Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 20 (17.5.1929)
- Date
- 1929-05-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dabei gründliche Sprachkeimtius wie nur wenige Sprachforscher,- jjbcvtreffen wird ihn in dieser Beziehung wohl niemand. Ja, ich bin geneigt, ihn den gelehrtesten Sprachforscher unserer Zeit zu neunen. Und eine Dialektik begegnet uns in ihm von einer Gewalt und Selbständigkeit, wie wir sie seit Wilhelm von Humboldt nirgends angetroffcu haben. — Seine Hauptwerke sind: „Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache und Vernunft", Band I, 1808, Baud II nach des Verfassers Tod 1872. Volkstümlich dargestcllt: „Ursprung der Sprache" (1869). Was die größten Forscher und Denker als ein in die weiteste Ferne zu rückendes Problem erachteten, hat Geiger auszuhellen versucht, indem er eine Geschichte der Begriffe, der Bedeutungen, schrieb und damit zugleich „die Lehre von dem in der Sprache, welche außerdem nur Laut ist, austrctenden Denken und Empfinden". Die Frage nach dem Ursprung besser Eutlvicklung der Sprache »vollte er, losgelöst von allen logischen und metaph»)sischen Problemen, lediglich in geschichtlichem Sinne beantworten. Er hat die Begriff s gcsetze entdeckt. Er zeigt z. B. durch Vergleichung fast aller Sprachen und Literaturen, daß .Herr und Meister überall aus dem Grundbegriff des älteren Bruders hcrvorgehen im Gegensatz zu Jünger, tvas .icsprünglich den jüngeren Bruder bezeichnet. Meister entspringt aus Magister. Man findet diese Bezeichnung auch im Semitischen: rab -- Lehrer und Meister. Und nun vergleiche man 1. B. M. 25, 23: „Der Größere (rab) wird dem Kleineren (za'ir, nicht za'ira, >vie bei P-eschier) dienen", tvas den älteren und jüngeren Bruder bedeutet. Auch .Herr ist demselben Begriffsgcsetz gefolgt. Häriro und he-rosto sind in den frühesten Stellen mit „älter und ältest" wiedergegeben; senior suus tvird mit heriro siner „sein älterer Bruder" übersetzt^ (Siehe ausführlich hierüber bei Peschier „Lazarus Geiger: Sein Leben und Denken, Frankfurt a. M. 1871). -- Nach Geiger ist die Sprache weder ein Produkt menschlicher Uebcreiukunst, noch bestehe «in naturnotivcudiger Zusammenhang zivischen Laut und Sache. Ter Laut entwickele sich für sich, wie der Begriff. (Im 1. B. M. 2, 19 heißt es: Gott brachte die Tiere vor den Menschen, „um zu sehen, wie er sie nennen werde, und jedes lebendige Tier, tvie es der Mensch nennen werde, so sollte sein Name sein". Hiernach dürfte der Name dem Wesen der Tinge entsprechen. Es erinnert das an die alle scholastische Streitfrage: Hie Realismus, hie Nominalismus'. Ersteres bedeutet, daß >vir die Dinge erkennen können, tvie sie sind; letzteres, daß Begriffe lvie Pferd ufw. bloße Namen sind, denen keine wirkliche Existenz zukomme.) Die Sonderbcdeutung, meint Geiger, die im Laufe der Zeit schließlich ein Laut erlangt habe, sei immer ein Resultat des Zufalls oder der E n t tv i ck l u n g. Tiefer „Zufall" spielt bei G. inbczug auf Sprachentlvicklung eine sehr wichtige Rolle. „Tie zufällige Eutlvicklung ist es, von deren Begreifen die Einsicht in das Wesen der ganzen Sprachgeschichte, und von deren empirischer Verfolgung, wenn sie möglich ist, bis zu ihrem Anfang, die endliche Erkenntnis von dem Ursprung der Sprache abhängt; es ist dieselbe Zufälligkeit, die in alles, was sich