Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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s. Jahrgang Nummer lg ZMchliberaleZeiiunoi Beilage 10. Mai 1929 Umschau Bayerische Schulkinder werden Wer die Ritualmordlüge aufgeklärt. Kultusminister Dr. Goldenberger wandte sich in der Sitzung des Haushaltsausschusses des bayerischen Landtages sehr entschieden gegen die nationalsozialistische Ritualmordhetze in Unterfranken, die im Zusammenhang mit der bisher unaufgeklärten Ermordung eines kleinen Knaben in Manau getrieben wird. Der Kultusminister teilte mit, er habe durch Erlaß an die Schulbehörden angeordnet, daß in den oberen Klassen die Schulkinder über die Grundlosigkeit der Ritualmordlegende aufgeklärt werden. Im Namen der Bayerischen Volkspartei billigte der Abgeordnete Stang diesen Erlaß und führte aus, die Ritualmordlegende sei 700 Jahre alt, aber bis heute habe sich nicht die Spur eines Beweises für sie ergeben. Ein nationalsozialistischer Abgeordneter führte aus, es gäbe im Judentum noch heute gewisse Richtungen, die dem Aberglauben des Ritualmordes huldigen. Daraufhin erhob sich Kultusminister Dr. Goldenberger und gab die folgende Erklärung: Im Kultusministerium erschienen Vertretungen der jüdischen Gemeinde und der bayerischen Rabbinerkonserenz und beklagten sich bitter über die Verhetzung in der Gegerrd von Manau. Es wurden auch ernste Befürchtungen für die Sicherheit der dortigen israelitischen Volksgenossen geäußert. Auf einen fragenden Zwischenruf der Nationalsozialisten: „Volksgenossen?" erwiderte der Minister mit erhobener Stimme: „Jawohl, sie sind Reichs-- bürger, wie wir alle, sind Volksgenossen, sind Deutsche! Als Unterrichts- und Kultusminister habe ich es als geboten erachtet, an den Regierungspräsidenten von Untersranken eine Weisung ergehen zu lassen, daß in den Volksschulen die Jugend über diese Hetzereien aufgeklärt werde. Erfreulicherweise sind sowohl die katholischen wie auch die evangelischen Kirchenbehörden in dieser Hinsicht schon verdienstvoll vorgegangen. Tie Liebe zur Gerechtigkeit sollte verhindern, daß im zwanzigsten Jahrhundert solche Anschuldigungen gegenüber den israelitischen Volksgenossen noch erhoben werden. Antisemitischer Geheimdienst im WTV.„ Tie Zeitung „Montag Morgen" veröffentlicht unter der Ueberschr'ft „Politischer Skandal im WTB." die folgende aufsehenerregende Mitteilung: „Tie Reichsregierung wird sich in den nächsten Tagen mit ewem groben politischen Vertrauensbruch des halbamtlichen Wolffschen Telegraphenbüros befassen müssen. Diese Telegraphen-Agentur wwd bekanntlich von der Negierung subventionwrt und ist dafür verpflichtet, einen objektiven, partecholitisch-neutralen Nachrichtendienst zu pflegen. Wie aus der Provinz gemeldet wird, vertreibt WTB. seit neuerer Zeit aber auch einen sogenannten „T-Sonderdieust", der sich nach Ton und Inhalt als rein völkisch-deutschnationale Parteiagitation kennzeichnet. So meldete dieser „T-Sonderdienst" beispielsweise unter dem 26. April, daß eine Reihe von Ausländern ihre Einbürgerung in Preußen beantragt, und,daß Bayern und Württemberg Einspruch dagegen erhoben hätten: „Leider beantragen die Ausschüsse des Reichsrates, diese Bedenken für unbegründet zu erklären, und die Vollversammlung beschloß in diesem Sinne, so daß wir in Kürze die neuen Freunldö im Kaftan oder Polenrock als Mitbürger