen Führer anderer Gruppen sie zum Fernbleiben veranlaßt haben. Herr Justizrat Tr. Cohn legre die Ziele der liberalen Vereinigung von hoher Warte auS. scharfsinnig und beredt dar. Er führte aus, daß jedes Gemeindemitglied, daß an der Fortentwicklung des Judentums in liberalem Geiste milarbeiten »volle und nicht Zionist sei, in unsere Vereinigung gehöre. Tic Staatsangehörigkeit und das Geburtsland seien gleichegültig. Tie Juden tvürden von außen so bedrängt, daß jeder kleinliche Hader innerhalb der Gemeinde schweigen müsse. Wenn die liberale Vereinigung Zionisten als Mitglieder nicht aufnehme, so habe dies seincn Grund darin, daß wir in dem Judentum eine Menschen aller Rassen und Länder uinspannende Religionsgemeinschaft und in dem Messianismus kein höchstes Endziel erblicke». Das Judentum bilde keine eigene Nation. Tie Errichlung eines jüdischen Nationalstaats bedeute, selbst ivenu sie möglich wäre, keine Lösung der Judenfrage. Ter Zionismus verengere den jüdisch vrovhenschen UniversatismuS in einen künstlichen Nationalismus. Was den Aufbau iu Palästina nnbetreffe, so habe er selbst bei einem Besuche des heiligen Landes sich davon überzeugt, daß dort nur eine begrenzte Anzahl von Juden angesieoelt iverden könnten und daß eS ausgeschlossen sei, dort einen Staat nach dem Programm der Zionisten aufzurichten. AlS weitere Redner sprachen die Herren Joseph Abramowitz und Justizrat Aronsohn. Herr Stadtverord. Jos. Abramowitz wies aus die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller in Betracht kommenden Kreise, soweit sie aus dem Boden unserer Bereinigung stehen, zum Zwecke deS Aufbaues und der Erhalrung der Gemeinde, hin. Redner streifte die Gemeinde-- Politik und erwähnte die Arbeiten und Erfolge der gegenwärtigen Gemeindevertretung. Er regte auch an, von Zeit zu Zeit Gemeindeversammlungen abzuhalten, die geeignet sind, Ausschluß über die Vorgänge in der Gemeinde und insbesondere die notwendigen Ausgaben und die hohen Steuern zu geben, um so etwaige Mißverständnisse zu beseitigen und durch eine Aussprache weitere Kreise zur Mitarbeit an den Vorgängen in der Gemeinde und an der Entwicklung derselben heranzuzichen. Schließlich appellierte der Redner an alle Anwesenden, ein warmeS Herz für soziale Fragen und alle Bcdürf-- uijse auch im Hinblick auf die gegenwärtige Erbauung deS neuen Friedhofes an den Tag zu legen. Justizrat Aronsohn hob insbesondere hervor, daß der jüdische Liberalismus in .Halle a. S. sich stets der ostjüdischen Glaubensgenossen aufs wärmste angenommen habe und daß zu einer Zeit, als die Zionisten hier noch gar nicht wirkte», die WohlsahrtScinrichtungen fast ausschließtich für die ostjüdischen Glaubensgenossen bestimmt waren. Auch über die bloßen Geldunterstützungen hinaus hätte sich die liberale Gemeinde stets ihrer angenommen. ES sei daher völlig verkehrt, wenn heute die Zionisten es so darstellten, als ob sic allein die Interessen der Ostjuden wahrnähmen. Tie Vorträge dauerten bis in die späten Abendstunden hinein und fanden reichen Beifall der zahlreichen Anwesenden. Tie Veranstaltung darf als eine wohlgelungene bezeichnet werden.

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