entivickelt, uird also alles, tvas tvird, und also alles, was ist, auf allen Punkten der Zeit und des Raumes unauflöslich verflochten - — — ist." Ter Zufall tvird zum Sprachgebrauch. Geiger bemerkt: „Sprachgebrauch ist die Getvohnheit, ein Wort in einem bestimmten Sinn anzuivendcn. Ueberall ist es nur die Mehrheit des Vorkommens, welche entscheidet. Je oster ein Wort gebraucht tvird, um so gebräuchlicher tvird es; tvird es dagegen eine Zeitlang nicht gebraucht, so kann es dadurch allein veralten, ja vergessen werden." — Geigers Standpunkt ist, daß die Sprache primär ist, und der Begriff durch das Wort entsteht. Tie Sprache hat die Vernunft erschaffen, vor ihr war der Mensch vernunstlos. Wenn bisher die Annahme galt, daß die allererste Regung des Sprach-- lautcs auf Nachahmung eines hörbaren Objekts zurückzuführcu sei, führt sie G. auf eine G e s i ch l s w a h r n e h m u n g zurück. „Ter erste Sprachlaut drückt eine tierische Miene oder Geberde aus, und von hier aus breitete er sich über das Gebiet der Gesichtswahrnehmuug ans, das er noch heute nicht wesentlich verlassen hat."-— „Ten Sprachschrei erfolgt auf den Eindruck des Gesichtssinnes; eine neue Erscheinung desselben Gegenstandes wird in der Folge auch sie zu demselben Laut bestimmen; ein ferneres .Hören des von einem unter ihnen (den Individuen) ausgestoßcnen Lautes allen jenen Gegenstand vor die Seele rufen." — — „Von dem einen Urlaut entwickeln sich sodann die sämtlichen Worte der Sprache durch bloße Differenzierungen." Die Sprache ist Eutlvicklung, sagt Geiger, nicht Entartung; sie beginnt nicht mit Reichtum, Mannigsältigkeit und Vollkommenheit, sondern mit dem geringfügigsten unscheinbarsten Besitz"; — — „sie ist die Quelle der Vernunft". Um auch dem Gemütslebcn Geigers gerecht zu werden, schließen wir mit den ergreifenden Versen, die dieser allzufrüh Vollendete bei der Gelegenheit dichtete, als vor 75, Jahren (1854) die alte Synagoge in Frankfurt a. M. einer neueil weichen mußte: „Es weinten Greise und es weinten Knaben, cs weinten selber auch mit tiesem Tröhnen die Mauern, die die Töne Wiedergaben. O, lvollt nicht meine Schwäche, Menschen, höhnen: Ties war ern Weinen, o, dies war ein Weinen, erschütternd für das Ohr von Menschensöhncn." 2r. M. Spanier (Magdeburg). Enrico Marconi Von UllaWolff-Frankfurter. (Schluss) Das bräutliche Verhältnis hatte im Verkehr zwischen Enrico und Antonia wenig geändert. Sie duldete seine Zärtlichkeiten, aber seinem dringenden Wunsche nach baldiger Vermählung setzte sie den ruhig, aber unumstößlich ausgesprochenen Wunsch entgegen, daß drei Monate bis zur Hochzeit verfließen müßten. Diese Zeit vereinte sie täglich, und eigentümlicherweise befanden beide sich am wohlsten, wenn Filippo die Stunden des Beisammenseins teilte. Der Jüngling hatte eine so liebenswürdige, treuherzige Art, mit seinem Meister zu verkehren, seine Launen zu ertragen und zu mildern, daß auch Antonia sich wohltuend davon berührt fühlte. Alles, was Filippo tat, war anmutend, rein, kindlich, frisch. Wenn er plauderte und lachte, wenn er schmeichelte und schmollte, immer kam seine unberührte Seele zum sonnigsten Ausdruck. Seinem Spiel lauschte Antonia lieber als dem ihres Verlobten. Es war die gleiche Kunst, wenn auch nicht in voller Reife, aber es war sanft und mild und rein, was die Töne sagten, selbst im