begrüßen können. Mit Recht wird in einem Berliner Blatt darauf hingewiesen, daß diese östlichen Menschen den Deutschen das ohnehin zu knappe Brot wegnehmen, und wenn sie für ihre Tätigkeit, die sicherlich keine Kulturwerte schafft, keinen günstigen Boden in Deutschland finden, frisch ausgebügelt als Preußen weiter nach Westen ziehen, wo sie den deutschen Namen in Mißkredit bringen." Hier wird also von dem amtlichen Nachrichtenbüro im Stil eines Hitlerblattes gegen einen Reichsratsbeschluß polemisiert. Die Zeitung führt noch einige andere Fälle rechtsradikaler Propaganda des „T-Sonderdienstes" an und schließt: „Das Wolffsche Telegraphen-Büro ist sich übrigens der Verwerflichkeit dieser Unternehmung wohl bewußt, denn es sucht die Herkunft der Nachrichten zu vertuschen. Am Kypfe der Nachrichtenblätter steht nämlich zwar „Eigentum von Wolfss Telegraphen Büro", darunter aber folgt: „Als Sonderdicnst oder Privattelegramm Ihrer Zeitung, nicht als WTB.-Nachrichten zu behandeln!" Ten Zeitungen wird also auserlegt, die Quelle dieser völkisch-deutschnationalen Propagandanachrichten zu verdunkeln. Es ist wohl sicher anzunehmen, daß die Regierung und notfalls der Reichstag keinen Anlaß sehen wird, diese Verhetzung auch noch mit öffentlichen Geldern zu unterstützen." Mittelalterliche Justiz in Memel. Wie aus Kowno der „Jta" telegraphiert wird, hat der Memeler Staatsanwalt Tostädte gegen den jüdischen Kaufmann Schochar in Memel Anklage wegen Mordes erhoben. Diese Tatsache eröffnet eine neue Phase in einer Angelegenheit, die seit drei Wochen die Judenheit in Memel in großer Erregung hält. Am 6. April wurde das bei der Familie Schochar bedienstet gewesene Dienstmädchen in seiner Kammer tot aufgefunden. Der herbeigerufene Arzt stellte Gasvergiftung fest, wobei die Kriminalpolizei nach einer Untersuchung diese Feststellung sür glaubwürdig befunden und die Leiche freigegeben hat, die auch beerdigt wurde. Wenige Tage später erstatteten die Verwandten des Dienstmädchens, von Antisemiten aufgehetzt, eine Strafanzeige wegen Ritualmordes. Der Staatsanwalt Tostädte beantragte hierauf eins Voruntersuchung, wobei sämtliche Angehörige der betreffenden jüdischen Familie, darunter die siebenjährige Tochter, von dem Untersuchungsrichter „über die Ermordung des Dienstmädchens aus rituellen Gründen zum jüdischen Osterfest" vernommen wurden. In Memeler Gesellschaftskreisen konnte man es nicht begreifen, wie ein so widersinniges Verfahren wegen Ritualmordes durch Gas eingeleitet werden konnte. Man hoffte, daß die Voruntersuchung ein schnelles Ende nehmen und nicht in eine Anklageerhebung ausmünden würde. Die jetzige Anklageerhebung durch den Staatsanwalt Tostädte, dessen Verhalten scharf kritisiert wird, hat die Erregung in Memel gesteigert. Auch in der deutschen Presse haben diese Vorgänge einen Widerhall gefunden. Die „Vossische Zeitung" findet es bedauerlich, daß das tausendfach widerlegte Ritualmordmärchen gerade in Memel, der als Bollwerk deutscher Kultur geltenden Stadt Litauens, ein solches Echo finden würde. Auch die „Frankfurter Zeitung" findet diese Zustände befremdlich. Im „Berliner Tageblatt" befaßt sich Rudolf Olden mit einem anderen Justizfall in Memel, der nur durch antisemitische Einstellung der Justizkreise zu erklären ist. Zwei junge jüdische Kauflcute in Memel wurden monatelang in Haft behalten und schließlich