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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-05-24 · 21 (24.5.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
21 (24.5.1929)
Date
1929-05-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Wirtschaft — so paradox dies klingen mag — darin bestehe, eine besoldete fachmännische Kraft anzustellen. Es erregte Verwunderung, baß dies selbst in manchen größeren Gemeinden, z. B. Würzburg, noch nicht geschehen sei. Frl. Tr. Kronheimer (Zentralwohlfahrtsstclle) legte dar, daß planmäßige Wirtschaft im Wohlfahrtswesen nicht nur als Schutz gegen übermäßige Schnorrerei oder als Ausdruck unserer Armut oder als notwendiges Uebel aufzufassen sei. Sie stelle vielmehr einen hohen positiven Wert dar, denn sie verwirkliche den moralischen Anspruch, den unsere Hilfsbedürftigen an die Hilfeleistung haben. Den Anstaltsleitern, die sich gegen eine Kontrolle durch Personen wandten, die im Anstaltsbetrieb keine Erfahrung haben, wurde zugestanden, daß die Anstaltsbeamten in dem?Ichlauten „Ueberwachungsausschuß" maßgebend vertreten sein ollen. Frau Brode, Berlin, schilderte eingehend die Arbeit der „Jüdischen Not", die seit sechs Jahren durch zentrale Sammlung Mittel beschafft und an die angeschlossenen Anstalten auf Grund der festgestellten Bedürfnisse verteilt. Tr. Lubinski, Berlin, berichtete über dengeglückten Versuch der Berliner Gemeinde, eine Klasse der Mädchen-Mittelschule für 14 Tage in das Seesener Heim zu entsenden. Im Anschluß daran wurde von Rabbiner Dr. Neumark, Duisburg, der Vorschlag gemacht, die vielen Kinder- und Erholungsheime während der Zeit, in der sie teilweise leerstehen, als ^Landschulheim für unsere jüdischen Schulen zu verwenden. Dck Sonntagabend brachte eine öffentliche Kundgebung, zu der sich ein wielhundertköpfiges Publikum im großen Festsaal der Frankfurt-Loge eingefunden hatte. Rabbiner Dr. Baeck, Berlin, der Vorsitzende der Zentralwohlfahrtsstelle, sprach über „soziale Verantwortlichkeit". Der Begriff der Verantwortlichkeit hat in der letzten Zeit auch bei uns Juden eine gewisse Verengerung erfahren. Er wird meist nur noch in Verbindung zum Berus und Amt empfunden. Darüber hinaus ist uns das Gefühl der Verantwortlichkeit in menschlich-sozialer Beziehung vielfach verloren gegangen. Das Gebot der Stunde ist, uns diese persönliche Verantwortlichkeit auf sozialem Gebiet wieder einzuprägen. Jeder ist verpflichtet, das Glück und die Wohlfahrt des Nebenmenschen als seine eigenste und 'persönlichste Aufgabe anzusehen! Tie andere Seite des sozialen Verantwortlichkeitsbewußtseins besteht aber darin, die Grenzen des eigenen Wissens und Könnens zu begreifen, sich auf das zu beschränken, das man wirklich zu vollbringen imstande ist. Wir brauchen auf sozialem Gebiet beides: die Arbeit des Dilettanten, dessen Herz voll Güte ist, auch wenn er einmal von dem Hilfesuchenden getäuscht und betrogen wird, und die Arbeit des Sachkenners, der mit kühlem Verstand und systematischem Wissen an die Probleme herangeht. Tie „Zentralwohlfahrtsstelle" macht es sich zur Aufgabe, jeden Menschen zur persönlichen Hilfeleistung aufzurufen, daneben aber auch die Arbeit der Fachmänner zu fördern. Aus dem Zusammenwirken beider wird dann die rechte Wohlfahrt erwachsen. Frau Bettina Brenner, Leipzig, die Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes, erzählte darauf, was die jüdischen Frauen seit einem Vierteljahrhundert auf sozialem Gebiet geleistet haben, und benutzte die günstige Gelegenheit, auf die beiden bevorstehenden großen Tagungen des Jüdischen Frauenbundes in Hamburg und Berlin aufmerksam zu machen. Ter 3. Redner, Justizrat