Affekt der höchsten Leidenschaft, während Enricos Spiel die Sinne verwirrte und alle Dämonen der menschlichen Seele wachrüttelte. — Auch Marconi liebte den Vortrag seines Schülers, und so hätten diesen drei Menschen die Tage bis zur Hochzeit in scheinbarer Harmonie und Ruhe verfließen können, wenn nicht seit einiger Zeit schon Gefühle verschiedenster Art ihre Seelen bestürmt hätten. Enrico fragte sich öfter als zuvor, ob Antonia ihn liebe, und immer furchtsamer sah er der Antwort aut diese Frage entgegen. Er beobachtete sie, er studierte ihre Mienen, er belauschte ihre Aeußerungen, um einen verborgenen Sinn derselben zu erraten — vergebens, nichts in ihrem Wesen hatte sich geändert. — Mit Filippo aber war eine große Veränderung vorgegangen. Nicht äußerlich gab sie sich kund; aber in seinem Herzen wühlte und rumorte es, sein Blut stürmte in seinen Adern, er war sich anfänglich über diese neuen Empfindungen nicht klar, er bebte und fieberte, er fühlte sich wohl und wehe, er zagte und hoffte, er wünschte und fürchtete — und alles um ihretwillen, in ihrer Nähe... Mit schrillem Laut war die Saite auf seinem Instrument gesprungen — Antonia war eingetreten, unbemerkt von Enrico, in jenem Augenblick, als er wie gelähmt aut sein Ruhebett zurücksank, aber Filippo hatte sie geahnt und in diesem Augenblick mit wonnigem Grauen erkannt, daß er sie liebe, die Braut seines Wohltäters, seines Meisters! — Und Antonia? Sic kannte sein Geheimnis schon lange. Mit dem Instinkt des liebenden und klugen Weibes hatte sic es erraten. Beide standen sie vor dem Lager Enricos, auf dem er in halber Bewußtlosigkeit ruhte. Erst heftete sich Filippos Blick angstvoll auf ihn; als er ihn aber mit geschlossenen Augen daliegen sah, wagte er den Blick zu Antonia zu erheben, und dann standen sie sich gegenüber, Aug’ in Aug’, wortlos und beredt, selig und sinnenbetört. Und immer tiefer senkten die Blicke sich in ihre Seelen, immer flammender wurden diese glücktrunkenen Bekenntnisse, so daß sie alles um sich her vergaßen und auch nicht bemerkt hatten, daß Enrico die Augen geöffnet hatte und sie beobachtete. „Liebt mich Antonia?" Ein verzweifeltes, grimmiges Lächeln zog um seinen Mund. Die Antwort war da! Erst wollte er aufschreien in rasendem Zorn, dann wurde er ruhiger, stiller ... Das Schicksal hatte ihm Antwort gewährt aut eine Frage — vielleicht, wenn er das gelassen und dankbar hinnähme, brachte es ihm auch die auf eine zweite, auf jene andere, fürchterlichere, entsetzliche: „Was war vordem?“ Dieser Gedanke jagte Schauer der Furcht und Hoffnung durch seine Seele. Sein Antlitz verklärte sich, er wurde sanfter und milder, und als er die beiden jungen Geschöpfe noch immer in atemloser Verzückung, in seligem Anschauen vor sich sah, da erfaßte er ihre Hände und legte sie ineinander. — Laut aufschluchzend sanken sie an seinem Lager nieder, und auch über sein schönes Gesicht rollte weich und langsam die ihm unbekannte, lindernde Träne. — Nach einigen Minuten erhob er sich und zog auch Antonia empor, noch einmal preßte er sie an sein Herz, dann führte er sie zu Filippo hinüber, vereinte wedeir ihre Hände, lächelte sie gütig an und winkte ihnen einen Abschiedsgruß zu — lautlos hatten beide das Zimmer verlassen. Wenige Minuten der Sammlung genügten Marconi, um sich wiederzufinden. Es war, als sei mit der Klärung dieser Zweifel ein neuer Geist über ihn gekommen. Leicht und elastisch ging er durch das Zimmer, und 'dem bewegten Spiel seiner Mienen hätte man ansehen können, daß in seinem Geiste Erwägungen und Entschlüsse verschiedener Art miteinander rangen. Er wurde allmählig ruhiger, bedächtiger und schien fertig geworden mit seinem Nachsinnen und Grübeln. „Genug!