wegen Notzucht und Erpressung vor Gericht gestellt. Kronzeuge war einzig und allein ein christliches Mädchen, das, wie stadtbekannt, feit Jahren zahlreiche Freundschaften unterhielt; wie auch sonst viele Momente für die Unschuld der Angeklagten sprachen. Olden schreibt: „Man versteht die Verhaftung nicht, man versteht nicht die Anklage, man versteht nicht, warum die blinde Justiz ihre Waage so schief hält. Als die Beweisaufnahme seiner Sache nicht günstig ist, macht der Staatsanwalt einen Ausfall. Er beantragt, „den Polizeibetriebsassistenten Aschenutat darüber zu vernehmen, daß vor einiger Zeit 12 Juden ein betrunkenes Ehristenmädchen vergewaltigt hätten". Ignaz und Alfred sind Juden, fährt Olden fort; Lydia ist Christin. Der Staatsanwalt versucht also, durch seine abenteuerliche Geschichte eine Ritualmordnotzucht zu konstruieren. Ein tolles Stück. Tie Behauptung des Staatsanwalts geht dahin, daß der schreckliche Vorfall im besten Hotel Memels und vor kurzem erst geschehen ist. Man fragt sich, hat der Staatsanwalt, hat die Polizei geschlafen? Der Vorsitzende rief den Staatsanwalt nicht zur Ordnung. Die Verhandlung wurde vertagt. Olden weist darauf hin, daß den Deutschen in Memel nur die Verwaltung der Justiz geblieben ist. Im deutschen Interesse sei dringend zu wünschen, daß sic nicht zu übelsten Zwecken mißbraucht wird. Einsteins Goltglaubs. In Verbindung mit den Angriffen, die der Cardinal O'Connell gegen die Theorien Einsteins richtete, denen er nachsagte, daß sie die Jugend dem Atheismus zuführeu, richtete Rabbi Goldstein an Professor Albert Einslei,: wie die Jta mitteiilt — telegraphisch die Frage: „Glauben Sie an Gott?" Professor Einstein erwiderte: „Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in gesetzlicher Harmonie des Seienden offen¬ Haben Sie schon einen Hilfsfonds -Beitrag eingezahlt? Ueberweisen Sie sogleich- RM 10,— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V.‘‘, Berlin No. 137069 Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! bart, nicht an einen Gott, der sich mit Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt." Franz Molnars Bekenntnis zum Judentum. „Egyenlöfeg" veröffentlicht — wie die Jta schreibt — ein Interview mit dem berühmten Dramatiker Franz Molnar, der von einer längeren Amerika-Reise nach Budapest zurückgekehrt ist. Franz Molnar bezeichnete die Gerüchte, daß er sich habe taufen lassen, als „dummes Geschwätz". Ich bin Jude, sagte sr, und werde um so treuer zum Judentum halten, je schlechter es den Juden geht. Ich bleibe auch meinem jüdischen Glauben treu. Ich habe zwei Lasten zu tragen: mein Judentum und mein Ungarntum; ich trage beide mit Liebe. Nach der Theorie der Rassenschützler bin ich, dessen Großvater schon 1848 als Honved für die ungarische Freiheit kämpfte, kein Magyare; ich kehre mich nicht daran. Ich habe es auch Den Journalisten in Amerika erklärt, daß ich Ungar und Jude in einer Person bin. Ich bin in Newyork, in Paris und zuletzt auch in Berlin für das Recht der ungarischen Nation emgetreten und habe dabei nicht verschwiegen, daß ich Jude bin. Im Verlauf des Gespräches kam Molnar auch auf das jüdische Selbstbewußtsein der amerikanischen Juden zu sprechen und sagte, die amerikanischen Juden würden es nicht dulden, daß man aus dem Juden auf der Bühne oder in Varietes einen Bajazzo macht und über ihn Witze