Tr. Straus (München) wies aus den Zusammenhang der jüdischen Wohlfahrtsarbeit nnd der Gemeindearbeit hin. Eine Wohlfahrtsarbeit, die alle Kräfte produktiviert, und alle Fragen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens in ihr Bereich zieht, dient zugleich der Idee der Erhaltung unserer jüdischen Gemeinden. Voraussetzung für eine lebendige Wohlfahrtsarbeit aber ist die Stärkung des Bewußtseins der jüdischen Gemeinschaft und des Vertrauens in die jüdische Zukunft. Zum Schtrrß zeigte Rabbiner Tr. Horovitz (Frankfurt a. M.), der Vorsitzende des Landesverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen und Hessen-Nassau, daß Religion und soziale Arbeit eng zusammengehören. Das Judentum ist, wie Bibel und Talmud erweisen, eine Religion der sozialen Liebe. Wer dem Armen gibt, lehrt es, gibt Gott. Heute ist nicht mehr die Zeit, Synagogen zu bauen — ein tapferes Wort aus dem Munde eines konservativen Rabbiners! —, sondern Zcdakah zu üben. Tie Aufgabe der Tagung ist es vor allem gewesen, den alljüdischen Geist der Zedakah wieder lebendig zu machen. In engstem Zusammenhang mit der Tagung standen zahlreiche Konferenzen und Besprechungen (eine Borstandssitzung der Zentralwohlsährtsstelle und des Landesverbandes für Hessen und Hessen-Nassau, eine Besprechung der Vorsitzenden, Geschäftsführer und Beamten der jüdischen Wohl-> fahrtsstellen, eine Sonderbesprechung zwischen der Zenträlwohlfährtsstelle, dem Bund der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten und den Krankenschwesternorganisationen über das Thema „Nachwuchs jüdischer Krankenschwestern"). Mehrere Organijationen (der Jüdische Frauenbund, der Hessische Distrikt der Logenschwestern, der Soziale Ausschuß des Rabbinecverbandes) ^benutzten die Anwesenheit vieler Mitglieder in Frankfurt, um besondere Tagungen abzuhalten. Als Ausklang der Bezirkstagung fand eine Besichtigung Frankfurter Wohlsährtsanstalten (Westendheim, Heim Neu- Jfenburg/ statt. Tr. M. S. Judentum und Umwelt Von Siegfried Moses, Liturg i. R. Berlin-Weißensee. „Nicht abschließen, sondern anschließen ist unsere Losung." Man hat oft die Beobachtung machen können, daß wertvolle Jdeenkomplexe, deren geistiger, ethischer und moralischer Wert außer Frage steht, nur darum beiseite geschoben werden, wert die Träger dieser Ideen sich hermetisch gegen den Einfluß der Zeit und Gegenwart abschlossen. Jede Bewegung, die im besten und höchsten Sinne modern bleiben will, muh sich dem geistigen Gehalt der Zeit in Form und Inhalt assimilieren. Auch die Form ist in diesem Zusammenhang wichtig, denn sie ist es, die zuerst veraltet und darum die Menschen der Gegenwart auch dem Inhalt, der an sich lebendig und wertvoll geblieben ist, entfremdet. Auch Wahrheiten von unbestrittener Unvergänglichkeit müssen in die Sprache der Gegenwart gekleidet sein, weil sie sonst den lebendigen Zusammenhang mit den Menschen der Gegenwart verlieren. Diese Gefahr ist besonders gegeben für Fragen des religiösen Kultus, in denen die Aufnahme moderner Ideen vielfach dem Widerspruch derer begegnet, die glauben, daß damit die Grundlage der Lehre eine unstatthafte und unerwünschte Umwandlung erfahre. Solche Anschauungen sind sowohl dem Geiste der Entwicklung als auch besonders dem jüdischen Haben Sie schon einen Hilfsfonds -Beitrag eingezahlt? Ueberweisen Sie sogleich- RM 10,— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V.", Berlin No. 137069 Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnellI Geiste abträglich — sie sind an sich unjüdisch. Schon der Talmud verschließt sich, wie untenstehende Stellen beweisen, der Aufnahme fremder Ideen durchaus nicht