Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 20 (17.5.1929)
- Date
- 1929-05-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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s. Jahrgang Nummer 20 JMchMraleZeitung Beilage 17. Mai 1929 Umschau Die Frau im Synagogenleben Amerikas. Von Rabbiner Max Malina aus New York, dem geistigen Führer der einzigen deutschen Gemeinde in Amerika, dem „German Jewish Center", geht uns der folgende interessante Bericht zu: Das Judentum lebendig und den Juden aktiv zu machen, ist Zweck und Ziel aller Reformbestrebungen. Die im Verbor^- qcnen schlummernden jüdischen Kräfte zu erwecken, Aufgabe der Rabbiner und Lehrer der Gemeinden. In Erfüllung dieser Erkenntnis war seit 1850, dem Beginn der Wirksamkeit des genialen Begründers des amerikanischen Reformjudentums Jsaac M. Wise, das jüdische Amerika führend. Ohne nach rechts und links zu schauen, schuf man ein Judentum, das, fest verankert in der Tradition, dennoch den Forderungen der geistigen Zeitentwicklung Rechnung trug. Wie recht es war, was die Führer des amerikanischen Judentums geschaffen haben, beweist die Tatsache, daß das liberale Judentum in Deutschland in vielen Dingen gerade jetzt seine gottesdienstliche Art dem amerikanischen Gebrauche anpaßt. Mit einer Neueinführung im Gottesdienst trat die Central-Synagoge in New York, dessen Rabbi Dr. Jonah B. Wise der jüngste Sohn von Jsaac M. Wise ist, am Sabbat vor Purim vor die Oeffentlichkeit. Bekanntlich hat jede Synagogengemeinde eine Schwesternschaft, d. h. eine Vereinigung der Frauen, deren Männer Mitglieder der Gemeinden sind. Diese Frauenvereinigungen leisten ganz ausgezeichnete Arbeit auf allen Gebieten des öffentlichen jüdischen Lebens, und wenn von den Hilfsaktionen für Europa gesprochen wird, muß den Schwesternschaften der Löwenanteil an dieser Arbeit zuerkannt werden. — Die Schwesternschaft der JLentral-Synagoge übernahm nun an diesem Sabbat den Hauptteil der gottesdienstlichen Funktionen. Nach der Schriftverlesung durch den Kantor trug eine der Damen die englische Uebersetzung des verlesenen Schriftabschnittes vor, eine andere Dame sprach die Haftarah und das Landesgebet. "Nach dem Einheben der Thora hielt die Präsidentin der Schwesternschaft, Mrs. Henry Goldstone, die Predigt. In Anlehnung an die Persönlichkeit der Königin Ester behandelte sie die Pflicht der jüdischen Frau im öffentlichen Leben. Ebenso forderte sie von der jüdischen Frau die Beachtung der Sabbatheiligung und die religiöse Erziehung der Jugend. Die schlichte Einfachheit, in der sie predigte, ermahnte und forderte, verfehlte ihre Wirkung nicht. Man fühlte, diese Frau spricht, was sie als richtig erkannt hat. Die Andacht war umrahmt von Chor- und Sologesängen mit Orgelbegleitung. Sie hinterließ bei allen Besuchern einen nachhaltigen Eindruck, der sich durch verstärkte Aktivität im Gemeindeleben zeigen wird. Claude Monleftores Stellung zum Zionismus. Tie Liga der britischen Juden hielt, wie die Jta berichtet, am 7. Mai ihre ordentliche Jahresversammlung ab. Ter Präsident Lionel de Rothschild führte aus, die Mitglieder der Liga seien auch heute noch jenen Prinzipien treu, die für die Gründung der Liga maßgebend waren. Er möchte auf das interessante Experiment Hinweisen, dem Rat der Zionistischen Organisation eine Quote von Nichtzionisten beizufügen, er wünsche allen jenen Erfolg, die in Palästina gute Arbeit leisten wollen, er persönlich sei zu sehr in charitativen Werken nicht allein der jüdischen Gemeinde, sondern auch des ganzen Landes, in dem er wohne, beschäftigt, als daß er noch an der zionistischen Organisation oder an der Arbeit in Palästina teilnehmen