“ murmelte er vor sich hin — „genug! Es war ein reiches, großes, langes Leben — für einen, der nicht einmal weiß, wo es begonnen, woher cs kam ...“ Er trat an den Schreibtisch, nahm Feder und Papier und begann ruhig zu schreiben. Es war sein letzter Wille, den er aufsetzte. Filippo machte er zum Erben seines großen Vermögens unter der Voraussetzung, daß er Antonia Lissander heiratete. Bedeutende Legate und Unterstützungen für junge Künstler setzte er fest und bedachte die Dienerschaft reichlich. Er warf die Summen ganz willkürlich aus, mit echter Künstlerfreigebigkeit. Daß sie vorhanden sein würden, wußte er. Ein begeisterter Anhänger seiner Kunst hatte sein Vermögen gut verwaltet, und endlich schloß er dies kurze und merkwürdige Testament mit den Worten: „Ich gehe nun, um mir auf eine zweite dunkle Frage meines Lebens Antwort zu holen, nachdem mir urplötzlich Licht wurde über die erste, die mich beschäftigte. Klarheit und Seelenruhe sind die höchsten Güter des Daseins! Da ein gütiges Geschick mir über mein und anderer Lebensglück Klarheit gewährt und mich den rechten Weg zu wählen gelehrt hat, hoffe ich, daß ich auch die Antwort auf die Frage finden werde. „Woher?“ Ich ziehe aus, meine Seelenruhe zu suchen. Nichts nehme ich mit von meinen Besitztümern als ein kleines schwarzes Büchlein mit krausen Zeichen, das wie ein Buch mit sieben Siegeln mir das Geheimnis meines Lebens zu umschließen scheint. Lebt wohl und forscht nicht nach mir! Enrico Marconi.“ Dann siegelte er das Schriftstück und tat kaltblütig alles, um seine Authentizität zu beglaubigen. Er lächelte zufrieden vor sich hin und freute sich über seine Sachlichkeit und die Ueberlegung, die sonst nicht seine Art waren. Endlich war alles erledigt, und nun trat er vor den großen Schrein, und dort suchte er unter den stolzen Bänden moderner Wissenschaft ein kleines, abgegriffenes, vergilbtes, verstaubtes und vergessenes Büchlein heraus, den Pentateuch! So trat er seine Wanderschaft an, um die Lösung seines Lebensrätsels zu suchen. Und er brauchte nicht weit zu gehen! Als er aus seinem eleganten, auf dem Boulevard Haußmann gelegenen Palais heraustrat, lenkte er seine Schritte nach der Avenue de l’Opera. Bald war er im großen Gewühl der Menschen und ließ sich von ihm planlos fortführen. Er ging an der Oper vorüber und trieb mit dem Strom den Boulevard des Capucincs entlang an den glänzend erleuchteten Cafes vorbei, weiter und immer weiter, bis er am Boulevard de Marie nouvelle sich durch das Gedränge belästigt fühlte und in eine Querstraße einbog. Dort hielt er einen Moment inne, schöpfte Atem und schien sich zu besinnen — wohin? Rasch war die Dämmerung herabgesunken, und die Luft war, wie im Herbst gewöhnlich in Paris, mild und weich. Es fiel ihm einen Augenblick auf, daß er in dieser abgelegenen Straße eine größere Anzahl Menschen einem bestimmten Ziele zustreben sah, aber er hatte für solche Aeußerlichkeiten kein wirkliches Interesse; zu viel