reißt. Ein solches Stück würde nicht allein von den Juden, sondern auch von den Christen mit Entrüstung zurückgewiesen werden. Wie aber steht es hier in Budapest? Die Juden selbst amüsieren sich über die in Operetten und Revuen eingeschmuggelten, die Juden herabsetzenden Bemerkungen. Nur ein jüdischer Dichter, wie z. B. Schalom Asch, der es ernst mit seinem Judentum meint, hat das Recht, den Juden einen Spiegel vorzuhalten. Die Tatsache der Sintflut wissenschaftlich nachgewiesen? In den letzten Wochen finb in englischen Zeitungen Gerüchte über die archäologischen Arbeiten der vom Field-Museum, Oxford, nach Mesopotamien entsandten Expedition veröffentlicht worden. Die wichtigsten Ergebnisse lieferten die Grabungen in den alten, in der Nähe des unteren Euphrat gelegenen Ruinenstätten von Ur und Kisch. Der Leiter der Deutschen Zentralasien-Expedition, Dr. Emil Trinkler, teilt hierüber mit, daß man im Verlauf der Grabungen durch das genaue Studium der geologischen Lagerung der verschiedenen alten Kulturschichten auch den Nachweis erbringen konnte, daß große Ueberflutungen das Schicksal der alten Kulturen grundlegend beeinflußt haben müssen. In einem zirka 50 Meter mächtigen Schichtprofil sind zwn Tonlagen aufgefunden worden, die mit Tonschecben und Fischresten durchsetzt sind. Die Ablagerung dieser Schichten fällt in die Zeit um 4000 und 3200 v. Ehr. Zwischen diesen Tonschichten liegen jene Ablagerungen, die die wichtigsten und bedeutendsten Funde der sumerischen Kulturepoche enthalten. Tie Neuregelung des Status für die jüdischen Gemeinden Italiens. Dem neuen Fafz'sten-Parlament ist die Ge-- fetzesvorlage über die Freiheit der Religionsübung der nichtkatholischeu, darunter der jüdischen Bevölkerung Italiens zur Beratung und Beschlußfassung zugegangen. Im Gesetzentwurf ist vorgesehen, daß die auf Grund der Verfassung von 1848 tolerierten religiösen Kulte nunmehr gesetzlich anerkannte Kulte .sind. Bei Ernennung der Geistlichen dieser Kulte muß die Autorisation des Juftizministers eingcholt werden. Tie religiösen Unterschiede bleiben ganz ohne Einfluß auf das zivile oder das politische Recht, auch bezüglich Sonderprivilegien und militärischer Funktion. Protestantische und jüdische Eltern sind berechtigt, die Befreiung ihrer Kinder von der Teilnahme an dem 'katholischen Unterricht zu verlangen. Das Eigentumsrecht der jüdischen Gemeinden und Synagogen ist anerkannt. Tie ZeKung „Giornale d'Jtalia" HR eine Umfrage über das neue Kirchengesetz veranstaltet und bringt als erste Antwort an der Spitze, des Blattes em Interview mit dem Oberrabbiner Professor Sacerdoti, der seiner Befriedigung über den Status der jüdischen Gemeinden im neuen Gesetz, insbesondere über die Eheklausel, Ausdruck gibt und den Scharfsinn und das Gerechtigkeitsgefühl des Duce Mussolini rühmt, der darauf bedacht war, allen religiösen Richtungen gercchr zu werden. Es folgen dann Aeußerungen katholischer' Würdenträger, die unzufrieden find, daß das Gesetz die nichtkatholischcn Religionen begünstigt und ihnen sogar die Position staatlich anerkannter Konfessionen verleiht. Statistik der Juden in der Tschechoslowakei. In der tschechoslowakischen Republik leben nach amtlichen Angaben 354 342 Personen jüdischer Konfession. Von diesen sind 336 664 tschechoslowakischer Staatszugehörigkeit, 17 678 Ausländer. Dem nationalen Bekenntnis nach sind 