prinzipiell — er erklärt sie sogar des öfteren für wünschenswert und im Interesse des Judentums gelegen. Tie Erstarrung des Judmtums in überlieferten Ideen sollte schon durch den Umstand hintangehalten werden, daß hier keine Priesterkaste den Schatz allein zu wahren hat, hier keine Priesterkaste den Schatz allein zu wahren hat, sondern daß hier — anders als in anderen religiösen Gemeinschaften - dem Laientum jeder Einfluß.gewährt ist. Das tut der Würde des geistlichen Standes keinerlei Abbruch, da bei uns nicht das Amt die Würde verleiht, sondern umgekehrt, die Persönlichkeit, die Gelehrsamkeit und untadeliges Leben. Weder das Judentum noch der geistliche Stand fahren dabei schlecht. Das Laientum, das mit seiner Zeit naturgemäß immer tu stärkerem Konnex steht als der in seine Ideenwelt eingesponnene Theologe, wird also ganz von selbst Ideen der Zeit zur Geltung zu bringen versuchen. Aber es hat darüber hinaus auch an Geistlichen nicht gefehlt, die zu solchen Anschauungen sich bekannten und dem- , gemäß der Entwicklung des Judentums in dieser Richtung Bahnbrecher waren. Der in weiten Kreisen bekannte glänzende Essayst und bedeutende Kanzelredner Rabbiner Dr. Rippner war in seinen Lehren, Reden und Schriften der Typus eines solchen Geistlichen, der der Synthese zwischen Judentum und Umwelt immer und immer wieder das Wort redete. Obwohl seit seinem Ableben schon mehr als 30 Jahre vergangen sind, wirken Zitate aus seinen Predigten als seien sie heute geschrieben. Man lese nur die folgenden, seinen Predigten entnommenen Stellen. „Und wenn in anderen Bekenntnissen immer mächtiger der Wunsch rege wird, daß die Gemeinden Einfluß gewinnen avr die Gestaltung des religiösen Lebens, nun, so darf sich daS Judentum dessen rühmen, daß diese Errungenschaft in seiner Mitte scho nviele Jahrhunderte alt ist. Seitdem die Mauern des Tempels gefallen, ist auch die Schranke gefallen, welche Priester und Laien trennt, seitdem gibt es nur Lehrer, aber keine Priester, man ehrt das Wissen aber nicht die Würde, die Ordnung des Lebens nach der religiösen Pflicht ist dieselbe für alle, mögen sie nun auf der Werkstatt oder auf der Kanzel ihrem Beruf obliegen. Tie Lehre, die uns Mose befohlen, ist ein Erbgut der Gemeinde Jakobs, Israel wird seinem Berufe untreu, welcher ist ein Priestervolk zu sein, wenn es den Schatz-, der allen anvertraut ist, der Obhut einer Klasse übergäbe. Ehjeh, der die Völker nicht scheidet, kann umsoweniger eine Scheidewand innerhalb eines bestrmmten Volkes gelten lassen." * * * * „Wem von jenen, die auch nur oberflächlich die Thora des Moses und die spätere Gestaltung des Judentums mit allen seinen Regeln und Formeln und Ordnungen und Bräuchen verglichen haben, ist njcht schon der Gedanke gekommen, daß Mose, wenn er heute wieder Herabstiege zu denen, die sich doch zu seiner Lehre bekennen, sich bei den Seinen garnicht mehr zurecht finden, daß Mose den Mosaismus nicht wieder erkennen würde. Zur Zeit, als die Juden aus Spanien vertrieben wurden und viele, um sich vor diesem Schicksal zu schützen, fich dem Bekenntnis des Landes anschlossen, kam der Fall vor, daß nur das Lesen der heiligen Schrift einen Sprößling ehemaliger Israeliten für das Judentum begeisterte und ihn bestimmte, Spanien zu verlassen und ein Land aufzusuchen, in welchem die Juden ihrem Glauben frei leben konnten. Wie groß aber war sein Erstaunen und fdin Erschrecken, als er nach der Ueberwindung großer Gefahren wieder ein Genosse des alten Glaubens wurde und die Thora des Moses vergleichen konnte mit dem religiösen Leben seiner Genossen und der ursprüngliche Kern vor den vielen Schalen gar nicht wieder zu erkennen war! Es ist zweifellos gut, einen Zaun um einen blühenden Garten zu errichten, daß die prächtigen Beete nicht zer- Jlja Ehrenburg: «Das bewegte Leben des Laflk Roitschwantz-.