könnte. Es sei, glaube er, nicht Sache der Liga, an der neuen Bewegung teilzunehmen und Gelder aufzubringen, die die Zionisten allein nicht beschaffen können. Dr. Claude G. MoMfiore führte aus, er habe bei früheren Jahresversammlungen über die Prinzipien und Ideale der Liga gesprochen; heute wolle er über ein Thema sprechen, das schwierig, delikat und strittig ist. Er spreche aber für sich allein, denn er wisse, daß seine Ansichten nicht mit denen einiger seiner Kollegen übereinstimmen, die trotzdem ebenso gute Mitglieder der Liga sind wie er selbst. Es gebe verschiodene Zionisten: politische Zionisten, nationale Zionisten, Kullurzionisten, Sentimentszionisten; es gäbe auch Halbzionisten und Nichtzionisten, die mit Rhetorik und Eleganz die Zionisten in einer glühenden und heiligen Alliance umarmen. Demgegenüber ist es nicht überflüssig, zu betonen, daß Menschen, die an den Prinzipien und Idealen der Liga gemeinsam sesthalten, nichtsdestoweniger über das Thema Palästina und Jüdisches Nationalheim nicht alle gleicher Meinung find. Wenn er gefragt würde, warum er, obwohl kein Anti-Palästinenfer, doch ein ausgesprochener Antizionist ist, so werde er folgendes antworten: Würde es sich bloß darum handeln, unglückliche Juden nach Palästina zu bringen, damit sie dort glücklich leben und schöpferische Arbeit in Wissenschaft, Kunst, Literatur, Ethik und Religion vollbringen, er würde „Ja" sagen. Wogegen er sich wende, daß sei das nationale Moment, die Forderung nach dem Nationalheim. Diese ungeschickten und schlecht gewählten Worte, die zweifellos verhältnismäßig unschuldig interpretiert werden können — wie z. B. in dem berühmten Weißbuch, wo der Ausdruck in einer an Harmlosigkeit grenzenden Weise umschrieben wurde — erwecken in den Geistern vieler Juden nationalistische Hoffnungen und Ziele, die seiner Meinung nach für die große Masse der Juden überall nicht von Vorteil seien und auch nicht gut für eine fruchtbare Entwicklung der jüdischen Religion in all ihrer Reinheit und Größe. Es wurde ihm gesagt, daß die Zionisten „nachzugeben begonnen haben. Er sei aber dessen nicht so sicher. Die Führer des Zionismus und besonders der oberste Führer, wahrscheinlich der fähigste der heute lebenden Juden, seien kluge Taktiker. Im Herzen bleiben sie Nationalisten. In der zionistischen Presse wird die Idee entwickelt, daß die Juden ein Volk sind, nicht weniger als Dänen oder Schweden; so wird mit allen zu Gebote stehenden Mitteln ein Separatismus gefördert. Die Religion bleibt im Hintergrund. Tie sentimentalen Nicht- oder Halbzionisten sind als nützliche Bundesgenossen willkommen, sie werden den ihnen gebührenden Platz zugewiesen erhalten. Aber hat der große Führer, dessen außergewöhnliche Fähigkeit, unermüdliche Hingabe und aufopfernde Reinheit in der Befolgung seiner Ziele jeder bewundern muß, seinen Nationalismus aufgegeben? So lange der Nationalismus nicht abgeschafst sei, so lange für die Zionisten der Zweck der fortdauernden Existenz nicht allein die Religion sei, so lange sie nicht das Prinzip der Evolution der Juden als einer religiösen Gemeinschaft höher stellen als die frühe Uebergangsstufe der Juden als Volk und Nation, so lange werde er, Redner, Antizionist bleiben; so lange werde er sich weigern, irgendeinen Anteil an einer Bewegung zu nehmen, die Aspirationen und Ideale fördert, die er für gefährlich und rückschrittlich hält; so lange werde er mit Eifer bei der Liga stehen und ihre Fortdauer wünschen. Jüdische Kandidaten für das englische Parlament. Innerhalb aller drei englischen Parteien kandidiert eine beträchtliche Zahl Juden in das Unterhaus. Von den konservativen jüdischen Kandidaten sind zu