180191 Juden, 73 203 Tschechoslowaken, 48 629 Deutsche, 29 061 Ungarn, 3752 Russen (Großrusseu, Ukrainer, Karpathorussen), 1828 Polen oder Angehörige anderer Nationen. Nach den Mitteilungen des Ministeriums für nationale Verteidigung waren nach dem Stande vom l. Januar 1924 in der tschechoslowakischen Armee 43 jüdische Offiziere, von denen sich jedoch nur drei zur jüdischen Nationalität bekannten. (Jta.) Geschmacklos. Die Homophon-Company versendet regelmäßig ein Verzeichnis der Neuaufnahmen der Homocoed- Electro-Platten. Im Mai-Nachtrag 1929 findet sich folgende geschmacklose Ankündigung, über die sich ein Kommentar erübrigt. „Mi Pascin mit Orchesterbegleitung Die weiche, melancholische Stimme des Tenors A l i P a s c i n ist in besonderem Maße geeignet, den seltsamen Zauber der beiden neuen Liedkompositionen „Kaddis ch" und „I e -- rusalem" zur Geltung zu bringen, in denen der eigenartige Charakter jüdischorientalischer Musik in wirkungsvollster Weise modernen Tanzrhythmen eingeordnet ist. 4—3097 Kaddisch, Slow Fox.Otto Stransky C683 D Jerusalem, Lied und Tango .... E. Plank C564 D" Die religiöse 7lok in den nördlichen Berliner Vororten Von David Hermann, Berlin-Frohnau. Wer hungrig ist, komme und esse! Kol dichfin jeissai w'jeichaul! Tic Pessach-Hagadah schreibt zum Beginn der beiden Seder-Abende den obenstehenden Ausspruch vor und stellt ihn, um die Wichtigkeit desselben zu unterstreichen und ihn den Teilnehmern einzuhämmern, als erste und vornehmste Scder-.Handlung hin. Nach der Vorschrift sollen die sämtlichen Tischgäste bei dem Ausspruch des obigen Satzes die Seder-Schüssel hochheben. Welch wundervolle Symbolik liegt in dieser Handlung! Ter Bedürftige soll die Möglichkeit haben, seinen Hunger zu stillen. Es gibt aber 2 Hungerarten, einen körperlichen und einen seelischen Hunger. Zu allen Zeiten hat es gute und wohltätige Menschen gegeben, welche bestrebt waren, Arme und Bedürftige zu sättigen. Glücklicherweise hat sich auch in unserem Zeitalter innerhalb der Judenheit darin wenig oder nichts geändert. Es hat aber auch zu allen Zeiten Bedürftige gegeben, welche seelisch hungerten. Auch in der jüdischen Gegenwart gibt es Tausende und Abertausende unter uns, welche seelisch hungern und gesättigt sein wollen. Wie ist dies zu ermöglichen, um dem Sinn der Pessach-Hagadah gerecht zu werden? Ganz in der Nähe der Metropole Berlin und unter den Augen der großen jüdischen Gemeinde gibt es recht viele jüdische Menschen, welche seelisch hungern und dursten. Man würde Unrecht tun, wollte man behaupten, daß die Jüdische Gemeinde bisher die seelische Sättigung dieser kubischen Menschen gänzlich unterlassen habe. Es handelt sich um dre vielen in den nördlichen Vororten Berlins bis einschließlich Oranienburg zerstreut lebenden jüdischen Familien, welche seelischen Hunger und Durst haben und religiöse Not leiden. Wer sich der Mühe unterzieht, diesen tatsächlichen Notständen nachzugehen, wird feststellen, daß es sich um eine sächliche kleine Diaspora handelt. Der jüdische Zustrom in die nördlichen Vororte wird von Jahr zu Jahr größer, und eine Aendernng der gegenwärtigen unhaltbaren Zustände immer dringender. Als Folge dieser Zerstreuung und einer gewissen abgeschlossenen Lebensweise ist der Kontakt zwischen den in den nördlichen Vororten ansässigen Glaubensgenossen und deren Familien ein schwacher.