*) Tie literarische Urgestalt, die unter höllischem Gelächter vieler Generationen den Widerspruch zwischen Wort und Handlung, zwischen wirklichem Leben und Gestaltung ausgedeckt, die in unzähligen Schwänken unphilosophisch das Wortbild aus seinen buchstäblichen Wert herabgedrückt hat, lebt ber den Deutschen immer noch. Es ist: Till Eülenspiegel! Nebenbei: Eulenspiegel ist eine Zeitgestalt, die uns über seine Schwankmacherei doch auch ein Stück mittelalterlichen Lebens uttd mittelalterlicher Kultur aufzeigt. Tie moderne Zeit hat Eülenspiegel und seine Methode nicht vergessen. Sie ist über den „braven Soldaten Schwejk" in den „bewegten" Lasik Roitschwantz eingegangen. Eulenft iegel war ein rechter Deutscher, Schwejk ein echter Czeche rniib „gelernter" Altösterreicher dazu — — Roitschwantz ist ein Jude. Ein Jude aus dem Beginn des bolschewistischen Rußland. Eülenspiegel versinnbildlicht den Schalk, der sich über die vermögenden Handwerks- und Stadtherren und gelehrten Magister seiner Zeit lustig macht. Schwejk den vertrottelten Soldaten, der tausendmal gescheiter als seine „gescheiten" Befehlshaber, durch aktive und passive wörtliche Befolgung ihrer Befehle, alles Bürokratische und Militaristische und alles Oesterreichische unter Hohnlachen ad absurdum führt. Roitschwantz ist eine höhere Synthese! Er, der aus fügsamstein Willen und ehrlichem Eifer, vermischt mit Hunger, überall, Überall anstötzt, bleibt nicht mehr bei e i n e r Kaste, bei einem Staat oder bet einer politischen Erscheinung stehen! Fast das gesamte Kulturleben, wenigstens in seinen bedeutenderen Abwandlungen, erfaßt ihn in seinem „bewegten" Leben und prügelt ihn bald abenteuerlich, bald lächerlich, bald schmerzlich erbarmungslos. Und er macht sich immer über sich und die anderen unwillkürlich lustig. Ueberall, wie sein erlauchter Urahne Till Eulenspiegel, kann er das Wort, das sich heute in einer These, in einem Programm, m ethischen, religiösen, politischen, moralischen und sozialm Grundsätzen breitmacht, durch seine minutiöseste Auffassung und Befolgung, weit über m) Erschienen im Rhein-Verlag: Basel, Zürich- Leipzig, Paris, Strahburg. Aus dem Russischen übertragen von W. Jottos. Till und Schwejk in seiner Hohlheit entlarven. Und so bekommen wir eine lustige Kulturkritik unserer Welt, die doppelt tragisch-lustig wird, weil sie stets mit stärkstem Untertonätzenden jüdischen Witzes versehen ist. Nicht zum wenigsten ist dieser Witz jüdische Selbstironie und hundert lustige, gescheite Ghettogeschichten, Talmudvergleiche und ständige Erinnerung an das jüdische Leben im Ghetto färben die komischen Erlebnisse und Aeußerungen Lasik Roitschwantzs, die trotzdem einen sehr ernsten Hintergrund haben, für den, der sie zu deuten weih. Teils ist Lasik Roitschwantz eine lachende Reaktion des Ghettojuden auf die neue Situation im Bolschewismus, andererseits und darüber weit hinaus erprobt er sich in einer Art von jüdisch-welthistorischem Witz, oder jüdischem Witz an der Wellhistorie alles tönenden Phrasen-Unfugs der „Kultur" unserer heutigen Zeit. Auch das untrügliche GhettojudLntum und das Judentum, das seine ghettohaste, innere Einstellung mit einem modern-literarischen Mäntelchen behängen lvill, und nicht zuletzt und nicht minder treffsicher selbst das nationale Gebilde der Zionisten in Palästina werden zur Zielscherbe seiner lächelnden Satire. Bolschewisten, Juden, Liebe, Religion, Deutschland, Polen, Franzosen, Engländer, Zionisten, Proletarier