nennen der Unterstaatssekretär beim Schatzamt M. A. Samuel, der Unterstaatssekretär für das Luftfahrtwesen Sir Philip Sassoon, Samuel Samuel, Sir Walter D. Frece, Major I. B. Brulel-Cohen und Major Isidor Salmon, die bereits dem jetzigen Unterhaus angehören, sowie die Herren S. Gluckstein, L. H. Gluckstein, Samuel H. I. Salomon und Bloch, die neu kandidieren. Von den jüdischen Kandidaten der Arbeiterpartei sind zu nennen der frühere Arbeiterminister Shinwell und Colonel Day, die dem jetzigen Parlament angehören, und die neu Kandidierenden C. E. Spero, L. Spero, G. R. Strauß, I. H. Baum und M. Marcus. Auf dem Programm der liberalen Partei kandidieren außer den bisherigen Parlamentsmitgliedern P. A. Harris, E. A. Strauß und Major Hore-Belisha noch Sir Samuel, Major H. L. Nathan, L. B. Franklin, L. Freedman, M. I. Landa, H. B. Mackower, C. Picciotto, S. Teff, Philip Guedalla, Marcus Lipton, W. E. Baron, Oberstleutnant C. Waley-Cohen, S. Philips, R. G. Liverman und S. I. Cohen. Moses Mendelssohn-Feiern. Ter Vorstand der Jüdischen Gemeinde hat aus Anlaß des 200. Geburtstages von Moses Mendelssohn (6. September 1929) einige größere Veranstaltungen beschlossen. Zunächst soll in den Räumen der Preußischen Staatsbibliothek eine Moses Mendelssohn-Ausstellung der Preußischen Staatsbibliothek und der Jüdischen Gemeinde veranstaltet werden. Tie Ausstellung wird Moses Mendelssohn und seinen Kreis darstellen. Tie Eröffnung ist für Anfang September in Aussicht genommen. Dieser Ausstellung werden Druckwerke, Handschriften, Bilder und Moses Mendelssohn-Andenken aller Art zur Verfügung stehen. Am Sonnabend, den 7. September, werden in sämtlichen Gemeinde-Synagogen Festgottesdienste mit Predigten stattfinden. Für Sonntag, den 8. September, ist eine öffentliche Kundgebung geplant. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde wird anregen, daß diese Kundgebung in Gemeinschaft mit der Akademie für die Wissenschaft des Judentums und mit der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Juden¬ Haben Sie schon einen Hilfsfonds -Beitrag eingezahlt $ Ueberweisen Sie sogleich- RM 10,— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V.", Berlin No. 3 37069 Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! Vereisipiig für liberale Judentum E. V. tums veranstaltet wird. Es werden hierzu die Behörden des Reichs, des Staates und der Stadt, sowie alle in Betracht kommenden jüdischen Organisationen und Persönlichkeiten eirigeladen werden. Es sind Ansprachen der Vertreter der Behörden und der Gemeinde, sowie ein Festvortrag eitles jüdischen Gelehrten über Moses Mendelssohn vorgesehen. In den Gemeindeschulen werden gleichfalls Feiern stattfinden; an die Schüler und die Schülerinnen der Gemcindeschulen sollen geeignete Mendelssohn-Bücher verteilt werden. Das Gemeinde-Blatt wird eine Festnummer herausgeben. Beim Rundfunk wird ein Vortrag über Mendelssohn und im Staatstheater die Aufführung von Lessings „Nathan der Weise" angeregt werden. Das Grab von Moses Mendelssohn, das sich aus dem Friedhof in der Großen Hamburger Straße befindet, wird entsprechend hergerichtet und am Gedenktage ausgeschmückt werden. Ter AuLwaltderer-Fürsorgedienst des Hiijsvereliis. In diesen Tagen ist wieder eine neue Nummer des „Korrespondenzblattes über Wanderungs- und Siedlungswesen", das der Hilfsverein der Deutschen Juden in Fortsetzung entsprechender Vorkriegspublikationen seit 1922 herausgibt, erschienen. Eingehend wird über die Einschränkung der Einwanderung in überseeischen Ländern — Canada, Vereinigte Staaten, Australien — und die Jmmigrationspolitir dieser Staaten berichtet, die ein Quotensystem zu ungunsten der Emigranten