anderes, Eigentümliches, Wunderbares regte sich in seiner Seele. Er stand still und sah zum abendlichen Himmel empor — ein sonderbares, ahnungsvolles Gefühl beschlich ihn, und er wußte nicht, wie lange er so in Betrachtungen versunken an der Straßenecke gestanden hatte. Allmählich war es wieder ruhig und still um ihn geworden. Die Vorübereilenden schienen ihr Ziel erreicht zu haben, und auch er schritt langsam vorwärts. Vor dem Gitter eines großen Gebäudes hielt er wieder an. Lichterglanz fiel aus weiten Fenstern aut die verhältnismäßig stille Straße. Unwillkürlich öffnete er die Gittertür und trat wie traumverloren in einen Vorhof, der zu einer breiten, nur halb angelehnten Pforte führte. Mechanisch schreitet er auf die Schwelle des Eingangs zu und lehnt sein Haupt an die schwere Eichentür — wo ist er? Aefft ihn ein Traum, ein Wahngebilde? Oder hat er Aehnliches schon gesehen in seinem Leben? In diesem Augenblick erschall Orgelklang an sein Ohr, und dann — schlicht, bescheiden und doch gewaltig ringen aus dieser modernen Kirchenmusik sich einfache Töne empor: Lalaahla — lala ala — lalaahla — lalaählä — lala ahla — la — la ahlalala — — er lauscht mit angehaltenem Atem, und jetzt noch einmal... lalaahla — lala — ala... „Kol N i d re!“ bricht es in wildern jauchzen von seinen bebenden Lippen — „Kol Nidreü" Er sinkt auf der Schwelle des Tempels nieder. Inbrünstig umklammert er den Pentateuch, und plötzlich, wie von rasender Begier ergriffen, schlägt er ihn auf, und beim Strahl eines aus der Vorhalle des Tempels herausfallenden Lichtes erkennt er die vergessene Schrift, die alten Zeichen und ihre Deutung wieder — er hat sich gefunden! Vor ihm steht die Vergangenheit, die Jugend, seine Kindheit, seine Eltern und das Ghetto mit allem was darin lebt und leidet. Der Abend seiner Flucht tritt vor seine Seele, und wie er dann hungernd und frierend durch das Land zog, der arme, verachtete Judenknabe, Jahr und Tag wohl, bis er einst an der Klosterpforte elend und krank zusammenbrach — das weitere war ihm in Erinnerung geblieben, aber nun hatte er auch den Anfang, und plötzlich, wie von einer Inspiration beseelt, schreit er mit gepreßtem Ton aus: „Wenastem gei — horaj ki jagai horim el ozal“... aber seine Uebersetzung stimmt nicht mit dem hebräischen Text, denn mit lauter Stimme ruft er aus: „Zurück zu meiner Heimat — zu meinem Gotte will ich fliehen!“ Die Zeitungen besprachen den zweifellosen, unbegreiflichen Selbstmord Enrico Marconis — seine Leiche wurde zwar nicht aufgefunden, aber wer konnte wissen, wie der berühmte extravagante, bis hart an die Grenze des Wahnsinns erregte Künstler geendet hatte?... Jedenfalls war seine Spur für immer verloren. * * * Wer heute die engen, winkligen Gäßchen Venedigs durchschreitet, die über die Brücke des Rialto hinweg, an der Pescheria vorüber nach dem ehemaligen Ghetto führen, Gäßchen, die so vielfach verschlungen sind, daß kaum bewährte Führer sich in ihnen zurecht finden können, gelangt endlich nach langen Kreuz- und Querzügen an ein hohes, neunstöckiges Haus, das die Tafel „Ghetto vecchio“ trägt. Das Ghetto ist gefallen, die Israeliten wohnen in den Prokurazien des Markusplatzes, an der Piazetta und den Ufern des Canale grande in weiten, marmorgeschmückten Palästen, aber das alte Haus steht noch da, ein Wahrzeichen einer traurigen, elenden