und Kapitalisten, Gericht und Strafvollzug und hundert andere Dinge dienen ihm als Objekt. Dem zionistischen Wesen widmet er die lustigen Kapitel, gleich drei (38., 39., 40.). Und schließlich stirbt er, der arme Roitschwantz, bei Rahels Grad. Tort endet das „bewegte" Leben Roitschwantzs. Sein Leben war im doppelten Sinne „bewegt". Nirgends zu Hause und niemals ruhig und „bewegt" von innerlichsten Gefühlen! Und Jlja Ehrenburg beerdigt rhn mit der Grabschrist: „Ruhe in Fneden, armer Roitschwantz! Länger wirst du nicht von der großen Gerechtigkeit träumen und auch nicht von einem Zipfelchen Wurst!" — — ~~ Ein vergnügliches und dabei nachdenkliches Buch! Voll Lachen, aber auch voll verhaltener Kritik und voller Sprachkunst. In einem Vorwort teilt der Uebersetzer mit, was der Kunst-Inhalt dieser, in ihrer Eigenart für Fremde ne um, für Juden aber nicht ganz unbekannten, Sprachschöpsung ist. Lasik ist ein Ghettojude, talmudisch aufgezogen." Tie Verheerungen, die das nme bolschewistische Pathos beim Einbruch in die abgeschlossme Mische Borstellungswelt anrichtet, sind enorm. Tie Phraseologie des unverdauten Marxismus und Leninismus vermischt sich unmittelbar mit der altjüdischen Lebenstlugheit!" Das gibt eine neue Form und eine neue sprachliche Behandlungsweise, die durchaus' ironisch und künstlerisch ist. Schließlich hat man die Empfindung, daß die Sprache Roitschwantzs Rettung ist. In aller Verwirrung und allem Erleben: „Sie ist das wichtigste Element dieses Romanes, der nicht nur Persiflage, sondern zugleich Traum ist." Aber kein Traum mit mystischem Inhalte, sondern ein Traum aus dem wir lächelnd und irgendwie angeregt erwachen! * Damit wäre ja meine herzliche Empfehlung für das außerordentliche Buch, des berühmten jüdischen Dichters Jlja Ehcenbucg fast zu Ende! Aber vom jüdischen Standpunkte habe ich noch einige Bemerkungen meiner Kritik anzuhängen. Es gibt jüdische Kritiker, die dieser „empfindsamen Reise" des „bewegten" Lasik Roitschwantz, gerne zugestehen wollen, daß sie lustig und gescheit ist und Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung mit einem Hellen, jüdischen Spott vermischt. Aber alles in der Welt darf man kritisieren und mit gütig zwinkernden Schalksaugen anschen - — — nur das Judentum, lies: Ghettojudmtum, nicht! Das ist unverletzlich! Trotzdem es so viel Handhaben zur Selbstironie gibt! Und sie wollen mit ihrer putzigen Mentalität... nur Roitschwantz ist ihr gewachsen... die Absichten Ehrenburgs mißverstehen! Bis zum letzten Atemzug ist Roitschwantz Jude, allerdings kritisch« Jude. Er sprüht von jüdischem Witz, alles ist köstlich von ihm in Besitz genommen... nur bei dem anachronistischen Ghettojudentum soll er stehen bleiben und sich verbeugen... und da sollen seine überschauen Augen nichts sehen. Das vertragen arme, jüdische Herzen mit der Feder nicht! Und so gibt es Juden und jüdische Kritiker, die gegen dieses Buch schweres Geschütz, auffahren und ihm jüdisches Verstehen absprechen! Auf solche „Juden" nimmt natürlich Roitschwantz in seinem ganzen Leben keine Rücksicht, wie er auch keine Rücksichten nimmt auf alles andere der anderen Konfession! Er hat ja Größeres als das Ghetto im Auge, auch Luftigeres! Seine Grabschrist sagt alles: Er war glühend vor Gerechtigkeitssehnsucht und hatte dabei ewigen unstillbaren. Materiellen Hunger! Wie soll man da nicht ein Philosoph werden... wenn man dazu Jude ist? Gerade so sollen ihn alle, aber zuerst jüdische, fortschrittliche Leser verstehen! Sei mir gegrüßt, munterer, kluger, aber so hungriger Lasü Roitschwantz! Siegmund Reis- Hindenburg.

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