aus Osteuropa eingeführt haben oder aus gleichen Gründen aus bestimmten Ländern des Ostens nur die Einwanderung von Angehörigen einiger weniger Berufsgruppen zulassen. Dem Korrespondenzblatt ist nachfolgende statistische Uebersicht über den Auswandererfürsorgedienst des Hilfsvereins entnommen: Im Jahre 1928 passierten Berlin: Schlesischer Bahnhof, Bahnhofsdienst des Hilfsvereins (Aus- und Rückwanderers 29693 Personen, und zwar 16 592 Männer, 8 818 Frauen, 4 283 Kinder. (Nichtjuden 10 049.) Im Büro der Zentrale des Hilfsvereins in Berlin fanden Beratung und Hilfe 997 Personen. Ihren Weg nahmen über Stentsch (deutsch-polnische Grenze) 7 397 Personen, über Osnabrück 935 Personen, über Hamburg (im Ueberseeheim logierten) 2 524 Personen, außerhalb des Ueberseeheims etwa 560 Personen, über Bremen (nach privaten Feststellungen) 800 Personen. Den unglücklichen russischen Emigranten, die sich seit dem Jahre 1923 in Bremen und Hamburg befinden, wo sie noch immer auf das Visum nach den Vereinigten Staaten warten, leistet der Hilfsverein nach wie vor Beistand. Aus dem Korrespondenzblatt geht hervor, daß die Arbeit des Hilfsvereins auf dem Gebiete der Auswandererfürsorge, die an und für sich infolge der Nachkriegsverhältnisse viel komplizierter ist als in früheren Jahren, sich erweitert hat. Durch seine ungemein wichtige Fürsorgetätigkeit entlastet er in hohem Maße jüdische Gemeinden und Institutionen in Deutschland. Liberale Blätter Zum ersten Jahrgang. „Gegenseitige Beweihräucherung" wird mit Recht al eine in unserer jüdischen Oeffentlichkeit besonders verbreitet Unsitte bezeichnet, die sich bei allen Tagungen, Jubiläen usw. zeigt, — ja, manchmal macht man geradezu Jubiläen, um diesem Laster frönen zu können. Wer daran nicht mittun will, wird sich's fünfmal überlegen, ehe er die Feder zu einem Jubiläums-Artikcl ansctzt. Und doch: es wär Unterlassungssünde, wollte man den Abschluß des ersten Jahrgangs der „Liberalen Blätter", des „Frankfurter Organs für jüdischliberale Interessen", mit Stillschweigen übergehen. Das Blatt bezeichnet sich als das offizielle Mitteilungsblatt der in Frankfurt ,a. M. bestehenden vier liberalen Organisationen, des „Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben e. V.", des „Vereins Hauptsynagoge", des „Vereins Westendsynagogc" und der „Jüdisch-liberalen Jugendgemeinschaft (Jli)". H er au s g e g e b e n wird es vom Jli, gegründet und geleitet wurde und wird es vom Vorsitzenden des Frankfurter Jli, der zugleich Vorsitzender der „Arge" (Arbeitsgemein-- schaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands) ist, Herrn Tr. Hugo H o f f m a n n , dessen zäher Energie und nimmermüder Schaffensfreudigkeit der Liberalismus viele seiner Erfolge und Leistungen zu danken hat, darunter eben auch diese „greifbarste" Leistung, die Liberalen Blätter. Dieses Organ erfüllt alle Anforderungen, die man an ein jüdisches Blatt zu stellen berechtigt ist: es hat wertvolle Artikel, es bringt aktuelle Nachrichten, es gibt schöpferische Anregungen, und es füllt einen Platz im Frankfurter jüdischen Leben aus. — Bedenkt man, daß der Begründer und Schriftleiter eine nicht kleine Berufspraxis zu versehen hat, der Frankfurter Gemcindevertretung angehört, den „Jli" und die „Arge" leitet und noch sonst in allgemeinen und jüdischen Körperschaften mitarbeitet, so muß man wohl dankbar sein für das Uebermaß von Arbeitskraft, welches zu allem hinzu hier ein Organ geschaffen hat, wie es von einem Schriftleiter von Beruf bei den äußerst geringen zur Verfügung stehenden Mitteln auch nicht besser herausgebracht werden könnte. Es ist hier nicht der Ort, die Artikel im einzelnen zu ln sprechen. Nur