Zeit. Es bildet die Ecke, welche zu einem Häuserviereck führt, in dem die portugiesische Synagoge und ihr gegenüber die orthodox-polnische liegt. Beides stattliche Gebäude mit guter Architektur und schöner Täfelung des Jnnenraumes. Welche unter den elf Synagogen Venedigs diejenige ist, an der vor vielen Jahrzehnten die Geschichte von Henrico Marconi begann, könnte niemand mehr sagen. Aber an der Schwelle des Hauses sitzt ein alter Mann mit langem, weißem Bart und dunklen, wehmutsvollen, bittenden Augen, von jener eigentümlichen Schönheit, welche die Greise der Lagunenstadt zu einer vielgerühmten Spezialität macht. Er wärmt sich in dem schmalen Strahl der Sonne, die nur verstohlen sich dort hineinschleichen kann. Leise bewegt er sein Haupt, und über die Lippen kommen hebräische Laute. Das Mitleid seiner Glaubensgenossen erhält den alten und geistesschwachen Mann, und die ihn umspielenden Kinder rufen uns zu: „Si, Signore, il vecchio Wenastem.“ Sie halten das Wort für seinen Namen und wüßten keine Antwort auf die Frage zu geben, ob da nicht vielleicht eine sterbensmüde Seele der Gnade ihres Gottes harrt, zur Sühne für den Abfall vom Glauben seiner Väter. Vereinsnachrichten Fortbildungskursus für Kantoren in Berlin. In der Zeit vom 8. bis 26. Juli 1929 findet in Berlin ein Fortbilduugskursus für Kantoren unter der Leitung der Obertantoren Magnus TavidsoHn und Felix Asch statt. Ter Unterrichtsplan sieht Vorlesungen über verschiedene sachliche Wissenschaften von hervorragenden Dozenten vor. Ter technische Unterricht liegt in den Händen der beiden Kantoren. Die Teilnahme ist unentgeltlich. Reise und Ausenthaltszuschüsse werden nach Maßgabe der vorhandenen Mittel geivährt. Ta nur eine beschränkte Anzahl von Teilnehmern zugelassen werden kann, ist die sofortige Anmeldung bei Oberkantor TavidsoHn, Berlin W. 15, Knesebeckstraße 44, erforderlich. 7. Liste der Spenden für den Hilfsfonds Tr. med. Hugo Fliest;, Berlin; San.-Rat Tr. Arthur Steiner, Magdeburg; Hugo Wassermann, Nürnberg; Georg Neumann, Stargard i. Pom.; Justizrat Salonion Kalisch, Breslau; D. Leeser, Dortmund; R.-A. Tr. Fritz Strauß, Karlsruhe i. B.; Tr. Martin Bernkopf, Nürnberg; San.- Rat Tr. Emil Eisner, Ratibor; Rabbiner Tr. Löwenstamm, Berlin-Spandau; Landgerichtsrat Tr. Stern, Nordhausen; Justizrat Tr. Löwenstein, Leipzig; H. Graetzer, Kryschanowitz b. Breslau; Ed. Oberländer, Bonn: Tr. G. Ollendorf, Barmen; Rabbiner Tr. Ernst Appel, Dortmund; Albert .Heinemann, Dortmund; L. M. Bernheimer, Ulm a. T.; A. Danziger, Breslau; S. Oppenheimer, Nürnberg; Justizrat Arthur Kochmann, Gleiwitz; Tr. Luchs, Ingolstadt; Gebr. Rosenbach, Dortmund; Frau Paul Wallach, Dortmund; Baum, Dortmund; Konrektor Andorn, Dortmund; .Hermann Schönfeld, Dortmund: I. Riesenfeld, Dortmund; N. N., Frankfurt a. M. durch Rabb. Tr. Lazarus, Frankfurt a. M.; Synagogengemeinde Düsseldorf; Leo Gronemann, Märk. Friedland; A. Gottschalk, Bochum; Tr. Paul Rosenstein, Breslau; Tipl.-Jng. E. Brock, Duisburg; Arthur Knopf, Freiburg (Breisgau): N. Joske, Leipzig; Rabbiner Tr. Jul. Galliner, Berlin-Eharlottenburg: Jsaae Falk, Beckum; M. Schmoll, Leipzig; A. Rosenthal, Stettin; H. Selinger, Lörrach; Rechtsanwalt Tr. Loeb, Hildesheim; W. Katz, Nordhausen; Oscar Schustan, Breslau;' S. Sostheim, Düsseldorf; I. und M. Balk, Hamburg; Tr. M. Eichholz, Hamburg.