allgemein kann gesagt werden, daß die nan Haftesten Schriftsteller des jüdischen Liberalismus ihre Mi arbeit zur Verfügung gestellt haben, und daß wir neben ai bewährten Bekannten (Gottschalk, Vogelstein, .Hermann Fa kenberg, Paula Oltendorff, Edith Falk) auch neuen Autore begegnet sind, von denen zum Teil auch der Versuch eine gänzlichen Neuprägung des Liberalismus unternommen mordet ist. Solcherart leistet unser Frankfurter Bruderorgan in seine. Bezirk wertvolle, ja ganz unentbehrliche Pionierarbeit fiu das liberale Judentum; und die vorerwähnten vier Organisationen, deren Mitteilungsblatt die „Liberalen Blätter" sind, sollen hiermit aufgefordert sein, dem bewährten Schriftleiter jede Mithilfe zu gewähren, damit er mit unverminderter Schaffensfreudigkeit seine Arbeit für den nun folgenden zweiten Jahrgang beginnen kann. „Ueber's Jahr, über's Jahr grüßen wir uns wieder." George G o e tz. Etwas mehr Sachlichkeit! Tas neueste (XIX.) Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft enthält als erstes einen Aufsatz des Prager Historikers S. H. Lieben über „David Oppenheim". Selbstverständlich gedenkt der Autor auch der wertvollen Bibliothek, die dieser Prager Rabbiner als eifriger und verständnisvoller Bibliophile gesammelt und die nach wechsclvollen Schicksalen in den Besitz der Universität Oxford gelangte, nachdem man sich vergebens bemüht hatte, sie für Deutschland zu erhalten. „Fast scheint es --- schreibt Lieben —, das; die damaligen reichen Juden Berlins, die sämtlich den Kreisen der Aufklärung angehörten, dieses glänzende, risikolose Geschäft ausschlugen, weil es zu jüdisch war." Dabei bemerkt aber der Autor wenige Zeilen vorher, daß zwei maßgebende Führer der Berliner Aufklärer ernstlich bemüht waren, die Bibliothek vor der Verschleppung ins Ausland zu bewahren. „Daniel Jtzig wollte sie ankausen, David Friedländer zu dem Zwecke eine Aktiengesellschaft gründen." Sicher gab es zu jener Zeit in Berlin und anderwärts auch reiche gesetzestreue Juden, die in gleicher Weise wie die „Aufklärer" verpflichtet gewesen wären, diese wertvolle Bibliothek für Deutschland zu erhalten. Welche Schritte aber damals in dieser Hinsicht von orthodoxer Seite unternommen wurden, das weist Lieben nicht anzugeben. Oder sollte schon vor mehr als 100 Jahren der Pflichtenkreis der Gesetzestreuen lediglich darin bestanden haben, zu bestimmen, was auf Kosten der Aufklärer zu geschehen hat? Eine derart unsachliche Darstellung, die den Wert der ganzen Abhandlung beeinträchtigt, verträgt sich nicht mit strenger Wissenschaftlichkeit, aber auch nicht mit ethisch-religiöser, jüdischer Auffassung. „Befangenheit — heißt es in der Thora — blendet die Augen der Weisen und verdreht die Worte der Gerechten." Berthold Rosenthal, Mannheim. Lazar Geiger Zum 1VV. Geburtstage am 21. Mai 1929. Nur wenige kennen diesen berühmten Sprachforscher auch nur dem Namen nach. Er verdient es, daß wir das Andenken an ibn erneuern, und dazu gibt der 100. Geburtstag Veranlassung. Obgleich Geiger schon frühzeitig reges Interesse für Sprachstudien zeigte, ivurde er gegen seinen Willen für den Kausmannsstand bestimmt, dem er sich aber bald entzog: nach Absolvierung des Gymnasiums besuchte er die Universitäten Bonn, Heidelberg und Marburg. Er promovierte nicht, weil ihm jegliche Titulatur verhaßt war. Bon 1861 ab bis zu seinem Tode bekleidete G. eine Lehrerstelle an der israelitischen Real- und Volksschule in Frankfurt a. iM. Tie wissenschaftliche Bedeutung dieses Deukers erhellt aus dem Urteil, das Professor Steinthal, der mit Professor Lazarus die „Völkerpsychologie" begründet, über ihn gefällt hat: Geiger „besitzt eine so umfassende und